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Christiane Funken, Jan-Christoph Rogge u.a.: Vertrackte Karrieren (Arbeitswelt im 21. Jahrhundert)

Cover Christiane Funken, Jan-Christoph Rogge, Sinje Hörlin: Vertrackte Karrieren. Zum Wandel der Arbeitswelten in Wirtschaft und Wissenschaft. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. 261 Seiten. ISBN 978-3-593-50271-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit dem Wandel bzw. dem Zustand der Arbeitswelt im 21. Jahrhundert und analysiert insbesondere, an welchen Leitbildern sich junge Hochqualifizierte in Wirtschaft und Wissenschaft orientieren und welche Karriereentwürfe sie verfolgen.

Autorinnen und Autoren

  • Funken, Christiane, Professorin für Kommunikations- und Mediensoziologie sowie Geschlechterforschung am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin.
  • Rogge, Jan-Christoph, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin.
  • Hörlin, Sinje, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin.

Entstehungshintergrund

Die im Buch präsentierten Ergebnisse entstammen dem Projekt „Generation 35 plus – Aufstieg oder Ausstieg? Hochqualifizierte und Führungskräfte in Wirtschaft und Wissenschaft“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und vom Institut für Soziologie der TU Berlin durchgeführt wurde. Im Rahmen dieses Projekts wurden 31 in Großkonzernen tätige junge Führungskräfte und 20 NachwuchswissenschaftlerInnen interviewt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Teile:

  1. Einleitung – Turbulente Zeiten (S. 9-14)
  2. Historische (Vor)Bilder – Die Organisations- und Sozialideen von Humboldt, Taylor und Weber (S. 15-54)
  3. Arbeitswelten im Umbruch (S. 55-101)
  4. Karrierestrategien von Hochqualifizierten und Führungskräften in Wirtschaft und Wissenschaft (S. 103-213)
  5. Schluss (S. 215-228)
  6. Anhang – Methodisches Vorgehen (S. 229-230)

Inhalt

Zentraler Ausgangspunkt des Buches ist der „Wandel der Arbeitswelt und dessen Einfluss auf die Karrieren der Beschäftigten in Wirtschaft und Wissenschaft.“ (S. 10) Die Autorinnen und der Autor untersuchen, an welchen Leitbildern sich die Beschäftigten in den beiden Feldern orientieren und welche Karriereentwürfe und -strategien sie verfolgen. Zugrundeliegende These ist, dass die Karriereanforderungen sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Wissenschaft widersprüchlich (geworden) sind. Den empirischen Rahmen für die Beantwortung der Forschungsfragen liefern 51 Interviews mit 30- bis 40-Jährigen, hochqualifizierten Beschäftigten.

In Kapitel 2 widmen sich Funken, Rogge und Hörlin historischen Leitbildern in Wirtschaft und Wissenschaft. Für den privatwirtschaftlichen Bereich nehmen sie dabei insbesondere Bezug auf Frederick Winslow Taylor. Dieser betrachtet den Menschen als „homo oeconomicus“, der in der tayloristisch organisieren Fabrik durch starke Anreize geleitet und von sämtlichen Subjektanteilen befreit werden muss. Im Bereich der Wissenschaft hingegen ist die humanistisch-wissenschaftliche Universitätsidee Humboldts das zentrale Leitbild und zugleich Wirkungsstätte des „philosophischen Kopfes“ (Schiller). Den wissenschaftlich Tätigen wird dabei eine „in der eigenen Subjektivität wurzelnde Hingabe zur Wissenschaft zugeschrieben“ (S. 48). Der zentrale Unterschied in den beiden dargestellten Leitbildern besteht demzufolge darin, dass Beschäftigte in Universitäten für primär intrinsisch motiviert gehalten werden, während Arbeitnehmende in Unternehmen extrinsisch zur Arbeit motiviert werden müssen.

Kapitel 3 beschreibt die Veränderungen in den Arbeitswelten von Wissenschaft und Wirtschaft. Ausgangspunkt sind dabei die in Kapitel 2 dargestellten Leitbilder (vgl. obiger Abschnitt). Einerseits änderte sich in beiden Feldern die Steuerung und Koordination der Arbeit. Für das Feld der Wirtschaft bedeutet dies in erster Linie die Einführung operativer Dezentralisierung, die Durchsetzung von Zielvereinbarungen als zentrales Führungsinstrument und eine verstärkte Verlagerung der Verantwortung vom Betrieb auf die Beschäftigten. Parallel dazu findet im Wissenschaftsbetrieb eine verstärkte Vermarktlichung statt, indem die Leitungsebene wissenschaftlicher Organisationen gestärkt und Kennzahlen zur Leistungsmessung eingeführt werden. Andererseits änderte sich in der Vergangenheit auch die Organisation der Arbeit, d.h. die Projektifizierung durchdringt zunehmend Wirtschaft und Wissenschaft. Insgesamt gleichen sich die beiden Felder bzw. die damit verknüpften Arbeitswelten durch diese Entwicklungen an; die Wirtschaft wird wissenschaftlicher und die Wissenschaft betrieblicher (S. 103).

Kapitel 4 befasst sich mit den Resultaten der empirischen Analysen des Forschungsprojekts „Generation 35plus“. Im Vordergrund stehen dabei insbesondere der Umgang der Beschäftigten mit dem Strukturwandel und die Auswirkungen desselben auf die individuelle Karriereplanung. Die Forschenden gruppieren die Karriereentwürfe der befragten hochqualifizierten Führungspersonen (d.h. die Befragten im Feld der Wirtschaft) in drei Idealtypen:

  1. Die „Kritischen“,
  2. die „Flüchtigen“ und
  3. die „EntschleunigerInnen“.

„Für die stark aufstiegsorientierten ‚Kritischen‘ erfüllt sich das Versprechen [der modernen Arbeitswelt], in ihrem Arbeitsumfeld die eigenen Potentiale autonom entfalten zu können, nicht.“ (S. 155) Es besteht eine Diskrepanz zwischen eigener bzw. gesellschaftlicher Erwartungen und den Möglichkeiten zur Erfüllung dieser Erwartungen im Kontext der unternehmerischen Organisationsformen. Die „Flüchtigen“ verfügen in ihrer subjektiven Wahrnehmung über relativ viel Autonomie und Freiraum. Aufstieg ist für sie aber kein zwingendes Karriereziel; ihre Karrierestrategie ist die permanente (Selbst-)Veränderung (S. 156). Die „EntschleunigerInnen“ widersetzen sich entschieden der zunehmenden Entgrenzung von Arbeit. Sie gehen damit auf Distanz zur Vereinnahmung des Subjekts durch die Betriebe. Selbstverwirklichung findet bei ihnen in erster Linie im privaten Bereich statt (S. 157).

Für die empirische Analyse der Karriereentwürfe Hochqualifizierter im Wissenschaftsbereich wurden 20 Interviews geführt. Die NachwuchswissenschaftlerInnen nehmen unisono einen verstärkten Konkurrenzdruck wahr und haben das Gefühl, der verschärfte Wettbewerbsdruck schade der Attraktivität und Innovationskraft des deutschen Wissenschaftsstandorts. Bezüglich der Karriereentwürfe zeigen sich drei Typen, die sich hinsichtlich der Einschätzung der eigenen Karrierechancen und Aufstiegsorientierung unterscheiden (S. 174):

  1. Die „Hoffnungsvollen“,
  2. die „Fatalisten“ und
  3. die „SpielverweigererInnen“.

Die „Hoffnungsvollen“ sehen ihrer eigenen beruflichen Zukunft mit einer positiven Grundhaltung entgegen; sie sind darüber hinaus dediziert aufstiegsorientiert. Große Unterstützung in ihrer wissenschaftlichen Karriere erfahren sie durch das berufliche Umfeld und die Paar- und Familienkonstellation. Ganz anders gestaltet sich die Situation der „Fatalisten“. Sie fühlen sich dem kompetitiven Wissenschaftssystem völlig ausgeliefert. Es mangelt ihnen oft an Selbstbewusstsein und sie werden von den beruflichen und privaten Netzwerken deutlich weniger gefördert und unterstützt als die „Hoffnungsvollen“. Zugleich sehen sie allerdings nur wenige berufliche Alternativen außerhalb des Wissenschaftssystems und erachten daher „[d]en Kampf um die Professur […] als alternativlos.“ (S. 193) Die „SpielverweigererInnen“ zeigen sich „weder aufstiegs- noch wettbewerbsorientiert.“ (S. 194) Sie setzen sich zum Ziel, möglichst lange in der Wissenschaft zu verbleiben; eine Professur kommt für sie aber dennoch nicht infrage. Parallel zu dieser Wissenschaftsorientierung planen sie aber auch immer „den erzwungenen Ausstieg aus der Wissenschaft ein.“ (S. 195) Weder im beruflichen noch im privaten Umfeld werden sie gefördert und unterstützt. Mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse zeigt sich, „dass die Männer unter den ‚Hoffnungsvollen‘ die Mehrheit stellen, während die ‚Spielverweigerer‘ fast ausschließlich weiblich sind.“ (S. 203). Ganz generell wird die Arbeit in der Wissenschaft nach der Auffassung aller Befragten zum Karrierejob, was mit dem (Vor)Bild des intrinsisch motivierten, durch innere Berufung geleiteten Wissenschaftlers nur schwer zu vereinbaren ist.

Über beide Felder hinweg kann zusammenfassend konstatiert werden, dass „[i]n Wirtschaft wie Wissenschaft […] die Leitbilder die intrinsische Motivation der Subjekte an[rufen], während der strukturelle Rahmen, der die Akteure umgibt, auf extrinsische Motivation und Kontrolle ausgerichtet ist.“ (S. 227)

Diskussion

Das Buch brilliert durch seine breite theoretische und empirische Fundierung und nimmt mit den Hochqualifizierten eine Zielgruppe in den Blick, für die noch bedeutender Forschungsbedarf besteht. Insbesondere die deutschsprachige Literatur zum Themenbereich wird mit großer Sorgfalt eingearbeitet. Das Buch ist abwechslungsreich und interessant geschrieben, weist allerdings einige Redundanzen auf, was vermutlich einem arbeitsteiligen Schreibprozess geschuldet ist.

Es gelingt, die (scheinbar) sehr unterschiedlichen Felder Wirtschaft und Wissenschaft in einem Buch zusammenzubringen, empirisch zu analysieren und darüber hinaus das Forschungsinteresse historisch zu kontextualisieren. Das methodische Vorgehen wird leider nur sehr knapp beschrieben und in der Analyse zu geschlechtsspezifischen Unterschieden werden bisweilen quantitative Aussagen gemacht, die aufgrund des Samplingverfahrens und des qualitativen Forschungsdesigns empirisch nur unzureichend belegt werden können.

Insgesamt schafft das Buch aber einen substantiellen Beitrag zur Beschreibung der Arbeitswelten und Karriereentwürfe Hochqualifizierter in Wirtschaft und Wissenschaft. Es gelingt, an relevante, soziologische Begrifflichkeiten und Diskurse anzuschließen, insbesondere an den Begriff des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling).

Fazit

Das Buch gibt Einblicke in die Arbeitswelten Hochqualifizierter in Wirtschaft und Wissenschaft und kontrastiert diese mit historischen Leitbildern. Es zeigt darüber hinaus auf, mit welchen Karrierestrategien die Beschäftigen die Herausforderungen und Widersprüche zu bewältigen versuchen und welche persönlichen und beruflichen Ressourcen ihnen dabei helfen. Die Lektüre des Buches empfiehlt sich für Studierende und wissenschaftlich Tätige der Sozialwissenschaften, die Einblicke in die Arbeitswelten und Karriereentwürfe Hochqualifizierter in Deutschland erhalten wollen.


Rezensent
Benedikt Hassler
M.A., Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz
Homepage www.fhnw.ch/personen/benedikt-hassler/
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Zitiervorschlag
Benedikt Hassler. Rezension vom 27.04.2015 zu: Christiane Funken, Jan-Christoph Rogge, Sinje Hörlin: Vertrackte Karrieren. Zum Wandel der Arbeitswelten in Wirtschaft und Wissenschaft. Campus Verlag (Frankfurt) 2015. ISBN 978-3-593-50271-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18575.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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