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Britta Sievers, Thomas Severin u.a.: Jugendhilfe - und dann? (Übergänge aus stationärer Erziehungshilfe)

Cover Britta Sievers, Thomas Severin, Maren Zeller: Jugendhilfe - und dann? Zur Gestaltung der Übergänge junger Erwachsener aus stationären Erziehungshilfen - Ein Arbeitsbuch. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2015. 224 Seiten. ISBN 978-3-925146-86-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

In den aktuellen Fachdiskussionen entstehen immer wieder Schwerpunktthemen, die für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe von besonderer Bedeutung sind. Zweifellos gehört in den letzten Jahren das Thema „Care Leaver“ dazu. Gewiss liegt einer der wesentlichen Anlässe dafür in der Fortsetzung der Bildungsdebatte, die ja weit über den Bildungsbereich im engeren Sinne hinausgeht. In dieser Hinsicht ist das Buch dort einzuordnen, wo es um Fragen zu den komplexen Beziehungen zwischen Jugendhilfe, Schule und Arbeitswelt geht.

Entstehungshintergrund und AutorInnen

Das 200 Seiten umfassende Werk ist entstanden im Kontext eines von der „Deutschen Jugendmarke e.V.“ geförderten Projekts zum Thema „Was kommt nach der stationären Jugendhilfe?“, das in den Jahren 2012 – 2014 in Kooperation zwischen der Internationalen Gesellschaft für Erzieherische Hilfen (IGfH) und dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Uni Hildesheim durchgeführt wurde.

Entsprechend kommen die zwei erstgenannten AutorInnen aus diesen Institutionen, Maren Zeller ist inzwischen Juniorprofessorin an der Universität Trier.

Aufbau und Datengrundlage der Untersuchung

Das Kernthema des Werkes betrifft die Frage nach geeigneten Formen der Übergangsbegleitung junger Menschen nach der Heimerziehung.

Das Buch ist in fünf Hauptkapitel mit jeweils 3 – 4 Unterkapitel gegliedert und beruht insgesamt auf umfangreichen Recherchen zu Themen und zur Umsetzungspraxis nach der Beendigung stationärer Erziehungshilfen. In der Einleitung wird zunächst der Kontext der Studie erläutert.

Die Datengrundlage setzt sich u.a. zusammen aus Expertisen von Fachleuten, wissenschaftlichen Studien aus anderen europäischen Ländern, 19 Interviews mit Expert_innen aus dem europäischen Ausland, 47 Telefoninterviews mit deutschen Fachkräften aus Wohngruppen und aus dem Betreuten Wohnen zur Beschreibung der jeweiligen Praxis. Im Rahmen des Projektes und zum Transfer seiner Ergebnisse fanden zwei Expert_innen-Workshops mit Vertreter_innen aus der Fachpraxis statt.

Inhalte

In Kapitel 1 werden die Ausgangsbedingungen für „Care-Leaver“ in Deutschland skizziert. Besondere biografische Herausforderungen im jungen Erwachsenenalter unter aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen werden diskutiert. Es wird verdeutlicht, dass Jugendliche, die unmittelbar aus der Heimerziehung entlassen werden, unter ganz anderen Bedingungen ihr Alltagsleben bewältigen müssen als Jugendliche, die lange in ihrer Familie gelebt haben. Zugleich aber wird auch dargelegt, welche prinzipiellen Chancen das Leben in der Wohngruppe sowie die Unterstützung von Anschlusshilfen für gelingende Problembewältigungen bieten. Statistische Angaben zur Situation der Zielgruppe in Deutschland schließen das Kapitel ab.

Das zweite Kapitel befasst sich mit vier grundlegenden Themen des Übergangs aus den stationären Hilfen in das (mehr oder weniger) eigenständige Leben. Selbständigkeit als elementare Voraussetzung des Lebens in der modernen Gesellschaft umfasst viele Kompetenzen, deren Nicht-Vorhandensein oftmals mit dem Hilfebedarf eng korrespondiert. Bildung wird in einem erweiterten Verständnis als aktive Auseinandersetzung mit aktuellen Lebensaufgaben und eigenen Lebenszielen aufgefasst und der Lebensphase als besondere Aufgabe zugeschrieben.

Was die Verfügbarkeit von Hilfen für junge Volljährige in verschiedenen Bundesländern und Regionen in Deutschland anbetrifft, wird auf die erheblichen Unterschiede verwiesen, die in der Praxis der Jugendämter und der Träger bestehen. Schließlich wird herausgearbeitet, wie schwierig sich zuweilen die Wahrnehmung und Nutzung von Schnittstellen zu anderen Hilfeformen des Sozialsystems (vorwiegend der Berufsförderung und der Grundsicherung) gestalten können.

Das dritte Kapitel benennt die Hauptaufgaben einer Übergangsbegleitung. Das Wohnen im eigenen Wohnraum mit allen damit einhergehenden Verantwortlichkeiten und Herausforderungen, das Einüben lebenspraktischer Fähigkeiten vor dem Hintergrund bestehender biografischer Defizite, der Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen, das Bewältigen eines ungewohnten Arbeitsalltags stellen an das Konzept eines Trägers sowie an die Fähigkeiten der Fachkräfte hohe Anforderungen.

Im vierten Kapitel werden nochmals – vorwiegend auch unter Berücksichtigung von internationalen Befunden – weiterreichende Ansätze und Konzepte vorgestellt, bevor abschließend in Kapitel 5 die Forderungen für eine verbesserte Praxis knapp zusammengefasst werden.

Fazit

Das Buch stellt eine sehr vielfältige und detailreiche Einführung in das fachlich oftmals noch vernachlässigte Arbeitsfeld dar. Die Thematik wird sehr gut strukturiert, jeder Kernaspekt wird intensiv bearbeitet. Eine besondere Stärke des Werkes liegt vor allem in der Veranschaulichung der Kernthemen durch zahlreiche Beispiele aus den Interviews. Die verschieden Praxen werden exemplarisch beschrieben. Der Blick über die deutschen Grenzen hinaus erweitert die Palette von Möglichkeiten erheblich und stellt manche Regelungen in der gängigen Jugendhilfe in Deutschland in Frage.

Zugleich ist natürlich zu erkennen, dass internationale Vergleiche schwierig sind, weil in einer eng gefassten Untersuchung die Spezifitäten einer fremden (juristischen und organisatorischen) Sozial- und Hilfekultur nicht gänzlich abgebildet werden können. Diese Begrenzungen hätten klarer benannt werden können. An manchen Stellen erscheinen die Ausführungen etwas redundant, insbesondere was die Grundforderung nach angemesseneren Hilfeformen anbetrifft. Insgesamt stellt das Werk ein engagiertes und fachlich sehr gut belegtes Plädoyer für ein Umdenken in Bezug auf die Lebenslage und die Unterstützungsnotwendigkeit von „Care Leaver“ dar.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 20.05.2016 zu: Britta Sievers, Thomas Severin, Maren Zeller: Jugendhilfe - und dann? Zur Gestaltung der Übergänge junger Erwachsener aus stationären Erziehungshilfen - Ein Arbeitsbuch. Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-925146-86-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18560.php, Datum des Zugriffs 25.09.2017.


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