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Gerd Stüwe, Nicole Ermel u.a.: Lehrbuch Schulsozialarbeit

Cover Gerd Stüwe, Nicole Ermel, Stephanie Haupt: Lehrbuch Schulsozialarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-7799-3075-4. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3082-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Auch wenn Kinder- und Jugendhilfe und Schule historisch unterschiedliche Entwicklungshintergründe und Handlungsaufträge aufweisen, so ist doch die Notwendigkeit für eine koordinierte, institutionelle Kooperation politisch und gesellschaftlich sehr deutlich geworden (vgl. S.9). Dies zeigt sich besonders an der wachsenden Relevanz von Schulsozialarbeit und dem starken Ausbau von Praxisangeboten in den letzten zwei Jahrzehnten und lässt sich anhand der vielfältigen Publikationen im deutschsprachigen Raum ebenso wie an den bildungspolitischen Bekenntnissen (z.B. dem 14. Kinder- und Jugendbericht der deutschen Bundesregierung, wo die Bedeutung von Schulsozialarbeit hervorgehoben wird) belegen. Unterschiedliche Vertretungsgremien wie z.B. Landesarbeitsgemeinschaften fördern und fordern die fachliche Entwicklung von professioneller Schulsozialarbeit ebenso wie die Fokussierung von bildungs- und sozialpolitisch relevanten Themen wie Schul-Dropout, Armut, Exklusion von Bevölkerungsschichten bezüglich höherer Bildung, die sich besonders im und durch das Schulsystem zeigen und manifestieren. Auch im Zuge des erweiterten Bildungsbegriffes bezieht Schulsozialarbeit Stellung wie es der Kooperationsverbund Schulsozialarbeit in seinem Positionspapier „Bildungsverständnis der Schulsozialarbeit“ vom Juli 2013 darlegt oder renommierte ForscherInnen wie Karl-Heinz Braun & Konstanze Wetzel ausführen (siehe http://soziales-kapital.at). Um dem steigenden Bedarf und Anspruch an die Schulsozialarbeit nachzukommen und um die Komplexität des Handlungsfeldes zu vermitteln werden vermehrt Bildungsangebote (Fortbildungen, zertifizierte Weiterbildungsprogramme, Forderung nach eigenem MA-Studiengang) generiert und Lehrbücher konzipiert. Auch die vorliegende Publikation geht davon aus, dass „mittlerweile die jugendpolitische Notwendigkeit eine institutionelle Kooperationspartnerschaft zu begründen“ (S. 9) besteht.

Das Buch ist im Beltz Juventa Verlag in der Reihe „Studienmodule Soziale Arbeit“ erschienen. Diese „präsentiert Grundlagentexte und bietet eine Einführung in basale Themen der Sozialen Arbeit.“ (Einführungstext S. 2)

AutorInnen

Die drei AutorInnen weisen differenzierte Zugängen zum Handlungsfeld der Schulsozialarbeit und zur Tätigkeit in der Lehre aus:

  • Dr. Gerd Stüwe ist Professor im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der University of Applied Sciences Frankfurt, einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist Jugendforschung, spezifisch zum Thema Jugendarbeit und Schulabsentismus.
  • Dr. Nicole Ermel ist als Fachberaterin für Schulsozialarbeit, als freiberufliche Fortbildnerin und als Lehrbeautragte an Hochschulen tätig.
  • Stephanie Haupt M.A. ist Lehrende im Fachbereich Soziale Arbeit der Fachhochschule Münster mit den Arbeitsschwerpunkten Jugendhilfe und Schule, Schulsozialarbeit, Beratung, ferner kann sie auf fachliche Erfahrung im Praxisfeld und in der Weiterbildung für Schulsozialarbeit verweisen.

Aufbau und Inhalt

In sechs Kapiteln spannen die AutorInnen den Bogen zur Schulsozialarbeit von „Grundlegungen“ über unterschiedliche Qualitätsaspekte bis hin zu konkreten Arbeitsansätzen der Praxis und zu Dokumentation und Evaluation.

In dem einleitenden Kapitel 1 wird der Anspruch ausgedrückt, „eine theoretische Fundierung und ein praktisches Handlungsrepertoire“ (S.11) zu vermitteln ebenso wie auf aktuelle deutschlandweite Fachdiskurse, im speziellen auf die Qualitätsentwicklung als eines der zentralen Themen, einzugehen. Ferner wird darauf hingewiesen, dass „das Lehrbuch nach didaktischen Kriterien aufgebaut“ (S.14) ist, was einen strukturierten und in sich schlüssig nachvollziehbaren Aufbau des Buches erwarten lässt. Die sehr unterschiedlichen Zielgruppen für dieses Lehrbuch, genannt werden von Studierenden der Sozialen Arbeit und Fachkräften im Feld der Schulsozialarbeit, über Personal im Leitungs- und Koordinierungskontext bis hin zu Lehramtsstudierende und Lehr- und Leitungskräfte im Schulsystem, sollen einen Überblick über Schulsozialarbeit gewinnen oder auch relevante Anregungen erhalten.

Mit „Grundlegungen“ überschrieben wirkt das sehr umfassende Kapitel 2 (121 Seiten) wie ein „All In Angebot“, das sehr unterschiedliche Themenbereiche aufgreift und ausführt. Die Teilkapitel gehen in Summe auf sehr breit gestreute Bereiche ein, die für das Verständnis des Handlungsfeldes Schulsozialarbeit relevant sind, auch aktuelle Positionierungen wie der umfassende Bildungsbegriff oder die Komplexität von Vernetzung sind differenziert erfasst, die „unterschiedlichen Handlungsrationalitäten“ (S. 101) zeigen auf, wie herausfordernd die Verschränkung der beiden Institutionen Schule und Kinder- und Jugendhilfe bleiben wird. Jedenfalls noch auszuführen wäre das Recht auf Bildung laut Artikel 28 der UN-Kinderrechtskonvention, die unverrückbares Grundrecht sein muss!

Wie qualitätsvolle Konzeptentwicklung theoretisch fundiert ist und welche Bedeutung sie für die Profilschärfung der Schulsozialarbeit hat wird in Kapitel 3 „Qualitätsentwicklung und Konzeptqualität in der Schulsozialarbeit“ (S. 138 – 217) beschrieben. Nachvollziehbar argumentiert wird wie Qualität von Schulsozialarbeit in Hinblick der Professionsentwicklung idealtypisch zu entwickeln ist und wie diese auch im Konkreten auf jeweilige Schulstandorte ausgerichtet sein muss. Ebenso wird verständlich, dass diese Qualitätsdebatte aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen, die Schulstandorte stellen, so schwierig ist und sich jeweils auch an aktuellen bildungspolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen orientieren muss, genannt sind z.B. „Inklusion“ (S. 191), „Interkulturelle Herausforderungen“ (S.197), „Bildungslandschaften“ (S. 201), „Kind- und Jugendorientierte Armutsprävention“ (S. 206). Themen, die vom fachlichen Selbstverständnis Sozialer Arbeit vorrangig zu fokussieren sind.

Mit dem Kapitel 4 „Strukturqualität in der Schulsozialarbeit“ (S. 218 – 255) wird ein Überblick über Forschungsstand, Trägerlandschaft, Rahmenbedingungen, Gremienarbeit und Aus- und Weiterbildung im Handlungsfeld gegeben und somit die operative als auch die strategische Ebene beleuchtet.

Gerade aufgrund der hohen Erwartungen und dem deutlichen schulischen Handlungsdruck an die Schulsozialarbeit haben Auftragsklärung, Konkretisierung und differenzierte fachliche Fundierung der Angebote und qualifizierte koordinierte Steuerung sehr hohe Relevanz. Dies wird im Kapitel 5 „Prozessgestaltung und praktische Arbeitsansätze der Schulsozialarbeit“ (S. 256 – 346) ausgeführt. Bemerkenswert sind die detaillierten Informationen zu den Arbeitsansätzen, die jeweils die Querbezüge zu den fachlichen Standards, KooperationspartnerInnen und möglichen Spannungsfeldern beschreiben und dadurch eine multidimensionale Einordnung erlauben.

„Ergebnisse und Wirkungen von Schulsozialarbeit“ (S. 347 – 373) mittels qualifizierter Dokumentation und Evaluation zu belegen, somit die Möglichkeiten und Grenzen dieses Angebotes aufzuzeigen und die erreichten Ziele zu überprüfen ist im abschließenden Kapitel 6 als „ein wesentliches Element der Qualitätsentwicklung und -sicherung“ (S. 347) ausgeführt.

Diskussion und Fazit

Diese Publikation bietet eine Fülle an Themenschwerpunkten, die für das Handlungsfeld relevant sind, von der Dichte und Komplexität der Ausführungen ist es als Grundlagenbuch und Nachschlagwerk gut geeignet. Wertvolle Impulse werden gesetzt wie z.B. „Grundlagen der partizipativen Qualitätsentwicklung“ (S.138), wo ersichtlich wird, wie ernstgenommene Partizipation vorstellbar ist. Dies sollte vor allem von LeserInnen in Leitungspositionen beherzigt werden! Vom Anspruch eines Lehrbuches ist meiner Erfahrung nach konsequenter auf Transparenz und Klarheit zu achten. So sind wesentliche Begriffe wie z.B. „Lebensweltorientierung“ einzuführen, wenn Schulsozialarbeit als lebensweltlich ausgerichtet verortet wird (vgl. S. 12). In manchen Teilen der Publikation ist die Ordnungsstruktur nicht schlüssig nachvollziehbar. So würde eine Auflösung des großen Kapitels 2 in mehrere Kapitel eine bessere Sichtbarkeit und Wirkung der dort zusammengefassten Teilkapitel ermöglichen. Auch im Detail sind manche Zuordnungen nicht konsequent verständlich, etwa die Positionierung von „Konfliktbewältigung“ und „Krisenintervention“ im Kapitel 5.3. „Bildungsbedingungen (mit-)gestalten in der Schulsozialarbeit“ (S. 295), die passender unter Kapitel 5.2. „individuelle Orientierung und Unterstützung in der Schulsozialarbeit“ (S. 265) gereiht wären, oder die Zielgruppe der Eltern und Erziehungsberechtigten, die nicht im Kapitel 2.2 zu finden ist (wo es explizit um Zielgruppen geht), sondern unter 5.3.4. Im Sinne von Klarheit wäre besonders eine Hinführung zu Beginn der jeweiligen Kapitel hilfreich, um die Absicht der AutorInnen, wie sie Inhalte zusammenführen, aufzuzeigen und damit Verständnis zu den folgenden Inhalten aufzubauen.

Anregend sind die jeweils an ein Teilkapitel anschießenden Wiederholungsfragen und Übungsaufgaben, die noch mal zu einer fokussierten Auseinandersetzung mit den wesentlichen Themen einladen. Bezüglich eines differenzierten Verständnisses für das Handlungsfeld und einer eigenverantwortlichen Lernsystematik fragwürdig sind die Merksätze, die dahingehend wirken können, dass Inhalte verkürzt und fragmentarisch zur Kenntnis genommen oder auswendig gelernt werden.


Rezension von
FH Prof.in Johanna Coulin-Kuglitsch
FH Campus Wien, Department Soziales
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Zitiervorschlag
Johanna Coulin-Kuglitsch. Rezension vom 20.08.2015 zu: Gerd Stüwe, Nicole Ermel, Stephanie Haupt: Lehrbuch Schulsozialarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-3075-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18606.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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