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Gisela Hötker-Ponath: Gruppenarbeit mit Getrennten und Geschiedenen

Cover Gisela Hötker-Ponath: Gruppenarbeit mit Getrennten und Geschiedenen. Ein Handbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-608-89147-8. D: 24,95 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

Dieses Buch beschreibt Theorie und Praxis eines ressourcenorientierten Gruppenprogramms für getrennt lebende Frauen und Männer.

Autorin

Die Autorin ist Psychotherapeutin und arbeitet mit Paaren, die sich trennen und mit Eltern, die auch nach der Trennung für ihre Kinder gemeinsam da sein möchten. Vom therapeutischen Ausbildungs- und Erfahrungshintergrund ist die Autorin einem integrativen Ansatz verbunden – einem Mix aus (gruppen)therapeutischen Wissen. Die Techniken und Methoden stammen aus der praktischen Erfahrung mit den Betroffenen.

Aufbau

Die ersten drei Kapitel setzen sich theoretisch mit folgenden Themenbereichen auseinander: Ursachen und Konsequenzen von Trennung/Scheidung, Arbeit in und mit Gruppen, sowie den Charakteristika der Gruppenarbeit mit Getrennten und Geschiedenen.

In den nächsten Kapiteln steht die praktische Umsetzung im Mittelpunkt – der Bogen wird von der Vorbereitung für die Gruppe, über die Anfangsphase, zur konkreten Bearbeitung aller Aspekte rund um die Trennung bis hin zur Abschiedsphase gespannt. Die Praxisorientierung spiegelt sich in Übungsanleitungen, speziellen Interventionen und Methoden wieder.

Zu 1.: Trennung, Scheidung als gesellschaftliche Realität

Die Autorin setzt sich in diesem Kapitel mit der gesellschaftlichen Realität von Trennungen und Scheidungen auseinander und geht auf die Anpassungsleistungen, die nach einer Trennung erbracht werden müssen, näher ein. Darauf aufbauend arbeitet sie die positiven, förderlichen, präventiven und resilienzfördernden Aspekte von Gruppenprogrammen heraus. Ein besonderer Lerneffekt dieser Gruppen ergibt sich aus der Mischung von Trennungsaktiven und -passiven und der Teilnahme von Männern und Frauen.

Eine Trennung bedeutet, dass man sich von vielem Vertrauten verabschieden und ein neues Lebenskonzept entwickeln muss. Entscheidend für die Bewältigung ist die Fähigkeit sich mit krisenhaften Lebenssituationen und Schicksalsschlägen und den dazugehörigen seelischen Schmerzen auseinanderzusetzen. Dazu braucht man Widerstandskraft, eine optimistische Lebenseinstellung und Ausdauer.

Zu 2.: Grundlagen der Arbeit mit Gruppen

Die Autorin gibt zunächst einen Rückblick auf die Entwicklung von Gruppenverfahren und ihren VertreterInnen (Moreno, Lewin, Cohn).

Vertrauen, Offenheit, Wertschätzung, das Einnehmen von unterschiedlichen Rollen sowie ein positives Wir-Gefühl sind die Basis jeder Arbeit mit Gruppen. Diese tragen zum Erfolg bei und sind notwendig, um individuelle Veränderungsprozesse in Gang zu setzen.

Der theoretische, sehr informative Teil umfasst weiters die Beschreibung der Entwicklungsphasen einer Gruppe, die auch als Entwicklungsaufgaben bezeichnet werden: der Anfangs- und Orientierungsphase, der Phase der Positions- und Rollenklärung, der Phase der Vertrautheit und Intimität, der Phase der Differenzierung und der Abschlussphase. Diese folgen nicht chronologisch aufeinander, sondern sind periodisch wiederkehrend.

Die Haltung der Leitung gegenüber der Gruppe und dem Einzelnen ist ressourcenorientiert. Zusätzlich erfordert die Leitung von Gruppen methodische Kompetenzen, Empathiefähigkeit, Umgang mit Nähe und Distanz, Mut und Flexibilität, um auf schwierige Gruppensituationen zu reagieren sowie die Fähigkeit, gruppendynamische Prozesse zu analysieren. Auch struktur- und haltgebende Rahmenbedingungen zu schaffen sowie Interaktionen zwischen den Gruppenmitgliedern zu fördern sind weitere wichtige Fähigkeiten einer Gruppenleitung.

Zu 3.: Prinzipien der Gruppenarbeit mit Getrennten und Geschiedenen

Zu Beginn dieses Kapitels werden die Ziele und Inhalte eines Gruppenangebots aufgelistet und jene Faktoren, die in einer Gruppe wirksam werden, erläutert:

Empowerment, dies bedeutet lösungs- und ressourcenorientiert zu arbeiten. Bei der Lösungsorientierung liegt der Fokus auf der Lösung des Problems und nicht auf der Suche nach den Ursachen. Der Blick gilt den Stärken und Begabungen. Das Aufspüren von Stärken, Fähigkeiten und Mittel, die einem Menschen zur Verfügung stehen, um seine Grundbedürfnisse zu erfüllen, ist zentrales Anliegen der Ressourcenorientierung. Für die Leitung bedeutet dies, die Vorzüge und Stärken des Klienten wahrzunehmen, zu fördern und zu stärken. Das setzt die Grundannahme voraus, dass jeder Mensch über ein Potential an Ressourcen verfügt, das trotz belastender Lebensumstände, wie es z. B. eine Trennung darstellt, aktiviert werden kann. Inwieweit dies gelingt, hängt von der Resilienz des Einzelnen ab. Für die Arbeit in der Gruppe heißt dies, dass maximal die Hälfte der Sitzungszeit für negativ besetzte Themen verwendet wird und in der anderen Hälfte Selbstwirksamkeit und Lösungsorientierung aktivieren werden.

Bei Trennungsgruppen geht es darum, die eigene Paarbeziehung zu reflektieren, um wichtige Aspekte des Trennungsgeschehens zu verstehen. Innerhalb der Gruppe entsteht durch das Erzählen der eigenen Trennungsgeschichte Offenheit und Vertrauen, was für ein wertschätzendes und akzeptierendes Gruppengeschehen förderlich ist.

In Trennungs- und Scheidungsgruppen hat sich eine halbstrukturierte Vorgehensweise bewährt. Damit kann man die Bedürfnisse und das Tempo des Einzelnen, den Prozess der Gruppe und das jeweilige Thema im Blick behalten. Einmal steht der Einzelne und sein Beziehungsverhalten im Moment, manchmal der Gruppenprozess und dann wieder das gemeinsame Thema im Vordergrund. Wichtig ist, dass das Ziel nicht aus den Augen verloren wird. Die Sitzungen beginnen immer mit einer Eingangsrunde, dann gibt es kurze Informationsphasen und Erfahrungsaustausch in der Gesamt- oder in Untergruppen, dann wiederum vertiefend Einzel- oder Partnerarbeit zu bestimmten Fragestellungen.

Um Trennungsgruppen zu leiten, müssen die eigenen Trennungserlebnisse und deren Verarbeitung reflektiert sein und eine fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Trennung/Scheidung stattgefunden haben. Weitere Voraussetzungen sind berufliche Erfahrung in der Arbeit mit getrennten Paaren und Familien und die Fähigkeit, Trauer- und Abschiedsprozesse begleiten zu können. Die Leitung braucht auch Sicherheit im Umgang mit starken Gefühlen, dh sie muss wissen, wie eine heftige emotionale Reaktion aufgefangen und begrenzt werden kann. Trotz der Schwere des Themas soll eine Atmosphäre geschaffen werden, die Spiel und Lachen möglich macht. Menschen mit Humor gelingt es oft besser, eine verfahrene Situation aus einer anderen Perspektive heraus zu sehen.

Zu 4.: Planung und Vorbereitungsphase der Gruppe

In diesem Kapitel geht es um all jene Aktivitäten bzw. Vorüberlegungen, die für einen guten Start der Gruppe notwendig sind. Zunächst werden die Voraussetzungen aufgelistet, die eine Gruppenteilnahme sinnvoll machen. Neben „formalen“ Kriterien (z. B. nur einer der getrennten Partner kann an der Gruppe teilnehmen), ist ein Einzelgespräch mit jedem Teilnehmer vor Beginn unerlässlich. In diesem Gespräch geht es darum, Informationen über das Gruppenkonzept zu geben und bestimmte Punkte (Verlässlichkeit, Vertraulichkeit, Verbindlichkeit und Selbstverantwortung) zu besprechen. Wichtig ist auch, dass alle Fragen des/der ukünftigen TeilnehmerIn geklärt werden können. Die Autorin listet auch jene Kriterien auf, die eine Teilnahme an der Gruppe ausschließen (wenn die Trennung nicht definitiv ist, akute psychische und psychiatrische Störung, Suchtmittelmißbrauch, mangelnde Kompatibilität mit dem Konzept). Anregungen werden auch zur organisatorischen, zeitlichen und räumlichen Planung sowie zur Zusammensetzung der Gruppe gegeben.

Zu 5.: Interventionen und Übungen

In diesem Abschnitt wird die praktische Umsetzung der Gruppe ausführlich und detailliert beschrieben. Er gliedert sich in das Modul 1, der Anfangs- und Orientierungsphase, geht über in Modul 2 mit dem Titel „Mitten im Geschehen“ und endet mit Modul 3, der Abschieds- und Abschlussphase. In jeder dieser Phasen gib es Bausteine für die einzelnen Sitzungen. Jede der Sitzungen ist in drei Abschnitte geteilt: Eingangsrunde, Programm und Abschlussrunde. Dieser praktische Teil der Umsetzung enthält viele Übungen, manche auch in Form von Fragebögen, die Denkprozesse anregen sollen. Die Übungen können in der Reihenfolge und Auswahl variiert werden, abhängig von der Befindlichkeit der TeilnehmerInnen und vom Gruppenprozess. Bei der Umsetzung der einzelnen Methoden kann die Gruppe im Anlassfall geteilt werden, manche Themen können auch einzeln, zu zweit oder zu dritt bearbeitet werden. Danach ist jedoch ein Austausch in der Gesamtgruppe im Sinne einer Feedbackschleife notwendig.

Diskussion

Die theoretischen Grundlagen zu Beginn des Buches umfassen alle wesentlichen Aspekte für die Arbeit mit Getrennten und Geschiedenen in Gruppen und sind verständlich dargestellt. Diese Basis ist Voraussetzung, um professionell, qualitativ hochwertig und verantwortlich mit der Zielgruppe zu arbeiten. Die Autorin lässt in ihr Konzept ihre langjährige Erfahrung einfließen und verbindet tiefenpsychologisches, systemisches und verhaltenstherapeutisches Wissen miteinander. Körpertherapeutische Interventionen, imaginative Methoden, sowie weitere kreative Techniken und Übungen ergänzen ihre Arbeit und fließen in den praktischen Teil ein.

Einfühlend, wertschätzend und verständnisvoll vermittelt die Autorin Wissen über das Trennungsgeschehen und die Herausforderungen, die in den einzelnen Trennungsphasen bewältigt werden müssen. Im Vordergrund steht aber immer eine positive, optimistische Haltung.

Das Programm, welches Hötker-Ponath in der Praxis bereits erprobt hat, ist strukturiert, lässt aber Spielräume offen, um eigene Erfahrungen einfließen zu lassen. Die einzelnen Bausteine lassen sich auf die Kompetenzen und Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe abstimmen und können flexibel hinsichtlich des Entwicklungsprozesses des Einzelnen und der Gruppe ausgewählt und eingesetzt werden. Jede Intervention ist Schritt für Schritt erklärt, eine Vielzahl an Arbeitsblättern und Fragebögen können kostenlos über den Verlag heruntergeladen werden. Was die Autorin auszeichnet ist die Haltung, die ihrer Arbeit mit Getrennten und Geschiedenen zugrunde liegt: Der Fokus liegt auf den Ressourcen der Betroffenen und deren Fähigkeit, die Trennung oder Scheidung zu bewältigen und macht den Betroffenen Mut!

Fazit

Dieses Buch ist eine ausgezeichnete Grundlage für all jene TherapeutInnen und BeraterInnen, die schon Erfahrung in der Arbeit mit Getrennten und Geschiedenen haben. Die Theorie zur Gruppenarbeit, zum Gruppenprozess und zu den Leitungsaufgaben ist die Basis für jede LeiterIn und berücksichtigt alle wissenswerten Facetten des Gruppengeschehens.

Die Vielfalt an erprobten Übungen, Techniken und Interventionen für die Gestaltung von Trennungs- und Scheidungsgruppen sowie der Aufbau und die Struktur der einzelnen Einheiten, umfasst all jene Themen, die für die Bewältigung einer Trennung und Neuorientierung notwendig sind.

Ein gelungenes Buch für alle, die mit Getrennten und Geschiedenen in Gruppen arbeiten!


Rezensentin
Mag. Dagmar Bojdunyk-Rack
Geschäftsführerin RAINBOWS-Österreich
Homepage www.rainbows.at
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Zitiervorschlag
Dagmar Bojdunyk-Rack. Rezension vom 16.04.2015 zu: Gisela Hötker-Ponath: Gruppenarbeit mit Getrennten und Geschiedenen. Ein Handbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-608-89147-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18614.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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