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Uwe Hirschfeld: Beiträge zur politischen Theorie Sozialer Arbeit

Cover Uwe Hirschfeld: Beiträge zur politischen Theorie Sozialer Arbeit. Argument Verlag (Hamburg) 2015. 180 Seiten. ISBN 978-3-86754-809-0. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 14,40 sFr.

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Thema

Soziale Arbeit ist konfrontiert mit Widersprüchen aus gesellschaftlichen Wertorientierungen und praktischen Anforderungen. Der Autor benennt diese Widersprüche und nimmt sie in den kritisch wissenschaftlichen Blick. Er zeigt, wie Soziale Arbeit von neoliberalen Narrativen überformt wurde und ist und konfrontiert bewusst nicht mit überkommenen bürgerlich liberalen Idealen resp. moralischen Orientierungen. Mit seinen Beiträgen konturiert er Perspektiven für eine emanzipatorische Soziale Arbeit, wobei ihm Gramscis Arbeiten zumal für ‚Bildung‘ häufig Referenzpunkt sind. In allen dreizehn Beiträge soll nicht nur aufgeklärt, sondern vor allem auch zu einer ‚produktiven Selbstkritik‘ angeregt werden, was Hirschfeld für den in den Band aufgenommenen Artikel von Groschwitz hervorhebt, jedoch in Bezug auf jede Thematik, der sich Hirschfeld widmet, geltend gemacht werden kann.

Aufbau und Inhalt

Die Reihenfolge der Beiträge, die zum Teil bereits erschienen, allerdings überarbeitet und aktualisiert sind, ist keine zufällige, wie der Autor betont, „kleine Überschneidungen und Wiederholungen“ hätten nicht vermieden werden können, „doch gelten diese ja völlig zu Recht als das ‚wirksamste didaktische Mittel‘ (Gramsci).“ (S. 12) Zentrale Gegenstände kreisen darum, was überhaupt eine kritische Wissenschaft ist, dem sich Erörterungen über eine politische Theorie Sozialer Arbeit anschließen, wobei die sozialen und politischen Veränderungen angesprochen werden, wie sie nach Form und Inhalt in Soziale Arbeit intervenieren.

Daran schließt an, wie SozialarbeiterInnen als – nach Walzer und mit Gramsci – „,fraktionierte‘ Intellektuelle“ (S. 9) im Rahmen der gesellschaftlich gesetzten Widersprüche handeln, aber nicht zwingend handeln müssen. Dies wird im nächsten Beitrag, und zwar wieder eng angelehnt an Gramscis Theorie, an der durch und in der Sozialen Arbeit aufzunehmenden Politischen Bildung exemplifiziert. Will Soziale Arbeit emanzipatorisch anleiten, muss sie die Lebensverhältnisse ihrer ‚Klientel‘ kennen, was bei Hirschfeld meint, sie ebenso analytisch wie kritisch ins Visier zu nehmen, also mit Kenntnissen um die besonderen kulturellen Verhältnisse und ideologischen ‚Verblendungen‘ vertraut zu sein.

Auf diesen Text folgt der Artikel von Adrian Groschwitz, der für die generelle Debatte einer wissenschaftlichen Ausrichtung Sozialer Arbeit eine Fremdperspektive mit Hilfe der Cultural Studies einspeist, woran das Plädoyer von Hirschfeld anschließt, dass eine Linke der Zukunft das Soziale selbst erzeugen müsse. Den folgenden Beitrag nennt der Autor im Untertitel ein „Pamphlet über die Notwendigkeit kritischer Bildung in der Jugendarbeit und überall“ und versteht dabei im Anschluss an Heydorn „Bildung als die Entfaltung der Möglichkeiten der Menschen (Gattungspotenz) im und durch das Individuum“ (S. 175 f.), was für Veränderungen in „pädagogischen Kontexten“ auch verlange, „sich zu verändern, seinen eigenen Alltagsverstand kritisch zu hinterfragen und zu lernen“. Für das eigene Leben reiche es zu wissen, „dass der Kapitalismus irgendwie für die Ausbeutung von Mensch und Natur verantwortlich ist. Für pädagogisch verantwortliches Handeln muss man es genauer wissen.“ (S. 181 f.) Dass dem die akademische Ausbildung von SozialarbeiterInnen in der Regel nicht zuträgt, gerade die ‚unternehmerische Hochschule‘ solche Qualifikation mit ihren an neoliberalen Marschbefehlen orientierten Inhalten konterkariert, münde in jenem inzwischen sattsam kritisierten manageriellen Selbstverständnis professioneller SozialarbeiterInnen.

Unter dem Titel „Ganztagsstaat“ wird der Rückbezug auf Politiken hergestellt, solche Reformen auf den Prüfstand gestellt, die auf Modellierung des Sozialisationstyps bzw. Sozialcharakters mit neoliberalen, vulgo: unternehmerischen Zügen zielen. Dass es auch anders geht, wird in der Folge an der möglichen Vernetzung von kritischer Bildung in Schule und Sozialer Arbeit demonstriert, ein Ansatzpunkt auch, um dem Problem von ‚Schulverweigerern‘ sinnvoll zu begegnen, was Ausgangspunkt des nächsten Beitrages ist, der auf einem Vortrag beruht, dem eine weitere Botschaft ein Anliegen war: Wiederholt wird betont und argumentativ ausgewiesen, von welcher Relevanz Selbstkritik in kritisch orientierten Bildungsprozessen ist – ein Appell, der nach eigenem Bekunden dem Autor sehr wichtig ist. Wohl daher ist der abschließende Beitrag „Gramscis Heimat“ betitelt (der, so Hirschfeld, auch am Anfang hätte stehen können), weil in Gramscis Persönlichkeit und - fragmentarischem – Werk „eine produktive Haltung zu sich und zu den Erfordernissen seiner Zeit“ zusammenflössen, „die Haltung radikaler, hegemoniefähiger Kritik“, was dessen „Heimat“ gebildet habe (S. 246), wiewohl ihm das „Leben (…) keinen Schutz“ geboten habe „und die Welt (…) ihm kein Heim“ war. (S. 239)

Diskussion

Alle Beiträge zeugen nicht nur von intimer Kenntnis des Verfassers über Theorie und vor allem Praxis Sozialer Arbeit und seine Kritiken sind pointiert und schnörkellos, von hoher Überzeugungskraft, wenngleich deren theoretische Fundierung diskussionswürdig scheint. Die Rückversicherungen bei Gramsci, die an die vom Autor zitierten frühen Arbeiten von Karin Priester erinnern, zeigen, wie sehr er sich an einem „Teil des Faszinosums ‚Gramsci‘“ orientiert. Womöglich hat ihn das an etlichen Stellen gerade im Hinblick auf ‚Widersprüche‘ politökonomische Erklärungen vernachlässigen lassen, was ein wenig bedauerlich ist, zumal der Verfasser selbst betont, dass „man es genauer wissen“ sollte. (s.o.) Nicht nur bei Adorno, vor allem bei Haug und auch Negt, die er wie viele andere AutorInnen rezipiert hat, hätte Hirschfeld Impulse beziehen können. Für die Beiträge wird analytischer Anspruch erhoben, er ist ihnen auch nicht abzusprechen, für eine kritische wissenschaftliche Diskussion wünscht man sich jedoch deutlichere theoretische Erklärung, was ganz im Sinne des Verfassers sein dürfte. Da die Beiträge jedoch wie eine Mischform aus Essayistik und fachwissenschaftlichen Artikeln anmuten und so wohl auch für den Zweck des Aufklärens über das Spannungsfeld, in dem Soziale Arbeit zwischen ‚Verwaltung‘ und ‚Emanzipation‘ steht, konzipiert sind, bleibt dieser Diskussionspunkt eher marginal.

Fazit

Der Band richtet sich an Studierende, DozentInnen und PraktikerInnen im Sozial- und Bildungswesen. Zumal für Studierende ist er eine wichtige Handreichung in dem Sinne, dass sie sich über die Lektüre gegen die üblichen ‚Praxisschocks‘ wappnen können, ihnen hilft, ein ‚emanzipatorisches Berufsethos‘ zu bewahren, das sie motiviert haben mag, das durch die Berufsrealität unterhöhlt werden kann, nicht muss: Wo Überforderungen eintreten, ist etwa ‚managerielle Maskerade‘ nicht zwingend die Lösung für ‚Selbstschutz‘. Diese Botschaft des Buches richtet sich auch und besonders an PraktikerInnen, hilft ihnen beim Nachdenken über ihr Tun: was sie wollten und wozu sie andererseits durch eine kritikwürdige Realität zu tun gezwungen sind (oder scheinen). DozentInnen bietet er Einblick in und eröffnet Bezugnahme auf Praxisfelder und -bereiche, die sie ggf. gegen den Strich des curricular Vorgeschriebenen (und sei es in Form des ‚heimlichen Curriculums‘) aufnehmen könnten. Dem Anspruch auf Konturierung einer politischen Theorie Sozialer Arbeit wird der Verfasser gerecht und eröffnet Anschlussdiskussionen.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 21.05.2015 zu: Uwe Hirschfeld: Beiträge zur politischen Theorie Sozialer Arbeit. Argument Verlag (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-86754-809-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18545.php, Datum des Zugriffs 31.05.2020.


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