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Axel Pohl: Konstruktion von »Ethnizität« und »Benachteiligung«

Cover Axel Pohl: Konstruktion von »Ethnizität« und »Benachteiligung«. Eine international vergleichende Untersuchung von Unterstützungssystemen im Übergang Schule – Beruf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-3231-4. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Autor

Axel Pohl, Jg. 1968, Dr. rer. soc., Dipl.-Päd., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für regionale Innovation und Sozialforschung e.V. in Tübingen. Seine Schwerpunkte sind Übergänge in Arbeit, Pädagogik in der Migrationsgesellschaft und international vergleichende Sozialpädagogik.

Das vorliegende Buch ist ein Beitrag im Rahmen der Übergangs- und Bewältigungsforschung, herausgegeben von Andreas Oehme, Barbara Stauder, Inga Truschkat, Andreas Walther.

Thema

Im Vorspann der Einleitung schreibt der Autor: „Ich [untersuche] die Unterstützungssysteme für bildungsbenachteiligte Jugendliche in England und Frankreich, weil ich herausfinden möchte, wie ‚Ethnizität‘ als soziale Differenz im jeweiligen Kontext konstruiert wird. Dabei geht es mir darum, zu zeigen, wie die Strukturen sozialer Ungleichheit im Übergang in die Arbeitswelt mit den institutionellen Arrangements, den Diskursen und den Praxen der Übergangssysteme verwoben sind“ (S. 13; vgl. auch S. 231).

Der Genese der Fragestellung folgt die Fragestellung selbst und das Ziel der Untersuchung. Wenn in vielen Untersuchungen bislang der Fokus auf die „Defizite“ der migrantischen Individuen gerichtet war und Ansätze existieren, „die die mangelnde sprachliche und kulturelle Anpassung der Einwandererfamilien als Gründe der Bildungsbenachteiligung hervorheben“ (S. 18), so will der Autor mit seiner Untersuchung „den Fokus auf die Strukturen statt die Individuen richten“ und mittels internationalem Vergleich „herausarbeiten, wie … die institutionellen Arrangements, Diskurse und Praxen mit den Prozessen der Produktion von Differenz zusammenhängen“ (S. 16). Es geht ihm aber auch um „sozialpädagogische Theoriebildung im Bereich der Unterstützung von Bildungsbenachteiligten“, indem institutionelle Definitions- und Deutungsweisen in ihrer Auswirkung auf das Verständnis und die Produktion von sozialer Ungleichheit hinterfragt werden und wie die professionelle Fachlichkeit von Sozialpädagogen in diesem Bereich mit dem reflexiven Umgang mit Differenz zu verknüpfen ist.

„Methodischer Ansatz der Untersuchung war eine qualitative Mehrebenenanalyse der Unterstützungssysteme für bildungsbenachteiligte junge Männer und Frauen in Frankreich und England, bei der die Strukturen der Unterstützungssysteme, deren Einbettung in die Entwicklung nationaler Diskurse zu ‚Ethnizität‘ und ‚Benachteiligung‘ sowie eine Rekonstruktion von sozialen Praxen und Handlungsbegründungen von Fachkräften in Unterstützungsmaßnahmen untersucht werden“ (S. 231).

Es wird ein komplexes Thema angegangen, das theoretisch prozesshaft angelegt ist, aus vielfachen Untersuchungen seine Fragestellungen und Zielrichtungen bezieht und ableitet und dann methodisch mehrere Ebenen berücksichtigt, die zunächst literarisch und metaanalytisch sowie empirisch mit qualitativen (narrativen) Interviews erschlossen werden sollen.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die überarbeitete Fassung der Dissertation des Autors. Damit scheint zumindest auch die Zielgruppe der Leser angedeutet: die wissenschaftliche Gemeinde, die mit dieser Thematik befasst ist. Diese Eingrenzung erklärt möglicherweise auch den gewählten sprachlichen Duktus – et vice versa. Im Klartext: das Buch ist nicht gerade einfach zu lesen.

Aufbau

Dem Aufbau widmet der Autor ein eigenes, kurzes Kapitel (1.3, S. 22-23): Den „Annäherungen an das Feld der vergleichenden Untersuchung der Produktion von ‚Ethnizität‘ in Übergangshilfen“ (Kap. 2) mit dem Stand der vergleichenden Forschung zu „ethnischen“ Ungleichheiten folgt „die eigene Untersuchung: Gegenstandsbestimmung und Untersuchungsansatz“ (Kap. 3) mit der Deklarierung der auf mehreren Ebenen begründeten Herangehensweise, die theoretische Fassung der Unterstützungssysteme mittels Übergangsregimes und die Konstruktion von Ethnizität und Benachteiligung. Kap. 4 und 5 (S. 89-166) widmen sich Frankreich und England (UK) mit ihren Übergangssystemen und ihrem Umgang mit der „nationalen“ Definition von Ethnizität. Nach der Zwischenreflektion, die die beiden Länder vergleicht und die wesentlichen Unterschiede herausarbeitet (Kap. 6), wird die Ebene der Praxis der Sozialen Arbeit mittels Interviews untersucht und ausgewertet (Kap. 7, S. 181-230). Das Schlusskapitel (Kap. 8) resümiert, beantwortet die Fragestellung und gibt einen Ausblick auf weitere Forschung.

Wenn man die einzelnen Kapitel zu übergeordneten Teilen zusammenfassen möchte, dann besteht Teil 1 (Kap. 2 und 3) aus dem großen und breiten theoretischen wie methodischen Zugang als Rahmen, der zur Begründung der komplexen Fragestellung und des Vorgehens nötig ist.

Teil 2 (Kap. 4 und 5) bietet den strukturellen, nämlich nationalen Hintergrund, den länderspezifischen Kontext, vor und mit dem der Sozialarbeiter – quasi als Rahmenbedingung – arbeiten muss bzw. ihn reflektieren kann.

Teil 3 (Kap. 6-8) leitet mit Kap. 6 (S. 167-180) zum empirischen Teil über, der (Kap. 7, S. 181-230) die in beiden Ländern durchgeführten Interviews methodisch begründet und inhaltlich darstellt sowie die Ergebnisse interpretiert bzgl. der „Konstruktion von Ethnizität und Benachteiligung“ und so das professionelle Handeln der Sozialarbeiter – im Vergleich der beiden untersuchten Länder - reflektiert und zu erklären versucht.

Inhalt

Die Annäherung des Autors an sein Thema geschieht auf mehreren Ebenen und auf unterschiedliche Weise. Es werden vorliegende Studien herangezogen und bzgl. der Thematik (Kategorisierungen; Ethnizität) ausgewertet, interpretiert und analysiert, wie mit Ungleichheiten strukturell umgegangen wurde und wird bzw. wie unterschiedliche Strukturen bestimmte Effekte produzieren. Diese ergeben aber kein einheitliches Bild zu Ethnizität und Benachteiligung, wenn man verschiedene Länder, aber auch innerhalb eines Landes verschiedene Ethnien vergleicht.

„Soziale Ungleichheit im Bildungs- und Ausbildungssystem“, so folgert der Autor, ist „nicht allein aus den sozialstrukturellen Merkmalen der jungen Frauen und Männer“ (S. 35 ) zu erklären. Also müssen „stärker als bisher systemische Aspekte des Bildungs- und Ausbildungssystems selbst in den Blick genommen werden“ (ebd.).

Das Fazit hierzu besagt, dass vergleichende Studien fehlen, insbesondere solche, „die qualitative Daten systematisch auf strukturelle und institutionelle Gegebenheiten der beruflichen Integration beziehen“ (S. 42), mit denen auch „die nationalstaatlichen Aspekte pädagogischen Handelns aufzudecken“ (S. 43) sind. Daraus ergibt sich der komplexe Ansatz des Autors.

Ein Ansatzpunkt für die eigene Untersuchung ist, dass Kategorien in der Wissenschaft nicht unhinterfragt übernommen werden dürfen, der „Prozess des Benennens, … die Wahl der Kategorien [sind] zum Gegenstand [zu] machen“ (S. 44). Zum anderen soll die Soziale Arbeit verglichen werden, insbesondere bzgl. beruflicher Handlungskompetenz. „Die Frage ist also, welche Formen des Wissens und des Handelns den Gegenstand bestimmen, wenn nach der Konstruktion von ‚Ethnizität‘ in Übergangshilfen gefragt wird“ (S. 45). Der theoretische Rahmen wird gebildet, das Konzept der Übergangs- und Lebenslaufregimes vorgestellt. Das deutsche Übergangssystem-Konzept wird vorgestellt und danach resümiert, dass es Be-Sonderheiten hat, die sich in keinem anderen Land finden. Insofern, so schließt der Autor, muss ein weiter gefasster Begriff von Übergangssystem definiert werden, nämlich „alle Formen beruflicher und allgemeiner Bildung sowie alle Unterstützungsmaßnahmen im Übergang ins Erwerbsleben“ (S. 49), die als „Regimes der Unterstützung im Lebenslauf“ apostrophiert werden, wozu die Definition der Sozialen Arbeit als „Hilfe bei der Bewältigung des Lebenslaufs“ (ebd.) passt. Neben den Strukturen des Bildungs- und Ausbildungssystems müssen aber ebenso Strukturen des Arbeitsmarktes, die (politisch gewollte) Förderung beruflicher Teilhabe, die diesbezüglichen Investitionen, aber „auch die kulturelle Ebene von Werten, Bedeutungszuschreibungen und Diskursen“ berücksichtigt werden (S. 50).

Vier Typen von Übergangs- bzw. Lebenslaufregimes werden referiert: der universalistische Regimetyp (nordische Staaten), der unterinstitutionalisierte Regimetyp (Südwesteuropa), der liberale Regimetyp (USA, UK) und der erwerbsarbeitszentrierte Regimetyp (Kontinentaleuropa, Frankreich, Deutschland). Diese sollen als Konzept der Übergangsregimes die Basis für die „Analyse von empirisch gegebenen Übergangssystemen“ (S. 53) bieten. Diese Übergangssysteme dienen als „Arenen der Bedürfnisinterpretation“ (Kap. 3.2.3), worin die Kategorien Anerkennung, Umverteilung und Repräsentation diskutiert werden, mittels derer Programme und die konkrete Praxis hinterfragt werden können. Die Problematik der „Benachteiligung“ wird als politisches Deutungsmuster interpretiert mit diversen heterogenen Facetten.

Die Produktion von „Ethnizität“ in Übergangssystemen als weitere „theoretische Rahmung“ wird unter methodologischen Gesichtspunkten, Effekten der Zuschreibung, Selbst-Ethnisierung, in Abhängigkeit vom je vorhandenen Kontext, Rassismus sowie Ausgrenzungsaspekten diskutiert.

Ethnizität betrachtet der Autor „als Sammelbegriff für eine Reihe unterschiedlicher Grenzziehungsprozesse …, die sich kulturalisierender, rassifizierender und ethnisierender Konstruktionen bedienen“ (S. 67). Ethnische und rassische Kategorien sind kontextgebunden, „das heißt, dass ethnische und rassische Kategorien situativ sehr unterschiedlich mit Bedeutung versehen werden“ (ebd.), sie sind „Produkt sozialer Prozesse“, wobei „die Ebene der Macht“ (ebd.) entscheidend ist.

Bezogen auf die Soziale Arbeit bedeutet das, dass sie „sich immer vergewissern [solle], wie, beziehungsweise entlang welcher Kriterien sie ihre Nutzer definiert und welche, beziehungsweise wessen Probleme sie damit bearbeitet und um welche Art von Wirksamkeiten es ihr geht“ (S. 69). Die „Grounded Theory“ (eine Art datengeleiteter Theoriebildung) ist Grundlage für die Ebenen der Analysen, deren Vorgehen der Logik der Abduktion (der Begriff steht allerdings erstmals auf S. 211 und bedeutet vereinfacht ausgedrückt, aber zur Absicht des Autors wohl passend: Ausgangsüberlegungen zur Erkenntnisgewinnung) entspricht und „das ein hermeneutisches Pendeln zwischen Theoriegenerierung und empirischem Material systematisiert“ (S. 77). „Ausgangspunkt dieser methodischen Überlegungen ist der Ansatz der Übergangs- und Lebenslaufregimes“ (ebd.). Für Sozialpädagogen gibt es Handlungsspielraum, der aus der „‚Macht der Unterscheidung‘ entsteht… an Stellen …, wo Widersprüche in den … vorgegebenen Zielen auftreten, wo Einzelfälle sich nicht in die vorgegebenen Kategorien einpassen lassen“ (S. 79).

Es werden für das empirische Vorgehen die Experten geklärt, das Sampling und die Interviewmethode deklariert. „Die mit den unterschiedlichen Zugängen gewonnenen Daten [sollen] sinnvoll aufeinander bezogen werden“ (S. 84); die einzelnen Schritte der Interpretation und Auswertung (Kap. 3.7.1) werden vorgestellt und diskutiert ebenso wie die Art der Ergebnisdarstellung.

Damit ist der theoretische und methodologische Teil abgeschlossen.

Es folgen sehr ausführlich und – auch historisch – detailliert dargestellt die Übergangsysteme in Frankreich (Kap. 4) incl. der Rolle der Sozialen Arbeit (Kap. 4.4.4) und in Abgrenzung dazu Englands Übergangssystem mit der Produktion von Ethnizität (Kap. 5), die später bei der Interpretation, der Auswertung und dem Vergleich wieder herangezogen werden, um die Unterschiede in der Behandlung von Ethnizität und Benachteiligung in den beiden Ländern deutlich zu machen.

In der Zwischenreflexion (Kap. 6) werden Kontexte der Herstellung von Differenz – hier geht es auch um Integrationspolitik in den beiden Ländern, die Unterschiede in den gesellschaftlichen und politischen Diskursen zu Ethnizität und Benachteiligung – mit den „Fällen“ Sarrazin und Lagrange - sowie die Rolle der Übergangsysteme „in diesen Integrationsregimes“ (S. 177) diskutiert. Die „Integrationsphilosophien“ von Frankreich und England haben sich „aus den historischen politischen Kämpfen entwickelt“ (S. 172): in Frankreich wird Integration „stärker über die Gewährung bürgerlicher Rechte gedacht … in UK entwickelten sich soziale Konflikte … sehr früh als Konflikte zwischen ‚rassischen‘ Gruppen“ (ebd.).

Die Fälle Sarrazin (Deutschland) und Lagrange (Frankreich) dienen „zur Analyse von jeweils nationalen Diskursformationen“ (s. 174), indem beide Autoren Tabus und „Denkverbote“ zwar brechen, aber Zustimmung und Aufschreie im „Volk“ produziert haben; die mangelnde Integrationsfähigkeit wurde den instabilen Familienverhältnissen (Lagrange) bzw. dem mangelhaften intellektuellen Potenzial (Sarrazin) attribuiert. Bei den Übergangssystemen ist in Frankreich die Herkunft (insbesondere aus dem Maghreb) eine Differenzlinie, die andere ist die Einmündung in den Arbeitsmarkt mit der Folge von Jugendarbeitslosigkeit, der durch permanente Notfallpläne begegnet werden soll und wird. In UK ist stärker zu differenzieren: die „black carribean“, „Pakistani“ und „Bangladeshi“ werden vom allgemeinen Bildungssystem stärker benachteiligt als andere ethnische Gruppierungen und die Selektivität des Schulbesuchs durch Privatisierung im Schulbereich, „die insbesondere entlang ‚rassisch‘ und zunehmend ‚ethnisch‘ kodierter Differenzen Ungleichheiten fördert“ (S. 179).

In Kap. 6.4 werden folglich Fragen zu den Praxen der Unterstützung spezifiziert.

Im empirischen Teil wird von 25 Interviews berichtet, 12 davon in England, 13 in Frankreich – die Orte sind jeweils codiert (A-city resp. C-ville), aber detailliert beschrieben. Es wurden drei Interviewformen benutzt: 13 narrative, 7 leitfadengestützte und 5 ethnografische Interviews – in Abhängigkeit davon, ob eine Sozialarbeiterin allein befragt wurde oder mehrere Mitarbeiter zeitgleich oder aber Personen, die eher organisatorische Aufgaben hatten. Die Verteilung der Arten von Interviews ist in und zwischen den beiden Ländern ebenso ungleich wie die Verteilung der Geschlechter.

Die Ergebnisse werden zusammengefasst:

„Bei der Rekonstruktion von Unterstützungsstrukturen fällt auf, dass nationalstaatlich gebundene Traditionen des Umgangs mit Ungleichheit und Diskursentwicklungen zu natio-ethno-kulturellen Differenzen … miteinander verknüpft sind“ (S. 231).

Da ein Ausgangspunkt für den Erkenntnisgewinn die „Grounded Theory“ war, ist die Frage nach der „Weiterentwicklung sozialpädagogischer Theoriebildung“ (ebd.) nahezu zwingend.

Förderstrukturen bestimmen „über die Anerkennung von Lebenslagen“ (S. 232) die Förderwürdigkeit oder -unwürdigkeit, wofür „natio-ethno-kulturelle Unterscheidungslinien“ maßgeblich sind; diese „(Re-)Produktion“ [ist] auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt: 1. auf der institutionellen Ebene über Rechtsansprüche, 2. auf der Praxisebene über „Deutungsmuster“ und 3. auf Seiten der Betroffenen über „Erwartbarkeiten“ (ebd.). Zwischen allen Ebenen sind „Übersetzungs- und Interpretationsleistungen“ zu finden“ (ebd.), was als Handlungsspielraum bezeichnet werden kann.

Mit einer „Theorie der Lebenslaufregime lässt sich schlussfolgern, dass ‚ethnische Ordnungen‘ [als Teil der nationalstaatlichen Strukturen] ein wichtiger Aspekt der ‚kulturellen Dimension‘ … von Lebenslauf- und Übergangsregimen sind, indem sie diskursive Rahmen zur Verfügung stellen, innerhalb deren die Bedeutung von Benachteiligung und deren Zusammenhang mit ‚natio-ethno-kulturellen‘ Differenzierungen verhandelt wird“ (ebd.).

Für die Sozialpädagogen interpretiert der Autor seine Ergebnisse so, „dass Professionelle der Sozialen Arbeit als Teil dieser Ordnungen sich nicht außerhalb stellen können, es jedoch Spielräume gibt, die mit einer reflexiven Haltung dazu auch nutzbar sind“ (S. 233).

Diskussion

Zu Anfang ist angedeutet worden, wer die scheinbare Zielgruppe dieses Werkes ist oder sein könnte: die wissenschaftliche „Community“ der Wissenschaftler, die sich in den verschiedenen Themenbereichen bewegen und auskennen und sogar damit „spielen“ können. Das betrifft innerhalb einer Dissertation – auch wenn sie überarbeitet ist – die z.T. „hingeworfenen“ Theorien, aber auch den schwierig zu lesenden sprachlichen Duktus.

Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, das Buch fachlich für eine breitere Öffentlichkeit adäquat zu erfassen und zusammenzufassen.

Dennoch bietet das Buch vielfältige Ansatzpunkte und einen breit gefächerten Fundus, wie z.B. die Darstellung des historisch-politischen Rahmens des Da- und Soseins von Sozialarbeitern in den beiden Ländern Frankreich und England, das deren Bewusstsein und deren Umgang mit „Ethnizität“ und „Benachteiligung“ prägt, aber auch (notwendige) reflexive Freiheiten ermöglicht. Für den Nicht-Wissenschaftler wäre es angenehm gewesen, bei einigen der erwähnten theoretischen oder methodologischen Ansätze etwas mehr „Gesicht“ erkennen zu können; man könnte den Ansatz, das Vorgehen und die Interpretation der aus den Experteninterviews gewonnen Daten des Autors besser nachvollziehen. Wenn von logischen Schlüssen der Induktion, Deduktion und Abduktion (S. 211) die Rede ist, kann man die Einsicht gewinnen, dass das (kreative) Erkenntnisinteresse des Autors groß war und ist, Theorieentwicklung und empirisch gefundene Daten prozesshaft und iterativ zu verknüpfen. Erkenntnisgewinn ist u.a., dass Politik- und Praxiskonzepte weiterentwickelt werden müssten und dass weiter geforscht werden muss. Was aber ist der „eigentliche“ Erkenntnisgewinn für Praktiker?

Das Buch ist ein methodisch, theoretisch und inhaltlich fundierter Beitrag zur internationalen Forschung über die Unterstützungssysteme im Übergangsbereich Schule und Beruf, bietet aber für die „Mühen der Ebene“, also die Praxis nicht gleichwertige Hinweise wie sie etwa Ginnold (2008) für die notwendige Begleitung im Übergang Schule und Beruf, allerdings nur für Deutschland (noch eingeschränkter: für Berlin), die Stadt Offenbach (2012) zur gleichen Thematik und zu den zu verändernden Inhalten der Übergangssysteme, zur Anerkennung der Klientel (bezogen auf Deutschland) oder Ebert (2008) leisten, der die notwendige Stärkung der Reflexionsfähigkeit als sozialarbeiterische Kompetenz für das Wissen und das Können in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt.

Fazit

Das vorliegende Werk untersucht durch internationalen Vergleich (Frankreich vs. England) mittels qualitativer Mehrebenenanalyse - empirisch gestützt durch narrative, leitfadengestützte sowie ethnografische Interviews, inwieweit Institution, Diskurse und Praxen bei der Konstruktion von Ethnizität und Benachteiligung sowie bei der Produktion von Ungleichheit vermengt bzw. verwoben sind. Es geht konkret um Unterstützungssysteme für bildungsbenachteiligte Jugendliche im Übergang Schule-Beruf in den beiden genannten Ländern und die Frage, wie ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit als soziale Differenz zu sozialer Ungleichheit beiträgt. Die weitere Frage ist, wie in der Praxis Sozialarbeiterinnen mit dieser „Ethnizität“ tatsächlich umgehen.

Das Thema ist theoretisch prozesshaft angelegt, soll dem Erkenntnisgewinn dienen und bezieht zunächst aus vielfachen Untersuchungen seine Fragen und Zielrichtungen. Daraus wird das empirische Vorgehen abgeleitet. Die „Grounded Theory“ bildet die argumentative Basis für eine der empirischen Realität entsprechende Theoriebildung und -entwicklung.

Frankreich und England werden in ihren historisch gewachsenen nationalen „Einstellungen“ und Diskursen sowie auch in ihren Bildungs- und Übergangsystemen sehr detailliert dargestellt, diskutiert und in den wesentlichen Merkmalen verglichen bzgl. Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Auf diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede wie auch den sozialarbeiterischen Umgang und die Umgangsmöglichkeiten mit differierenden Benachteiligungen und ethnisch kulturellen Unterschieden geht der Autor aufgrund der Vorüberlegungen und der gefundenen Daten sehr differenziert ein. Die anfängliche theoretische Annahme über die genannten Zusammenhänge wird im Großen und Ganzen bestätigt, gibt aber dem Autor auch Anlass, die Weiterentwicklung von politischen und praktischen Konzepten zu reflektieren.

Literatur

  • Ebert, J. (2008): Reflexion als Schlüsselkategorie professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms Verlag (Hildesheimer Schriften zur Sozialpädagogik und Sozialarbeit, Band 16)
  • Ginnold, A. (2008): Der Übergang Schule – Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt
  • Stadt Offenbach, Amt für Arbeitsförderung, Statistik und Integration (Hrsg.)(2012): Berufsorientierung und Kompetenzen. Methoden – Tools - Projekte. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co.KG.

Rezension von
Prof. Dr. phil Ekkehard Rosch
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Zitiervorschlag
Ekkehard Rosch. Rezension vom 01.02.2016 zu: Axel Pohl: Konstruktion von »Ethnizität« und »Benachteiligung«. Eine international vergleichende Untersuchung von Unterstützungssystemen im Übergang Schule – Beruf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3231-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18570.php, Datum des Zugriffs 26.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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