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Andreas Gruschka: Lehren

Cover Andreas Gruschka: Lehren. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 173 Seiten. ISBN 978-3-17-022471-1. 19,90 EUR.
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Thema

Das schmale Buch ist einer ganz bestimmten und grundlegenden pädagogischen Praktik gewidmet: dem Lehren. Nicht mehr als dem Lehren, aber auch nicht weniger, nicht in einer bestimmten Hinsicht, aber auch nicht ohne eine eigene Sichtweise.

Das Lehren gehört zum Unterricht (im allerweitesten Sinne), korrespondiert mit dem Lernen und unterscheidet sich von dem Erziehen. Während Unterricht und Lernen klassische Themen sind, der Pädagogik, insbesondere Didaktik auf der einen, der Psychologie auf der anderen Seite, wird das Lehren hier wie dort nur selten explizit zum Thema, in der Pädagogik zuletzt und erstmals seit langem in dem Sammelband „Philosophie des Lehrens“ (Hans-Christoph Koller/Norbert Ricken/Roland Reichenbach, 2012) und der Monographie „Lehren und Lernen“ (Lutz Koch, 2015). Ein Buch, das schlicht mit „Lehren“ tituliert wird, hat es seit langem, vielleicht noch überhaupt nicht gegeben.

Mit seinem Thema bewegt es sich auf einer mittleren Abstraktionsebene zwischen den Klassenbegriffen der Erziehung und Bildung und Beobachtungsbegriffen wie dem Zeigen: als pädagogischer Unterbegriff von Erziehung, insbesondere Bildung, und als „pädagogischer Oberbegriff für eine Fülle von Operationen einer Person“. „Wo diese etwas zeigt, vormacht, zu etwas anleitet, etwas erklärt, üben lässt u.Ä.m., kann von Ausdrucksformen des Lehrens sprechen.“ (18).

Autor

Dr. Andreas Gruschka ist Professor für Allgemeine Pädagogik und Schulpädagogik am Institut für Pädagogik der Sekundarstufe der Universität Frankfurt am Main. Nach einem Studium der Pädagogik, Philosophie, Psychologie und Soziologie an der Universität Münster ist er dort, von Herwig Blankertz, dem Autor des Klassikers „Theorie und Modelle der Didaktik“, promoviert und dann habilitiert worden. 1986 gründete Gruschka in Münster zusammen mit Kollegen das „Institut für Pädagogik und Gesellschaft e.V.“, das wiederum seit 1987 die Zeitschrift "Pädagogische Korrespondenz" verantwortet, die zweimal im Jahr erscheint und von ihm geschäftsführend herausgegeben wird. Seit 2005 baut er in Frankfurt ein „Archiv für pädagogische Kasuistik“ auf, eine Datenbank für Protokolle und Dokumente der pädagogischen Praxis. Gruschka ist inzwischen zu einem bekannten Kritiker gegenwärtiger Bildungsreformen geworden und hat aus diesem kritischen Impetus heraus 2005 „Fünf Einsprüche gegen die technokratische Bildungsreform“ mitverfasst und 2010 die „Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.“ mitgegründet, deren Präsident er zur Zeit ist.

Zu didaktischen Fragen hat Gruschka schon vorher Monographien veröffentlicht: „Didaktik – Das Kreuz mit der Vermittlung. Elf Einsprüche gegen den didaktischen Betrieb“ (2002), „Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht“ (2011) und „Unterrichten – eine pädagogische Theorie auf empirischer Basis“ (2013).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende schmale Buch verdankt sich einer Einladung an den Autor, in einer neuen Buchreihe zu „Pädagogischen Praktiken“ einen Band zum „Lehren“ zu verfassen. Der Auftrag lautete, „auf knappem Raum eine ‚Einführung‘ für Studierende in das ‚Lehren‘ zu liefern“ (9). In der Reihe ist bisher noch ein zweiter Band erschienen, und zwar zum „Arrangieren“ (Werner Lindner). Bände zum „Zeigen“ (Thomas Fuhr/Kathrin Berdelmann) und zum „Beraten“ (Cornelia Meier-Gutheil) sollen bald folgen.

Aufbau

Das Buch besteht aus acht Kapiteln, von denen das vierte noch einmal gemäß der Überschrift zweigeteilt und das sechste nach den angekündigten Modellen unterteilt ist:

  1. Die Semantik: Lehren als Erfahrungshintergrund
  2. Das Dilemma: Das Lehren soll zum Lernen übergehen, kann aber die operative Geschiedenheit des Lehrens und Lernens nicht überwinden
  3. Der aktuelle Fokus: Kompetenzorientierung und das damit an den Rand Gedrängte: Was soll gelehrt werden?
  4. Der Kontrast: Die beiden gegenwärtigen Negationen des Lehrens
  5. Die Empirie: Eingehüllte Rationalität und Unvernunft in der alltäglichen Lehrpraxis deutscher Schulen
  6. Acht Modelle des Lehrens
  7. Das Resümee: Eine Übertragung

Inhalt

„Lehren stellt eine spezifisch absichtsvolle Form der Ansprache in sozialer Kommunikation und Interaktion dar. Die gilt als legitim nur, wo sie explizit gewünscht ist oder wo sie institutionell (wie in der Schule) als selbstverständlich vorgesehen ist.“ (18) So umschreibt Gruschka das Alltagsverständnis des Wortes „Lehren“. Damit erklärt er das Lehren deskriptiv zum „Oberbegriff für eine Fülle von Operationen“, schreibt diese einer Person zu, „die sich mit ihnen zum Lehrer macht“ (18), bettet diese Operationen aber in eine soziale Situation ein. Diese Situation entstehe normativ erst dort, wo sie individuell vom Schüler oder gesellschaftlich für Schüler gewollt wird. Nur so wäre die logisch notwendige Asymmetrie der Kommunikation und Interaktion auch ethisch zu rechtfertigen.

Zum Lehren gehöre weiterhin eine Lehrperson („Lehrer“), ein Lehrinhalt („Lehre“) und eine Lehrmethode (instrumenteller Aspekt des „Lehrens“). Und „das Lehren impliziert … die mehr oder minder empathische Vorstellung von einem Pädagogen, der eine Lehre vertritt und entsprechend selbst gelehrt sein sollte“ (26f.). Es bedeutet vor diesem Hintergrund, „in je spezifischer Weise den Schüler für eine Sache und die Sache für den Schüler zu erschließen“ (26). Das Lehren ist auf das Lernen bezogen. „Lernen soll durch Lehrer ermöglicht werden. Das Lehren geht auf, löst sich auf und erfüllt sich produktiv im erfolgreichen Lernen des Schülers.“ (23).

Das „Dilemma“ des Lehrens bestehe darin, dass das Lehren auf das Lernen bezogen werden muss, aber nur bedingt werden kann. Es besteht ein „Hiatus“ zwischen Lernen und Lehren, „Aneignung und Vermittlung“ (33), der nicht aufgehoben, sondern nur überbrückt werden kann. Gelingt es nicht, die Brücke zu schlagen, findet Lehren ohne Lernen oder Lernen ohne Lehren statt. Denn „was haben wir nicht alles gelernt, ohne dass es uns gelehrt wurde, und wie wenig haben wir gelernt, wo uns etwas gelehrt wurde“ (57).

Das Lehren, wie es Gruschka sieht, wird von zwei „Negationen“ (Kap. 4) in Frage gestellt, die sich vordergründig widersprechen, sich aber im Hintergrund in der Abkopplung der Lehrmethode vom Lehrinhalt, des Lehrens von der Lehre treffen. Die eine, pädagogisch-psychologisch geprägte Negation bestärkt, die zweite, reform- bis konstruktivistisch pädagogisch inspirierte Negation bezweifelt die Rolle der Lehrmethode. „Es kann [aber] keine Rede davon sein, dass auf das Lehren nicht mit Lernen geantwortet werden kann, der Übergang also systematisch unmöglich wäre. Aber es wäre genauso abwegig zu behaupten, Comenius´ Hoffnung sei mit Hilfe der von ihm als möglich erklärten Lehrtechnik, dass nämlich das Lehren sicher zu genau dem Lernen führen könne, das mit dem Lehren herbeigeführt werden sollte.“ (31f.)

In Kap. 6, das ungefähr die Hälfte des Buches umfasst, stellt Gruschka exemplarisch insgesamt „acht Modelle des Lehrens“ vor, die durch ihre Verschiedenheit überzeugen und verdeutlichen, in wie vielen und welchen, insbesondere auch ungewöhnlichen Variationen das Lehren vorkommen kann. Sie seien hier nur aufgelistet, wobei die plakativen Titel und die mehr oder minder bekannten Namen zumindest eine Ahnung davon vermitteln, welche Modelle jeweils gemeint sind oder sein könnten:

  1. Der Philosoph verweigert das Lehren (Sokrates)
  2. Der Meister lässt rudern (Lino Farnea)
  3. Der Experte zeigt das Sehen (Michael Baxandall)
  4. Der Guru erzieht und verführt zum Tanzen (Royston Maldoom)
  5. Der Gelehrte demonstriert das Denken (Theodor W. Adorno)
  6. Der Forscher methodisiert die Neugierde (Ulrich Oevermann)
  7. Der Erzieher arrangiert eine moralische Lektion (Jean-Jacques Rousseau)
  8. Der Lehrer führt zur Krise des Erkennens (Martin Wagenschein)

Diskussion

Das Buch hinterlässt beim Rezensenten einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits beeindruckt der Autor mit seinem Einsatz für die Lehrinhalte bzw. Lehre und seiner Kritik an scheinbaren oder offensichtlichen didaktischen Moden. Andererseits kommt immer wieder der Verdacht auf, dass seine Lehre vom Lehren nicht nur der Sache selbst, sondern auch einer programmatischen Sicht auf diese Sache geschuldet ist. Einerseits freut es, dass und wie der Autor immer wieder gedankliche Tiefen auslotet und selten an der Oberfläche verbleibt. Andererseits fehlt es dabei immer wieder an einer letzten oder entschiedenen Klarheit der Gedanken und Worte. Das zeigt sich insbesondere an den Erläutertungen zu Gruschkas Modell der „didaktischen Pyramide“ (38ff.), wo durch die offensichtlich fehlerhafte Zuordnung von Buchstaben zusätzlich Verwirrung entsteht. Vielleicht hat der Rezensent aber auch das Buch nicht gründlich genug gelesen oder verstanden. Nichtsdestotrotz: …

Fazit

… ein anregendes bis spannendes Buch zum alltäglichen und allgegenwärtigen Phänomen des Lehrens, das um der Sache willen nicht neutral sein will.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 17.06.2015 zu: Andreas Gruschka: Lehren. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-022471-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18583.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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