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Elisabeth Beck-Gernsheim: Wir und die Anderen

Rezensiert von Prof. Dr. Hilde von Balluseck, 13.07.2004

Cover Elisabeth Beck-Gernsheim: Wir und die Anderen ISBN 978-3-518-45872-3

Elisabeth Beck-Gernsheim: Wir und die Anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2007. Aktualisierte Neuausgabe, 1. Auflage. 245 Seiten. ISBN 978-3-518-45872-3. 8,50 EUR.
Suhrkamp-Taschenbuch ; 3872
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Einführung in das Thema

Am Thema Migration kommt heute niemand in Deutschland mehr vorbei. Deutschland ist ein Einwanderungsland, und auch wer es lange nicht glauben wollte, muss es allmählich aufgrund der sich verändernden Zusammensetzung der Bevölkerung einsehen. Die jahrzehntelange Leugnung dieses Tatbestandes in der Politik hat uns eine ganze Reihe von Problemen beschert. Die Lösungsvorschläge reichen von der Begrenzung der Einwanderung über deren Befürwortung aufgrund der demographischen Situation bis hin zum Gutmenschentum, in dem alle Nicht-Deutschen von vorneherein als menschlichen Gewinn bringend aufgehoben sind. Es sind jeweils die Bilder, die wir von den Fremden im Kopf haben, die diese Auffassungen prägen, und es ist die Lernfähigkeit von Gruppen und Individuen , die einen Wandel dieser Bilder ermöglichen - oder eben nicht..

Entstehungshintergrund

Elisabeth Beck-Gernsheim hat im Rahmen eines durch das Hamburger Institut für Sozialforschung finanzierten Forschungsjahres einige der damit verbundenen Fragen aufgearbeitet. Sie legt eine Arbeit vor, die sehr viele (allerdings nicht alle) relevanten Studien in den Kontext der Frage stellt: Welche Bilder haben wir, die Deutschen, von den Zugewanderten, und wie bearbeitet die Sozialwissenschaft die damit zusammenhängenden Fragen?

Inhalt

In den ersten Kapiteln räumt die Autorin mit Vorurteilen auf. Sie erklärt die angebliche Traditionsorientierung der Einwanderer mit der "reaktiven Ethnizität", d.h. die Tradition ist ein Rückgriff auf die Kultur des Heimatlandes aufgrund der Reaktionen der Mehrheitsbevölkerung und der Politik im Einwanderungsland. Die Verstärkung der religiösen Bindung hat ebenfalls damit zu tun, dass die ethnische community zu einer religiösen wird in einem Land, in dem man offensichtlich nicht willkommen ist. Nur über die Gemeinschaft mit anderen ihrer Herkunftskultur können sich die MigrantInnen in positiver Weise ihrer Identität vergewissern. Auch die Familie bekommt unter diesen Umständen einen Wert, den sie vielleicht schon im Heimatland hatte, der sich aber unter den Bedingungen der Migration noch mal verstärkt. Gleichzeitig aber weist Beck-Gernsheim darauf hin, wie MigrantInnen ständig mit der Mehrheitskultur kommunizieren, sich in die verschiedensten Bereiche - Öffentlichkeit, Kultur, Beruf - "einfädeln" und in Zwischenwelten leben, die ein ständiges Balancieren zwischen Herkunftskultur und Aufnahmekultur beinhalten. Dieses Balancieren als Leistung, als besondere Fähigkeit und Kreativität hervorzuheben ist eines der Verdienste dieses Buches. So kommen die MigrantInnen aus der Opferrolle heraus und es wird ihnen die Fähigkeit des Agierens, der Kreativität zugestanden, denn auch sie basteln an ihrer Identität - mit mehr Aufwand naturgemäß, aber nicht weniger erfolgreich.

Faszinierend ist der Hinweis auf die sich verändernden Familienverhältnisse: Migrantinnen trennen sich oft von ihren Kindern, um in einem anderen Land den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Auf diese Weise werden lieb gewordene Klischees der Sozialisationsforschung brüchig: die Mutter, die ihr Kind liebt, verlässt es, um für es sorgen zu können. - In ihrer Kritik an der Diskriminierung von Frauen mit Migrationshintergrund als unterdrückten Wesen (Kapitel 2, S. 51 ff.) schießt die Autorin allerdings über das Ziel hinaus: es ist nicht zu leugnen, dass manche migrierte Frauen von ihren Männern unterdrückt werden, nicht alle können das Angebot dieser Gesellschaft auf Selbstentfaltung wahrnehmen. Es gibt Frauen, die ermordet werden, wenn sie entsprechende Versuche unternehmen - das sollte man nicht unter den Tisch kehren, ebenso wenig wie die Unterdrückungsfunktion, die das Kopftuch AUCH haben KANN. Schließlich sind es in unserem Lande viele aus der Türkei eingewanderte FRAUEN, die sich vehement gegen eine Zulassung des Kopftuchs in der öffentlichen Sphäre zur Wehr setzen. Und auch diese Frauen müssen angehört und in ihren Bedenken gewürdigt werden. Beck-Gernsheim bezieht sich in ihrem Enthusiasmus für das Kopftuch auf qualitative Studien, die vorwiegend bei Akademikerinnen durchgeführt wurden - sie sind nicht unbedingt repräsentativ.

Richtig ist allerdings die Kritik an der feministischen Forschung, die außerhäusliche Erwerbstätigkeit als entscheidende Voraussetzung für weibliche Emanzipation hochstilisierte (S. 56 ff.) - diese Auffassung ist in der Tat überholt. Allerdings ist es nicht zuletzt Beck-Gernsheim, die mit ihren Publikationen zu dieser einseitigen Sicht beigetragen hat (in: Das halbierte Leben, 1980).

Hilfreich ist das Kapitel über den "Irrgarten der Ausländerstatistik" (S. 106 ff.), in dem deutlich wird, wie irreführend die offiziellen Zahlen sind. ArbeitsmigrantInnen, die erfolgreich in ihr Heimatland zurückgekehrt sind, tauchen ebenso wenig auf wie eingebürgerte MigrantInnen. Ihre Leistungen im Leben mit (mindestens) zwei Kulturen, im Entwerfen neuer Formen von Identität, werden durch die Statistik nicht erfasst, geschweige denn gewürdigt.

In den Kapiteln 5 und 6 kritisiert die Autorin die ethnozentristischen Herangehensweisen der sozialwissenschaftlichen Forschung, die primär durch weiße InländerInnen bestimmt ist. Mit Recht weist sie auf die Schwierigkeiten der Entzifferung von kulturell geprägten Signalen und Erwartungen hin, betont die Bedeutung des Machtunterschiedes zwischen einheimischen ForscherInnen und migrierten Forschungssubjekten, die als Objekte wahrgenommen werden. Beck-Gernsheim selbst hat allerdings das Thema Migration zu einer Zeit entdeckt und bearbeitet, als der systemische, ethnographische Blick (endlich) in Mode gekommen ist - in ihren Publikationen der letzten Jahrzehnte kamen MigrantInnen nicht vor. Ein wenig mehr Respekt vor der Befangenheit der deutschen ForscherInnenszene, die sich früh diesem Thema zugewandt hat, und die Einsicht in die sich verändernden Diskurse in der Wissenschaft wären angebracht gewesen.

Zielgruppen

Das Buch ist hilfreich für jede/n, der/die sich für Migrationsfragen interessiert, es ist aber auch für jene hilfreich und nützlich, die sich erstmalig an das Thema "heranwagen" wollen. Es liefert einen guten Überblick über die sozialwissenschaftliche Diskussion, zitiert eine Vielzahl interessanter Studien aus vielen Ländern, und für Nicht-Eingeweihte einige Grundlagen der Forschungsstrategien bei interkulturellen bzw. Migrations-Studien.

Fazit

En lesenswertes, interessantes, gut geschriebenes Buch, trotz der auch bei der Autorin vorhandenen Scheuklappen.

Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de

Es gibt 42 Rezensionen von Hilde von Balluseck.

Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der 1. Auflage aus dem Jahr 2004.

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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 13.07.2004 zu: Elisabeth Beck-Gernsheim: Wir und die Anderen. Vom Blick der Deutschen auf Migranten und Minderheiten. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2007. Aktualisierte Neuausgabe, 1. Auflage. ISBN 978-3-518-45872-3. Suhrkamp-Taschenbuch ; 3872 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1854.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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