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Anne de la Motte: Was macht Beratung und (Psycho-)Therapie in Erziehungs­beratungsstellen aus?

Cover Anne de la Motte: Was macht Beratung und (Psycho-)Therapie in Erziehungsberatungsstellen aus? Einblicke in Theorie und Praxis. dgvt-Verlag (Tübingen) 2015. 141 Seiten. ISBN 978-3-87159-918-7. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Ursprünglich ging die Autorin im Rahmen ihrer Master-Thesis der Frage nach, ob Erziehungsberatungsstellen vorrangig beratend oder (psycho-)therapeutisch arbeiten. Der Anspruch des Buches ist, erstmalig empirisch belegte Antworten zu geben.

Autorin

Anne de la Motte hat an der Hochschule Niederrhein einen Masterabschluss im Studiengang Psychosoziale Beratung und Mediation erworben. Sie arbeitet zurzeit in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH).

Aufbau und Inhalt

In diesem Buch behandelt Anne de la Motte auf ca. 100 inhaltlichen Seiten in zehn Kapiteln das Thema ihrer Arbeit.

  • Nach einer sehr kurzen Einführung thematisiert das 2. Kapitel einige grundlegende Begriffsbestimmungen: Erziehungsberatungsstellen, Beratung, (Psycho-)Therapie, Familie und Erziehung.
  • Im 3. Kapitel stellt sie vier Herangehensweisen vor, um Beratung und (Psycho-)Therapie zueinander in Relation zu bringen. Die vier Dimensionen sind die Geschichte der Erziehungsberatungsstellen, die rechtlichen Grundlagen, heutige Vorstellungen zu multiprofessionellem Herangehen bei Problemlagen sowie Beratung und (Psycho-)Therapie in der Fachliteratur.
  • Das 4. Kapitel stellt kurz die zu überprüfenden Hypothesen in einer empirisch-quantitativen Befragung vor.
  • Das damit korrespondierende 5. Kapitel fokussiert auf das methodische Vorgehen der Untersuchung.
  • Dem 6. Kapitel ist die Darstellung der Ergebnisse vorbehalten.
  • Im 7. Kapitel leistet die Autorin eine Interpretation und Diskussion der vorgelegten Ergebnisse.
  • Das abschließende 8. Kapitel zieht ein kurzes Resümee.
  • Das 9. Kapitel umfasst als Anhang die Dokumente der Befragung, als 10. Kapitel zählt das Literaturverzeichnis.
  • Ein Tabellen-, Abbildungs- und Abkürzungsverzeichnis sind dem Text vorangestellt.

Diskussion

Das vorliegende Buch hat sich in Bezug zu Erziehungsberatungsstellen tatsächlich einer spannenden Frage gewidmet, die in der aktuellen Fachliteratur nicht so explizit in den Mittelpunkt gestellt wurde. Spätestens seit Inkrafttreten der Psychotherapie-gesetzes im Jahr 1999 ist die formelle Kluft zwischen heilkundlicher, d.h. von den Krankenkassen finanzierter Psychotherapie und allen anderen psychologischen und therapeutischen Tätigkeiten außerhalb der Heilkunde (§ 1, Abs. 3 PsychThG) maßgebend für das Leistungsspektrum der institutionellen Erziehungsberatungsstellen.

Obwohl viele Fachkräfte innerhalb der Erziehungsberatungsstellen über eine Approbation verfügen, die zur Ausübung einer heilkundlichen Tätigkeit erforderlich ist, werden ihre Leistungen nicht im Rahmen des Gesundheitssystems vergütet, sondern immer über staatliche Haushaltsmittel. Die nun vorliegende grundlegende Frage, ob in Erziehungsberatungsstellen vorrangig beraterisch oder eher (Psycho-)therapeutisch gearbeitet wird, ist daher für die materielle Existenz von Erziehungsberatungsstellen zweitrangig. Fachpolitisch oder professionell betrachtet ist diese Frage durchaus aktuell und wichtig. Bei Anerkennung der vorgelegten Leistung in der ausführlich dokumentierten quantitativen Untersuchung, an der sich ca. 230 Einrichtungen beteiligten, kann angemerkt werden, dass die Mehrzahl der vorgestellten empirischen Ergebnisse für die Praxis der Erziehungsberatungsstellen wenig Relevanz haben werden, da sie in vielen Aspekten letztlich zu allgemein bzw. zu offen ausfallen.

Die Autorin reagiert auf die nicht eindeutigen Befragungsergebnisse, indem sie an die statistischen Darstellungen in Form von Häufigkeiten, Verteilungsgrößen, Korrelationen und Abhängigkeiten im nachfolgenden Kapitel die Interpretation und Diskussion dieser Ergebnisse mittels von neuen Hypothesen leistet.

Als wichtigstes Ergebnis wird letztlich herausgestellt, dass die „qualitative Abgrenzung von Beratung und (Psycho-)Therapie schwer fällt“ (S. 115). Dies war aber in der Praxis vorher schon hinreichend bekannt. Die Autorin führt dazu an, dass bereits zu Beginn der Arbeit der Versuch einer klaren Begriffsbestimmung der Interpretationen kaum möglich war! Von daher muss Frau de la Motte schließlich einräumen, dass es wünschenswert wäre, wenn sich weiter mit der Fragestellung der Relationen von Beratung und (Psycho-)Therapie auseinandergesetzt würde (S. 117).

Fazit

Das Buch kann nicht verhehlen, in der ursprünglichen Fassung eine Examensarbeit in Form einer Master-Thesis gewesen zu sein. Bei Anerkennung der investierten wissenschaftlichen Arbeit bleibt dennoch der praxisbezogene Wert gering. Es ist fraglich, ob das Buch andere – beispielsweise qualitativ ausgerichtete Fragestellungen – beantworten oder gar befriedigen kann. Es ist auffallend, dass im Vorwort der zweifelsfrei vorhandene gesellschaftspolitische Bezug der Thematik viel pointierter aufgegriffen wird als in der Arbeit selbst. Es hätte dem Werk daher gut getan, wenn in der Buchfassung der Examensarbeit anstelle der gewählten „wissenschaftlichen Neutralität“ zur Fragestellung eine – gerne auch polemische – Positionsbestimmung gewählt worden wäre, die der qualitativen Dimension der Fragestellung viel angemessener gewesen wäre. Daraus folgt, dass – vielleicht von einem inneren Zirkel abgesehen – wenig bleibt, was einen breiten Kreis Praktiker/innen wirklich interessieren könnte.

Summary

The book cannot deny to have been a master´s thesis in the original version. In recognition of scientific work invested yet the practical value remains low. It remains questionable whether the book can answer other questions, for example, high-aligned or even meet. It is striking that in the preface the unquestionably available society-political relation of the topic is taken up much more emphasized than in the work itself. Hence, it would have been good for the work if in the book version of the paper instead of the elective „scientific neutrality“ to the question – with pleasure also controversial – position regulation had been chosen which would have been more adequate to the qualitative dimension of the question a lot. Of the fact follows that – maybe from an internal circle seen – a little remains what could really interest a wide circle of practitioner.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 29.03.2016 zu: Anne de la Motte: Was macht Beratung und (Psycho-)Therapie in Erziehungsberatungsstellen aus? Einblicke in Theorie und Praxis. dgvt-Verlag (Tübingen) 2015. ISBN 978-3-87159-918-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18589.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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