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Michaela Breckenfelder, Fabian Kessl u.a. (Hrsg.): Homosexualität und Schule

Cover Michaela Breckenfelder, Fabian Kessl, Sabine Stövesand, Werner Thole (Hrsg.): Homosexualität und Schule. Handlungsfelder - Zugänge - Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 302 Seiten. ISBN 978-3-8474-0615-0. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis einer Tagung aus dem Jahr 2013, die an der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg unter dem Motto „Homosexualität als Herausforderung der Schule“ stattfand.

Aufbau

Der vorliegende Band versammelt Ergebnisse der Tagung „Homosexualität als Herausforderung der Schule“ mit 15 Beiträgen (und 16, sofern die Einleitung mitgezählt wird). Als erstes erscheint

  1. Michaela Breckenfelder mit der Einleitung (S. 7-16). Danach folgen
  2. Imke Leicht: Sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht (S. 17-36)
  3. Cordula Voß: Zum Umgang mit Homosexualität in der Institution Schule (S. 37-54)
  4. Godwin Lämmermann: Christliche Homophobie? Oder: weil nicht sein kann, was nicht sein darf (S. 55-70)
  5. Michael Bauer: Homosexualität im gegenwärtigen Diskurs theologischer Sexualethik. Ein problemorientierter Überblick über Positionen und Argumente (S. 71-92).
  6. Michaela Breckenfelder: „Let´s talk about gender …“ – Was, das auch noch im Religionsunterricht? (S. 93-112)
  7. Susanne Schwarz: Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaft: Was nützt diese Liebe im Religionsunterricht? (S. 113-156)
  8. Katharina Leibinger: „Gender Bender, Regenbogenfamilie und Coming-out in der Schule“ – Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität als Thema im (Religions-)Unterricht. Ein Zugang zu Jugendlichen anhand biografischer Comicreportagen von LSBTI* (S. 157-176).
  9. Susanne Kolb: Literarische Texte als Anlässe für das Gespräch über Liebe und Homosexualität im Religionsunterricht (S. 177-198)
  10. Barbara Pühl: Gendersensibles Sprechen im (Religions-)Unterricht (S. 199-208).
  11. Christoph Oliver Mayer: Homosexualität – wo ist das Problem? Anmerkungen im Kontext des Französischunterrichts (209-234)
  12. Martha Römer: „Ich bin cool und du bist schwul.“ – Homophobe Verbalaggression als Herausforderung an Grundschulen (235-248)
  13. Andrea Roth: „Einer der am Bau schafft ist nicht schwul“ – Zum Umgang mit Homosexualität an Berufsschulen (S. 249-258)
  14. Kerstin Söderblom: Schulseelsorge für lesbische Mädchen und schwule Jungs als Beitrag für eine Pastoraltheologie der Vielfalt (259-270)
  15. Joachim Schulte / Christian Schotte: SchLAu: ein Aufklärungs- und Bildungsprojekt (271-286)
  16. Christine Burmann: Die Überwindung von Diskriminierung: Ein Plädoyer zur Erarbeitung didaktischer Konzepte der Menschenrechtsbildung zu sexueller Vielfalt (272-286).

Das Autor_innenverzeichnis beschließt den Band.

Ausgewählte Inhalte

Wie bei Sammelbänden üblich wird eine zufällige Auswahl der Beiträge rezensiert.

Die hier versammelten Beiträge bilden die Vielfalt der behandelten Themen der bereits erwähnten Tagung ab. Bereits in der Einleitung formuliert Breckenfelder das Anliegen der Tagung (und damit auch des vorliegenden Bandes) so: „Homosexualität und Schule, wie passt das zusammen? Sollte man das überhaupt in Zusammenhang stellen? Handelt es sich hierbei um in Thema oder vielmehr um zwei Themen, und, inwiefern wird Schule von Homosexualität herausgefordert? Wer fordert hier wen heraus, und wer lässt sich herausfordern?“ (S. 7). Antworten werden gesucht in den darauffolgenden Beiträgen.

Imke Leicht setzt sich in ihrem gleichnamigen Beitrag mit der sexuellen Selbstbestimmung als Menschenrecht auseinander. Neben einer Definition sexueller Selbstbestimmung nimmt sie Dimensionen sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität in den Blick und analysiert sie aus menschenrechtlicher Perspektive. So werden sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität im Menschenrechtsschutz der Vereinten Nationen genauer dargestellt und neben dem Fall Toonen v. Australien vor allem die Yogyakarta-Prinipien und die Resolution 17/19 des UN-Menschenrechtsrats diskutiert.

Barbara Pühl rekurriert in ihrem Beitrag auf gendersensibles Sprechen im (Religions-)Unterricht, so auch der Titel. Neben Erörterungen zur Wirkmächtigkeit von Sprache diskutiert Pühl die Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache und skizziert sehr knapp gendersensibles Sprechen im Religionsunterricht und zieht Schlussfolgerungen für den Religionsunterricht (genauer, nicht nur, aber auch für den Religions-Unterricht), so z. B.: „Gendersensibles Sprechen im (Religions-)Unterricht muss also zwei Dinge berücksichtigen. Die Verwendung des generischen Maskulinums sollte kritisch überdacht werden, da damit nachweislich eine gedankliche Unterrepräsentation des weiblichen Geschlechts verbunden ist. Gendersensible Sprache zeichnet sich demnach durch Differenzbewusstsein aus. Gleichzeitig ist dabei darauf zu achten, dass durch die Sichtbarmachung des weiblichen und männlichen Geschlechts in der Sprache eine Normierung und Festlegung auf den Geschlechterdualismus zu vermeiden ist“ (S. 208).

Martha Römer verweist in ihrem Beitrag auf das bislang eher unterrepräsentierte Thema homophober Verbalaggression an Grundschulen. Sie eröffnet mit einer anekdotalen Schilderung einer Begebenheit (auf dem Schulhof) mit Fragen zur Notwendigkeit des Eingreifens von Lehrkräften: Welche Funktion haben Schimpfwörter und Beschimpfungen für Kinder im Grundschulalter? Nach welchen Kriterien wählen sie ihre Schimpfwörter aus? Nehmen homophobe Schimpfwörter dabei eine besondere Stellung ein? Römer bezieht in ihre Darstellung auch sozialisatorische wie interdisziplinäre Kontexte zur Erklärung ein, die sie als Wirkfaktoren in Prävention und Intervention identifiziert. Dazu zählen paradoxe Strategien, sachliche Informationen und/oder Tabubestätigung (letztere wohl eher indirekt wirkend). Präventive Taktiken benennt Römer als direkte / indirekte Thematisierung, Respekt vor Grenzen, Reflexion von Vorurteilen, aber auch Wahrnehmung und Ausdruck von Gefühlen.

Joachim Schulte und Christian Schotte diskutieren in ihrem Beitrag ein Aufklärungs- und Bildungsprojekt. Neben einer sehr kurz gehaltenen Bestandsaufnahme, die beide kritisch dokumentieren: „Wenn Schule in ihren offiziellen Strukturen so wenig Antworten gibt und zusätzlich sich vom Schulklima her so rigide zeigt, was das Sichtbarmachen der eigenen Homosexualität anbelangt …“ (S. 272), wird das Aufklärungs- und Bildungsprojekt SchLAu definiert. Nach einem kurzen Einschub (einem persönlichen Erfahrungsbericht) wird sowohl auf die Arbeitsweise des Workshops verwiesen als auch auf bisher erreichte Ziele.

Diskussion

Imke Leicht verweist in ihrem Artikel auf sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrecht, dem zugrundeliegenden Universalismus wie auch auf den Subjektstatus des Menschen (sui generis), damit Sonderrechte abweist: „Grundvoraussetzung für ein Verständnis von sexueller Selbstbestimmung als Menschenrecht ist, dass es sich nicht um „Sonderrechte“ handelt, sondern um die Konkretisierung der allgemeinen, universellen Menschenrechte hinsichtlich sexueller Orientierungen und geschlechtlicher Identitäten. Entsprechend geht es darum, bestehende Menschenrechtsinstrumente hinsichtlich der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität auszulegen“ (S. 24). Leicht referiert dazu historische Kontexte im Rahmen von Europa und UN, insbesondere die Entstehungsbedingungen der UN-Resolution 17/19 von 2011. Anzumerken bleibt hier, dass neuere Entwicklungen eher ausgespart bleiben (s. Russland oder Todesstrafen in einigen afrikanischen Ländern, wie Amnesty International berichtet).

Barbara Pühl diskutiert in ihrem Beitrag die Notwendigkeit gendersensibler Sprache (nicht nur) im Religionsunterricht. Sie beschreibt Wirkmächtigkeit von Sprache analog zur Sprechakttheorie von Austin, leitet über zur Sichtbarkeit und Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache mit Verweisen auf die UN-Resolution von 1987 und verweist auf die problematische Verwendung des generischen Maskulinums (nicht nur) im öffentlichen Sprachgebrauch. Kritisch hervorzuheben ist hier allerdings das Fehlen inzwischen etablierter Schreibweisen, die Heteronormativität mindestens ins Bewusstsein heben, die Nichtberücksichtigung anderer als Mann-Frau-Identitäten (genauer: männliche bzw. ausschließlich weibliche Bezeichnungen für z.B. Berufe, wo unklar bleibt, ob sich alle Ausübenden dieser Berufe tatsächlich in einem Mann-Frau-Universum wiederfinden [wollen]) und das fast völlige Fehlen anderer geschlechtlicher Identitäten auch von Kindern und Jugendlichen. Begründet wird die Exklusion leider nicht – insgesamt ein zwar spannender, gut geschriebener, aber leider inhaltlich viel zu kurz /zu flach gehaltener Beitrag.

Martha Römer rekurriert in ihrem Beitrag auf das bislang leicht unerforschte Thema verbaler homophober Attacken in der Grundschule. Ausgehend von einer Falldarstellung eröffnet sie Grundsatzfragen zum Umgang mit homophober Verbalaggression im Grundschulalter. Sie verweist neben einer Fülle an Beispielen aus dem Schulgeschehen auf die Funktion der Verwendung von Schimpfwörtern, untermauert diese mit Zahlen und Fakten und diskutiert interdisziplinäre Kontexte, die sie zum Fallverstehen heranzieht. Sie beschließt ihren Beitrag mit Vorschlägen zur Intervention und zur Prävention. Neben den durchaus einleuchtenden taktischen Ratschlägen (u.a. der paradoxen Intervention) bleibt dennoch unberücksichtigt, dass dafür im Schulalltag zumeist Möglichkeiten fehlen (auch im angesprochenen Beispiel: die paradoxe Intervention muss der Lehrkraft in genau dem Moment zur Verfügung stehen, in der sie gebraucht wird, weiterhin bleiben Zeugen unberücksichtigt, die in das interaktionale Geschehen eingreifen könnten – und damit sind nicht-heteronormative Identitäten von zufällig und/oder intentional Anwesenden noch nicht einmal angesprochen… Eine etwas tiefergehende Analyse bzw. Beschreibung wäre hier sowohl angemessen wie wünschenswert gewesen.

Joachim Schulte und Christian Schotte erläutern in ihrem Beitrag das Aufklärungs- und Bildungsprojekt SchLAu. Nach einer knapp skizzierten Bestandsaufnahme (genauer: Ergebnisse einer Befragung an Berliner Schülerinnen und Schülern zur sexuellen Aufklärung) nehmen sie eine Definition von SchLAu vor, umreißen Erkenntnishintergrund und Ziele der Methode und bauen auf einem persönlichen Erlebnisbericht auf, um die Notwendigkeit des Projekts zu konturieren. Auf die Methode des Projekts wird im Anschluss genauer eingegangen: „Daher steht im Mittelpunkt der Workshops die biografische Erzählung. Junge Menschen, die dem Alter der Workshopteilnehmenden nah sind, erzählen ihr Coming-out … Weil es zwar Ähnlichkeiten im Prozessverlauf des Coming-outs gibt, aber jede Biografie einzigartig ist, führen mindestens ein Teamer/eine Teamende, in den meisten Fällen vier Teamende den Workshop durch, um diese Unterschiedlichkeit für die Workshopteilnehmenden erlebbar zu machen“ (S. 281). Als Fazit kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Workshops meist als Bereicherung erlebt werden, konkretisieren aber auch vereinzelte Widerstände und werfen Fragestellungen (meist in Kollegien) auf: „Wähle ich im Unterricht meine Beispiele ausschließlich heterosexuell oder gibt es auch Beispiele gleichgeschlechtlich Liebender? …Aber sind [homosexuelle Kollegen] genauso sichtbar wie die heterosexuellen Kolleg_innen? Gibt es eine Kultur des Willkommens für jegliche Form sexueller und geschlechtlicher Identität? SchLAu-Workshops berühren durch ihre Existenz all diese Fragen des schulischen Zusammenlebens“ (S. 285).

Fazit

Die ineinander und miteinander verschränkten Themen von sexueller Orientierung und Bildung werden umfassend vorgestellt, anhand einzelner Beiträge vertieft und entfalten damit ihre informative Wirkung. Ein beachtens- wie lesenswertes Buch, das Eingang in curriculare Ausbildungsgänge im Bildungswesen finden sollte.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 23.09.2015 zu: Michaela Breckenfelder, Fabian Kessl, Sabine Stövesand, Werner Thole (Hrsg.): Homosexualität und Schule. Handlungsfelder - Zugänge - Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. ISBN 978-3-8474-0615-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18519.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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