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Christina Möller: Herkunft zählt (fast) immer

Cover Christina Möller: Herkunft zählt (fast) immer. Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 352 Seiten. ISBN 978-3-7799-1592-8. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Dass Bildungserfolge und berufliche Karrieren in Deutschland erheblich von der sozialen Herkunft abhängen, ist ein vielfach belegtes Phänomen. Doch wie sieht es an der Spitze der wissenschaftlichen Karriere an Universitäten aus? Die Studie skizziert mit Rekurs auf die Theorien Pierre Bourdieus, wie sich Professorinnen und Professoren nach sozialer Herkunft zusammensetzen und welche Entwicklungen sich in den vergangenen 50 Jahren abzeichnen. Dokumentiert wird außerdem, wie sich die soziale Herkunft nach Geschlecht, Fächergruppe und dem Status der Professur ausdifferenziert. Insgesamt zeigt sich, dass der Möglichkeitsraum für soziale Aufstiege zur Professur enger geworden ist und insbesondere vom Fach abhängt.

Autorin

Dr. phil. Christina Möller ist Diplom-Pädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Soziologie an der Universität Paderborn. Ihre Themenschwerpunkte sind soziale Ungleichheit, Hochschul- und Geschlechterforschung.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Promotionsschrift zum Dr. phil. der Autorin. Die GutachterInnen waren Prof. Dr. Michael Hartmann und Dr. Andrea Lange-Vester. Gefördert wurde das Vorhaben durch ein Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung.

Inhalt

Kapitel 2: Der Einfluss der sozialen Herkunft auf Bildungsbiografien In diesem Kapitel wird der Forschungsstand über die unterschiedlichen Bildungsverläufe in den höheren Bildungsetagen und wissenschaftlichen Karrierestufen nach sozialer Herkunft dargestellt. Dabei zeigt sich zunächst, dass die Promotion die nach sozialer Herkunft selektivste Bildungsstufe ist. Nach einem erreichten Doktortitel sind die Chancen bei den weiteren Qualifizierungen bis zum Professor vergleichsweise sozial ausgewogener.

Kapitel 3: Rahmenbedingungen einer universitären Wissenschaftskarriere Historisch hat sich in Deutschland eine sehr spezifische Karrierestruktur herausgebildet, die viele Jahre, häufig sogar über zwei Jahrzehnte andauert. Sie geht oft mit prekären Beschäftigungsbedingungen und unsicheren Erfolgsaussichten einher, weil der Weg zum Professor relativ unstrukturiert ist, und ein Ankommen auf einer Professur keineswegs gesichert ist. Das Leitbild des Wissenschaftlers, der sich ausschließlich seinem Erkenntnisinteresse hingibt, sowie die unsicheren Karrierebedingungen gehören dabei zu den Spannungsfeldern und Eigenheiten der wissenschaftlichen „Berufung“, die auch im Hinblick auf herkunftsbedingte Ressourcen problematisiert werden.

Kapitel 4: Theoretische Deutungskontexte: Kulturelle Passung und soziale Ungleichheitsregime an Universitäten Dieses Kapitel stellt das theoretische Gerüst dar, auf dem die Untersuchung aufbaut. Dazu werden die Konzepte Pierre Bourdieus dargelegt, die erklären, wie sich aus dem komplexen Zusammenspiel spezifischer Prinzipien Macht- und Ungleichheitsverhältnisse generieren und produzieren. Zudem werden die sozialen Mechanismen und Anerkennungsprozesse, die auf dem Weg zur Professur wirksam werden, skizziert. Das Kapitel schließt mit einer explorativen Diskussion über die Charakteristiken sozialer Ungleichheitsregime von Joan Acker. Sie geben unter anderem Hinweise darauf, warum die soziale Herkunft von Professorinnen und Professoren bisher weitgehend unbeleuchtet bleibt.

Kapitel 5: Datengrundlage und Forschungsdesign Die vorliegende Untersuchung basiert auf den Daten einer Online-Umfrage, die von Ende Juni bis Mitte September 2010 durchgeführt wurde. Die Studie ist eine Totalerhebung an den 14 Universitäten in Nordrhein-Westfalen, die sich in der Trägerschaft des Landes befinden. Insgesamt wurde per email Kontakt zu rund 5.100 ProfessorInnen und Professoren aufgenommen. Es beteiligten sich 1.380 Personen. Dies entspricht einem Rücklauf von 26%. Der Fragebogen war in vier thematische Komplexe unterteilt: Universitäre Verortung (Jahr der Erstberufung, Besoldung, Fächergruppe u.a.), Soziale Herkunft (höchster formaler Bildungsabschluss sowie die höchste berufliche Position der Eltern), Bildungs- und Karriereweg (Erster oder Zweiter Bildungsweg, Finanzierung des Studium, Stipendien u.a.) und Sozialstrukturelle Daten (Geschlecht, Geburtsjahr und Geburtsland, Lebensform, Kinder u.a.). Um die soziale Mobilität zwischen ihrer sozialen Herkunftsgruppe und ihrem jetzigen Professorenstatus nach dem „Neigungswinkel“ der Laufbahn (Bourdieu 1987) zu differenzieren, werden die Befragten in die drei folgenden Gruppen unterteilt: Sozial Aufgestiegene (N=518), Bildungsaufgestiegene (N=276) und Statusbewahrende (N=546).

Kapitel 6: Das soziale Herkunfts- und Ungleichheitsprofil von Universitätsprofessorinnen und -professoren Bourdieu (1992) hat die Universität als soziales Kampffeld charakterisiert, in denen soziale Akteure um wissenschaftliches Prestige, Forschungsgelder sowie um universitäre Macht (wie zum Beispiel Mitgliedschaften in einflussreichen Kommissionen) streiten. Für die Teilhabe an diesem wissenschaftlichen „Spiel“ ist es nötig, von den anderen Spielteilnehmern anerkannt zu werden. Eine provokant formulierte Hypothese der Autorin lautet: „Professoren an deutschen Universitäten sind weiß, deutsch, männlich, reiferen Alters und aus privilegiertem Hause“. Dazu ist zunächst auffällig, dass 94% der befragten Professorinnen und Professoren die deutsche Staatsangehörigen besitzen. Außerhalb Deutschlands geboren wurden insgesamt 9% der Befragten, davon überwiegend im europäischen Ausland. Das Durchschnittsalter der befragten Professoren liegt bei 57 Jahren, das der Professorinnen bei 50 Jahren. Die Fragen nach der sozialen Herkunft ergibt folgende Verteilung: 11% der Befragten sind Kinder von Arbeitern, Angestellten und Beamten des einfachen und mittleren Dienstes (Herkunftsgruppe: niedrig) und 34% sind Kinder von Beamten im höheren Dienst und von hohen Angestellten mit umfassenden Führungsaufgaben (Herkunftsgruppe: hoch). Zwischen diesen beiden Polen stammen die Professorinnen und Professoren gleich häufig aus der mittleren Herkunftsgruppe und der gehobenen Herkunftsgruppe (je 27%). Ein weiterer wichtiger Befund der vorliegenden Studie ist, dass 51% der Professorinnen zum Befragungszeitraum keine Kinder haben (im Vergleich zu nur 21% bei den Professoren).

Kapitel 7: Zusammenfassung und Reflexion Die Autorin gelangt abschließend zu folgendem Fazit: Der Mythos eines meritokratischen Gesellschaftsideals, nach dem jede und jeder die Chance hat, eine hohe Statusposition zu erreichen, scheint insbesondere in der Universität weiterhin ungebrochen. Das Konstrukt der wissenschaftlichen Persönlichkeit, die aufgrund von herausragenden Leistungen zur Professorin oder zum Professor berufen wird, verkennt, dass die Entwicklung zur wissenschaftlichen Persönlichkeit in der Regel an spezifische soziale Bedingungen geknüpft ist. Wissenschaftliche Leistungen sind damit weder voraussetzungslos noch sind sie unabhängig von Anerkennungsprozessen innerhalb eines spezifischen Kontexts in der Universität und im wissenschaftlichen Feld. Oft hängen sie unter anderem mit der sozialen Herkunft zusammen, die grundsätzliche Voraussetzungen schafft, um für eine wissenschaftliche Karriere notwendige hohe Bildungstitel zu erreichen und das soziale Gespür für die in der wissenschaftlichen Commune ausgehandelten Anforderungen und Fähigkeiten zu entwickeln. Diesem Aspekt gilt es in Zukunft eine größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Diskussion

Der Zeitraum für die Online-Umfrage (Juni bis September) ist auf Grund der dreimonatigen Semesterferien während des Sommers an deutschen Universitäten äußerst unglücklich gewählt worden. Im Hinblick auf die sozialen Aufstiege zum Professor ist von besonderem Interesse, dass im Zeitraum 1960 bis 1990 ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen ist. Diese Erhöhung lässt sich als kurzfristige Folge der Bildungsexpansion interpretieren, die einen hohen Bedarf an Hochschullehrerinnen und -lehrern durch den starken Ausbau und Neubau von Hochschulen erzeugte. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden jedoch tendenziell weniger Professorinnen und Professoren der niedrigen und mittleren Herkunftsgruppe berufen.

Zielgruppen

Zielgruppen sind Wissenschaftler und Studierende aus den Bereichen Bildungsforschung und Soziale Ungleichheit. Es ist auch sehr zu empfehlen für wissenschaftliche UniversitätsmitarbeiterInnen, die eine langfristige universitäre Karriere in Erwägung ziehen.

Fazit

Das Buch ist sehr gut konzipiert und liefert eine Fülle vom sehr differenzierten empirischen Ergebnissen zur sozialen Herkunft von Professorinnen und Professoren an deutschen Universitäten im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Darüber hinaus beschreibt es sehr kompetent die schwierigen Karrierebedingungen für NachwuchswissenschaftlerInnen an deutschen Universitäten.


Rezension von
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 05.05.2015 zu: Christina Möller: Herkunft zählt (fast) immer. Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-1592-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18607.php, Datum des Zugriffs 27.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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