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Margret Dörr, Cornelia Füssenhäuser u.a. (Hrsg.): Biografie und Lebenswelt

Cover Margret Dörr, Cornelia Füssenhäuser, Heidrun Schulze (Hrsg.): Biografie und Lebenswelt. Perspektiven einer kritischen Sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 226 Seiten. ISBN 978-3-658-03834-2. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

In insgesamt zwölf Einzelbeiträgen nebst Einleitung werden die Begriffe Biografie und Lebenswelt theoretisch ausgelotet und auf diesem Hintergrund für die (emanzipatorische) Praxis einer Kritischen Sozialen Arbeit an verschiedenen Gegenstandsbereichen diskutiert, wobei sich das Augenmerk auch auf eine kritische Selbstreflexion der Forschungsdesigns wie des Forschungsprozesses gerade im Hinblick auf empirische Methoden richtet. Somit geht es um Fragen der Konstruktion und Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit seitens der Klientel wie der ForscherInnen und nicht zuletzt der SozialarbeiterInnen.

Aufbau

Der Band ist in drei Teile untergliedert, die sich theoretischen Perspektiven einer biographie- und lebensweltorientierten Sozialen Arbeit und ebenso Perspektiven diesbezüglicher Forschung für eine Kritische Soziale Arbeit widmen, um schließlich Einblicke in eben biographie- und lebensweltorientierte Forschung und Praxis zu geben.

Inhalt

Was die Herausgeberinnen Dörr und Füssenhäuser in ihrer Einleitung mit Blick auf schwieriger gewordene Identitätsvergewisserung unter zu naturalisierenden, gleichwohl aber prekären bis unerträglichen Existenzbedingungen eingangs als Frage formulieren, darf als programmatisch für alle Beiträge gelten: Angesichts des Verlustes von „Hintergrundsicherheit“ sind von Kritischer, d.h. lebensweltorientierter Sozialer Arbeit „Anforderungen und Gestaltungsperspektiven“ in den Blick zu nehmen und zu bearbeiten, wobei zugleich Soziale Arbeit als „lebensweltliche Seite des Sozialpolitischen“ zum Thema wird. An solche Frage nach „neuen Aufgaben in einem veränderten gesellschaftlichen Raum“ schließen die Herausgeberinnen an: „Zeigt sich nicht hier gerade die Möglichkeit und Notwendigkeit der Kritik, der kritischen Aufklärung gesellschaftlicher Bedingungen und Verflechtungen, einer deutlicheren Betonung des gesellschaftskritischen Momentes neben der notwendigen Orientierung an der Subjekthaftigkeit des Menschen?“ (S. 2) Im Sinne einer positiven Beantwortung dieser Fragen habe Kritische Soziale Arbeit den Alltag des „Einzelnen in seinen Widersprüchen und (verschütteten) Hoffnungen (…) zum kritischen Bezugs- und Ausgangspunkt“ zu nehmen, und zwar im Sinne „einer bewältigungsorientierten Unterstützung zur ‚Selbsthilfe‘.“ (S. 12) Dass eine alltags- und lebensweltorientierte Kritische Soziale Arbeit zumal da, wo sie mit „Krisenerfahrungen von Menschen“ aus einem „Zusammenbrechen alltäglicher Handlungsmuster und Sicherheiten“ befasst ist (S. 13), „immer auch eine kritische Gesellschaftstheorie“ als Bezugspunkt braucht (S. 10), dabei aber nicht auf „Institutionen- und/oder Gesellschaftskritik“ verengt bleibt (S. 12), erlaube und verlange von ihr eine theoretischen wie praktisch folgewirksamen Nachweis, dass der Alltag „immer auch nicht-sichtbare Protestpotentiale und verdeckte Hoffnungen“ enthalte (S. 11) – kurzum: „Im Alltag liegt kritisches Potential, Protestpotential.“ (S. 10) Dazu rekurrieren sie auf die Marxsche Begrifflichkeit von Wesen und Erscheinung (in der Rezeption von Kosik) und betonen (mit Thiersch), dass sich „im Alltag auch das Wesen zeigt“: „In der Doppelbödigkeit des Alltags, in der das Subjekt aufgrund der alltäglichen Handlungszwänge immer wieder zum Opfer seiner Routinen und unfrei wird, realisiert sich dabei immer auch die Option der Befreiung und Selbstrealisation des Subjekts aus diesen Zwängen“. (S. 10 f.) Da insoweit in der Alltags- und Lebensweltorientierung „sowohl auf konkrete Lebensverhältnisse als auch auf real bestehende Produktionsverhältnisse“ verwiesen sei, gelte es daran anschließend, „auch Widerständigkeit und Protestpotential zu mobilisieren gegen sozialstrukturelle Zumutungen, die sich nicht in Routinen auflösen lassen“. Auf diesem Hintergrund stelle sich für die BeiträgerInnen des Bandes die Frage, „worin sich das kritische Moment der Alltags- und/oder Lebensweltorientierung zeigt, aber auch in welchem Verhältnis zu gesellschaftstheoretischen und polit-ökonomischen Fragestellungen sie sich selbst sieht.“ (S.13)

So kreisen die einzelnen Beiträge im ersten Teil um Kritische Alltagstheorie, dabei i.w.S. um Struktur und Erscheinungsform, um aus deren dialektischem Verhältnis über Kritik nicht nur soziale Wirklichkeit besser zu begreifen, sondern auch um Strategien für sozialarbeiterische Interventionen zu entwickeln. (s. Susanne Maurer) Was alles (bis in das ‚Leibbewusstsein‘) im Wege steht, sich selbst (nach Maßgabe des Möglichen) zu verwirklichen, ist als Aufklärungsarbeit prominente Aufgabe Kritischer Sozialer Arbeit. (s. Michael May) Organisationen sind oft zäh und unflexibel und ihre Art der ‚Steuerung‘ wird einer Lebensweltorientierung nicht gerecht. Demgegenüber ist ‚Selbststeuerung‘ zu favorisieren, was auch heißt, Verantwortungsübernahme seitens der Betroffenen. (s. Klaus Grunwald) Eine Zusammenschau von Bildung mit Sinnlichkeit und Leiblichkeit ist vonnöten, um die Prozesse von Sinngebung bzw. -bildung zu verstehen und über Anleitung durch Kritische Soziale Arbeit deren emanzipativen Potentiale freizulegen. (s. Konstanze Wetzel)

Aufmerksamkeit ist Machtverhältnissen und Konfliktursachen im Forschungsprozess selbst zu widmen, um unverstellt bzw. ungetrübt Bedingungen zu erkennen, unter denen Widerstand und/oder Anpassung gegenüber bzw. an institutionelle Vorgaben möglich oder angezeigt ist. (s. Elke Schimpf) Mit diesem Beitrag beginnt der zweite Teil. Lebenswelten (also ausdrücklich nicht im Singular und verstanden wie bei Habermas) sind Orte des Lernens und Umlernens, sind sinnstiftend und der biographische Prozess muss als in sie eingebettet verstanden werden (was Theodor Schulze an einer Fall-Beschreibung verdeutlicht). Gegen Entpolitisierung und Individualisierung von (nicht opportunen) Bewältigungsversuchen gesellschaftlicher Widersprüche und daraus entwachsender Konflikte hat sich die Biographieforschung zu verwahren, um nicht ins Fahrwasser einer affirmativen bis Legitimationswissenschaft zu geraten. (s. Johannes Stehr) Entlang den Erfahrungen mit Schwerstkranken ist die Sicht auf biographische Selbstpräsentation insoweit zu revidieren, als Selbstthematisierungen womöglich auf die je aktuelle Lebenssituation und insbesondere auch auf Einschätzungen zukünftiger Perspektiven aufsatteln. (s. Andreas Hanses, Katrin Heuer, Kathleen Paul)

Exemplarischen Charakter haben die im dritten Teil gebotenen „Einblicke“. Nicht nur, aber auch die Schönheitschirurgie ist Gegenstand, wo es um die historische Veränderung des Körperselbst vs. vormals ‚Leib‘ geht, also das Problem der Trennung von Körper und Selbst, das über Expertenwissen geglättet und dabei in Bahnen gelenkt wird, in denen ggf. widerständige psychophysische Selbstgestaltung zur Körpermodulation verkommt. (s. Regina Klein) Anerkennung im Hinblick auf Bildung ist innerhalb Kritischer Sozialer Arbeit insofern Thema, als Bildung gerade in der Adoleszenz nur dann fruchtet, wenn die Adressaten sich dessen bewusst werden (können), was heißt, dass der Begriff ‚Bildung‘, also auch die Inhalte nebst lebensweltlicher und für Biographien relevanter Bezüge, im Hinblick auf seine normativen Fokussierungen kritisch reflektiert werden muss. (s. Anke Wischmann) Ergebnisse einer zweijährigen Feldforschung mit einer Gruppe gewalttätiger Jugendlicher nötigen, Gewalt als eine Bewältigungsstrategie zu verstehen, und zwar unter biographisch phasenspezifischem Blickwinkel. Auch hier dürfen die Macht- und Herrschafts- bis Dominanzverhältnisse nicht unberücksichtigt bleiben, auf welche die Jugendlichen reagieren, was für die Interaktion im Forschungsprozess belangvoll sein kann (oder sein sollte), als den Betroffenen Partizipationsmöglichkeiten eröffnet werden, die Selbstverständnis anleiten können. (s. Manuela Wresnik) Graffitis, den einen Ärgernis und nur Schmierereien, sind auch als Ausdruck von sozialräumlichen Aneignungsversuchen zu verstehen und sich gegen eine Normalität von Ordnung konfligierend zu positionieren, die vor allem soziale und auch politische Macht repräsentiert. (s. Karl-Heinz Braun, Matthias Elze, Konstanze Wetzel)

Alle hier skizzenhaft vorgestellten Beiträge schließen mehr oder minder in ausführlicher Diskussion an den von den Herausgeberinnen eröffneten Problemhorizont zunächst auf der Ebene der theoretischen Fundierung (nicht nur, aber vor allem von ‚Biographie und Lebenswelt‘) an, um über die Darstellung und kritische Würdigung ihres jeweiligen Gegenstandes solche praktischen Perspektiven zu offerieren, die für eine Kritische Soziale Arbeit ebenso aufklärend wie orientierend sein sollen (und sind).

Diskussion

In welchen Traditionslinien ihr Konzept steht, bekunden die Herausgeberinnen deutlich und verweise auf die frühe „Frauenbewegung“, die „Jugend- und Arbeiterforschung“ und auch die „Reformpädagogik“, die „insgesamt sehr deutlich das Bild gegenwärtiger moderner Sozialer Arbeit, ihre Etablierung, Verberuflichung und Institutionalisierung angeregt haben“, wobei später „alltags- und lebensweltorientierte Fragen“ hinzu gekommen seien, begleitet von einer „Selbstkritik an einer Überpädagogisierung des Lebens durch die Profession selbst“. (S. 9) Was die erweiterte und vertiefte Analyse nicht nur im Hinblick auf empirische Sozialforschung und narrative Interviews betrifft, kommt z.B. bei Stehr sehr klar zum Ausdruck, wenn er resümiert: „Erst die ausreichende Kontextualisierung von Lebensgeschichten und die Analyse der sozialen und situativen Organisation des Erzählprozesses macht ein Verstehen möglich, das keine Vereinnahmung von Lebenswelten darstellt, und somit biographische Forschung zu einer gesellschaftskritischen Forschung werden lassen kann, die die gesellschaftlichen Ungleichheits- und Ausschließungsverhältnisse und die mit ihnen einhergehenden Normalitätskonzepte und Normalisierungspraktiken nicht unreflektiert affirmiert, sondern kritisch hinterfragt und damit den Anforderungen einer gesellschaftskritischen Lebensweltorientierung (…) und einer kritischen Adressatenforschung (…) entsprechen kann.“ (S. 126)

Nicht von Ungefähr ist man an die frühe Studie von 1933 über die „Arbeitslosen von Marienthal“ von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel erinnert, die vergleichbar angelegt und orientiert war. Was den ‚Erzählprozess‘ und das „Nachdenken über Biographie als eine ‚Zentralkategorie Sozialer Arbeit‘“ (S. 2) betrifft, ist an Freuds Bemerkung in einem Brief an Zweig zu erinnern, dass die „biographische Wahrheit (…) nicht zu haben (ist), und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu brauchen.“ Diese Bemerkung hat in der psychoanalytischen Diskussion zu heftigen Kontroversen geführt und hinsichtlich der Erkenntnismöglichkeiten psychoanalytischer Biographik relativiert Volker Kraft: „Die Suche nach der biographischen Wahrheit ist weder sinnlos noch vergeblich.“ Die psychoanalytische Biographik sei durchaus in der Lage, „Interpretationen hervorzubringen, die zwar nicht stets notwendig wahr, zumindest aber wahrscheinlich sind.“ In der ‚Theorie der Dialogizität‘ (Bachtin) wird der (aus psychoanalytischer Sicht plausible) Freudsche Einwand, aber auch jene ‚Wahrscheinlichkeit‘ zumindest annäherungsweise schlüssiger Interpretation mit und unter der Annahme einer nicht nur ‚psychologischen‘ oder nur ‚soziologischen‘, sondern ‚dialogischen‘ Konstituierung des Subjekts thematisch: „Das Selbst des Individuums ist per se polyphon, da es sich innerlich mit alternativen Perspektiven eines historisch-kulturellen Kontexts kontinuierlich auseinandersetzen muss.“ (S. 3, Anm. 2) Gegenüber der nicht so neuen ‚Polyphonie‘ der Subjektkonstitution ist es hier der Fingerzeig auf „alternative Perspektiven“, denen als in Alltagserfahrungen und lebensweltweltlich als aus ggf. „Faktenwissen“ (Dröge) gestifteten von den Herausgeberinnen und den VerfasserInnen für den Zweck einer emanzipatorisch ausgerichteten Kritischen Soziale Arbeit zentral Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Dass die Arbeiten von u.a. Husserl, Schütz, Kosik, nicht zuletzt Thiersch wiederholt Referenzpunkte der AutorInnen sind, illustriert zudem die kritische Erbschaft, in der die wie hier vorgestellte Kritische Soziale Arbeit steht. Vorgedacht vor allem – in lebensphilosophischer Tradition – bei Simmel („sociale Differenzierung“) und Dilthey (Mensch „in der Mannigfaltigkeit seiner Kräfte, dies wollend und fühlend vorstellende Wesen“) wird der Begriff ‚Lebenswelt‘ bei Husserl im Sinne von Aufklärung und Kritik konturiert; in „unserer Lebensnot“, schreibt er in „Die Krisis der Europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“, habe „diese Wissenschaft uns nichts zu sagen“ und schließe Fragen aus, die für „ein echtes Menschentum die entscheidenden sind.“ Angesichts des inzwischen bröselnden Mainstream heutiger Menschen- und Geisteswissenschaften inklusive der Philosophie sind solche Bemerkungen fast schon ein déjà-vu-Erlebnis, signalisieren aber hier auch, welcher Antrieb und welches Erkenntnisinteresse dem Band zugrunde liegt. Ohne in eine Debatte um das Problem einzusteigen, wie begründet Husserl mit seiner Transzendentalphilosophie ‚Entfremdung‘ zu überwinden trachtete, durchweht dieser ‚Geist‘ doch auch den Band und die Beiträge, hier aber auf – soziologisch – dezidierterer Ebene, als die VerfasserInnen sich – im Sinne von Thiersch - auf Spurensuche nach Protest- und Widerstandspotentialen machen, wie sie aus der Widersprüchlichkeit der ökonomischen und eben sozio-ökonomischen Verhältnisse analytisch zu fassen sind. Wo und wie sie biographiegeschichtlich und in Alltagswirklichkeit konkret fassbar werden, wie sie gebrochen, kanalisiert und integriert werden, ist eine weitere Frage, die aufgegriffen wird. Übersehen wird dabei auch nicht, was wissenschaftstheoretisch zu berücksichtigen und forschungsstrategisch umzusetzen ist, nämlich dass, so Kosik in seiner „Dialektik des Konkreten“, in „den ökonomischen Kategorien und ihrer Aufgliederung (…) das gesellschaftliche Sein nicht ‚enthalten‘, sondern viel eher fixiert“ ist, und klar sein muss, „daß die ökonomischen Kategorien historische Formen der Verdinglichung des Menschen sind, und daß sie als Produkte der historischen Praxis nur durch praktische Aktivität überwunden werden können“. Im Sinne der Zeile des Lyrikers Günter Eich: „Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“, will solche Kritische Soziale Arbeit auf emanzipatorische ‚praktische Aktivität‘ jenseits des administrativ gedeckelten Geschäfts von ‚weicher‘ Reintegration in den immer labileren Status quo einer menschenverachtenden Normalität sinnen. So wird auch plausibel, warum sich die HerausgeberInnen (u.a.) auf Lorenzer und seine „Sprachzerstörung“ beziehen, weil sie in dieser frühen Arbeit einen tragfähige Begründung für eine Kritische Soziale Arbeit finden: „Die Einsozialisierung klischeebestimmten Verhaltens dient gesellschaftlichen Zwecken“, schreibt Lorenzer und ergänzt, dass der „Widerspruch zwischen klischeebestimmtem Verhalten und symbolisch vermitteltem Handeln (…) ausbeutbar (ist) als ein die bestehende Ordnung zementierender Sozialisationsfaktor.“ Und in aller Deutlichkeit: „Die Herstellung klischeebestimmten Verhaltens macht die Subjekte disponibel im Dienst einer bestehenden Ordnung; sie blockiert mögliche Diskussionen über diejenigen Handlungsnormen, die dem betreffenden Verhaltenskomplex – hier Kampf – angehören. Kämpferische Auseinandersetzung wird als blinde Aggression von inneren Widersprüchen nach außen abgelenkt. Bestehende Ordnung wird so nicht nur sanktioniert, sie vermag eben die Kräfte, die sich als kämpferische Aktivität gegen sie richten könnten, zu binden und zu ihrer eigenen Stabilisierung zu benutzen. Herrschaftsstrukturen werden so auf Dauer gestellt.“ Solche (Hintergrund-)Überlegung (in ihrer Essenz) durchwehen die verschiedenen Beiträge und sind nicht nur auf ‚gewalttätige Jugendliche‘ (zu denen der Labeling approach schon was zu sagen wusste und immanent das Problem der Exkulpierung von ‚Tätern‘ aufwarf) und Graffiti-Akteure bzw. Sprayer bis ‚Creators‘ zu beziehen – denen schon vor Jahren Baudrillard in „Kool Killer“ testierte, ihre Tags, ihre Bombings etc. würden „als leere Signifikanten (…) in die Sphäre der erfüllten Zeichen der Stadt“ einbrechen, „die sie durch ihre bloße Präsenz auflösen“, und Graffiti seien nicht bloß „Folklore“, „keineswegs eine Flucht in die Zeichen“, sondern eine Radikalisierung „auf dem eigentlich strategischen Terrain, dem Terrain der totalen Manipulation von Codes und Bedeutungen“.

Kritische Soziale Arbeit ist eine Gratwanderung zwischen dem, was den Betroffenen frommt, was den Prozess der Einsicht in Ursachen und Befreiung aus Verstrickungen befördert, was administrative Vorgaben unterläuft oder hintergeht, sich gegen Reintegration in ein im Sinne Adornos ‚falsches Leben‘ verwahrt bis stemmt. Das Problem (als theoretische Begründung für helfendes Tun) ist nicht neu, geläufig nicht nur aus der Anti-Psychiatrie, sondern auch aus der Pädagogik, was sich in den Beiträgen zuhauf zitiert findet. Es schmälert den Wert des Bandes keineswegs, dass an schon längst Diskutiertem und theoretisch Ausgewiesenem angeknüpft wird – weil das Rad nicht neu erfunden, sondern erneut ins Rollen gebracht wird, was überfällig ist.

Fazit

Allein die Einleitung von Margret Dörr und Cornelia Füssenhäuser dürfte Studierenden und DozentInnen der Sozialen Arbeit hinlänglich Stoff für fruchtbare Diskussionen geben, wenn es – wie so oft – um Machbares und das geht, was gemacht werden muss und vor allem warum es gemacht werden muss. Doch alle Beiträge liefern mit ihren jeweiligen Schwerpunkten auch für die allgemeine Pädagogik, insonderheit die Sozialpädagogik, aber auch für die Soziologie und Psychologie Anregungen zum Quer- und Weiterdenken.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 05.08.2015 zu: Margret Dörr, Cornelia Füssenhäuser, Heidrun Schulze (Hrsg.): Biografie und Lebenswelt. Perspektiven einer kritischen Sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-03834-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18547.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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