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Eva-Maria Hohaus: Multikulturalismus in Theorie und Praxis

Cover Eva-Maria Hohaus: Multikulturalismus in Theorie und Praxis – eine produktive Spannung? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 301 Seiten. ISBN 978-3-8487-1776-7. D: 59,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 69,90 sFr.
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Thema

Globalisierung, Mobilität und Migration stoßen tiefgreifende soziale Wandlungsprozesse an, die Lebens- und Wertvorstellungen vervielfältigen. Spannungsgeladene Multikulturalität ist zu einem zentralen Wesenszug (post-)moderner Gesellschaften geworden, und Gerechtigkeit im Kontext kultureller Unterschiede ist eine der Grundfragen in der theoretischen Diskussion des Multikulturalismus. In ihrer Dissertation untersucht Eva-Maria Hohaus am Beispiel der islamischen Minderheit in Deutschland die wechselseitige Beziehung zwischen Theorie und Praxis und ob sich eine Verbindung beider Perspektiven im Rahmen einer ethischen Theoriebildung als fruchtbar erweisen könnte.

Autor

Eva-Maria Hohaus beendete 2014 ihre Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität in Würzburg als externe Doktorandin. Bei diesem Buch handelt es sich um eine redaktionell leicht überarbeitete Fassung ihrer Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit folgt dem Aufbau einer wissenschaftlichen Abhandlung, die hier kapitelweise skizziert wird. Die Abkürzungsverzeichnisse und das Literaturverzeichnis sind am Anfang bzw. am Ende des Buches.

1. Einleitung. Einst homogene Gesellschaftsstrukturen befinden sich in Auflösung. Der Umgang mit Differenz, wie z.B. der Anerkennung islamischer Symbole und Riten, ist zu einer Schlüsselfrage unserer Zeit geworden. Zentral steht dabei die Frage der sozialen Gerechtigkeit, insbesondere der strukturellen Benachteiligungen und Anerkennungsansprüche kultureller Minderheiten im Rahmen liberaler Gerechtigkeitskonzeptionen. Die Autorin untersucht die wechselseitige Beziehung zwischen theoretisch-normativer Reflexion und praktischer Erfahrung im Kontext der islamischen Minderheit in Deutschland an den Beispielen der Debatten um Kopftuch, Moscheebau und rituelle Schlachtung sowie dreier relevanter Theoriekomplexe zum Multikulturalismus. Ihr Ziel ist es, damit die Unüberbrückbarkeit zwischen Theorie und Praxis zu widerlegen und im Sinne von Rawls“ „Reflective Equilibrium“ zu versuchen, eine fruchtbare Verbindung zwischen praktischem Handeln und theoretischem Denken herzustellen.

2. Forschungsstand. In diesem Kapitel begründet die Autorin ihre Auswahl an Methoden, Theorien, Ergebnissen der Sozialforschung und empirischen Beispielfällen und stellt den Gang ihrer Untersuchungen vor. Sie geht davon aus, dass jede Moraltheorie auf empirische Grundannahmen zurückgeht und fragt, inwieweit diese vor dem Hintergrund tatsächlicher empirischer Ergebnisse tragfähig sind. Auch umgekehrt wird in der praktisch-moralischen Argumentation auf theoretische Konzepte zurückgegriffen. Viele praktische Probleme werden überhaupt erst durch die Kenntnis theoretischer Konzepte als Problem wahrgenommen. Hier stellt sich die Frage, inwiefern theoretisch begründete Argumente mit der lebensweltlichen Ausgangslage im Einklang stehen. Diese Überlegungen gehen auf Rawls“ „Reflective Equilibrium“ zurück, in dem wohlbegründete, moralische Alltagsurteile und allgemeine moralische Prinzipien und Gerechtigkeitsvorstellungen einander gegenübergestellt und gegeneinander abgewogen werden. Ziel der Arbeit ist es, auf diesem Wege einen konstruktiven Theorievorschlag zu unterbreiten.

3. Theorien des Multikulturalismus. Hohaus hat für ihre Untersuchung drei sozialphilosophische Theorien des Multikulturalismus ausgewählt:

  1. Differenzbetont-normative Ansätze: Anerkennung von Differenzen als Ermöglichungsbedingung eines guten Lebens.
    Die Vertreter dieses Ansatzes argumentieren, dass Kultur zentral für die Ausbildung einer Identität sei, diese aber nur im Dialog mit anderen gefestigt werden könne und infolgedessen soziale Ungerechtigkeit hauptsächlich auf Verwehrung kultureller Anerkennung zurückzuführen sei. Sie fordern, den „differenzblinden“ liberalen Demokratien eine normative Verpflichtung zum rechtlichen Schutz kultureller Identität aufzuerlegen.
  2. Analytisch-explanatorische Kritik des Multikulturalismus: kontingente Kultur, plurale Identitäten, Bedeutung sozio-ökonomischer Benachteiligung.
    Diesem Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass Kultur selbstbestimmt wählbar sei und ihre Bedeutung für die Identität überbewertet sei, da Identität vielseitig und nicht auf eine einzige Dimension reduzierbar sei. Benachteiligung habe vor allem sozioökonomische Gründe (Bildung, Arbeitsmarkt). Deshalb müsse der Staat einerseits neutral (=kulturunabhängig) den Schutz individueller Rechte und Freiheiten sicherstellen und andererseits gleiche und faire ökonomische Ausgangschancen gewährleisten. Selbst gewählte Identität müsse hingegen selbst verantwortet werden. Der Schutz spezifischer Minderheitenkulturen schaffe durch das differenzierende Vokabular erst das Ausgrenzungsproblem, das er lösen solle.
  3. Soziologisch-historische Zugänge: Anerkennung und Umverteilung als fundamentale Kategorien sozialer Gerechtigkeit.
    Diese Zugänge liegen zwischen obigen Positionen. Fraser sieht zwei Achsen der sozialen Benachteiligung, eine als Werteschema kultureller Missachtung und Dominanz, dem auch Institutionen folgen, und die zweite als ungerechte Verteilung materieller Ressourcen. Honneth betont vor allem die Forderung nach Rechtsgleichheit, deren Anerkennung neben Liebe und Solidarität zentral für das Gelingen menschlicher Identität sei.

Weiterhin extrahiert die Autorin die empirischen Hintergrundannahmen der drei normativen Theorien anhand dreier Kategorien, dem Tatbestand einer Benachteiligungssituation kultureller Minderheiten, den Grundannahmen darüber, was personale Identität ausmacht sowie Annahmen zur Gruppenidentität. Daneben unterscheidet Hohaus die theoretischen Zugänge hinsichtlich ihrer konkurrierenden Diagnosen der Spannungen und Konflikte, die in multikulturellen Gesellschaften auftreten.

4. Soziale Praxis des Multikulturalismus. Im vierten Kapitel werden die obigen Annahmen und Konfliktlinien am Beispiel der muslimischen Minderheiten in Deutschland empirisch in Bezug auf ihre sozioökonomische Lage, Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung geprüft. Dabei stellt die Autorin eine sozioökonomisch benachteiligte Stellung muslimischer Minderheiten fest, die jedoch vielfältigen Ursachenkomplexen geschuldet zu sein scheint. Die Fremdwahrnehmung ist in Deutschland (und Europa) aufgrund der Assoziationen mit Unterdrückung der Frau, Fundamentalismus und Gewalt eher anti-muslimisch geprägt, und differenziert wenig innerhalb der islamischen Religionen, wobei diese Wahrnehmung durch Faktoren wie Kontaktintensität, Bildungsniveau und politisches Selbstverständnis mit beeinflusst wird. Das Selbstverständnis der Muslime in Deutschland stellt sich vielschichtig und widersprüchlich dar. Unter anderem gibt es Generationsunterschiede in der Ausbildung personaler Identität und der Bedeutung der Religion im Alltag. Insbesondere die jüngere Generation wünscht sich sowohl mehr Integration in sozioökonomischer Hinsicht als auch mehr Anerkennung ihrer kulturellen Besonderheiten und religiösen Riten und Gebräuche, wobei sie einige Traditionen für sich neu entdeckt. Junge „Neo-Muslimas“ befürworten das Kopftuch häufiger als ihre Mütter als Symbol der Freiheit und Selbstbestimmung der Frau. Für die deutsche Mehrheitsgesellschaft repräsentiert das Kopftuch jedoch genau das Gegenteil. Die Autorin sieht die Kopftuchdebatte deshalb auch als Stellvertreterkonflikt oder Symboldebatte. Bei der der rituellen Schlachtung hingegen liegt nach Hohaus ein tatsächlicher Konflikt zugrunde, in dem sich beide Seiten auf das Argument des Tierschutzes beziehen. Die Diskussion um den Moscheebau erweist sich als mehrdimensional. Sie enthält pragmatische ebenso wie anerkennungstheoretische Aspekte sowie Ambivalenzen im innerislamischen Diskurs. Hohaus zeigt, wie Theorie und Praxis in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen. So hat die kulturwissenschaftliche Wende in den 1980er Jahren zu einer erhöhten kulturellen Sensibilität, aber auch zu vermehrten stereotypen Zuschreibungen geführt, die die soziale Praxis theoretisch zu „kontaminieren“ vermögen. Andererseits berücksichtigt der theoretische Diskurs nicht alle sozialen Dynamiken, wie beispielsweise die Erschaffung neuer Traditionen und Identitätsbezüge, die Entwicklung eines liberalen Islamverständnisses oder die Bedeutung der Kontakthäufigkeit an Orten der Begegnung.

5. Folgen für die theoretische Diskussion. Zunächst untersucht die Autorin in Bezug auf Anerkennung, Gruppenzugehörigkeiten, Identitätskonstruktionen sowie anhand der Kontroversen um Kopftuch, Schlachtung und Moscheebau, inwieweit die theoretischen Hintergrundannahmen und Erklärungsmodelle die Wirklichkeit abbilden. Dabei bezieht sie sich auf die drei in Kapitel 3 vorgestellten Theorien. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die empirische Praxis in allen Aspekten als wesentlich vielschichtiger erweist als die zugrundeliegenden Annahmen und Konfliktdiagnosen oder, in anderen Worten, dass die Theorie nicht differenziert genug ist, um die Komplexität der Praxis befriedigend zu erklären. Problematisch sind dabei insbesondere Differenzen innerhalb der heterogenen Gruppe der muslimischen Minderheit.

6. Normative Diskussion zum Spannungsfeld zwischen normativer Allgemeinorientierung und situativer Applikation. Das bedeutet für die Autorin jedoch nicht, dass die Theorieansätze als gescheitert betrachtet werden müssten. Vielmehr zeigt sie auf, dass auf keine der Theorien gänzlich verzichtet werden kann und alle trotz ihrer Schwächen einen Erklärungsbeitrag leisten können. Die empirischen Befunde weisen auf eine Vermischung von anerkennungstheoretischen und sozioökonomischen Fragestellungen hin, deren jeweils situative Angemessenheit es abzuwägen gilt. Deshalb favorisiert sie den Ansatz von Nancy Fraser, der anerkennungstheoretische mit verteilungstheoretischen Erklärungen zweidimensional und interdependent verknüpft, ergänzt diesen aber um den Gedanken eines erweiterten Gerechtigkeitsbegriffs, der neben Umverteilungsfragen auch gleiche und faire Ausgangschancen für verschiedene Gruppen berücksichtigt. Für das Modell spricht vor allem, dass es der Gefahr der positiven Diskriminierung und der Unterdrückung von „internal minorities“ (=Gruppen innerhalb der Minderheit) entgeht, die den differenz-betont normativen Ansätzen inhärent ist.

7. Konklusion: Theorie und Praxis – eine produktive Spannung? Im Schlusskapitel fasst die Autorin zusammen, dass während, je nach Einzelfall der Auseinandersetzung, eine andere Theorie die dominantere Erklärungskraft aufweist und somit ihre Berechtigung behält, dennoch der universale Anspruche des einzelnen Theoriekomplexes fallengelassen werden müsse. Die Untersuchung bestätigt auch die wechselseitige Abhängigkeit von Theorie und Praxis, und die Autorin sieht eine vielversprechende Perspektive für die Kombination und Vermittlung theoretischer und empirischer Forschung, unter der Voraussetzung, dass sich soziale Praxis und normative Theorie gleichermaßen zu Revision und Anpassung öffnen.

Diskussion

Das Buch basiert auf der Dissertation der Autorin und startet in den ersten beiden Kapiteln sprachlich recht wissenschaftlich mit viel Fachjargon, Passiva und schwerfällig formulierten Sätzen und schafft damit Distanz zwischen sich und der nicht-wissenschaftlichen Leserschaft. Ab dem dritten Kapitel aber werden die Ausführungen praxisnäher und vor allem sprachlich geschmeidiger.

Sehr interessant und differenziert sind die Kapitel über die soziale Praxis, die zeigen, wie Stereotype Konflikte schaffen können, die vielleicht vermeidbar wären, und wie unsere Erklärungsansätze zu kurz greifen, um die vielschichtig gelagerten Kontroversen verstehen und konstruktiv lösen zu können. Die Theorien und Praxisbeispiele werden unter unterschiedlichen Fragestellungen beleuchtet, analysiert und gegeneinander kontrastiert. Diese Ausführlichkeit ist wissenschaftlich notwendig, um die Komplexität der Wechselwirkungen zu untersuchen, erfordert aber die Bereitschaft, sich mit den detaillierten sozialphilosophischen Fragstellungen und Überlegungen auseinandersetzen zu wollen.

Der Theorievorschlag der Autorin, die Aspekte aller Ansätze miteinander zu verknüpfen und der Anpassung zu öffnen, ist folgerichtig, wird aber recht wenig handlungsleitend ausgeführt. Eine Zusammenfassung der je situationsspezifisch zu beachtenden und zu prüfenden sozialphilosophischen Fragestellungen hätte das Buch noch konkreter und lösungsorientierter abrunden können.

Fazit

Anhand dreier Kontroversen aus dem Umgang mit der muslimischen Minderheit in Deutschland werden normative Theorie und soziale Praxis einander gegenübergestellt. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass keine der untersuchten Theorien die soziale Praxis in ihrer situativen Differenziertheit hinreichend erklärt und deshalb auch keine Lösungsstrategie für die zugrundeliegenden Konfliktlinien anbieten kann. Auf dem Weg zu Verständnis und Lösungsmöglichkeiten können sich aber Theorie und Praxis fruchtbar ergänzen, wenn es beiden Seiten gelingt, sich zu Revision und Anpassung zu öffnen.


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 04.08.2015 zu: Eva-Maria Hohaus: Multikulturalismus in Theorie und Praxis – eine produktive Spannung? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1776-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18608.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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