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Brigitta Kreß, Annette Mehlhorn (Hrsg.): Füreinander Sorge tragen

Cover Brigitta Kreß, Annette Mehlhorn (Hrsg.): Füreinander Sorge tragen. Religion, Säkularität und Geschlecht in der globalisierten Welt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-3252-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Gegenseitige Sorge ist in allen Glaubensgemeinschaften dieser Welt und den Menschenrechten ein fest verankerter Wert. Geleistet wird sie hauptsächlich von Frauen. Diese werden in den drei großen monotheistischen und patriarchalischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, bis heute meistens als Menschen zweiter Klasse behandelt. Männer, die sich den Rollenvorschriften für ihr Geschlecht nicht beugen, erleben soziale Sanktionen. Der Versuch, die Bedeutung von Fürsorge in einer rasanten demografischen, interkulturellen, religiösen und gleichstellungsreflektierten Entwicklung neu zu definieren, bringt Zusammenhänge zutage, die den Blick auf Theorie und Lebenswirklichkeit schärfen. Die Sozialpolitik kann im Austausch mit (inter)religiösen und säkularen Überlegungen zu tragfähigen Entscheidungen finden. Dieser Band legt Fachwissen, Standpunkte und Argumente aus den unterschiedlichen Sichtweisen vor.

Herausgeberinnen

Brigitta Kreß ist Diplomsoziologin mit dem Schwerpunkt Familiensoziologie und arbeitet als Unternehmensberaterin bei der Firma Balancing Consult in Frankfurt am Main. Sie berät Unternehmen und Institutionen zu dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sowie zum Aufbau von effizientem Gleichstellungs- und Diversitymanagement. Beim Verein „Sarah & Hagar“ ist sie als ehrenamtliches Vorstandsmitglied tätig.

Dr. phil. Annette Mehlhorn ist Theaterpädagogin und (Lehr-)Pfarrerin. Sie war Gründungsmitglied und Vorsitzende des Vereins „Sarah & Hagar“. Seit November 2013 ist sie Pfarrerin der Deutschsprachigen Christlichen Gemeinde in Shanghai.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband entstand in Folge des Kongresses „Füreinander Sorge-Tragen - Religion, Säkularität und Geschlecht in der globalisierten Welt“, der im Herbst 2012 vom Verein „Sarah & Hagar“ durchgeführt wurde.

Aufbau

  1. Vorwort: Kathrin Göring-Eckhardt: Religions- und geschlechtersensible Blickweisen auf das Sorgen: Ein Muss für die Neuausrichtung der Politik
  2. Einführung: Annette Mehldorn und Brigitta Kreß: Religion – Politik – Gender. Unter dem Brennglas von Care
  3. Ute Gerhard: Care als Menschenrecht. Argumente in einem interkulturellen bzw. interreligiösen Dialog
  4. Margrit Brückner Dimensionen des Care-Begriffs. Zwischen Fürsorge, Gerechtigkeit und Eigensinn
  5. Ursula Apitzsch: Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen
  6. Esther Jonas-Märtin: Ehre Vater und Mutter. Eine Spurensuche in jüdischen Quellen
  7. Christine Globig: Care als ethisches Paradigma. Annäherungen aus christlicher Perspektive
  8. Amina Wadud: Islam und Gender im Aufbruch
  9. Chasan Jalda Rebling: Care: jüdische Tradition und moderne Herausforderungen. Erfahrungen und Praxis
  10. Hans Prömper: Sorgende Männer. Eine Frage der Gerechtigkeit
  11. Rabeya Müller: Befreit die muslimischen Männer!
  12. Agnieszka Satola: Das Sorgen Ent-Sorgen? „Als ob sie meine Mutter wäre“ – Gefühls- und Emotionsarbeit bei irregulär beschäftigten polnischen Haushaltshilfen in Deutschland

Inhalt

Vom Verein „Sarah & Hagar“ wurde 2006 ein Impulspapier als Anregung für eine interreligiös verantwortetete Sozialpolitik vorgelegt (epd-Dokumentation 6/2006). Das Papier will Menschen aus der Sozialpolitik, den Religionsgemeinschaften, der Wirtschaft und Wissenschaft dazu auffordern, diese Impulse weiterzuentwickeln und sich für deren Umsetzung einzusetzen. In der Vorbereitung für den Kongress „Füreinander Sorge-Tragen – Religion, Säkularität und Geschlecht in der globalisierten Welt“ (2012) wurde ein Bündel klar definierter Fragen formuliert:

  • Unter welchen Voraussetzungen lassen sich moderne Gleichstellungsforderungen und -gesetze mit den patriarchalen Strukturen der drei großen Schriftreligionen vereinbaren?
  • Weshalb werden diese Religionen weiterhin nach dem Vater jenes Hauses, in dem Sarah und Hagar wohnen, „abrahamisch“ genannt?
  • Wie können Brücken über Abgründe geschlagen werden, die sich zwischen unterschiedlichen Traditionen und Denkkulturen, politischen Haltungen, religiösen oder säkularen Begründungen auftun?
  • Gewalt, Krieg, das Kriegshandwerk überhaupt – ist nicht „Männersache“, nur allzu oft legitimiert durch den Glauben an einen mächtigen Vatergott?
  • Was vereint und was trennt die Frauen aus den drei abrahamischen Religionen?
  • Kann man friedenstiftenden Einfluss eher von innerhalb oder außerhalb der Religionen nehmen?
  • Wie können Frauen ihre Welt- und Lebensliebe, ihren Glauben und ihre Spiritualität leben, wenn sie in ihrer Lebenswelt und Religion als Frau diskriminiert werden?
  • Kann eine freie, selbständig lebende Frau überhaupt authentisch religiös sein?

Diese Fragen sind in ihrer Komplexität umfassend und zum Teil nicht unbekannt. Neu wirken sie in ihrer Konstellation und ihrem Fokus auf das Dreieck Religion – Politik – Gender. Alle drei monotheistischen Religionen beanspruchen, auf wesentlichen Fragen des Zusammenlebens wahre und richtige Antworten geben zu können. Jede verteidigt mit mehr oder weniger Toleranz ihre Position als Weltreligion mit alleinigem Wahrheitsanspruch.So stark sie auch gegeneinander konkurrieren und die Fronten sich verhärten, so einig sind ihre mächtigen Vertreter sich meist im Kern eines Punktes: Frauen gelten als Menschen zweiter Klasse. Der Mann beansprucht das Geburtsrecht auf Vorherrschaft, er behauptet sich als Ebenbild Gottes. Dieser normativen Kraft des Faktischen ist auch die unterschiedliche Bewertung von Produktivarbeit und Reproduktionsarbeit unterworfen. „Liebe“, „Gefühl“ oder „Fürsorge“ gelten in der Welt der großen (Gewalt-)Taten nicht als die weltbewegenden Qualitäten. Ungeachtet des absoluten gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnisses entstanden auf diese Weise tiefe Wunden durch Diskriminierung und Entwertung, körperlich und seelisch, nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern, die sich dieser Ideologie harter Mannbarkeit nicht unterordnen könnten oder wollten. So ist auch die Geschichte der Menschenrechte bislang eine Geschichte der Re-Aktionen auf bereits geschehenes Unheil, in der Frauenrechte bis vor wenigen Jahren Fremdkörper waren.

Mit dem Buch werden die Ergebnisse des obigen Kongresses dokumentiert. Neben den Beiträgen aus Politik- und Sozialwissenschaften von Ute Gerhard, Ursula Apitzsch und Margrit Brückner wurde aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf religiöse Traditionen geschaut und gefragt, wie das Thema Care dort jeweils im Wechselspiel zwischen oft mangelnder Geschlechtergerechtigkeit, Verantwortung und Fürsorge zur Sprache kommt und im Handeln sichtbar wird. In den drei theologischen Beiträgen werfen Esther Jonas-Märtin, Christine Globig und Amina Wadud den Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Geschlechterbeziehungen und Fürsorglichkeit in jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen. Die große Unterschiedlichkeit dieser drei Beiträge zeigt wie verschiedenen die Standorte sind, von denen aus Frauen in den drei Religionen denken und handeln. In dem Beitrag von Esther Jonas-Märtin geht es darum, wie sich traditionelles jüdisches Denken mit einer mit einer modernen emanzipativen Sichtweise verbinden lässt. Der Beitrag aus christlich-feministischer Perspektive beschäftigt sich damit, wie in aufgeklärter Weise mit dem Care-Gedanken säkulare Denkmodelle in theologisches Denken zu integrieren sucht. Amina Wadud widmet sich demgegenüber einem Rundumblick auf den Stand muslimischer feministischer Perspektiven im Irrgarten unterschiedlicher Marginalisierungs- und Polarisierungstendenzen und wirkt der doppelten Diskriminierung von Frauen (Geschlecht und Religionszugehörigkeit) entgegen. Als feministischer muslimischer Grundlagenartikel öffnet er den Horizont auf einen neuen Raum gemeinsamen Nachdenkens zwischen Frauen der drei Religionen.

In den abschließenden vier Beiträgen geht es um die konkrete Alltagspraxis gelingender oder noch ausstehender Gerechtigkeit in praktischen Care-Beziehungen. Auch hier zeigt sich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen von Frauen im Nachdenken über das Thema sind. Jalda Rebling ist an erster Stelle mit der alltagspraktischen Wahrung und Integration jüdischer Traditionen in die Herausforderungen des Care-Notstands beschäftigt. Der Beitrag von Hans Prömper, der in der katholischen Männerarbeit und in der Erwachsenenbildung wurzelt, widmet sich demgegenüber dem Rollenzwang und den harten Restriktionen, die Männer aller Religionszugehörigkeiten erfahren. Gerade dieser Zugang kann so auch von Rabeya Müller im Hinblick auf muslimische Männer der nachwachsenden Generation aufgenommen werden: Befreit die Männer von solchen verklebten, nur vorgeblich in der Tradition unwiederbringlich eingewurzelter Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Agnieszka Satola mutet uns in ihren empirischen Untersuchungen den Blick in die harten Wirklichkeiten des „Care-Drain“ entlang der innereuropäischen Ausbeutungslinien zu.

Zielgruppen

Zielgruppen für das Buch sind TheologInnen, Care-Arbeiterinnen und LeserInnen, die sich für den interreligiösen Dialog und für die Gleichberechtiging von Mann und Frau einsetzen.

Fazit

Es braucht mehr interkulturelle und interreligiöse Dialoge, die den Wertewandel tragen. Die Gleichstellung der Geschlechter und die Frage, auf wessen Schultern die demografisch dringliche Frage nach Pflege und Fürsorge gelegt sein wird, kann nur mit Fachinformation und Praxisbeispielen angegangen werden. Dieser Band bietet Grundlagenwissen zum Sachstand und zeigt die unterschiedlichen religiösen und säkularen Standpunkte auf.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 28.07.2015 zu: Brigitta Kreß, Annette Mehlhorn (Hrsg.): Füreinander Sorge tragen. Religion, Säkularität und Geschlecht in der globalisierten Welt. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3252-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18557.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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