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Hans-Waldemar Schuch: Kann das Gehirn denken? Essays

Hans-Waldemar Schuch: Kann das Gehirn denken? Essays. Krammer (Wien) 2014. 2014 Seiten. ISBN 978-3-901811-71-5. 25,00 EUR.
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Autor

Hans Waldemar Schuch ist Psychotherapeut und lehrt Theorie und Geschichte der Psychotherapie an der Donau-Universität Krems/Österreich. Sein Weg zur Psychotherapie ist heute nicht mehr alltäglich: Er studierte Politikwissenschaften, Philosophie und Psychoanalyse in Gießen und promovierte in Erziehungswissenschaften. Er verfügt über eine breite psychotherapeutische und eine ebenso breite Allgemeinbildung, was heute in der Psychotherapie-Szene weder erwartet wird noch selbstverständlich ist. Seine theoretische Heimat ist die Integrative Therapie, hier bildet er seit Jahrzehnten Psychotherapeut_innen und Supervisoren aus. Sein Interesse gilt den großen Franzosen Foucault, Merleau-Ponty, Ricoeur, Gabriel, Sartre, usw. Die Liste seiner Veröffentlichungen beginnt in den 70er Jahren und ist lang.

Thema

Schuch gibt seinem handlichen Band den scheinbar banalen Titel: „Kann das Gehirn denken?“ und lässt danach den Begriff Essays folgen – also persönliche Auseinandersetzungen des Autors mit einem Thema.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Geleitwort von Hilarion Petzold setzt sich Schuch in sechs Essays mit ganz unterschiedlichen Themenbereichen auseinander.

  1. An-Sprache: eher ein empörter Ein-Spruch, bildet den furiosen Auftakt. Mit den Anfangsworten „Sprechen wir über …“ thematisiert Schuch verschiedene Veränderungen in der Psychotherapie: Er fragt, ob Psychotherapie bei ihrer derzeitigen Tendenz zu Bürokratisierung, Ökonomisierung und Medizinisierung eine Wissenschaft sein kann oder will oder vielmehr eine Kunst. Psychotherapie habe ihre basalen Metatheorien, ihre philosophischen Quellen und ihre gesellschaftskritischen Positionen verlassen und gerate zur eklektischen Psychotechnik. In modulbasierten Universitätsstudien mangele es an der Vermittlung komplizierter Texte und komplexer Theorien. Auch in Lehrtherapien würden Inhalte nur noch mundgerecht serviert, weil Ausbilder positiv evaluiert und weiterempfohlen werden wollten. Auseinandersetzungen mit den eigenen Abgründen der zukünftigen Therapeuten unterblieben häufig. All das drohe zu Anpassung und Opportunismus, zu Harmonisierung und zur Ausblendung von destruktiven und beängstigenden Themen in der Therapie zu führen. Psychotherapie gleiche aber oft einem komplizierten Navigieren in unbekannten Gewässern, was von Therapeuten erfordere, sich eigenen blinden Flecken, regressiven und Allmachtsphantasien, dem eigenen Begehren zu stellen. Schuchs Fazit fällt nach dieser Zustandsbeschreibung von psychotherapeutischen Modeerscheinungen eher skeptisch aus.
  2. Geschichte und Psychotherapie: Hier geht es um Psychotherapie als einem historischen Phänomen, mit dem sich die meisten Therapeuten seltsamerweise nicht auseinandersetzten. Schuch fragt zunächst, was Geschichte und Vergangenheit überhaupt ist und räumt dabei mit naiven Vorstellungen auf: Das Vergangene erscheine stets durch den Filter der Gegenwart, ihre Erkenntnisinteressen. Die Idee einer objektiven Geschichte wird hinterfragt. Jeder Erkenntnishorizont sei vorläufig; wir seien nicht nur Kinder unserer Eltern, sondern auch unserer Zeit. In seinem Diskurs führt der Autor seine Leser fast nebenbei durch die Ideen von Ricoeur, Foucault und anderer Philosophen. Auch für die Psychotherapie setzt sich der Beitrag mit dort herrschenden Auffassungen auseinander, so z. B. die Konzentration auf die Biographie bei einer Vernachlässigung der Gegenwart. Dabei sei die Erinnerung stets eine subjektive Neuschöpfung in der Gegenwart. Schuch endet mit Überlegungen der Integrativen Therapie, die Menschen in einem sozialen Kontext und einem zeitlichen Kontinuum sehe. Es gelte, neben der Erhellung der individuellen Lebens- und Leidensgeschichte stets kritisch die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse mitzudenken, in der individuelle Lebensgeschichte stattfinde. Man müsse auch die zeittypischen Beschränkungen von Psychotherapeuten mit reflektieren, um in Psychotherapien nicht unkritisch aktuellen Modeerscheinungen und Sichtweisen zu erliegen.
  3. Zu Freud: Hier setzt sich der Autor anlässlich des 150. Geburtstages des Mannes, der als Begründer der Psychoanalyse gilt, mit dessen Person, dessen Wirken und Verdiensten, mit zeittypischen Begrenzungen seiner Auffassungen auseinander: Die Psychoanalyse Freuds sei in ihrer Theorie als auch in ihrer Praxis gescheitert. Schuch beschreibt, was ihn von Freuds Auffassungen trennt. Er weist mehrfach auf die Orthodoxie einiger Schüler Freuds hin, die gläubig und buchstabengetreu dessen Lehren umsetzen wollten. Auch hier erfahren Leser beiläufig einiges zur Geschichte der Psychoanalyse (die nach Schuch auch eine Geschichte ihrer Dissidenten ist).
  4. Kann das Gehirn denken?: Schuch setzt sich kritisch mit einigen Erscheinungen der Neurobiologie auseinander. Der Autor konstatiert eine zunehmende Objektivierung, die Menschen verdingliche. Der Boom der Neurobiologie und die öffentlichen Inszenierungen einiger Protagonisten ziehen auch Psychotherapeuten, denen Schuch eine Anfälligkeit für alte und neue Heilslehren und populärwissenschaftliche Ideologien (Seite 117) bescheinigt, in ihren Bann. Schuch beschreibt die Technik und die Vorgehensweise der Neurobiologen und schildert die derzeitigen Auseinandersetzungen um Aussagekraft und Geltungsbereich der Neurobiologie aus erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Perspektive. Wenn Neurobiologen das „Ich“ durch das Organ „Gehirn“ ersetzen, würden Fragen nach Bewusstsein und Geist nicht besser beantwortet. Indem aber dem Gehirn und den dort ablaufenden Prozessen Subjektcharakter zugesprochen werde, verschwinde alles Subjektive. Die Neurobiologie versäume systematisch, sich selbst und ihr Weltbild kritisch in den Blick zu nehmen. Trotz seiner scharfen Kritik gelingt es Schuch, auch hier Lesern einen Überblick über die aktuellen Kontroversen zu geben.
  5. Kontroverse Identitäten – Disparate Identitäten: ein Essay zu Integrationsproblemen von Muslimen und deren Identität. Identität sei ein Phänomen der Moderne, so Schuch. Menschen stehen in dem Zwang, sich selbst zu finden und ihr Leben zu gestalten und müssen sich im Spannungsfeld zwischen dem Selbstbild und dem Blick der anderen bewegen lernen. Wo das Individuum einsam zu werden drohe, sorge religiöses Erleben für eine Aufhebung von Unsicherheit und Vereinsamung. Deshalb würden Kränkungen der religiösen Identität radikal beantwortet. Schuch untersucht das Spannungsfeld, in das der Islam durch die Globalisierung und die kapitalistischen Modernisierungsbewegungen befinde. Er zeichnet Entwicklungslinien einer bestimmten Strömung im Islam nach und beschreibt dessen Praxis am Beispiel der Scharia, dem rechten Tun (Orthopraxie) im Verhältnis von Mann und Frau, der Sexualität, den Reinheitsvorstellungen. Muslime befänden sich heute auch deshalb in einem Identitätsdilemma, weil die Außenzuschreibungen ihrem Selbstverständnis fundamental widersprechen, was sie in Rechtfertigungsdruck bringe. Die westliche Gesellschaft übe mit ihrer Blindheit für kulturelle Differenz und mit Forderungen nach Anpassung und Integration Druck auf Muslime aus, zentrale Inhalte ihrer Religion aufzugeben. Ein Dialog könne nur gelingen, wenn beide Seiten zumindest einen Konsens über die Differenz herstellen können, was auch für westliche Demokraten eine Fähigkeit zur kritischen Reflektion ihrer eigenen Auffassungen voraussetze, viel guten Willen und eine Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz brauche. In Zeiten von Pegida ist dieser Essay hilfreich und erhellend.
  6. Reden über den Sex: das letzte Essay ist mit 58 Seiten zugleich das umfangreichste. Schuch unternimmt einen Ausflug quer durch das komplexe Phänomen der Sexualität. Er ist sich der Risiken dieses Unternehmens durchaus bewusst, reagiert doch der gesellschaftliche Mainstream über den Sex heftig auf abweichende Stimmen. Wie in allen vorhergehenden Essays startet Schuch erneut in der Erkenntnistheorie, reflektiert historische und kulturelle Diskurse, wobei er dem soziologischen Blick den Vorzug gibt vor dem psychiatrisch-psychologisierenden Blick, der oft genug Menschen aus ihren Bezügen und aus ihrer Zeit herauslöst. Macht, so eine seiner Foucault folgenden Thesen, werde durch und über Diskurse zur Sexualität hergestellt. Diskurse verlagerten sich dabei zunehmend vom biologischen Denken auf konstruktivistische Genderdiskurse zur Identität. Reden über den Sex müsse Auflösungsprozesse berücksichtigen: Vorstellungen über das Geschlecht, traditionelle heterosexuelle Geschlechterdefinitionen und Vorstellungen über die Grenzen von normal und anormal seien erodiert. Nachfolgend beschreibt Schuch exemplarisch einige Problemfelder wie Intersexualität und Transsexualität, um abschließend aus integrativtherapeutischer Sicht Argumente, Antworten und Perspektiven zu geben. Dabei setzt er sich kritisch mit dem diskursiven Druck auseinander, Sex und Gewalt über politische Sprachregelungen zu vereinheitlichen und Gegenreden zu erschweren.

Fazit

Die sechs Essays entstanden aus Arbeiten des Autors in den Jahren von 2002 – 2014. Das schmälert nicht den Gewinn, den der Rezensent aus der Lektüre gezogen hat und den Leser haben können. Spontan kam bei mir der Wunsch auf, Schuch hätte vor der Veröffentlichung die Essays noch einmal überarbeitet und neue Quellen (besonders bei: „Kann das Gehirn denken?“) einbezogen. Aber gerade dieser Wunsch würde zu einer Enthistorisierung der Texte führen und damit der Einstellung des Autors widersprechen: Die Essays müssen im Zeithorizont ihrer Entstehung gelesen und verarbeitet werden. Was den Leser_innen fehlt, müssen diese sich selbst erarbeiten. Die Texte kommen nicht leicht aufbereitet daher, sie sind komplex und verlangen Lesern die Mühen der Rezeption ab; aber diese Mühen lohnen sich. Selbst in Fußnoten finden sich interessante Querverweise.

Schuch lockt zur Auseinandersetzung mit den bearbeiteten Themen, er bezieht klar Positionen, zuweilen schlägt seine Empörung durch. Er leistet etwas, das heute selten geworden ist: er weitet den Blick über die Grenzen von Psychotherapie, Psychologie und Psychiatrie hinaus auf Philosophie (insbesondere die Erkenntnistheorie und die Wissenschaftstheorie), auf die Soziologie und die politischen Umstände, die das Fühlen, Denken und Handeln von Therapieklienten und Psychotherapeuten beeinflussen, bestimmte Denkfiguren aufnötigen und andere sofort zum Tabu, zum Nicht-Besprechbaren, machen. Seine Essays vermitteln im Vorbeigehen gute Grundkenntnisse über die Arbeiten von Philosophen, Historikern, Sozialwissenschaftlern und Psychotherapeuten. Das macht das Bändchen interessant für jene, die sich mit diesem breiteren Blick (noch) nicht auseinandergesetzt haben. Praktiker, Lehrtherapeuten, Ausbildungskandidaten in psychotherapeutischen Verfahren, Lehrende und Studierende können von der Auseinandersetzung mit den Texten gewinnen. Deshalb sind diesem Buch eine weite Verbreitung und viele kontroverse Debatten zu wünschen – Diskurse würden dem Autor vermutlich die größte Freude bereiten.


Rezension von
Dr. biol. hum. Michael Stiels-Glenn
Kriminologe & Polizeiwissenschaftler M.A. Integrativer Therapeut M.Sc. Supervisor (DGSv)
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Zitiervorschlag
Michael Stiels-Glenn. Rezension vom 08.07.2015 zu: Hans-Waldemar Schuch: Kann das Gehirn denken? Essays. Krammer (Wien) 2014. ISBN 978-3-901811-71-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18578.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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