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Margot Vogel Campanello: Männlichkeit und Nationalismus (rechtsorientierte Erwachsene)

Cover Margot Vogel Campanello: Männlichkeit und Nationalismus. Deutungen der Selbstdarstellung rechtsorientierter junger Erwachsener. Chronos Verlag (Zürich) 2015. 259 Seiten. ISBN 978-3-0340-1249-2. D: 39,50 EUR, A: 40,70 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Autorin und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch basiert auf einer Dissertation, die der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich von der Autorin, Margot Vogel Campanello vorgelegt worden war. Angeregt war die Autorin durch ihre frühere Arbeit mit Biografien Jugendlicher geworden, die im Rahmen des Schweizerischen Nationalfondsprogramms 40+ „Rechtsextremismus“, Ursachen und Gegenmaßnahmen erfasst worden waren und bei ihr zunächst zu Abwehr und Abscheu, aber auch zu Widerständen geführt hatten. Sie wollte verstehen, wie es dazu kommt, dass Menschen so denken und handeln, dass sie Menschen mit anderen Meinungen nicht nur ablehnen, sondern sogar zu vernichten suchen.

Aufbau

In der Einleitung werden die wesentlichen Forschungsziele thematisiert. In Kapitel zwei werden theoretische Erklärungsansätze dargestellt, und die Forschungsfragen und -interessen in einen theoretischen Begründungszusammenhang gestellt. In diesem Kapitel wird ausgeführt, wie der Strukturwandel in den 90er Jahren politisch rechte Einstellungen begünstigt hat. Vor allem wird dargelegt, warum insbesondere die Jugend betroffen ist, es wird nach der Bedeutung des Geschlechts und Körperlichkeit in rechten Subkulturen gefragt.

In Kapitel drei werden Forschungsmethoden, in Kapitel vier schließlich der Feldzugang diskutiert.

Das Kernstück der Arbeit ist das Kapitel fünf. Darin werden die gewonnen Erkenntnisse gebündelt und analysiert. Die Autorin richtet ihr Augenmerk auf rechtsextreme Jugendliche, nicht nur aus pragmatischen Gründen, sondern weil die Autorin die Jugendphase als Ort begreift, an dem sich gesellschaftliche Verhältnisse akzentuiert manifestieren.

Ausgewählte Inhalte

Eine Dissertation befasst sich mit vielen wichtigen Fragen zu Erklärungsansätzen, der Methodik und der Datenerfassung, die für die Leserin, den Leser weniger relevant sind. Ich werde mich daher im Folgenden auf die zentralen Ergebnisse zu den spezifischen Fragestellungen der Autorin konzentrieren. Es wäre zu überlegen gewesen, die Dissertation als Buch zu ‚verschlanken‘, denn nicht jede/jeder, die sich mit den Fragestellungen dieser Untersuchung beschäftigen will, möchte zunächst fast 100 Seiten in dieser Ausführlichkeit über Theorien und Methodik informiert werden.

Rechtsextremistische Einstellungen sind in allen Alters- und Geschlechtergruppen vorzufinden, sie sind auch bei älteren Menschen ausgeprägt. Vogel Campanello beschreibt den Strukturwandel in der Schweiz mit seinen Auswirkungen auf die Zukunftsperspektiven von Jugendlichen. Dieser Zusammenhang ist bekannt, dass ein rapider gesellschaftlicher Wandel und die daher rührenden Verunsicherungen und Verluste der Orientierung zu autoritären Denkstrukturen führen können. Der Triebschub der Adoleszenz drängt zur Außenorientierung und zur Anpassung an die Kultur. In rechtsextremen Subkulturen überwiegen quantitativ männliche Jugendliche.

Die Autorin geht von der These aus, dass die jeweiligen strukturellen Bedingungen einer Lebenslage – hier der Adoleszenz, Spätadoleszenz und junges Erwachsenenalter – durch spezifische „Inszenierungen“ ausgedrückt werden. Diese Selbstdarstellungen, das heißt die Rituale, Symbole und Ideologien von rechtsorientierten jungen Erwachsenen werden in dieser ethnografischen Studie kulturtheoretisch analysiert und in Beziehung zur strukturellen Lage der Befragten gestellt. Die Interviews mit zehn jungen Erwachsenen, 4 Frauen und 6 Männern, bilden den Kern des Buches und werden hinsichtlich ihres latenten Gehalts tiefenhermeneutisch ausgewertet. Im Folgenden will ich einige Ergebnisse und Erkenntnisse der Autorin referieren.

Die Autorin vertritt die These, dass die sozioökonomische und ökonomische Situation wesentliche Bestandteile der politischen Struktur von Regionen und Ortschaften sind, an denen sich rechte Subkulturen bilden. In ihrer Untersuchung konnte sie feststellen, dass die Gründungen von Kameradschaften und rechten Organisationen in jenen Regionen häufiger waren, die als strukturschwach bezeichnet werden können, die strukturelle Situation eines Ortes ist somit vermutlich maßgebend für den Umgang mit dem Fremden. Die untersuchten Personen waren mehrheitlich in Berufen tätig, die nur wenig Entwicklungsperspektiven und Mobilitätschancen bieten, auch andere Untersuchungen konnten bestätigen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen denjenigen, welche nationale Eigenart hochhalten und einen Beruf mit geringen Zukunftschancen ausüben. In den Interviews spiegelten sich Ängste und Bedrohungen durch das Fremde und durch Ausländer, Asylsuchenden und Juden. „Den Bedrohungen wird über den Rekurs auf Traditionen, nationale Grenzziehung, Planung und Ordnung, Wunsch nach Idylle und Ruhe sowie Präferenz des Statischen zu begegnen gesucht“ (S. 229). Zwar waren die Eltern aufstiegsorientiert und an Statussymbolen orientiert, aber auch sie verfügten über keine höheren Bildungsabschlüsse, ein kleinbürgerliches soziales Milieu wird beschrieben. Die familiäre Reputation spielt eine zentrale Rolle.

Kulturell orientieren sich die Befragten an der Massenkultur und unterscheiden sich kaum vom Rest der Bevölkerung. Die Familienbilder sind dem Bild des Autoritären und traditionellen verhaftet und werden als „natürlich“ bezeichnet. Eine klare Geschlechterdifferenz wird betont. Das Bild der Mutter/Schwester/Heiligen und das der Hure werden gespalten, wie das von stark muttergebundenen männlichen Jugendlichen bekannt ist. Theweleits Zitat von einer Unterdrückung durch Überhöhung ist hier sehr plausibel. „Weiblichkeit und Männlichkeit sind eindeutig trennbar, rein, klar und ideal“ (S. 54).

Eindrücklich sind vor allem die Ausführungen über die Bedeutung der Gruppe und den Ahnenkult. Letzterer spiegelt sich in gemeinsamen Ritualen. In Totenfeiern wird an die Vorfahren gedacht, mit Fackeln und Feuer wird ein Kult geschaffen. Andererseits soll das eigene Weiterleben durch die Existenz von Kindern gesichert werden. Durchgängig wird die Sehnsucht nach einem starken, auch unerbittlichen Vater erkennbar, dessen Ideale vertreten werden. Die rechte Gruppe ist eine Großfamilie, aber sie entscheidet auch über alles. Die Gruppe verleiht Stärke und die Anwesenheit in ihr wird auch über Tätowierungen in den eigenen Körper eingeschrieben. Eine wichtige Erkenntnis der Autorin ist es, dass das autonome Ich aufgegeben wird zugunsten eines Verschmelzens mit der Gruppe und einer Übernahme von deren Idealen.

In einem Ausblick wird zum Schluss überlegt, wie antifaschistische Arbeit und eine sinnvolle Erziehung gestaltet werden sollten.

Diskussion

Die Ergebnisse dieser Studie machen deutlich, dass rechtsextreme Ideologien keine Randphänomen sind, sondern Teil der Normalität darstellen. Die Thematik ist breiter zu denken, als sie von der untersuchten Gruppe widerspiegelt wird. Zu Recht meint die Autorin, dass die Differenzen zur eigenen Lebenslage geringer sind, als vermutet. Die Auseinandersetzungen mit den eigenen Vorurteilen und Rassismen sind dringend nötig, wenn man sich mit rechten Phänomenen befasst. An dieser Stelle erinnert die Autorin daran, dass wir alle vom Virus „Fremdenfeindlichkeit“ befallen ein können, jeder hat einen Schatten, auf den er das eigene Dunkle projizieren kann. Mit dem Titel eines Theaterstücks von Frisch beschrieben: Biedermann kann ebenso gefährlich sein wie die Brandstifter!

Fazit

Der Titel dieses Buches ist etwas irreführend. Eine vertiefte Theoriediskussion wird zwar auf den Seiten 53 – 62 geführt. Doch hat mich etwas enttäuscht, dass eine Diskussion zwischen Männlichkeit und Nationalismus/rechten Ideologien, vor dem Hintergrund der eigenen Forschungsergebnisse zu wenig stattfindet. Dies kann bei einer Auswertung von sechs Interviews mit männlichen Jugendlichen auch kaum anders möglich sein. Letztendlich ist der Untertitel der zutreffende, denn im Zentrum des Buches stehen vor allem Deutungen von Selbstdarstellungen der Jugendlichen. Auch fehlt ein Stichwortverzeichnis.

Andererseits erhält der Leser quasi eine Entschädigung mit der Fülle von Erkenntnissen bisheriger Analysen, mit denen die Untersuchungsergebnisse des Buches verknüpft werden. Das vorliegende Werk ist ein sehr spezielles Fachbuch mit einem anspruchsvollen wissenschaftlichen Duktus, das nicht ganz leicht zu lesen ist es und wird in seiner Gesamtheit wohl überwiegend von Fachleuten rezipiert werden.


Rezension von
Dr. Hans Hopf
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Zitiervorschlag
Hans Hopf. Rezension vom 13.05.2015 zu: Margot Vogel Campanello: Männlichkeit und Nationalismus. Deutungen der Selbstdarstellung rechtsorientierter junger Erwachsener. Chronos Verlag (Zürich) 2015. ISBN 978-3-0340-1249-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18595.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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