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Abdulillah Polat: Trauma und Sozialisation

Cover Abdulillah Polat: Trauma und Sozialisation. Zu den Auswirkungen von Flüchtlingserfahrungen auf die nachfolgende Generation. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 301 Seiten. ISBN 978-3-658-08321-2. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

„Man hat immer ein Stein mit sich getragen oder man läuft mit ner Wunde herum, man möchte irgendwas machen, aber man merkt, man hat ein Schmerz also. Und ich glaube das allergrößte Problem ist, dass wir es nicht lösen können und das hindert einem immer daran. Also hat man zwar viele Träume, man möchte vieles erreichen, aber man merkt, dass es ständig einem irgendwas da hindert.“ Diese Aussage von Welat, dem Sohn einer Flüchtlingsfamilie, welche der Autor auf den Seiten 177 und 178 seines Buches zitiert, bringt die Problematik auf den Punkt. Kaum ein Thema bewegt die Menschen derzeit so sehr wie das Schicksal der Familien, die aus ihren Heimatländern fliehen müssen. Auch wenn die vorliegende Studie vor längerer Zeit initiiert wurde, so erfährt sie derzeit durch die aktuellen weltpolitischen Entwicklungen eine traurige Aktualität. Abdulillah Polat orientiert sich vor allem an den berühmten Untersuchungen Gabriele Rosenthals, in denen diese 1999 die Lebensbedingungen von jüdischen Familien nach dem dritten Reich untersucht hatte.

Autor

Dr. Abdulillah Polat Diplom-Pflegegpädagoge, Gesundheit- und Krankenpfleger und arbeitet als Dozent in der Katholischen Stiftung Marienhospital Aachen.

Entstehungshintergrund

Der Autor gibt an, sich bereits seit über 20 Jahren mit den Themen Trauma, Menschenrechte, Folter und Gewalterlebnisse intensiv auseinander zu setzen. Er habe damit begonnen, als er selbst noch in der Türkei gelebt habe. Damals habe er bei dem türkischen Behandlungszentrum für Folteropfer gearbeitet und sei später selbst nach Deutschland emigriert. Hier habe er sich ebenfalls in mehreren Behandlungszentren für Folteropfer engagiert. Dabei sei er immer wieder mit der Frage konfrontiert worden, „…wie werden diese Menschen in Zukunft mit ihren Lebenssituationen und ihrer Familie umgehen?“ (S. 107). In der täglichen Arbeit seien ihm immer mehr die Lücken im System aufgefallen, mit den entsprechenden Herausforderungen adäquat umzugehen. Obwohl nicht explizit erwähnt, so liest sich dieses Werk doch, als wäre es die publizierte Doktorarbeit des Autors.

Aufbau und Inhalt

Neben Einleitung und Schluss ist das Buch ist grob in drei Teile aufgegliedert:

  1. Theoretisch-konzeptioneller Rahmen
  2. Empirische Studie zu den Einflüssen traumatischer Ereignisse von Flüchtlingen auf die Sozialisation der nachfolgenden Generation am Beispiel kurdischer Familien in Deutschland
  3. Praxisvorschläge für Prävention bei traumatisierten Familien

Teil I: Theoretisch-konzeptioneller Rahmen

Hier stellt der Autor zunächst die Entwicklung und den Hintergrund des Forschungsvorhabens dar. Ziel sei gewesen, Belastungen in der Biografie von Flüchtlingskindern zu identifizieren und deren Auswirkungen auf deren Sozialisation, typische Entwicklungsaufgaben, die Identitätsbildung im Jugendalter und deren Persönlichkeitsentwicklung zu untersuchen. Anschließend wird ein Fokus darauf gelegt, dass Sozialisation immer auch Interaktion ist und dies im Falle von Migranten sowohl auf individueller als auch kultureller Ebene eine große Herausforderung für eine Gesellschaft darstellt. Einen Schwerpunkt dieses Abschnittes bildet dann eine historische Einordnung des Trauma-Begriffes, bei der der Autor unterschiedliche Trauma-Definitionen liefert, den Resilienzbegriff herausarbeitet und auf Auswirkungen von Traumatisierung innerhalb einer Generation eingeht, bevor er ausführlich die Untersuchungen von Gabriele Rosenthal, die Grundlage für die eigene Arbeit, darstellt. In einem Zwischenfazit hält Polat fest, „dass bei der Erforschung des Traumas in Bezug auf Sozialisationsbedingungen keine ausreichenden Untersuchungen vorliegen“ (S. 85).

Teil II: Empirische Studie zu den Einflüssen traumatischer Ereignisse von Flüchtlingen auf die Sozialisation der nachfolgenden Generation am Beispiel kurdischer Familien in Deutschland

Dieser Abschnitt bildet den zentralen Teil des Buches. Der wiederum ist untergliedert in einen methodischen Teil, eine Fallrekonstruktion, sowie die Gesamtauswertung und eine Zusammenfassung der Ergebnisse. Im methodischen Teil stellt der Autor die Entwicklung der Fragestellung und sein methodisches Vorgehen dar. Sein Studiendesign entspreche einer teilnehmenden Beobachtung mit narrativen Interviews, die Auswertung der biografischen Fallrekonstruktion nach Rosenthal. Im Rahmen der Fallrekonstruktion werden dann Lebens- und soziale Umstände von kurdischen Jugendlichen in hochbelasteten und traumatisierten Familien näher in Augenschein genommen. Der Autor beschreibt die Auswirkung des psychischen Zustands der untersuchten Familien auf die Jugendlichen anhand der im Rahmen der Studie untersuchten zwei kurdischen Familien. Hierbei stünden insbesondere folgende Themen im Vordergrund:

  • Widerstand als Familientradition
  • Die Problematik von Trennung, Autonomie und Ablösung der Jugendlichen
  • Zukunftsängste und -perspektiven

In der Gesamtauswertung wird dann eine Übersicht der Einflüsse von traumabedingten Verhaltensmustern der Eltern auf die Sozialisationsbedingungen der Jugendlichen anhand eines kontrastiven Vergleichs der jeweiligen Fälle gegeben, und dann die Ergebnisse aus sozialtheoretischer Perspektive zu diskutieren und reflektieren.

Teil III: Praxisvorschläge für Prävention bei traumatisierten Familien

Hier leitet der Autor dann konkrete präventive Ideen in Bezug auf den Umgang mit Trauma und traumatisierten Person des definierten Personenkreises (Familien mit Migrationshintergrund) ab. Er liefert Praxisvorschläge für folgende Institutionen und Personenkreise:

  • eine noch zu schaffende Sozialberatungsstelle für traumatisierten Familien,
  • spezifische Berufsgruppen (z.B. Dozenten, Mitarbeiter von Universitäten, Sozialarbeiter und Jugendamtsmitarbeiter),
  • der Bereich Bildung und Sozialisation
  • und das Gesundheitswesen als Gesamtes.

Abschließend geht er auch noch kurz auf Jugendliche ein, die trotz traumatischer Familienvergangenheiten resilient und robust aufwachsen. In einem Fazit beschreibt Polat, dass er sich im Rahmen seiner Arbeit „… auf drei wichtige Bausteine und ergänzend zu diesen Schwerpunkten auf geeignete Vorschläge zur Prävention“ konzentriert habe (S. 285). Es sei ihm um die allgemeine Bedeutung der Sozialisation und die Sozialisationsbedingungen der Migranten/innen, um Trauma und Auswirkungen von traumatischen Ereignissen und das Rosenthal-Paradigma und den Vergleich der eigenen Erlebnisse mit den Ergebnissen der Studie über Holocaustbeteiligte gegangen. Abschließend sei deutlich geworden, dass hier noch viel Forschung erforderlich sei, dennoch seien die Notwendigkeit für Präventionsmaßnahmen und die Wichtigkeit des Resilienzkonzepts bereits jetzt hervorzuheben.

Diskussion

Dieses Buch setzt die noch junge Tradition der Reihe Springer Research um eine weitere spannende wissenschaftliche Publikation fort. Auch wenn ich als Rezensent meinen Hintergrund eher im klinisch-wissenschaftlichen Forschungssetting habe, so versuche ich doch hier angemessen kritisch mit einem mir relativ fremden Forschungsparadigma umzugehen. Die gewählte Methode des narrativen Interviews scheint im soziologischen Setting üblich zu sein. Sie liefert auf jeden Fall auch spannende Ergebnisse, die jedoch aufgrund der geringen Fallzahl (es wurden lediglich zwei Familien befragt!) nicht verallgemeinerbar seien dürften. Dies gilt umso mehr, da auch die Auswahl der Familien und deren Bereitschaft teilzunehmen nicht unbedingt für eine Repräsentativität sprechen muss. Insgesamt dürfte ein derartiges Vorgehen eher der hypothesengenerierenden als – bestätigenden Forschungsmethodik zugerechnet werden. In diesem Sinne nutzt sie der Autor allerdings auch und bleibt somit durchaus seriös.

Konzag & Ungerer auf S. 53) nicht aufgeführt, so dass hier ein vertiefendes Literaturstudium erschwert wird. Die dem Werk zentrale These einer sogenannten „transgenerativen Weitergabe“ von Traumasymptomatik (nach Rosenthal) klingt intuitiv plausibel, wird auch immer wieder so kommuniziert, gilt jedoch wissenschaftlich bislang nicht als bestätigt und insgesamt eher fragwürdig. Es bleibt jedoch darauf hinzuweisen, dass der Autor mit diesem Thema auf Seite 246 auch angemessen kritisch umgeht.

Insgesamt liest sich das Buch aufgrund diverser Redundanzen – so werden die Biografien der untersuchten Familien an verschiedenen Stellen immer wiederholt – etwas zäh. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass dieses Buch im Gegensatz zu anderen Fachbüchern zum Thema „Trauma“ hier eine sehr interessante historische Einordnung des Begriffes liefert. Obwohl ich selbst das Thema posttraumatische Belastungsstörungen als eines meiner Schwerpunktthemen ansehen würde, so muss ich doch zugeben, dass ich den Begriff des „Railway Spine“, mit dem Erichsen bereits 1866 erstmalig die Symptome einer PTBS beschrieben habe, noch nie gehört hatte. Dies mag jedoch auch auf eigene Bildungslücken zurückzuführen sein.

Polat liefert eine interessante erweiterte – weil längsschnittliche – Betrachtung des Traumabegriffs und eine spannende Einführung in die qualitative Forschung am Beispiel der Hermeneutik. Auch die hier gewonnenen Einblicke in die wichtigsten Einflüsse von Traumata auf die Sozialisationsbedingungen von Jugendlichen, die der Autor ab Seite 230 im Rahmen einer Taxonomie darstellt, sind eminent hilfreich für den praktischen Alltag. Gleiches gilt für die Praxisvorschläge, die zwar die zwar etwas floskelhaft mit den Worten „zusammenkommen und voneinander lernen“ (S. 261) eingeleitet werden, dann jedoch erfreulich konkret werden.

Der Fokus des Buchs liegt auf der Ganzheitlichkeit im Sinne eines impliziten (wenn auch hier nicht so benannten) bio-psycho-sozialen Modells von Gesundheit und Krankheit, nachdem psychotherapeutische Interventionen allein nicht reichen können, um der Problematik adäquat gerecht zu werden. Hiermit liegt der Autor auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft.

Eine offene Frage bleibt noch: Der Autor geht nur gegen Ende des Buches und am Rande (zum Thema Resilienz) auf den Aspekt der Religiosität ein. Offen bleibt, ob er dieses Thema nicht für relevanter hält, oder er ob dies bewusst ausklammert. Hier wären weitergehende Erläuterungen spannend gewesen.

Fazit

Das Buch, dass sich laut Klappentext an Dozierende und Studierende der Psychologie, Soziologie, Sozialwissenschaften und Gesundheitswissenschaften, LehrerInnen, SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, und PsychotherapeutInnen richtet, liest sich aufgrund des Umfangs ein wenig zäh. Wer sich dieser Herausforderung jedoch stellt, wird mit einer der relevantesten und spannendsten Veröffentlichung zum Thema Migration und Traumatisierung belohnt. Aktueller kann ein Buch nicht sein. Wünschenswert wären weitere Publikationen des Autors, welche die hier angerissenen Praxisvorschläge ohne den umfassenden wissenschaftlichen Hintergrund konkretisieren würden.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 15.10.2015 zu: Abdulillah Polat: Trauma und Sozialisation. Zu den Auswirkungen von Flüchtlingserfahrungen auf die nachfolgende Generation. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-08321-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18528.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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