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Hans Döbert, Horst Weishaupt (Hrsg.): Bildungsmonitoring, Bildungsmanagement und Bildungssteuerung in Kommunen

Cover Hans Döbert, Horst Weishaupt (Hrsg.): Bildungsmonitoring, Bildungsmanagement und Bildungssteuerung in Kommunen. Ein Handbuch. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 318 Seiten. ISBN 978-3-8309-3183-6. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Es ist eine Binsenwahrheit, dass Bildung in der Bundesrepublik auf lokaler Ebene, vor Ort stattfindet. Es ist ebenso Allgemeingut, dass die Zuständigkeiten zersplittert sind. Bund, Länder, Gemeinden setzen den strukturellen Rahmen für Bildung und Ausbildung. Eine Vielzahl von weiteren Akteuren tummeln sich in diesem gesellschaftlichen Bereich: neben den genannten zählen dazu Kammern, Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften, Kirchen und die gemeinnützige Wohlfahrtspflege. Nicht zu vergessen die Zivilgesellschaft. Auch das zählt zum Allgemeinwissen. So herrscht ein Gewirr unterschiedlicher Angebote der verschiedenen Träger auf der lokalen Ebene und das auch von Ort zu Ort verschieden, die mehr oder weniger verbunden neben einander existieren.

Die Kommunen haben erkannt, dass sie nicht nur Träger und Anbieter von Bildung und Ausbildung sind, sondern dass es sinnvoll erscheint, die Aktivitäten aller Beteiligten vor Ort zu vernetzen. In der „Aachener Erklärung“ von 2007 des Deutschen Städtetages sprechen sie sich für „lokale Bildungslandschaften“ aus, Bildung wird als vernetztes System verstanden, das Erziehung, Bildung und Betreuung zum Leitbild erhebt, mit dem Ziel Qualifikation, Sozialisation und Steigerung der Qualität der Bildung zu verbessern. Es geht aber auch um Allokation: gesellschaftliche Bedarfe nach unterschiedlichen Qualifikationen zu befriedigen. Für eine so gelingende Bildung gilt es, alle Akteure zu vernetzen. Dies wird in der „Münchner Erklärung“ des Städtetages von 2012 definiert. Die Erklärung betont die kommunale Mitverantwortung im Bildungsbereich und zwar mit der Zielsetzung, mehr Bildungsgerechtigkeit, mehr Teilhabe und Qualität verwirklichen. Diese Forderung des Städtetages verweist auch auf die gesteigerte Bedeutung der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Die Strategie der lokalen Bildungslandschaften soll nicht nur in den kreisfreien Städten sondern auch in den Landkreisen mit ihren Kreisstädten und kreisabhängigen Gemeinden zur Geltung kommen.

Dem Bildungskundigen stößt hier sofort das Dilemma der Kommunen auf: sie sind nur eingeschränkt zuständig für Bildung. Die Richtlinien für den Sektor der formalen Bildung sind Sache der Länder; die Berufsausbildung ist Bundesangelegenheit. Eingeschränkt gilt die Zuständigkeit der Länder auch für die Weiterbildung, sofern es überhaupt gesetzliche Grundlagen gibt. Die Kommunen sind nicht nur für die äußeren Schulangelegenheiten zuständig (Schulgebäude, Unterhalt, Hausmeister u.a.), sondern eben auch ein wichtiger Träger von vielfältigen Angeboten der außerschulischen Bildung und Ausbildung im Rahmen ihrer freiwilligen und Pflichtaufgaben. Ein weiteres Dilemma besteht darin, dass die unterschiedlichen Akteure jeweils ihren eigenen Logiken folgen und dem entsprechend die Interessen differieren; nicht zuletzt geht es auch immer um die Verteilung knapper Mittel.

Stellt sich die Frage, wie man diesem lokalen „Flickenteppich“ beikommen kann. Die Lösung: alle sitzen an einen Tisch und alle ziehen am gleichen Strang. Also Vernetzung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat mit dem Programm „Lernen vor Ort“ entsprechende Modellversuche gefördert. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung zu diesem Modellprojekt hat die kommunale Bildungsberichterstattung zum Gegenstand und nimmt einschließlich eines einführenden Kapitels zu diesem Thema fast ein Drittel des gesamten Buches ein. Ohne genaue Kenntnisse der Bildungslandschaft vor Ort ist ein Bildungsmanagement kaum denkbar. Deswegen gilt es, das verfügbare statistische Material der unterschiedlichsten Quellen so zu aggregieren, sodass sie auf lokaler Ebene auch für bildungspolitische Zwecke nutzbar werden. Jeder kennt die nationalen Daten aus PISA und anderen vergleichenden Studien; sie sind aber auf die lokale Ebene herunter zu brechen. Kommunale Berichterstattung benötigt darüber hinaus lokale Daten.

Die Idee der lokalen Bildungslandschaft braucht, darin sind sich alle Beteiligten einig, einen organisatorischen Unterbau. Ausschlaggebend aber ist der politische Wille, Bildung, Erziehung und Betreuung als vernetztes System zu begreifen und um zu setzen. Die Kommunen sehen sich hier als „Motor“. Deswegen bedarf es eines Beschlusses der Stadt-, Gemeinderäte und Landkreistages, die Initiative voran zu treiben. Die Wichtigkeit des Themenfeldes wird nur dann unterstrichen, wenn die entsprechende Stelle organisatorisch in der Verwaltung herausgehoben angesiedelt wird – in der Regel beim Gemeindeoberhaupt – und mit den entsprechenden Befugnissen ausgestattet ist. Denn die vernetzte Bildung bedarf des Zugriffs auf alle notwendigen Informationen der involvierten Dienststellen einer kommunalen Verwaltung. Diese Aufgabe kann ein Bildungsbüro übernehmen.

Wie aber kann die Vernetzung und Einbindung aller Bildungsakteure gelingen? Indem das Bildungsbüro auch die Aufgaben der Koordination und Kooperation übernimmt. Denn es gibt ja keine Verpflichtung irgendeines Akteurs, sich an lokaler Bildungssteuerung, Bildungsmonitoring und Bildungsmanagement zu beteiligen. Insofern ist es unabdingbar, Kooperation nachhaltig zu implementieren. Dazu bedarf eines kontinuierlichen Begleitprozesses – Bildungsmonitoring.

Aufbau und Inhalte

Die Autoren setzen sich mit den wichtigsten Aspekten der Bildungssteuerung auseinander. Die Begriffsklärung läuft auf den Governance Ansatz hinaus. Hier wird der Staat als aktivierender Staat begriffen. Hier ist er keine zentrale Steuerungsinstanz, sondern managt Interdependenzen, indem er die vernetzten Stränge der politischen Handlungsfelder koordiniert. Die Instrumente und Verfahren der Kooperation sind vielfältig und haben Instrumente unterschiedlichster Art zu Verfügung, beispielsweise Bildungsstandards, evidenzbasierte Steuerung u.a. Die kommunale Bedeutung für die Bildungssteuerung wurde bereits angesprochen, wobei die Unterschiede zwischen kreisfreien Städten und Landkreisen von erheblicher Bedeutung sind. In einem kompakten Kapitel werden die Rahmenbedingungen für das Handlungsfeld Schule dargestellt: 16 Bundesländer – 16 verschiedene Schulsysteme. Die kommunalen Handlungsfelder sind gekennzeichnet durch Gebiete in ihrer unmittelbaren Verantwortung und in ihrer Mitverantwortung. Die Kommunen leisten einen Beitrag bei der Finanzierung der Bildungsaufgaben. Ein Überblick über die Finanzierung der Bildungsaufgaben der Kommunen führt zu einer Erörterung von Konzepten derselben.

Bildungsmonitoring wird verstanden „als Oberbegriff für unterschiedliche, kontinuierliche und systematische bildungswissenschaftliche Datenerhebungsprozesse und systematische Evaluationsverfahren…“ (S. 116). Bildungsmonitoring wird verstanden als Verfahren, das die Entwicklungen nach den Vorgaben transparent und nachvollziehbar für die Akteure aufbereitet, Fortschritte und auch Fehlentwicklungen benennt und somit Grundlagen liefert, für die Weiterentwicklung der Bildungslandschaft: zur Bildungsbeteiligung, zu Bildungsbiografien, zur Qualität, zur Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit. Nach einer Darstellung der Datenlage und Datenquellen zur Bildung in der Bundesrepublik werden Leitlinien für einen kommunalen Bildungsbericht auf der Basis von Kennzahlen und Indikatoren entwickelt. Statistisches Bundesamt, die statistischen Landesämter und das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung haben die Vorarbeit geleistet. Es wird ausführlich auf die Datenquellen eingegangen und auf die Notwendigkeit, Datenlücken auf kleinteiliger Ebene zu schließen.

Die Darstellung der Untersuchungsergebnisse zu dem o.g. Projekt „Lernen vor Ort“ nehmen fast ein Drittel des Buches ein. Es wurden die vorliegenden Bildungsberichte der am Projekt beteiligten Kommunen untersucht. Folgende Aspekte standen dabei im Fokus: „Bilanzierung, Analyse der Inhalte, Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Berichte und weiterführende und innovative Ansätze“ (S.286). Die Besprechung dieser detaillierten Studie ist an dieser Stelle nicht zu leisten.

Denn es gilt noch den 3. Punkt des Buches kurz an zu sprechen: Das Bildungsmanagement. Da es unterschiedliche Definitionen von Management gibt, wird hier davon ausgegangen, Bildungsmanagement als die Integration von unterschiedlichen Steuerungsstrukturen zu begreifen. Die Akteure in der Bildung in der Kommune gilt es verbindlich einzubinden und in zu gemeinsamem, koordiniertem Handeln in Form einer Übereinkunft zu verpflichten. Beispiele dafür können lokale Bildungskonferenzen oder Lenkungskreise sein. Sie können in der Verwaltung verortet sein oder außerhalb. Jedenfalls sollte jede Form von Bildungsmanagement an den lokalen Bedürfnissen orientiert werden und nicht nach einer Schablone konzipiert werden.

Diskussion

Bei aller Fülle des vorgelegten Materials fallen einige Unschärfen und Lücken auf.

  • Erstens lassen die Artikel einen gewissen technokratischen Zugang zum Thema erkennen. Wenn auch die Politik erwähnt wird, so doch eher im Verlaufe des Prozesses. Ohne politischen Beschluss über die Implementierung eines kommunalen Bildungsmanagement kann ist diese Strategie nicht funktionieren. Vor allem sollten die Ziele der Bildung auf kommunale Ebene im Konsens beschlossen werden: Inklusion, Integration, Senkung der Zahlen von Schulabbrechern, Ausbildungsstellen für Hauptschulabsolventen und andere mehr je nach lokalen Bedürfnissen.
  • Zweitens: Wünschenswert wären auch ausführlichere Informationen zu den Bildungszielen und Strukturen der außerschulischen Bildung, der Berufsausbildung und Weiterbildung gewesen. Es wird auch nicht näher auf die angesprochenen Aspekte des informellen und nonformalen Lernens eingegangen. Gerade in Hinblick auf die Vernetzung von außerschulischen mit schulischen und beruflichen Bildungsangeboten spielt dieser Aspekt eine Rolle. Als Beispiel seien hier die verschiedenen Konzepte der Ganztagsschule genannt. Im Hintergrund steht der Deutsche und Europäische Qualifikationsrahmen, der gar nicht vorkommt.
  • Drittens sind die kommunalen Finanzen zwar angesprochen. Es sicherlich nützlich, den Unterschied zwischen kameralistischer und betriebswirtschaftlicher Haushaltsführung zu kennen. Aber eine genauere Darstellung finanzieller Handlungsspielräume der Kommunen und deren Grenzen wären sicherlich nicht fehl am Platz.
  • Viertens ist die europäische Dimension von großer Bedeutung auf diesem Sektor. Nicht nur der bereits erwähnte Europäische Qualifikationsrahmen wirkt in das deutsche Bildungswesen sondern auch Programme der Europäischen Kommission wie beispielsweise der Europäische Sozialfond (ESF), der nicht nur finanziell Einfluss auf Bildungsaktivitäten der Kommunen hat.
  • Fünftens ist ein wissenschaftlicher Report über die Ergebnisse der Auswertung der Bildungsberichte der am Projekt „Lernen vor Ort“ wertvoll und notwendig. Aber der nimmt mit seinem Umfang von fast ein Drittel des gesamten Buches viel Platz in Anspruch, der für andere Thematiken – Bildungsfinanzen, Berufsbildung, außerschulische Bildung u.a. – hätte genutzt werden können.

Letztendlich wäre es durchaus hilfreich für Leser dieses Handbuches, wenn der Verlag für ein Sachregister wenn nicht sogar ein Glossar gesorgt hätte.

Fazit

Die Veröffentlichung wird als Handbuch bezeichnet. Es liefert den Handelnden auf dem Gebiet der kommunalen Bildungslandschaften Wissen, mit dem sie die vielfältigen Aufgaben und Anforderungen des Bildungswesens in Kommunen angehen und kommunales Bildungsmanagement, Bildungsmonitoring und Bildungssteuerung entweder initiieren oder fort entwickeln können. Es legt fundiertes, wissenschaftliches Erkenntnisse zu den relevanten Aspekten des Themas vor. Allerdings könnten Praktiker beim Einstieg in die Problematik von der Fülle des Stoffes leicht erdrückt werden.


Rezension von
Prof. Dr. Karl-Ludwig Kreuzer
Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Karl-Ludwig Kreuzer. Rezension vom 08.07.2015 zu: Hans Döbert, Horst Weishaupt (Hrsg.): Bildungsmonitoring, Bildungsmanagement und Bildungssteuerung in Kommunen. Ein Handbuch. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3183-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18596.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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