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Oliver D´Antonio: Zwischen Rathaus, Milieu und Netzwerk

Cover Oliver D´Antonio: Zwischen Rathaus, Milieu und Netzwerk. Über die lokale Verankerung politischer Parteien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 621 Seiten. ISBN 978-3-658-07243-8. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 75,00 sFr.
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Thema, Fragestellung und Autor

Innerhalb des mainstreams westlicher Parteienforschung besteht heute Konsens über eine Entkoppelung von Parteien und Gesellschaft, das heißt: über die Herauslösung der Parteien aus einer sozialen Verankerung in bürgerschaftlichen Vereinen, Initiativen und Organisationen. „Heute arbeiten die Parteien irgendwo in einer Sphäre weit oberhalb des Sedimentes der bundesrepublikanischen Lebenswelten. Sie werkeln nun, derart aus den Niederungen des sozialen Alltags befreit, emsig vor sich und machen Politik. Für das, was sich unterhalb der Grasnarbe abspielt, fehlt ihnen jedoch der Sinn. Sie spüren dieses Fundament nicht mehr und bauen dennoch Häuser darauf. Doch ziehen die kontaktlos gewordenen Parteien aus dem Erdreich keine Kraft, keine Ideen und keine Vitalität mehr, können immer weniger Wählerinnen und Wähler oder Mitglieder ‚von unten‘ gewinnen. Ihnen droht eine personelle und geistige Verkümmerung. Um im Sprachbild zu bleiben: Die Parteien kappten ihre Wurzeln in die Gesellschaft, aus der sie erwachsen sind und lösten sich aus der Leben spendenden Verankerung in ihrer sozialen Umwelt. Sie erscheinen am Beginn des 21. Jahrhunderts nahezu vollständig abgekoppelt, ohne eine nennenswerte Verbindung zur Welt ihres Ursprungs.“ (S. 17) So die Sicht vieler Wissenschaftler und Publizisten zur Situation der Parteien zumindest in Deutschland.

Die vorliegende Arbeit fragt, ob das verbreitete Bild tatsächlich stimmt. Sie untersucht ihr Thema im kommunalen Umfeld, weil sie davon ausgeht, dass zumindest lokale Parteien in örtlichen gesellschaftlichen Milieus auch heute präsent sind – und dies auch sein müssen, um überhaupt existieren zu können. Die Fragestellung berührt dabei zwei Sphären parteilicher Tätigkeit: „Die erste Sphäre ist nach außen, in die städtische Gesellschaft gerichtet. Die zweite Sphäre umfasst die binnenkulturellen Aktivitäten der lokalen Parteieinheiten. Denn diese, die Stammtische, Diskussionsveranstaltungen und Mitgliederversammlungen, dienen einerseits der Integration der eigenen Mitgliedschaft, besitzen andererseits aber nicht selten auch eine Öffentlichkeits- und Außenwirkungsfunktion.“ (S. 18, Hervorhebungen ebd.) Beide Sphären sind ineinander verschränkt.

Folgende Fragekomplexe werden bearbeitet:

  1. Bezogen auf die Außenbeziehungen u.a.: die Art der Verknüpfungen lokaler Parteiaktivitäten mit anderen außerparteilichen Lebenswelten, Akteure und Formen der Herstellung von Verbindungen zwischen den Sphären, Ergebnisse aus der Zusammenarbeit, Institutionalisierung und Verfestigung von lose geknüpften Verbindungen, häufige Muster einer lokalen Verankerung, Einspeisung gesellschaftlicher Interessen in den kommunalpolitischen Prozess. Schließlich: „Können solche Beziehungen eine Ressource für politische Parteien darstellen, die möglicherweise sogar eine schwache Mitgliederbasis bis zu einem gewissen Grade substituieren kann?“ (S. 19)
  2. Bezogen auf die Binnenkultur: Aktivitäten und Organisationsstrukturen der Parteien, Möglichkeiten zur Partizipation für Mitglieder und evtl. auch Nichtmitglieder, Räume für Geselligkeit und inhaltliche Debatten, Adressaten der Parteiaktivitäten, ‚closed shop‘ oder Öffnung nach außen, distinktive Muster der Abgrenzung. „Tragen Parteien ihre Aktivitäten nach außen, werben dafür – oder schotten sie sich von der städtischen Gesellschaft möglicherweise sogar ab?“ (ebd.)

Oliver d´Antonio hat diese Fragen im Rahmen seiner Dissertation an der Georg-August-Universität Göttingen untersucht (2014). Sein Fragenkatalog hat sich im Laufe der insgesamt sechsjährigen Arbeitszeit immer wieder verändert. Ein Grund dafür lag in der offenen und explorativen Anlage der Studie.

Forschungsmethode

Der Autor konstatiert im Blick auf sein Thema ein großes Desinteresse der herkömmlichen politikwissenschaftlichen Forschung, sei es der Parteienforschung oder der kommunalpolitischen Forschung.So hat z.B. auch Lars Holtkamp, einer der Matadoren lokaler Politikforschung in Deutschland, die Forschungslage mit dem Paradoxon beschrieben, dass die Parteienforschung zwar weitgehend national ausgerichtet sei und nicht in die Niederungen der Kommunalpolitik hinabsteige,sich andererseits aber eine Erneuerung der Parteien ‚von unten‘ erhoffe. D´Antonio meint ironisch dazu, es hätten sich offenbar auch Teile der Parteienforschung von der lokalen Politik und den lokalen Parteien entkoppelt. Aus diesem Manko resultiere ein unbefriedigendes Defizit an Theorien zum Thema.

Einer der vielen im Eingangskapitel beschriebenen Gründe für den Mangel an Studien über die lokale Verankerung von Parteien und dem daraus folgenden Theoriedefizit liegt in der Problematik der dafür notwendigen Forschungsmethoden. Mit allgemeinen und großflächig angelegten Untersuchungsdesigns lässt sich im Blick auf die riesige Vielfalt lokaler Lebenswelten nämlich nur wenig ausrichten. Lediglich einzelne und aufs Konkrete schauende Fallstudien erlauben einen differenzierten Blick auf örtliche Parteien, Milieus und (politische) Kulturen. Solche Fallstudien sind aber meistens sehr mühsam und leiden dazuhin noch unter Imageproblemen bei der großen Mehrheit moderner sozialwissenschaftlicher Forscher. Trotzdem geht die vorliegende Studie konsequent diesen Weg. Sie vergleicht die beiden Großstädte Frankfurt am Main und Leipzig im Blick auf ihre Parteienlandschaft, konkret auf die drei Parteien Die Linke, Die Grünen und die FDP.

D´Antonio wählt folgerichtig vorwiegend qualitative Untersuchungsmethoden entsprechend den hermeneutisch-qualitativen Ansätzen der (lokalen) politischen Kulturforschung, z.B. jener Karl Rohes. „Die eng gewobenen sozialen Netzwerke zumindest partiell aufzudecken, bedeutet, sich den lokalen politischen Kulturen, den vielfältigen Teil- und Subkulturen vor Ort, in denen Parteien eine Rolle spielen, anzunähern. Der kleinräumige regionale und lokale Zugang kann im Sinne Rohes als eine Art ‚zusätzlicher Brille, durch die man auf die politische Wirklichkeit blickt‘, verstanden werden, die die Vermittlungsfunktion der Parteien besser zu erfassen in der Lage ist.“. (S. 48, Hervorhebungen im Text) D´Antonios Vorgehen ist explorativ: Hypothesen stehen nicht am Beginn seines Forschungsprozesses, sondern sind sein Ergebnis.

64 offene „Forschungsgespräche“ (explizit nicht: Interviews im klassischen quantitativen Vorgehen) von 50 – 70 Minuten Dauer mit Parteiakteuren und Aktiven aus der jeweiligen örtlichen Szene sowie Experten aus Wissenschaft, Politik und Medien, die „eine besondere Perspektive auf die städtische Gesellschaft und die kommunale Politik erwarten ließen“ (S. 54), sowie „freie teilnehmende Beobachtung(en)“ in der lokalpolitischen Szene erlaubten im Laufe der Jahre einen immer schärferen Blick auf die jeweiligen Situationen, Mentalitäten und politischen Prozesse vor Ort.

Aufbau und Inhalte

Die Studie gliedert sich in fünf einleitende Kapitel (1-5), fünf Porträt-Kapitel (6-10, außerdem einen kurzen Exkurs) sowie drei Auswertungs-, Interpretations- und Ausblickkapitel (11 – 13).

Die Kapitel 1 bis 5 liefern die theoretische und methodische Einführung ins Buch. Erläutert werden unter anderem:

  • Erkenntnisinteresse und Fragestellung
  • Übersicht über den bisherigen Forschungsstand
  • Beschreibung der offenen Forschungsgespräche
  • Begrifflichkeiten: Milieu und Netzwerk
  • Das letzte Eingangskapitel bringt einen Vergleich der Städte Frankfurt und Leipzig. Schon sein Titel „Gemeinsame Vergangenheit, verschiedene Welten“ weist auf die Analyse historisch-politischer Differenzen hin, vor deren Hintergrund im folgenden Teil die politischen Porträts der gewählten lokalen Parteien analysiert werden.

Die folgenden sechs Kapitel beschreiben detailliert und konkret die Ergebnisse der Studie im Blick auf die lokalpolitische Verankerung der Parteien in ihrem jeweiligen Umfeld. Die Kapitelüberschriften zeigen die Richtung der Untersuchungsergebnisse:

  • Die Metamorphose einer Milieupartei – Die Linke in Leipzig (Kap. 6)
  • Avantgarde im Elfenbeinturm – Die Grünen in Frankfurt am Main (Kap. 7)
  • Von der Honoratioren- zur Netzwerkpartei – Die Bündnisgrünen in Leipzig (Kap. 8)
  • Die Grünen und ihre schwierige Jugend (Exkurs ohne Kapitelnummer)
  • Synergien durch Vielfalt oder lose verkoppeltes Chaos? Die Frankfurter Linke (Kap. 9)
  • Die Suche nach dem verlorenen Bürgertum – Die FDP in Frankfurt und Leipzig (Kap. 10).

Die drei abschließenden Kapitel liefern zunächst unter dem Titel

  • „Analyse und Typenbildung“ (Kap. 11) eine Charakterisierung der Lokalparteien auf Basis der Porträts. In einer vergleichenden Analyse bildet der Autor Typen lokaler Verankerung von politischen Parteien – auch in Form von selbst erstellten Tabellen – und versucht damit eine gewisse Verallgemeinerung seiner Erkenntnisse. Zudem ordnet er seine Ergebnisse in die Erkenntnisse anderer vorliegender lokaler Studien ein.
  • Kap. 12 analysiert abschließend „Die politischen Kulturen zweier Städte im Kontext der lokalen Öffentlichkeit“. Der Autor beschreibt Frankfurt als Stadt „von der Bewegungsmetropole zur institutionalisierten Stadt“, Leipzig als „eine kommunalpolitische Erfahrungsgemeinschaft“. Er gibt schließlich eine Antwort auf die entscheidende Frage: „Wo ist der Ort der Lokalpolitik?“
  • Das letzte Kapitel bringt ein Resümee und einen Ausblick. Hier prüft der Autor noch einmal selbstkritisch den Ausgangspunkt und Anspruch seiner Forschungsarbeit gegenüber den Erkenntnissen, die er durch seine Studie gewonnen hat.

Die konkreten Ergebnisse dieser Studie können und sollen hier nicht im einzelnen vorgestellt werden. Dafür braucht es den eigenen Blick der Leser ins Buch.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Anhang und ein langes Abkürzungsverzeichnis runden das Buch ab.

Diskussion und Fazit

Dem Autor ist eine verdienstvolle und wichtige Studie gelungen, die viele Erkenntnisse zu einem von der Forschung bisher vernachlässigten Thema gebracht hat. Für die beiden analysierten Städte und die drei untersuchten Parteien vor Ort bietet das Buch eine Fülle von Einsichten (möglicherweise auch manchen ‚Aha-Erlebnisses‘) und daraus abzuleitenden konkreten Ansatzpunkten für die politische Arbeit der Parteien vor Ort. Im Blick auf generalisierende Einsichten steht das Buch vor demselben Problem wie jede andere Fallstudie auch: Inwieweit die Befunde auf andere Orte und damit andere Lebenswelten, Milieus, Mentalitäten und politische Kulturen übertragbar sein können, ist immer strittig und bleibt somit Gegenstand von Kritik insbesondere durch Befürworter quantitativer Methoden. Der Autor weiß das, und seiner eigenen Bilanz ist deshalb nichts hinzuzufügen: „Was diese Studie aber leisten konnte, ist die Herausstellung verschiedener lokaler Verankerungstypen, die Möglichkeiten und Probleme der Partei-Gesellschaft-Beziehung hypothesenartig beschreiben. Es werden jedoch weitere Studien nötig sein, um die Tragfähigkeit oder den Modifikationsbedarf dieser Typen zu prüfen.“ (S. 560)


Rezensentin
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen
Die Rezensentin hat bis zu ihrer Pensionierung Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Sozial- und Gesundheitspolitik an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Fachbereich Soziale Arbeit gelehrt.


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Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 21.08.2015 zu: Oliver D´Antonio: Zwischen Rathaus, Milieu und Netzwerk. Über die lokale Verankerung politischer Parteien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07243-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18539.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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