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Michael Götz, Benedikt Widmaier u.a. (Hrsg.): Soziales Engagement politisch denken

Cover Michael Götz, Benedikt Widmaier, Alexander Wohnig (Hrsg.): Soziales Engagement politisch denken. Chancen für politische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. 220 Seiten. ISBN 978-3-89974-967-0. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Wenn sich Jugendliche sozial engagieren, könnte diese Erfahrung sie dazu ermutigen, sich auch an politischen Prozessen zu beteiligen. Unter welchen Bedingungen dies eintritt, ist eine praktische und theoretische Frage, mit der sich die Politische Bildung, auch in anderen Kontexten (z.B. „Demokratie lernen“) intensiv auseinandersetzt.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

  • Michael Götzwar Mitarbeiter der Akademie für politische und soziale Bildung „Haus am Maiberg“.
  • Benedikt Widmaierist Direktor dieser Einrichtung der Diözese Mainz.
  • Alexander Wohnig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen.

Die Autorinnen und Autoren sind vorwiegend Praktiker und Praktikerinnen der schulischen oder außerschulischen politischen Bildung, zum anderen Hochschullehrer.

Entstehungshintergrund

Mit diesem Band werden zunächst die Ergebnisse des Modellprojektes „Compassion & Service Learning politisch denken“ vorgestellt, das 2011-2013 von der „Aktion Mensch“ gefördert wurde. Dem sind Artikel verschiedener Autoren und Autorinnen angefügt, die sich mit dem Verhältnis zwischen sozialem und politischem Lernen auseinandersetzen.

Aufbau

Nach der Einführung sind es sieben Artikel, die auf „Soziale Praxis und politisches Lernen“ eingehen. Der zweite, etwas umfänglichere Teil (S. 97-218) will in sechs Beiträgen „politische und politikdidaktische Perspektiven sozialen Engagements“ herausarbeiten.

Inhalt

Widmaier und Götz gehen von der Tatsache aus, dass viele Schulen soziales Lernen fördern wollen und dazu ein Sozialpraktikum eingeführt haben. Ein Format ist dabei „Compassion“, das „Mitleidenschaft“ dadurch vermitteln möchte, dass Schülerinnen und Schülerin zwei Wochen in einer sozialen Einrichtung, meist ihrer Wahl, mitarbeiten. Dem Bericht zufolge werden die Wochenendseminare zur Nachbereitung in der Bildungsstätte gerne besucht; die Jugendlichen würden dabei auch kritische Fragen zur Sozialpolitik stellen, manche befassten sich danach anhaltend mit den Themen oder starteten kleine Projekte. Das Praktikum wecke, so Gönnheimer, die Verantwortung und Sensibilität für globale Probleme. In die zweijährige Schulausbildung zur Sozialassistenz in Hessen passen diese Nachbereitungsseminare nach Ansicht von Stefanie Brombach besonders gut, das Interesse am Fach Politik habe sich deutlich erhöht.

Im Anschluss daran berichtet Alexander Wohnig über die Ergebnis seiner teilnehmenden Beobachtungen bei diesen Nachbereitungsseminaren. Er stellt u.a. zwei Bedingungen heraus, die einem Gelingen vorausgehen müssten; das sei einmal der kritische Blick auf die Ideologie von (freiwilligem) Engagement und Aktivierung, die politisch vorangetrieben werde, um letztlich den Sozialstaat zu entlasten. Aus sozialem Lernen, so seine zweite These, könne politisches Lernen nur erwachsen, wenn aktuelle politische Konflikte im Kontext des Engagements thematisiert und analysiert werden.

Im zweiten Teil finden sich diverse Essays, die sich zumeist auf sehr hohem Abstraktionsniveau bewegen. So diskutiert David Salomon ausführlich die funktionale Trennung von politischer und ökonomischer Herrschaft und das Verhältnis zwischen dem „Sozialen“ und dem „Politischen“. Andreas Eis schließt an die bekannte These an, wonach politische Mitwirkung allein schon dadurch begrenzt sei, dass nicht sosehr der Staat, sondern Experten und Interessengruppen, insbesondere auch globale Players die Entscheidungen treffen. Der „aktivierende“ Sozialstaat habe seine soziale Verantwortung an die Zivilgesellschaft zurückgegeben und damit soziale Probleme entpolitisiert. Politisches Handeln beginne jedoch mit der „Störung und Unterbrechung der sozialen Ordnung“, und dies schon dann, wenn Schüler und Schülerinnen ihren Erfolg und Misserfolg in der sozialen Praxis reflektieren.

Jürgen Gerdes verortet Menschenrechtsbildung zwischen sozialem und politischem Lernen. Wenn politische Bildung die Subjektwerdung, die Entdeckung und Entwicklung eigener Interessen befördere, insbesondere auch die Selbstwirksamkeitsüberzeugung von Jugendlichen stärken könne, sei dies jedoch noch keine hinreichende Bedingung dafür, dass Jugendliche Handlungsfähigkeit erreichen.

Stefan Selke präsentiert seine fundamentale Auseinandersetzung mit der „Tafel“, die im Grunde als eine „moderne“ Form von Almosen Armut lindere, nicht bekämpfe. Menschen werden so gemeinsam exkludiert, soziale oder kulturelle Teilhabe sehen anders aus.

Abschließend referieren Balzter/Schröder einige (auch ältere) empirische Arbeiten, die belegen, dass immer mal wieder ein Seminar oder Referent der politischen Bildung dem Lebenslauf eines jungen Menschen Richtung gegeben hat.

Diskussion

Der erste Teil ist Projektbericht von Beteiligten. Wenn diese fordern, dass die Jugendlichen sich kritisch mit den gesellschaftlichen, aber vor allem politischen Bedingungen auseinandersetzen sollen, unter denen das soziale Praktikum stattfindet, dann sollten die Beiträge dieses anhand einiger Seminare exemplarisch im Kursverlauf und vor allem inhaltlich auch mal darstellen. Die mehrfach angesprochene und im zweiten Teil ausführlich und völlig zutreffend kritisierte „Tafel“ ist nun aber keineswegs typisch für die von Schülern und Schülerinnen gewählten „Sozialpraktika“. Dann könnte auch ernsthaft diskutiert werden, wieweit das von Schulen forcierte Sozialpraktikum, politisch pointiert, mit dem bekannten Gebot der Kontroversität und Verbot der Überwältigung vereinbar ist.

Hier und vor allem auch im zweiten Teil bleibt „das Soziale“ unbestimmt, weil zumindest drei Linien ständig durcheinandergehen. Zu unterscheiden wäre doch:

  • Jugendliche können – auch im Praktikum – bestimmte Kompetenzen (z.B. Konfliktfähigkeit) erwerben, die zunächst „soziale“ sind, aber zu politischer Handlungsfähigkeit beitragen können,.
  • Wenn die Menschenrechte und die Lebenswirklichkeit von Menschen nicht übereinstimmen, ist dies (wie auch gesellschaftliche Bewegungen es zum Ausdruck bringen) als „soziales“ Problem anzuzeigen.
  • Wenn Menschen in einer schwierigen Lebenslage, ohne dafür zu bezahlen, eine Dienstleistung beanspruchen können, die von Hauptamtlichen oder Freiwilligen erbracht wird, kann diese als eine „soziale“ geführt werden.

Im zweiten Teil sind Essays versammelt, die sich auf die bekannten Autoren Bourdieu, Rancière, Crouch usf., auch Luhmann, beziehen, jedoch zur Praxis, aber eigentlich auch zur Konzeption politischer Bildung wenig beitragen. Die Empfehlung lautet: Das „Soziale“ reflektieren. Was heißt das konkret? Anschauung, Belege, Beispiele fehlen

Muss man am Ende den Beitrag von Eis gar so verstehen, dass politische Handlungsfähigkeit durch politische Bildung befördern zu wollen, schon deshalb eine Illusion sei, weil das politische Subsystem dem wirtschaftlichen untergeordnet sei?

Der abschließende Beitrag zur Wirkungsforschung kann methodisch nicht überzeugen (ohne Vorher-Nachher-Vergleich noch Vergleichsgruppe).

Fazit

Der vorliegende Band diskutiert einen Zugang zur politischen Bildung, der den möglichen Zusammenhang zwischen sozialen Kompetenzen und politischer Handlungsfähigkeit nutzt.

Es versteht sich von selbst, dass die Praxis sozialer Dienste, auch die temporären von Freiwilligen, im gesellschaftspolitischen und ökonomischen Kontext zu sehen sind.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 20.08.2015 zu: Michael Götz, Benedikt Widmaier, Alexander Wohnig (Hrsg.): Soziales Engagement politisch denken. Chancen für politische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-89974-967-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18536.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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