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Johannes Hürter (Hrsg.): Terrorismus­bekämpfung in Westeuropa

Cover Johannes Hürter (Hrsg.): Terrorismusbekämpfung in Westeuropa. Demokratie und Sicherheit in den 1970er und 1980er Jahren. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2015. 330 Seiten. ISBN 978-3-486-76454-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Man beachte den Untertitel: Es geht im vorliegenden Band nicht um die gegenwärtigen Gefahren des Terrorismus, sondern um jene vom Ende des letzten Jahrtausend. Das „Terror-Jahrzehnt 1970 bis 1980“ steht im Fokus der im Buch versammelten Beiträge. Es war die Zeit als die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) Banküberfälle und Bombenanschläge verübte, den Generalbundesstaatsanwalt Siegfried Buback und seinen Fahrer ermordete, den Vorstandvorsitzenden der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, erschoss, den Präsidenten der Deutschen Industrie, Hanns-Martin Schleyer, entführte und anschließend umbrachte. Es war auch die Zeit als palästinensische Mitglieder der Organisation „Schwarzer September“ während der Olympischen Spiele die Mitglieder der israelischen Mannschaft töteten. Aber nicht nur in Deutschland hinterließ der politische Terrorismus seine furchtbaren Spuren. In Großbritannien eskalierte der Terror der IRA und 1971 wurde in Nordirland der Notstand ausgerufen; in Italien verübten die „Roten Brigaden“ zwischen 1970 und 1988 mehr als 70 Mordanschläge, 1978 wurde der ehemalige Ministerpräsident Aldo Moro ermordet. In den Niederlanden wurden in den 1970er Jahren mehrere Terroranschläge durch süd-molukkische Aktivisten verübt. In Frankreich propagierte die linksextreme „Action Directe“ den bewaffneten Kampf gegen den Staat. Mit der Europäisierung des linksextremen, rechtsextremen[1], sozialrevolutionären, separatistischen und palästinensischen Terrorismus kam es auch zu einer Europäisierung der Terrorismusbekämpfung. Nicht nur in Deutschland wurden neue Gesetze im Kampf gegen den Terrorismus verabschiedet (man erinnere sich zum Beispiel an das „Antiterrorgesetz“, das im August 1978 seine Hürden nahm), auch in anderen europäischen Ländern verschärfte sich die innere Sicherheitspolitik. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Terrorismusbekämpfung und Demokratiebewahrung ist der rote Faden, der die im vorliegenden Band versammelten Beiträge zusammenhält. Johannes Hürter, der Herausgeber des Sammelbandes, formuliert das in der Einleitung so: Es gehe um die „…unvermindert aktuelle Frage, ob Sicherheit gegen Terrorismus in einer liberal verfassten westlichen Demokratie überhaupt möglich ist, und, wenn ja, ob sie möglich ist, ohne den normativen Entwurf von Recht und Freiheit, auf dem sie beruht, zu missachten“ (S. 2).

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Johannes Hürter studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik und Musikwissenschaft in Heidelberg, promovierte 1992 und ist gegenwärtig Abteilungsleiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und außerplanmäßiger (apl.) Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; 1992 bis 1995 war er Postdoktorand der Deutschen Forschungsgemeinschaft; als Leiter verschiedener Forschungsprojekte hat er zahlreiche Bücher, Sammelbände und Aufsätze u.a. zum Nationalsozialismus publiziert.

Neben einer Einleitung und einem Beitrag von Johannes Hürter enthält das Buch Arbeiten von Bernhard Blumenau (Postdoktorand am Graduate Institut of International and Development Studies Genf), Gisela Diewald-Kerkmann (apl. Professorin für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld), Tim Geiger (promovierter Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin), Beatrice de Graf (Professorin an der Universität in Utrecht), Bernd Greiner (promovierter Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und apl. Professor für Neueste Geschichte an der Universität Hamburg), Tobias Hof (promoviert und Visting Professor an der University of North Carolina), Kristina Kütt (Doktorandin an der Humboldt Universität zu Berlin), Markus Lammert (promoviert und gegenwärtig Berater am Europäischen Parlament), Gabriele Metzler (Professorin für die Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen an der Humboldt-Universität Berlin), Eva Oberloskamp (promovierte Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin), Thomas Riegler (promoviert und freier Historiker), Achim Saupe (promoviert und Koordinator des Leibnitz-Forschungsverbundes „Historische Authentizität am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) und Andreas Spreier (Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin).

Aufbau und Inhalte

Im Buch werden drei große Themenfelder behandelt.

Der erste Teil trägt den Titel “ Innere Sicherheit und staatliche Gewalt“. In den vier Beiträgen (von Tobias Hof, Gisela Diewald, Johannes Hürter und Bernd Greiner) geht es darum, wie der Staat im „Terror-Jahrzehnt 1970 bis 1980“ dem Sicherheitsversprechen gegenüber den Bürgern nachkam und wie das Verhältnis von Staatsmacht und Bürgerfreiheit gestaltet wurde. Dabei geht es bereits im Beitrag von Tobias Hof auch um Unterschiede der Terrorismusbekämpfung in der Bundesrepublik, in Großbritannien und Italien. Auch Gisela Diewald-Kerkmann thematisiert Unterschiede und Ähnlichkeiten in diesen drei Ländern und macht noch einmal die Erinnerungen an den RAF-Prozess salient. Johannes Hürter kommt in seinen Vergleichen zu der Schlussfolgerung, dass die Politikgestaltung gegen den Terrorismus „in den eher konsensualen Demokratien (wie in der Bundesrepublik, WF) ein größeres Maß an Flexibilität, Evaluierung und Verknüpfung mit den öffentlichen Diskursen“ (S. 79) aufwies. Der Rezensent hofft, dass dies so bleiben möge. Nicht weniger lesenswert ist der Beitrag von Bernd Greiner „Demokratien im Stresstest“. Auch wenn Greiner einen historischen Blick auf die Terrorismusbekämpfung wirft, fallen dem Rezensenten wiederum die aktuellen Entwicklungen ins Auge.

Im zweiten Teil des Sammelbandes geht es um „Inszenierung und Kommunikation“. Der Teil versammelt Beiträge von Beatrice de Graf, Gabriele Metzler, Kristina Kütt und Andreas Spreier, Achim Saupe und Markus Lammert. Aus diesen Beiträgen hat der Rezensent (die Autor/innen der anderen Beiträge mögen ihm das nachsehen) besonders viel gelernt. Der Forschungsdomäne „Terrorismus als Inszenierung“ fühlt er sich auch besonders verpflichtet (vgl. Frindte & Haußecker, 2010). Und die Kernfrage, um die sich die Beiträge in diesem Teil drehen, lautet denn auch, mit welchen Inszenierungsstrategien Staat und Gesellschaft auf den inszenierten Terrorismus reagieren. Auch hier geht es wieder um Ländervergleiche, z.B. im Beitrag von Beatrice de Graf (Bundesrepublik, Italien, Niederlande). Ohne einen Beitrag besonders hervorheben zu wollen, erlaubt sich der Rezensent auf den Beitrag von Achim Saupe hinzuweisen („‘Innere Sicherheit‘“ und ‚law and order‘ – Die politische Semantik von Ordnung, Sicherheit und Freiheit in der bundesdeutschen Innenpolitik).

Der dritte Teil des Bandes („Terrorismusbekämpfung international“) enthält Beiträge von Eva Oberloskamp zur Europäisierung der Terrorismusbekämpfung in den 1970er Jahren, von Bernhard Blumenau zur westeuropäischen Anti-Terrorismus-Politik in den Vereinten Nationen, von Tim Geiger („Westliche Anti-Terrorismus-Diplomatie im Nahen Osten“) und von Thomas Riegler, der sich u.a. mit der Terrorismusbekämpfung in der DDR beschäftigt. Nur ein beispielhaftes Zitat aus diesem Beitrag: „Es ist jedenfalls zweifelhaft, ob der internationale Terrorismus der 1970er und 1980er Jahre ohne Ruheräume, Transitmöglichkeiten und Nachschubquellen in Osteuropa eine ähnliche Schlagkraft erreicht hätte“ (S. 315).

Fazit

Gründliche Recherchearbeit liegt all den im Band versammelten Beiträgen zugrunde. Lesenswert sind allemal; nicht zuletzt, weil die möglichen Konflikte, die dem Spannungsverhältnis zwischen Terrorismusbekämpfung und Demokratiebewahrung immanent sind, eben auch auf die Aktualität des Sammelbandes verweisen.

Zitierte Literatur

Frindte, W. & Haußecker, N. (Hrsg.) (2010). Inszenierter Terrorismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.


[1] Erinnert sei an das Oktoberfestattentat am 26. September 1980, bei dem 13 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt wurden. Der Anschlag gilt als rechtsextremer Terrorakt.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 13.11.2015 zu: Johannes Hürter (Hrsg.): Terrorismusbekämpfung in Westeuropa. Demokratie und Sicherheit in den 1970er und 1980er Jahren. De Gruyter Oldenburg (Berlin) 2015. ISBN 978-3-486-76454-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18594.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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