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Thomas Bibisidis, Jaana Eichhorn u.a. (Hrsg.): Zivil - Gesellschaft - Staat

Cover Thomas Bibisidis, Jaana Eichhorn, Ansgar Klein, Christa Perabo, Susanne Rindt (Hrsg.): Zivil - Gesellschaft - Staat. Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Gestaltung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. 283 Seiten. ISBN 978-3-658-05563-9. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Das Buch „Zivil – Gesellschaft – Staat“ setzt sich mit der Bedeutung der Freiwilligendienste auseinander und zwar hinsichtlich ihrer Potenziale und Wirkungen für die Zivilgesellschaft sowie ihrer Handlungsfelder und Rahmenbedingungen, wobei die beteiligten Akteure und insbesondere die Rolle des Staates kritisch in den Blick genommen werden.

Die Herausgeber_innen

Für die Herausgabe des Buches zeichnen sich fünf Personen verantwortlich, denen – als Mitarbeiter_innen in verschiedenen Verbänden und Institutionen – die Thematik „Freiwilligendienste“ bereits seit vielen Jahren bestens vertraut ist.

  • Thomas Bibisidis, M. A. hat Politische Wissenschaft, Öffentliches Recht sowie Rechts- und Gesellschaftsphilosophie studiert, ist ausgebildeter PR-Junior-Berater (AKOMM) und Qualitätsbeauftragter (TÜV) und arbeitet als Referent für Freiwilligendienste beim Deutschen Roten Kreuz e.V. – Generalsekretariat. Zuvor war er als Dozent für Politische Bildung sowie als Politik- und PR-Berater für ein Projekt im Rahmen des „Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit“ tätig.
  • Dr. Jaana Eichhorn ist Bundestutorin der Freiwilligendienste im Sport bei der Deutschen Sportjugend und in dieser Funktion auch Mitglied im „Beirat für den Bundesfreiwilligendienst“, der das Bundesfamilienministerium in Fragen des Bundesfreiwilligendienstes berät.
  • PD Dr. Ansgar Klein ist Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) sowie Privatdozent für Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin und Fellow des Maecenata-Instituts. Er gibt die Buchreihe „Bürgerschaft und Demokratie“ sowie (geschäftsführend) die Schriftenreihe des BBE „Engagement und Partizipation in Theorie und Praxis“ mit heraus.
  • Dr. Christa Perabo ist ehrenamtliche Mitarbeiterin der LandesEhrenamtsagentur Hessen, Kommunalpolitikerin (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Sprecherin der AG 3 Freiwilligendienste des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE).
  • Susanne Rindt, M.A., ist Leiterin der Abteilung Verbandsangelegenheiten, Engagementförderung und Zukunft der Bürgergesellschaft beim Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V. Zuvor war sie unter anderem im Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (ISS) als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin des Projektbüros zum Bundesprogramm „Freiwilligendienste machen kompetent“ und der „Koordinierungsstelle Jugendfreiwilligendienste“ beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch, das als Band 44 der Reihe „Bürgergesellschaft und Demokratie“ erscheint, vereint im Wesentlichen die Vorträge, die am 7. März 2013 in Berlin bei der in der Landesvertretung von Baden-Württemberg mit Unterstützung mehrerer Bundesländer, Trägerstrukturen der Freiwilligendienste und der Heinrich-Böll-Stiftung durchgeführten Fachtagung „Zivil.Gesellschaft.Staat. Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Gestaltung“ der Arbeitsgruppe „Freiwilligendienste“ des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement und des Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr (BAK FSJ) gehalten wurden (www.b-b-e.de/themen/freiwilligendienste1). Die Realisierung des Bandes, der im Kontext der langjährigen Arbeit des Arbeitskreises „Bürgergesellschaft und Aktivierender Staat“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (www.fes.de/buergergesellschaft) entstanden ist, wurde mit Mittel des Erich-Brost-Sondervermögens in der Friedrich-Ebert-Stiftung ermöglicht.

Aufbau

Der Sammelband enthält nach dem Vorwort der Herausgeber (S. V-IX) die folgenden 22 Beiträge:

  • Thomas Olk: Freiwilligendienste zwischen zivilgesellschaftlicher Organisation und staatlichen Rahmenbedingungen (S. 1)
  • Susanne Rindt: Staatliche Einflussname auf die Freiwilligendienste aus der Perspektive der verbandlichen Zentralstellen (S. 21)
  • Sönke Rix und Anne-Katrin Fischer: Spannende Zeiten für die Freiwilligendienste (S. 27)
  • Michael Panse: Kommentar zu Olk: aus der Sicht eines neuen Bundeslandes (S. 41)
  • Gisela Jakob: Zwischen Aufwertung und Indienstnahme (S. 47)
  • Thomas Klie: Freiwilligendienste (S. 63)
  • Jens Kreuter: Freiwillig gemeinsam gestalten: Die beispielgebende Zusammenarbeit bei den gesetzlich geregelten Freiwilligendiensten (S. 75)
  • Mario Junglas: Aufgaben der Zivilgesellschaft bei der Ausgestaltung der Freiwilligendienste (S. 87)
  • Reinhard Liebig: Gemeinwohlorganisation zwischen zivilgesellschaftlichen Zielsetzungen, ökonomischen Zwängen und staatlicher Einflussnahme am Beispiel der Freiwilligendienste (S. 95)
  • Jörn Fischer und Benjamin Haas: Übergriffiger Staat und störrische Zivilgesellschaft? (S. 107)
  • Ralf Schulte: Der Bundesfreiwilligendienst – Frischer Kitt in neuer Tube? (S. 137)
  • Peter Klenter: Arbeitsmarktneutralität von Freiwilligendiensten und Mitbestimmungsrechte des Betriebsrates (S. 151)
  • Nicole Wein-Yilmaz: Freiwilligendienste aus Sicht der Kommunen (S. 167)
  • Christa Perabo: Kommunen und bürgerschaftliches Engagement (S. 179)
  • Elke Kiltz: Der Freiwilligendienst aller Generationen- Eine wichtige Format-Ergänzung (S. 191)
  • Ansgar Klein: Grenzen der „Verdienstlichung“ (S. 199)
  • Thomas Rauschenbach: Bildung in Jugendfreiwilligendiensten (S. 209)
  • Ana-Maria Stuth und Kristin Reichel: Die Qualitäts- und Wirkungsdebatte in den Freiwilligendiensten – Begriffsklärung, Chancen und Risiken (S. 225)
  • Kerstin Hübner und Jens Maedler: Prozesse informeller und non-formaler Bildung in Jugendfreiwilligendiensten (S. 237)
  • Thomas Bibisidis: Die Integration von jungen Menschen aus benachteiligten Lebensverhältnissen in den Jugendfreiwilligendiensten – Eine Bestandsaufnahme (S. 249)
  • Raben Haß, Annelie Beller und Georg Mildenberger: Neuland für die Freiwilligendienste – Wie die Altersöffnung das Format verändern könnte (S. 261)
  • Katrin Ventzke: BFD Ü27 – Pädagogische Begleitung für „Fortgeschrittene“ (S. 273).

Inhalt

In der aktuellen Koalitionsvereinbarung der (schwarz-roten) Bundesregierung wird den Freiwilligendiensten besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei brachte der 2011 – im Zuge der Aussetzung der allgemeinen Wehpflicht – eingeführte Bundesfreiwilligendienst starke Bewegung in die Engagementpolitik und warf wichtige organisatorische und grundsätzliche Fragen auf: Ist er bloßer Ersatz für den Zivildienst oder kommt ihm eine neue Qualität zu? Welche Rolle spielen zukünftig Jugendfreiwilligendienste? Wie verändern sich Freiwilligendienste durch neue, zum Beispiel ältere Zielgruppen? Können und sollen die derzeit verwirrend vielfältigen Organisationsstrukturen, Zuständigkeiten und die unterschiedliche Förderung von Freiwilligendiensten vereinheitlicht werden? Wie ist das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft zu justieren, um die kreative Vielfalt und die zivilgesellschaftliche Verankerung der Freiwilligendienste zu stärken? Welche Aufgaben haben dabei der Staat und die zivilgesellschaftlichen Träger zu übernehmen? Wie sind die Freiwilligendienste als besondere Form des bürgerschaftlichen Engagements mit ihren Merkmalen Eigensinn und Autonomie nachhaltig zu sichern? Wie kann gewährleistet werden, dass Freiwilligendienste gleichzeitig nützlich sind für die Menschen, denen diese Dienste zu Gute kommen, für die Freiwilligen selbst als Bildungs-, Erfahrungs- und Orientierungszeiten und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Mit diesen und weiteren Fragen setzte sich die bereits erwähnte Fachtagung „Zivil.Gesellschaft.Staat“ auseinander. Dementsprechend thematisieren die Beiträge des vorliegenden Bandes die große Bedeutung der Freiwilligendienste hinsichtlich ihrer Potentiale und Wirkungen für die Zivilgesellschaft, ihre Handlungsfelder und Rahmenbedingungen und nehmen die beteiligten Akteure kritisch in den Blick. Dabei geht es um Entwicklungslinien, Profildiskussionen und aktuelle Debatten, unter anderem hinsichtlich der Qualitätssicherung, des Bildungsbegriffs, der politischen Indienstnahme von Freiwilligendiensten, der Arbeitsmarktneutralität und des Trägerprinzips als konstitutivem Merkmal der Freiwilligendienste.

Zur Bedeutung und Intention ihrer Veröffentlichung verweisen die Herausgeber_innen in ihrem Vorwort darauf, dass die Autor_innen – seien sie nun Vertreter_innen aus der Wissenschaft oder Mitarbeiter_innen zivilgesellschaftlicher Organisationen oder staatlicher / politischer Institutionen – mit ihren Beiträgen „wichtige und sehr unterschiedliche Impulse“ für die „erforderlich erscheinende Diskussion über eine zukunftsfähige Weiterentwicklung der Freiwilligendienste als Element der Zivilgesellschaft“ setzen. Angesichts der neuen politischen Regierungsformation auf Bundesebene sei es „wichtig, fachliche Grundlagen für anstehende politische Entscheidungen präsentieren zu können.“ Die Beiträge sollen sowohl „einen Einblick in den aktuellen Diskussionsstand über die an Bedeutung wie auch an Vielfalt gewachsenen Freiwilligendienste“ ermöglichen als auch „für den Diskurs über die Fortentwicklung der Freiwilligendienste wertvolle Anstöße“ (S. IX) geben.

Da die einzelne Vorstellung aller Beiträge den Rahmen der vorliegenden Rezension sprengen würde, sei an dieser Stelle – unter Hinweis auf die Übersichtsskizze im Vorwort (S. VII-IX) – lediglich ein grober Überblick gegeben. Am Anfang des Sammelbandes steht ein Grundsatzbeitrag von Prof. Dr. Thomas Olk, Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpädagogik und Sozialpolitik am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie Vorsitzender des Sprecherrates des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE), in dem er der Frage nachgeht, wie das Verhältnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen einerseits und staatlichen Rahmenbedingungen andererseits beschaffen sein muss für eine den Besonderheiten des bürgerschaftlichen Engagements entsprechende Weiterentwicklung der Freiwilligendienste. Kommentiert wird sein Beitrag aus der Sicht einer verbandlichen Zentralstelle von Susanne Rindt (Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V., Berlin), vom Standpunkt einer Bundestagsfraktion von Sönke Rix (Mitglied des Deutschen Bundestages und Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin) und Anne-Katrin Fischer (wissenschaftliche Mitarbeiterin im Berliner Abgeordnetenbüro des MdB Sönke Rix, Berlin) sowie aus der Perspektive eines Vertreters einer Landesregierung von Michael Panse (Beauftragter für das Zusammenleben der Generationen des Freistaats Thüringen, Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, Erfurt).

Die sich daran anschließenden acht Beiträge stellen das Verhältnis zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation in den Mittelpunkt, wobei sie sehr verschiedene Betrachtungsperspektiven einnehmen. Demgegenüber stehen die Kommunen und zeitintensive Engagementformate im Fokus der nachfolgenden vier Beiträge. Die verbleibenden sechs Beiträge schließlich stehen unter der Überschrift „Bildungschancen“.

Diskussion

Derzeit engagieren sich rund 100.000 Freiwillige in den gesetzlich geregelten Freiwilligendiensten Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) und Bundesfreiwilligendienst (BFD) sowie im Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD), die vom Bund derzeit insgesamt mit jährlich rund 300 Millionen Euro gefördert werden. Da in der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung den Freiwilligendiensten eine entscheidende Rolle zukommt, erscheinen im Hinblick auf die Zukunft des bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements sowie der Freiwilligendienste als einer besonderen Form dieses Engagements unter allen daran Beteiligten die Reflexion und die Weiterentwicklung der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen umso wichtiger. Hierbei geht es nicht zuletzt darum, ob und wie die Zivilgesellschaft auf die Gestaltung der Freiwilligendienste Einfluss nehmen kann und wie sie dabei von der Politik unterstützt wird. Mit entsprechenden Fragen setzte sich am 7. März 2013 in Berlin die Fachtagung „Zivil.Gesellschaft.Staat. Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Gestaltung“ der Arbeitsgruppe „Freiwilligendienste“ des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) und des Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr (BAK FSJ) kritisch auseinander, an der sich unter anderem neben verschiedenen Verbands- auch Behördenvertreter beteiligten.

Die Beiträge des nun vorliegenden Tagungsbandes, der sich vor allem an die Fachöffentlichkeit und die Freiwilligendienstakteure, also an Verbände, Träger und Einsatzstellen von Freiwilligendiensten, an die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die Raum und Struktur für bürgerschaftliches Engagement bieten, an Einrichtungen der Jugendhilfe, an die Wissenschaft und, nicht zuletzt, an die Politik und die Verwaltung wendet, stellen nicht nur das Konzept „Freiwilligendienst“ in seinen unterschiedlichen Dimensionen vor und leuchten dieses nach allen möglichen Seiten aus, sondern gewähren auch einen Einblick in die aktuellen Herausforderungen sowie die Vielfalt der Formate und Einsatzfelder.

Beim Lesen fällt dabei vor allem die kritische Haltung dem Staat gegenüber auf, die von den verschiedensten Interessensvertreter_innen mitunter gebetsmühlenartig wiederholt wird. Bereits in seinem Grundsatzbeitrag weist Thomas Olk auf die seines Erachtens „problematische Doppelrolle“ hin, die das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) beim BFD spielt, indem es gleichzeitig eine koordinierende und steuernde Behörde ist und zudem selbst die Aufgaben einer Zentralstelle inne hat: „Mit der Steuerungsstruktur durch das nun umbenannte alte Bundesamt für den Zivildienst [in BAFzA] wird ein direkter Einfluss des Staates auf den BFD ermöglicht und bei nüchterner Betrachtung ist hier auch deutlich ein stärkerer Einfluss des Staates festzustellen“ (S. 7). Im Hinblick auf die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen beziehungsweise die Qualitätskriterien für alle Freiwilligendienste verweist der Autor auf das Subsidiaritätsprinzip, dessen Gültigkeit er sodann nochmals ausdrücklich betont: „Der Staat ist Unterstützer, Förderer, setzt auch Rahmenbedingungen für den gemeinnützigen Bereich. Aber er nimmt ihm keine Aufgaben weg! Für den Freiwilligendienstbereich heißt dies: er soll als Rahmengeber und Förderer agieren. Er soll sich aber jeder direkten Einflussnahme enthalten und unnötigen Bürokratieaufwand vermeiden“ (S. 16).

Für Susanne Rindt vom Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e.V. gibt es eine „staatliche Einflussnahme und Steuerung“ dort, wo Freiwilligendienste für freiwilligendienstfremde Zwecke instrumentalisiert werden. Deshalb würden die Verbände auch in der allgemeinen engagementpolitischen Debatte auf „die spürbare Tendenz einer staatlichen Instrumentalisierung des bürgerschaftlichen Engagements“ hinweisen und kritisieren, „dass hierdurch der Eigensinn des Engagements und das Prinzip der Freiwilligkeit beschädigt werden“ (S. 22) Zugleich befürchtet sie, dass Freiwilligendienste für bildungs-, integrations- und arbeitsmarktpolitische Zielstellungen staatlicherseits instrumentalisiert würden, indem sie Aufgaben übernehmen, die auf den herkömmlichen Politikwegen nicht hinreichend zu bewältigen oder nicht (mehr) finanzierbar sind. Darüber hinaus kritisiert die Autorin, dass im BFD der Staat selbst als Vertragspartner aller Freiwilligen ganz unmittelbar am Freiwilligendienst beteiligt ist. Überdies greife der Staat mit Hilfe des zuständigen Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben „in einer problematischen Doppelrolle steuernd in die Freiwilligendienste ein, weil das Bundesamt, neben seiner Funktion der Aufsicht über die Durchführung des BFD, der Einsatzstellenanerkennung, der Verwaltung und Auszahlung von Zuschüssen usw. eben zugleich auch selbst Zentralstelle ist, sich damit also selbst beaufsichtigt“ (S. 24).

Sönke Rix und Anne-Katrin Fischer sehen ebenfalls die Doppelrolle des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben „mehr als kritisch“. Denn einerseits sei das BAFzA steuernde, koordinierende und kontrollierende Behörde und verwalte die Zuschüsse an die zivilgesellschaftlichen Zentralstellen. Andererseits sei es selbst insbesondere für kleine und kommunale Träger Zentralstelle und Dienstleister. Somit trete das BAFzA in Konkurrenz zu den Zentralstellen der zivilgesellschaftlichen Träger: „Das widerspricht wiederum dem Subsidiaritätsprinzip. Aus diesem Grund fordern wir, dass diese zweite Rolle des BAFzA aufgegeben wird“ (S. 33).

Ausgehend von einem historischen Rekurs auf die Bedingungen freiwilligen Engagements in der DDR skizziert Michael Panse die heutige Situation des Bundesfreiwilligendienstes in den neuen Bundesländern, wobei er auch auf deren besondere Altersstruktur eingeht. Nach Ansicht des Autors sind Maßnahmen sinnvoll, die dazu führen, dass alle Freiwilligen einen einheitlichen Status erhalten, „dass die Rolle der Träger gestärkt wird und sich der Staat gemäß dem Subsidiaritätsprinzip aus Aufgaben zurückzieht, in denen er nicht erforderlich ist.“ Sinnvoll erscheint ihm für den Bereich des Bundesfreiwilligendienstes bereits „eine staatliche Exit-Strategie, zumindest konzeptionell, vorzubereiten, ohne jedoch die nötige Förderung zurückzufahren“ (S. 46).

Nach Ansicht von Prof. Dr. Gisela Jakob, die an der Hochschule Darmstadt im Studiengang Soziale Arbeit tätig ist, wurde mit dem Bundesfreiwilligendienst ein staatlich organisierter Freiwilligendienst etabliert, der die Rolle der bisherigen Träger und zivilgesellschaftlichen Organisationen in Frage stellt und massiv in das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft eingreift. In diesem Zusammenhang kritisiert sie insbesondere die „Doppelfunktion“ des BAFzA als politisch steuernde und kontrollierende sowie als Zentralstelle mit etwa 15.000 Plätzen selbst anbietende Instanz, was aus einer ordnungs- und machtpolitischen Perspektive „eine heikle Angelegenheit“ sei. Vor dem Hintergrund, dass fünf Tage der begleitenden Bildungsarbeit (Politische Bildung) in den Bildungszentren des Bundes verpflichtend sind, verweist die Autorin darauf, dass beim Bundesfreiwilligendienst die Träger an Einfluss verloren haben beziehungsweise gar keine Rolle mehr spielen, wenn das Bundesamt selbst als Zentralstelle fungiert. Damit werde „die Idee einer subsidiären Leistungserbringung, wie sie den Freiwilligendiensten bislang zugrunde lag und in den Jugendfreiwilligendiensten auch nach wie vor gilt, im BFD zugunsten einer staatlichen Steuerung des Bereiches aufgegeben“. Aus der Perspektive der Zivilgesellschaft erwiesen sich die nachwirkenden Zivildiensttraditionen im Bundesfreiwilligendienst „als Problem“. In diesem Zusammenhang kritisiert sie sowohl die Kooperation mit dem BAFzA, das die Nachfolge vom Bundesamt für den Zivildienst angetreten ist, als auch die pädagogische Arbeit der Bildungszentren, die aus den Zivildienstschulen hervorgegangen sind. Ohne dies im Einzelfall näher zu benennen hält sie hierzu wörtlich fest: „Die ‚Kultur‘ und die Gepflogenheiten von Organisationen, die hoheitliche Aufgaben hatten und einen Pflichtdienst umsetzen mussten, sind bis heute andauernd spürbar“ (S. 57).

Mario Junglas, Diplom-Theologe und Volljurist sowie bis 2014 Leiter des Berliner Büros des Deutschen Caritasverbandes, verweist zunächst darauf, dass es im teilhabeorientierten Steuerstaat kein Engagement für viele ohne die ermöglichende staatliche Förderung gibt. Die sei aber strukturell so zu gestalten, dass die Förderung nicht als Steuerung unmittelbar bis auf die Freiheitsebene durchschlagen kann. Deshalb sei wichtig, dass es im bürgerschaftlichen Engagement eine zivilgesellschaftliche intermediäre Ebene zwischen Engagierten und Einrichtungen einerseits und dem ermöglichenden Staat andererseits gibt, auch zur Abmilderung der steuernden Effekte. Indem das BAFzA aber direkte Verträge mit den Einrichtungen und den Freiwilligen abschließt, fehle „genau dieser intermediäre Filter“. Dabei käme es auch nicht darauf an, ob nicht auch das BAFzA am Ende zu guten Einsatzplätzen verhilft, „sondern ob hier nicht doch wieder die Logik durchschlägt: Wer bezahlt schafft an. Um der Freiheit willen ist schon der Anschein der Steuerung zu meiden“ (S. 93).

Eine Gegenposition zu den zuvor genannten Kritikpunkten nimmt der Beitrag von Dr. Jens Kreuter, Unterabteilungsleiter im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und von 2012 bis 2014 Leiter des Arbeitsstabes Freiwilligendienste im BMFSJ sowie von 2006 bis 2011 Bundesbeauftragter für den Zivildienst, ein. Seines Erachtens gehört es zum Wesen des freiwilligen Engagements, dass es sich keine Form und keine Ausprägung vorschreiben lässt und selbst in seiner Existenz einzig vom autonomen Willen der Engagierten abhängig ist. Im Zusammenhang mit dem vermeintlichen „Problem des staatlichen Zugriffs auf die Zivilgesellschaft“ und der kritisierten Rolle des BAFzA und seine Funktion als Zentralstelle des BFD weist er darauf hin, dass kleine, verbandsfreie Einsatzstellen – von Elterninitiativen hin bis zu den vielen kommunalen Einsatzstellen, die im BFD rund 40 Prozent der Einsatzplätze stellen – an der Bundesförderung partizipieren wollen, ohne sich dafür verbandlichen Strukturen anschließen zu müssen. Die Zentralstelle des BAFzA, welche diesen verbandsunabhängigen Einsatzstellen nun die Teilhabemöglichkeit an staatlicher Förderung ohne Zuordnung zu einem Wohlfahrtsverband eröffnet, als „staatlichen Angriff auf die Zivilgesellschaft zu betrachten“, verkehre die tatsächliche Entstehungsgeschichte in ihr Gegenteil. Der Erfolg der gesetzlich geregelten Freiwilligendienste als eine besondere unter vielen erfreulichen Formen freiwilligen Engagements sind für den Autor vielmehr „ein überzeugendes Beispiel für ein zielführendes Zusammenwirken staatlicher, kirchlicher, verbandlicher, kommunaler und zivilgesellschaftlicher Ebenen und stellt ein festes Fundament der zukünftigen Zusammenarbeit dar“ (S. 84).

Bemerkenswert erscheinen in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen von Dr. Jörn Fischer, Senior Research Associate am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Köln und Herausgeber von „Voluntaris – Zeitschrift für Freiwilligendienste“, und Benjamin Haas, Herausgeber von „Voluntaris“, die sich in ihrem Beitrag mit der Rollenverteilung zwischen Staat und Zivilgesellschaft in den „deutschen“ internationalen Freiwilligendiensten auseinandersetzen. Aufgrund ihrer Analyse stellen sie fest, dass sich das Subsidiaritätsprinzip und das Prinzip der politischen Verantwortung in einem Widerstreit befinden, der sich nicht ohne weiteres zu Gunsten des einen oder des anderen Prinzips auflösen lasse. Wie auch immer sich das Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft gestalte, sollten nach Ansicht der Autoren weder das Subsidiaritätsprinzip noch die politische Verantwortung als „argumentative Waffen“ verwendet werden, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Ihre theoretische Analyse mache deutlich, „dass sowohl für die zivilgesellschaftlichen als auch für die staatlichen Akteure ein Aspekt handlungsleitend sein sollte: dass die Freiwilligen und die Partnerorganisationen sowie die Einsatzstellen einen erfolgreichen und guten Freiwilligendienst leisten bzw. begleiten können“ (S. 133).

Insgesamt betrachtet ist der vorliegende Band beziehungsweise die darin vereinten Beiträge zur Bedeutung der Freiwilligendienste hinsichtlich ihrer Potentiale und Wirkungen für die Zivilgesellschaft, ihre Handlungsfelder und Rahmenbedingungen ein gelungenes Beispiel für einen öffentlich geführten Diskurs und die politische Positionierung der daran beteiligten Interessenvertretungen, der in einer pluralistischen Gesellschaft zum Alltag gehören sollte.

Fazit

Wer sich für die gesellschaftspolitische Bedeutung der Freiwilligendienste interessiert beziehungsweise sich darüber informieren möchte, kann dies mit dem Buch „Zivil – Gesellschaft – Staat“ auf breiter Basis tun. Zugleich bietet die Lektüre eine hervorragende Diskussionsgrundlage für die weitere Entwicklung rund um die Freiwilligendienste.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 19.06.2015 zu: Thomas Bibisidis, Jaana Eichhorn, Ansgar Klein, Christa Perabo, Susanne Rindt (Hrsg.): Zivil - Gesellschaft - Staat. Freiwilligendienste zwischen staatlicher Steuerung und zivilgesellschaftlicher Gestaltung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-05563-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18588.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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