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Nicole Alfert: Facebook in der sozialen Arbeit

Cover Nicole Alfert: Facebook in der sozialen Arbeit. Aktuelle Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe für eine professionelle Nutzung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 394 Seiten. ISBN 978-3-658-07099-1. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Thema

Das Buch über die professionelle Nutzung der Sozialen Netzwerk Plattform Facebook in der Sozialen Arbeit erhebt den Anspruch erste Fragen daraufhin zu beantworten, ob Facebook im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit einen „sicheren Handlungskontext“ darstellen kann. Es hat einen Überblickscharakter, da es eine kurze Einführung in die Internetentwicklung gibt, Begriffe wie Web 2.0 und Social Web klärt. Weiterhin wird die Geschichte der Sozialen Netzwerk Plattform Facebook kritisch beleuchtet sowie ihre Bedeutung für Heranwachsende in Zeiten einer zunehmenden Mediatisierung jugendlicher Lebenswelten dargestellt. Die Autorin arbeitet den Stellenwert von medienpädagogischen Handeln in der Kinder- und Jugendarbeit heraus und definiert medienkompetentes Handeln auf Facebook mit Hilfe eines erweiterten Verständnisses des Uses-and-Gratifications-Ansatzes (Nutzen-und Bedürfnisansatz).

Das leitende Thema wird forschungsbezogen behandelt. Die Begriffsdefinitionen und die breite Darstellung der Handlungsfelder der Kinder- und Jugendarbeit sowie die Einführung in medienpädagogischen Grundlagen führen zur eigentlichen Forschungsfrage der Autorin hin, „wie eine gelingende und sichere Präsenz einer Einrichtung der Kinder- und Jugendarbeit … gewinnbringend umgesetzt werden kann“. Anhand einer Fragebogenerhebung mit 95 Fachkräften der Jugendhilfe (die überwiegende Mehrheit ist dem Handlungsfeld der Kinder- und Jugendarbeit zuzurechnen), werden Erfahrungen mit Facebook in der beruflichen Nutzung herausgearbeitet und im Blick auf die Forschungsfrage diskutiert und eingeordnet.

Autorin

Dr. Nicole Alfert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Erziehungswissenschaft, Arbeitsbereich Sozialpädagogik, an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Entstehungshintergrund

Der anwendungsbezogene Teil der Veröffentlichung besteht aus einer explorierenden Befragung unter den Teilnehmer_inne_n einer Fachtagung, die im September 2012 in Münster mit dem Titel „Gute Freunde? Social Media und Soziale Arbeit“ vom Jugendinformations- und -bildungszentrum des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Münster durchgeführt wurde. Da auf der Fachtagung auch die Frage verhandelt wurde, „ob sich pädagogische Einrichtungen in den Sozialen Netzwerken positionieren sollen und wenn ja, wie?“ fand die Autorin hier die für ihre Fragestellung geeignete Zielgruppen: Mitarbeiter_innen sozialer Einrichtungen, Führungskräfte, Sozialarbeiter_innen und Sozialpädagog_innen sowie Lehrer_innen.

Aufbau und Inhalt

Mittels einer ausführlichen Einführung zum Stellenwert der sogenannten Neuen Medien (Computer, Internet, Social Media) in der Jugendphase lernt der/die Leser_in wesentliche Schlüsselbegriffe des umfangreichen Themengebietes des Buches kennen: „Mediatisierung“ als „Metaprozess der Moderne“ (S. 18), „digital natives“ (ebd.) als Bezeichnung für die heute wie selbstverständlich mit neuen Medien umgehende junge Generation, „Medienkompetenz“ (S. 19) als Teil der Allgemeinbildung bzw. vierte Kulturtechnik neben Lesen, Schreiben, und Rechnen sowie „digitale Ungleichheit“ (ebd.).

Nach einem kurzen Statement zur geringen Dichte und Tiefe der Literaturlage formuliert die Autorin den Anspruch an die eigene Arbeit: Die „aktuellen Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe der Kinder- und Jugendhilfe in Bezug zum Sozialen Netzwerk Facebook“ (S. 21) herauszuarbeiten.

Das Buch umfasst neben der Einleitung sechs größere Kapitel, wobei sich die ersten drei Kapitel dem Phänomen Facebook als Social Web-Anwendung und ihrer Bedeutung für Heranwachsende widmen. Bleiben die ersten Kapitel deskriptiv, insbesondere auch auf vorliegende strukturelle Daten zur Facebook-Nutzung und -Anwendung bezogen, werden im Kapitel 4 theoretische Aspekte zur Bedeutung von Social Media für Jugendliche herausgestellt und diskutiert. Hier sind für die sozial- und medienpädagogische Arbeit insbesondere folgende Inhalte hervorzuheben:

  • Social Media-Plattformen als neue Sozial-Räume von Heranwachsenden
  • Bewältigung von Entwicklungsaufgaben in diesen neuen (digitalen) Umgebungen
  • Hybridisierung der online-offline-Erfahrungen
  • Motive und Gratifikationen der Facebook-Nutzung Heranwachsender
  • Konvergentes Medienhandeln und crossmediale Nutzungsweisen

Im zweiten Teil der Veröffentlichung wendet sich die Autorin dem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu, das besonders vor der Herausforderung steht, sich mit der zunehmenden Mediatisierung der Lebenswelten von Heranwachsenden auseinanderzusetzen: Der Kinder- und Jugendarbeit. In einem Unterkapitel referiert die Autorin das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendarbeit unter Berücksichtigung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, der Strukturcharakteristika, der Arbeitsprinzipien sowie der Leitlinien und Methoden. Sodann werden die im vierten Kinder- und Jugendbericht des BMFSFJ von 2014 herausgestellten Anforderungen an die Jugendhilfe in Bezug auf den Aspekt der Mediatisierung formuliert sowie weitere Forderungen wie die der Initiative `Keine Bildung ohne Medien´ zusammengefasst. Die Autorin stellt zwei bedeutsame Funktionen heraus, die Soziale Arbeit im Blick auf die zunehmende Mediatisierung übernehmen solle:

  1. Eine Bildungsfunktion – im Sinne einer Initiierung von Medienbildungsprozessen
  2. Eine Hilfefunktion – im Sinne der Eröffnung von Medienbildungschancen

Das 5. Kapitel beinhaltet weiterhin eine Übersicht über medienpädagogische Ansätze und Traditionen sowie eine Begriffsbestimmung von Medienkompetenz. Die Autorin fächert das medienkompetente Handeln mit Facebook in folgende Dimensionen auf: In eine Wissensdimension, eine Bewertungsdimension und eine Handlungsdimension. Auf Basis dieser erworbenen Dimensionen von Medienkompetenz könne ein selbstbestimmtes und reflexives Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagement entwickelt werden (vgl. 206 ff.). Schließlich werden Nutzungsmotive von Heranwachsenden denen der Einrichtungen gegenübergestellt. Die Perspektive wechselt nun auf die Nutzungsmotive und -potentiale der Fachkräfte. Es werden insbesondere u.a. folgende Aspekte herausgestellt, die für eine praktische Nutzung von Relevanz seien:

  • Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten
  • Bekanntmachen von Angeboten
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Weitere Zielgruppen erreichen
  • Mitsprache- und Partizipationsmöglichkeiten bereitstellen
  • Fachlicher Austausch

Das fünfte Kapitel endet mit einer konkret-praktischen Anleitung der „Gestaltung, Navigation und Funktionen einer Seite“ (S. 232 ff.). Auch wird konkret angeleitet, wie „Beiträge, Nachrichten und Inhalte“ (S. 234 ff.) als „Teil der Öffentlichkeitsarbeit“ (S. 236) verfasst, kommuniziert und verwaltet werden. Ebenso werden verschiedene Einstellungsmöglichkeiten aufgeführt, um einen Internetauftritt via Facebook zu verwalten und zu optimieren (S. 237 ff). Schließlich wird darauf hingewiesen, dass auf Seiten der Zielgruppen Sozialer Arbeit, die „eigene Profilgestaltung für Heranwachsende von hoher Bedeutung ist“ (S. 240ff). Die Gratifikationspotentiale und auch Nutzenrisiken sowie medienpädagogischen Herausforderungen von Facebook für diese Zielgruppe werden nochmals wiederholt.

Die Kapitel 6, 7 und 8 beziehen sich auf „das Forschungsprojekt“ (S. 245 ff.), eine explorative Studie zum tatsächlichen Nutzungsverhalten von Fachkräften der Sozialen Arbeit. Die Forschungsfrage, die der Studie zu Grunde liegt, lautet: „Wie wird Facebook in beruflichen Kontexten der Sozialen Arbeit derzeit genutzt, und welche Herausforderungen, Unterstützungsformen und -bedarfe sind auf Seiten der Fachkräfte zu konstatieren?“ (S. 248). Ziel des Forschungsprojektes ist „erste Nutzungsmuster von Facebook in Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendarbeit aufzuzeigen“. Im Rahmen einer quantitativen Befragung mittels eines strukturierten Fragebogens wurden folgende Themenaspekte fokussiert:

  1. Allgemeiner Stellenwert und derzeitige berufliche Nutzung von Facebook
  2. Berufliche Nutzung von Facebook in der eigenen Einrichtung
  3. Unterstützungsformen im Bereich der Facebook-Nutzung in Einrichtungen
  4. Unterstützungsbedarfe im Bereich der Facebook-Nutzung in Einrichtungen
  5. Angaben zur Person und Einrichtung

Bei der Auswertung der Daten wird ein hoher Stellenwert der beruflichen Nutzung von Facebook bei einer gleichzeitig großen Unsicherheit in Bezug auf Fragen des Datenschutzes und der Urheber- und Persönlichkeitsrechte deutlich. Hieraus leitet die Autorin spezifische Unterstützungsbedarfe für Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Blick auf zwei wesentliche Dimensionen ab: Technisch-rechtliche und inhaltlich-konzeptionelle Bedarfe. Deutlichstes Ergebnis sei in einer Aussage zusammenzufassen: „Facebook bietet eine Chance für eine neue Art von Öffentlichkeitsarbeit“ (S. 303).

Im letzten Kapitel des Buchs resümiert die Autorin für den Bereich der Kinder- und Jugendarbeit, „dass dieser nach einer langen Phase der vorherrschenden Skepsis und der Fokussierung auf die Nutzung der AdressatInnen, nach und nach den eigenen Einsatz von Social Media als Chance und neue Möglichkeit des professionellen Handelns für sich zu entdecken scheint und es immer deutlicher wird, dass die Fachkräfte geschult und zielgerichtet ausgebildet werden müssen“ (S. 328). Das Buch endet mit einem mehrseitigen Facebook-Leitfaden für die berufliche Nutzung (S. 329ff) von Facebook vorwiegend im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit mit externen und internen Zielgruppen.

Diskussion

Die deutliche thematische Teilung der vorliegenden Veröffentlichung in Bezug auf die Bildungsherausforderungen von Heranwachsenden, derer sich die Soziale Arbeit im Zuge der zunehmenden Mediatisierung der Lebenswelten von Jugendlichen stellen müsse und diejenige in Richtung eines möglichen Kompetenzerwerbs bei der beruflichen Nutzung auf Seiten der Fachkräfte der Sozialen Arbeit, – vorwiegend im Sinne der Öffentlichkeitsarbeit –, lassen am Ende wenig Raum für konkrete konzeptionell-anwendungsbezogene medienpädagogische Arbeitsansätze und Methoden, die dazu geeignet sind, die Bildungs- und Hilfefunktionen der Kinder- und Jugendarbeit zu veranschaulichen. Gleichwohl kann der zweite Teil der Arbeit als Plädoyer für einen Perspektivenwechsel gesehen werden, in dem vor allem die Fachkräfte der Sozialen Arbeit als wesentliche Zielgruppe herausgestellt werden, auf die sich Medienkompetenzförderung zukünftig richten solle. Dabei ist jedoch anzumerken, dass Öffentlichkeitsarbeit im Sinne einer Public Relation von Non-Profit-Organisationen andere Ziele verfolgen (muss) als die Medienpädagogik, deren wesentliche Zielperspektiven (Selbst)-Bildungsprozesse von Heranwachsenden als auch von Erwachsenen sind, wie die Autorin selbst herausstellt.

Fazit

Aufgrund des Überblickscharakters ist das Buch vor allem für Leser_innen interessant, die eine umfassende Einführung in die allgemeine Fachdebatte über die zunehmende Digitalisierung und Mediatisierung aus medienpädagogischer und -wissenschaftlicher Sicht wünschen. Für diejenigen Leitungspersonen und Praktiker_innen, welche die eigene Facebook-Nutzung oder Nicht-Nutzung einordnen und mögliche Herausforderungen und auch Fallstricke bei der Verwendung von Facebook für die Öffentlichkeitsarbeit kennen lernen wollen, sei der zweite der Teil der Arbeit als Lektüre anempfohlen. Auch werden wesentliche Hinweise für eine mögliche Fortbildung von Mitarbeiter_innen bzw. Anforderungen an die Entwicklung einer konkret-konzeptionellen Ausgestaltung einer Facebook-Seite gegeben. Hinweise daraufhin, wie Facebook als Teil einer auf „Dialog und Beziehungsmanagement mit Prod-Usern“ (Thomas Pleil) ausgerichtete PR – eingebunden in ein Gesamtkonzept einer interaktiv gestalteten Homepage mit weiteren Social Media-Anwendung wie Weblog, Twitter und Co. – genutzt werden kann, sind in der vorliegenden Veröffentlichung nicht zu finden. Gleichwohl liefert die Arbeit wichtige Daten zum Stand der Facebook-Nutzung von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, welche als Forschungsdesiderate für weitere Forschungen in den Feldern der Medienbildung und PR-Arbeit genutzt werden können.


Rezensentin
Prof. Dr. Susanne Lang
Professorin für Jugendarbeit, Jugendbildung und Medienpädagogik an der Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen. Arbeitsschwerpunkte: Social Cultural Studies, Jugend, Migration und Raum sowie diversityorientierte Bildungsforschung.
Homepage slhsma.twoday.net


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Zitiervorschlag
Susanne Lang. Rezension vom 10.07.2015 zu: Nicole Alfert: Facebook in der sozialen Arbeit. Aktuelle Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe für eine professionelle Nutzung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-07099-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18554.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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