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Robert Gräfe, Marius Harring u.a. (Hrsg.): Körper und Bewegung in der Jugendbildung

Cover Robert Gräfe, Marius Harring, Matthias D. Witte (Hrsg.): Körper und Bewegung in der Jugendbildung. Interdisziplinäre Perspektiven. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. 210 Seiten. ISBN 978-3-8340-1435-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Die Herausgeber gehen davon aus, dass „Körper und Bewegung“ sowohl in der Schule wie auch der Jugendarbeit als vernachlässigte Dimensionen gelten können. Die Herausgeber greifen insgesamt ein äußerst wichtiges Thema auf, das sich im alltäglichen Umgang mit Jugendlichen ständig aufdrängt und unhintergehbar ist, aber in der durch disziplinäre Engführung geprägten Jugendforschung nur marginal einbezogen wird. In der Adoleszenz werden Jugendliche speziell durch körperliche Entwicklungs- und Reifungsprozesse vor bedeutsame Herausforderungen gestellt. Den Körper gilt es neu zu bewohnen und es gilt, eine neue Balance zwischen inneren Veränderungen und äußeren Anforderungen herzustellen. Die Identitätsarbeit bzw. Bewältigungsarbeit im Jugendalter wird durch körperliche Entwicklungen und Umbrüche angetrieben, sie nimmt eine Reihe von Jahren in Anspruch. Jugendarbeit beschäftigt sich angesichts ihres Angewiesen Seins auf die Zustimmung der Jugendlichen zu ihren Angeboten schon immer mehr mit den pubertären Spannungen und Wandlungen als Schule. Das kommt teilweise auch in der Fachliteratur zum Ausdruck. Im Vergleich dazu dominieren in der schulischen Praxis weiterhin die unterschiedlichsten Strategien, Pubertät zu übergehen. Doch auch der Jugendarbeit attestieren die Herausgeber eine eher randständige Thematisierung von Körper und Bewegung, wie sich an einschlägigen Handbüchern ablesen lasse. Für die Schule erinnern die Herausgeber an Horst Rumpf, der schon 1981 die „übergangene Sinnlichkeit“ (10) kritisiert habe und dennoch sei Schule von einer Einbeziehung leib-seelischer Dimensionen weit entfernt.

Neben diesem Kernthema des Bandes verfolgen die Herausgeber ein für sie mindestens ebenso wichtiges zweites Thema, das man vom Titel des Buches her nicht unbedingt ahnt. In ihrem thematischen Aufriss stellen die Herausgeber ihr Verständnis von „Jugendbildung“ heraus. Sie grenzen sich von einer Gleichsetzung dieses Begriffs mit dem außerschulischen Bereich ab und möchten „Jugendbildung“ als „überinstitutionell“ verstehen und damit auch für die Schule reklamieren. Die Schule habe neben der Verpflichtung zur fächerbezogenen Kompetenzvermittlung auch „den politischen Auftrag zur Wissensvermittlung und Qualifizierung“ (8). Sie könne – so formulieren die Herausgeber mit Vorsicht – einen Beitrag zur Emanzipation des Menschen leisten; das Subjekt soll dementsprechend im Fokus von Bildungsprozessen stehen und nicht die Institution, weder Schule noch Jugendarbeit. Auf dieses Verständnis von Jugendbildung im Sinne eines integrativen Begriffs wird im Buch immer wieder eingegangen, besonders im Beitrag von Harring.

Herausgeber

Alle drei Herausgeber Robert Gräfe, Marius Harring, Matthias D. Witte sind am Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beschäftigt, Gräfe als wiss. Mitarbeiter, Harring als Juniorprofessor und Witte als Professor.

Aufbau und Inhalt

In einem ersten Teil des Bandes geht es um historische Aspekte. Ferchhoff arbeitet heraus, der Wandervogel habe die Bewegung bereits in den ersten Jahren des 20. Jhd. in den Vordergrund gerückt und habe wesentliche Anteile daran, dass sich in der Gesellschaft ein neues Verständnis von Körperlichkeit herausbilden konnte. Hafeneger durchleuchtet die Geschichte der körperlichen Gewalt in familialer und öffentlicher Erziehung und Bildung. Der Körper von Kindern wird im gewaltsamen Umgang zu einer „Verfügungsmasse“ und hat fremden Gesetzen und Dynamiken zu folgen (41). Hafeneger macht deutlich, dass diese Verdinglichung des Körpers mit einer subjektorientierten Pädagogik vollkommen unvereinbar ist.

In einem zweiten Teil, den theoretischen Perspektiven, werden erstens der Körper als konstitutives Moment der Identitätsbildung herausgearbeitet (Abraham), zweitens die mittels Bewegung sich entfaltende Selbst- und Welterfahrung und damit die Bildungsdimensionen aufgeschlossen (Bietz) und drittens die soziologische Perspektive des Körper-Habens und Leib-Seins in einem leibphänomenologischen Sinn dargelegt (Niekrenz). Die soziologische Perspektive wird hiermit explizit thematisiert, demgegenüber findet sich die psychologische Perspektive (weniger deutlich) im ersten der drei Theoriebeiträge, den man als einen multiperspektivischen verstehen kann.

Die Teile drei und vier des Bandes widmen sich der Rolle von Körper und Bewegung zum einen in der „schulischen Jugendbildung“ und zum anderen in der „außerschulischen Jugendbildung“. Beide Teile werden je durch einen Beitrag von einem der Herausgeber eingeleitet. Harring arbeitet in seinem Text die Positionierung heraus, auch schulische Pädagogik als „Jugendbildung“ zu fassen. Er geht von den gesellschaftlichen Veränderungen aus, die eine Entwicklung zur Ganztagsschule und eine Öffnung von Schule hin zur Lebenswelt befördern. Die fachliche Debatte der vergangenen Jahre hat den Bildungsbegriff neu vermessen und einerseits verkündet, Bildung sei mehr als Schule, auf der anderen Seite zugleich gezeigt, Schule sei mehr als formale Bildung. Denn in der täglichen Kommunikation und Interaktion vollzieht sich informelle Bildung auf vielfältige Weise eben auch in der Schule. In einer flächendeckenden Zusammenarbeit von Jugendarbeit und Schule sieht Harring den „Ausgangspunkt für eine schulische Jugendbildung“ (87) sowie eine Bereicherung für beide Einrichtungen.

Die anschließenden Beiträge thematisieren – vorrangig auf empirischer Grundlage – bewegungsorientierte Elemente im ganztägigen Lernen(Laging), körperliche Interaktionen zwischen SchülerInnen und LehrerInnen (Langer), Umgangsweisen mit körperlich geschädigten SchülerInnen (Bretländer) und last but not least Bildungsdimensionen des Wanderns und Reisens (Gräfe).

Witte beschäftigt sich in seinem Einleitungsbeitrag zur außerschulischen Jugendbildung mit den Praxen der Jugendhilfe. Er kann dazu auf Interviews seiner Studierenden in diversen Lehrforschungsprojekten zurückgreifen. Eine Analyse der Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen weist vier idealtypische Felder aus, in denen Heranwachsende körperbezogen aktiv sind: (a) Sport, (b) Musik und Tanz, (c) Abenteuer und Erlebnis, (d) Handwerken, Handarbeit und körperliche Arbeit (141). Diese Körper- und Bewegungsfelder verfügen jeweils über gewisse Grundcharakteristika – beispielsweise die Zwischenleiblichkeit in Teamsportarten. Die aufgegriffenen Grundthemen spielen in unterschiedlichen Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe eine Rolle, auch wenn sie teilweise unter einem anderen Label fungieren. Witte hat damit ein hilfreiches Einteilungsmuster vorgelegt. Nebenbei gesagt, die Praxisauswertungen zeigen auch, dass die Jugendhilfe sehr wohl körper- und bewegungsorientiert arbeitet und die im thematischen Aufriss des Bandes beklagte randständige Thematisierung wesentlich die Fachliteratur und weniger die Praxis betrifft. Witte schlägt in seinem Ausblick den Bogen zum emanzipatorischen Auftrag der Jugendarbeit und ihrer Zurverfügungstellung von „Möglichkeitsräumen“ für Identitätsentwicklung und Wirksamkeitserfahrungen. Diese Möglichkeitsräume müssen auch auf Körpererfahrungen ausgerichtet sein und Bewegung einschließen.

Die anschließenden Beiträge thematisieren die Bedeutung der Körper- und Bewegungsorientierung für die Gesundheit (Homfeldt), die Potentiale der Sportvereinsarbeit für Jugendliche mit Migrationsgeschichte (Zender), die jugendlichen Bewegungskulturen BMX und Surfen (Schwier), die Auswirkungen des Ganztagsschulbesuchs auf das außerschulische Sportverhalten (Züchner) und abschließend die Konturen einer körperorientierten Jugendarbeit mit sozial Benachteiligten (Schäfer). Dieser abschließende Aufsatz argumentiert auf sozialisationstheoretischer Grundlage und kann als wichtige Ergänzung des Theorieteils (Teil zwei des Bandes) angesehen werden.

Diskussion

Moderne Bildung müsse in der Verzahnung von Jugendarbeit und Schule organisiert werden, so das Credo vieler Initiativen zur Entwicklung von Bildungslandschaften der Gebietskörperschaften auf kommunaler und Kreisebene in den vergangenen Jahren. Harring beschreibt – aufbauend auf den thematischen Aufriss der Herausgebergruppe – die gelingende Kooperation als eine Voraussetzung dafür, dass eine „auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler ausgerichtete Jugendbildung“ (88) den ganzheitlichen Anforderungen von Bildung gerecht werden könne. Doch die Hindernisse werden in seinem Beitrag nur angedeutet, wenn die Selektionsfunktion und Selektionsrealität von Schule (anstelle bedürfnisorientierter Schüler/innen-Arbeit) nur in einem Nebensatz Erwähnung findet (87). Zudem zeigen viele Praxiserfahrungen und Evaluationen, dass die erforderliche „gleiche Augenhöhe“ zwischen den Kooperationspartnern eher zu den seltenen Ausnahmen gehört. Die Eigenständigkeit von Jugendarbeit und ihre Anerkennung als Partner, der nicht sukzessive in Schule „eingegliedert“ wird, ist als Grundvoraussetzung für die von Harring geforderte gelingende Kooperation anzusehen. Da diese Eigenständigkeit unter derzeitigen Kooperationsbedingungen und Praxen eher bedroht erscheint, muss Jugendarbeit sich geradezu darum bemühen, „Jugendbildung“ als ihr Alleinstellungsmerkmal herauszustellen.

Fazit

Die Herausgeber greifen ein zentrales Thema der Jugendpädagogik auf, das in Teilen der Praxis zwar auf eine lange Tradition und vielfältige Aktivitäten blicken kann, jedoch in der empirischen Erfassung und theoretischen Aufbereitung erheblichen Nachholbedarf hat und allenfalls in den jeweiligen Spezialdisziplinen oder Bindestrich-Pädagogiken, wie der Abenteuer-Pädagogik, intensiv debattiert wird. Nachdem der Körper in seiner Bedeutung für Bildungs- und Sozialisationsprozessen vor allem von der Soziologie in den vergangenen Jahren verstärkt aufgegriffen wurde und diverse Grundlagenbeiträge über Körper und Bildung hervorgebracht hat (s. „Jugend und Körper“ von Niekrenz/Witte sowie „Die Bildung des Körpers“ von Bilstein und Brumlik), ist die weitere Hinwendung zur Praxis und einer praxisbezogenen Theoriebildung, wie sie im vorliegenden Band, konsequent. Die verschiedenen Beiträge sind interdisziplinär angelegt und geben – das ist besonders hervorzuheben – empirisch basierte Einblicke in einzelne Praxisfelder sowohl der schulischen wie der außerschulischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Allerdings bleibt anzumerken, dass tiefenpsychologische Perspektiven, die einen inneren Zugang zum Körper ermöglichen, in den Beiträgen allenfalls aufscheinen, aber keinen eigenen Beitrag erhalten haben. Entsprechend können die Leser möglicherweise nicht ganz ermessen, welches theoretische Konzept hinter der Idee vom „Möglichkeitsraum“ steckt, den Vera King so eingehend thematisiert. Und die spezielle Aufdringlichkeit des Körpers in der Adoleszenz unter Einbeziehung der sexuellen Entwicklungsprozesse wird aus meiner Sicht zu wenig beleuchtet. Dennoch handelt es sich insgesamt ein ertragreiches und anregendes Buch, das auch die Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit in diesem Feld befördern wird.


Rezensent
Prof. Dr. Achim Schröder
Jugend- und Bildungsforscher mit den Schwerpunkten Adoleszenz und politische Jugendbildung http://www.sozarb.h-da.de/politische-jugendbildung https://twitter.com/achschroeder
Homepage www.fbs.h-da.de


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Zitiervorschlag
Achim Schröder. Rezension vom 12.01.2016 zu: Robert Gräfe, Marius Harring, Matthias D. Witte (Hrsg.): Körper und Bewegung in der Jugendbildung. Interdisziplinäre Perspektiven. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2015. ISBN 978-3-8340-1435-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18566.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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