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Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte

Cover Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte. Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. 192 Seiten. ISBN 978-3-525-40464-5. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

„Ein neurobiologischer Mutmacher“ – so lautet der Untertitel des 2011 erschienenen „Was wir sind und was wir sein können“. Hüthers neue Publikation führt diesen Gedanken konsequent fort. „Sapere aude – habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – so formulierte bereits Immanuel Kant für die gesamteuropäische Aufklärung und setzte damit das selbstbestimmte Denken als ontologischen Imperativ. 230 Jahre später ist diese Forderung von ungebrochener Aktualität, allein die Begründungsgefüge haben sich geändert: an die Stelle der Philosophie tritt nun die Biologie, Kants Forderung avanciert zu einem im Menschsein verankerten neurobiologischen Bedürfnis und bezeichnet die unabdingbare Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Dabei ist dieses nicht von einem genetischen Programm determiniert, sondern strukturiert sich vor dem Hintergrund einer neurologischen Plastizität, die über alle Lebensalter hinweg erhalten bleibt.

Autor

Gerald Hüther, „Popstar“ der aktuellen Hirnforschung, promovierter und habilitierter Biologe, außerplanmäßiger Professor, angestellt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Göttingen, ergänzt mit der vorliegenden Publikation sein breites Oeuvre populärwissenschaftlicher Schriften (so wie er selbst sagt; vgl. www.gerald-huether.de) um einen weiteren Band.

Entstehungshintergrund

In einem Neujahrsgruß schreibt Hüther, dass ihn die Frage umtreibe, „weshalb wir zu Hause, in Kindergärten und Schulen, in Universitäten und an der Arbeit auf eine Art und Weise zusammenleben, die uns nur selten glücklich, ja manche sogar krank macht, die einfach nicht so ist, wie sie sein müsste, damit wir die in uns angelegten Potentiale wirklich entfalten können“. Auf diese Frage habe er eine sehr einfache Antwort gefunden, die er nun versuche in seinem Buch weiterzugeben. Dieses sei „eine Einladung zur Wiederentdeckung der Lust am eigenen Denken und der Freude am gemeinsamen Gestalten“. Und weiter heißt es: „Was mich besonders froh macht: In diesem Buch ist es mir nicht nur gelungen, so ziemlich alles, was mich bisher bewegt hat, zu einem ganzheitlichen Konzept zusammenzuführen. Es bietet auch einen recht einfachen und praktisch leicht umsetzbaren Ansatz, um unser Zusammenleben künftig etwas weniger aufreibend und anstrengend und dafür mit etwas mehr Freude und Leichtigkeit zu gestalten“ (www.akademieintegra.wordpress.com. Zugriff am 29.03.2015).

An diesem hohen Anspruch hat sich das Buch zu messen. Zu Beginn steht die Zusammenfassung einer Erkenntnis, für die er – so Hüther – lange gebraucht habe: die Ausdifferenzierung des menschlichen Gehirns werde im Laufe der individuellen Entwicklung nicht von einem genetischen Bauplan generiert. Es bestehe kein Determinismus von DNA-Sequenzen, sondern es manifestiere sich eine Selbstorganisation auf genetischer Grundlage, eine Prozesshaftigkeit, in der die ursprünglichen Baupläne lebenslanger Veränderung unterlägen.

Aufbau und Inhalt

Die Unterkapitel der dreiteiligen Makrostruktur (Teil 1 - Teil 3) enthalten zunächst jeweils eine Reihe von Fragen. Diese führen in Teil 1 zur Erläuterung einiger Thesen hinsichtlich einer Neuorganisation biologischer Forschung. Teil 2 beantwortet die an seinem Anfang gestellten Fragen, während Teil 3 allein auf der Basis von Fragen gegliedert ist.

Teil 1, „Das Leben als erkenntnisgewinnender Prozess“, widmet sich zuerst den unterschiedlichsten Problemen, die uns im Alltag begegnen können, um danach die Lust am Denken und die Suche nach Erkenntnis in den Blick zu nehmen. Im Gegensatz zu Tieren seien Menschen bei Gefahr nur noch bedingt auf ein „archaisches Notfallprogramm“ festgelegt. Bei einer Bedrohung entstehe Angst, der man durch die Aneignung von Wissen im Rahmen einer sicheren Gemeinschaft begegnen könne. Nur im Zusammensein mit anderen entfalte sich der Prozess des Erkenntnisgewinns, dessen Ergebnisse nur in sehr eingeschränktem Maße als richtig oder falsch klassifiziert werden könnten. Mehr als um das Überprüfbare, Verifizier- und Falsifizierbare des neu gewonnenen Wissens gehe es um die Sicherung einer Machtposition. Dass Ideologien Erkenntnis determinierten, treffe ganz besonders auf die Disziplin der Biologie zu. Letzteres untermauert Hüther mit fünf, aus der Biologie des 20. Jahrhunderts bezogenen, Aussagen, die es zu revidieren gelte:

  • Laut der Biologie ist Konkurrenz die Grundlage der Evolution.
  • Biologen haben Lebensformen in ihre kleinstmöglichen Bausteine zerlegt.
  • Biologen haben Lebewesen primär als Objekte angesehen.
  • Viele Biologen suchen nach Programmen, die die Entwicklung der Lebensformen determinieren und vernachlässigen dabei die Intentionalität des Lebendigen.
  • Biologen fokussieren die Differenz und nicht die Ähnlichkeit von Lebewesen.

Aus dieser knappen Retrospektive entwickelt Hüther vier Thesen für die Neuausrichtung der wissenschaftlichen Disziplin:

1.1 „Lebewesen funktionieren nicht wie unsere Maschinen. Sie wollen leben und verfolgen eigene Absichten, sind also intentionale Subjekte“ (S.55).

1.2 „Programme und Baupläne sind nützlich für die Realisierung unserer Vorhaben, aber alles, was lebendig ist, erfindet sich selbst erst im Prozess des eigenen Werdens“ (S.60).

1.3 „Wettbewerb ist nicht die Triebfeder von Weiterentwicklung, sondern zwingt lebende Systeme lediglich zu fortschreitender Spezialisierung“ (S. 65).

1.4 „Kein lebendes System existiert für sich allein. Es ist immer mit anderen Lebensformen verbunden und kann nur leben und sich weiterentwickeln inmitten von anderen, die auch am Leben bleiben, wachsen und sich fortpflanzen wollen“ (S. 76).

Wenn die Konsequenzen dieser Revision Beachtung fänden, davon ist Hüther überzeugt, sei der erste Schritt zur individuellen Potentialentfaltung in der Gemeinschaft getan.

Im zweiten Teil, „Die Strukturierung des menschlichen Gehirns durch soziale Erfahrungen“, erklärt der Autor zunächst knapp das Konzept der Kohärenz und erläutert, wie sich das Gehirn immer wieder selbst organisiert. Darauf folgt eine genauere Präsentation der Entwicklung embryonaler Hirnstrukturen (2.1). Damit zeigt sich, dass bereits das intrauterine Wachsen nur bedingt auf genetischer Determination beruht. Aus dem vorgeburtlichen Leben schon resultieren Bindung und das Streben nach Autonomie. Diese Interdependenz setze sich konsequent fort, wenn sich die kindlichen Gehirne durch Erfahrung strukturierten (2.2). Dabei zeige sich immer mehr, dass sich Ideen und Überzeugungen, die sich allmählich im präfrontalen Kortex festsetzten, auf der Grundlage von Erfahrung konstruierten. Hinzu tritt, das zeigt Hüther im weiteren Verlauf des zweiten Teils, „die Strukturierung des menschlichen Gehirns durch die transgenerationale Weitergabe von Erfahrungen“ (2.3), sich vollziehend sowohl in der Familie als auch in der kulturellen Gemeinschaft. Der Konflikt zwischen Tradition und Innovation, zwischen Weltbildern, die in die Jahre gekommen sind und neuen Kompetenzen, die nicht mehr so recht dazu passen wollen, berge einerseits die Gefahr der Auflösung einer Gemeinschaft, könne andererseits aber auch produktiv genutzt werden, insbesondere mit einer Neuorientierung, die die Bedürfnisse aller berücksichtige. Auf biologischer Grundlage ergebe sich hier die Chance für kreative Kulturleistungen.

Zwar strebe das Gehirn nach Kohärenz, tendenziell nach Statik bei möglichst geringem energetischem Aufwand, dennoch bleibe es immer eine Baustelle, immer „under construction“, immer „in progress“. Es repetiere alte Verhaltensmuster, sei aber sehr wohl dazu in der Lage diese Schablonen zu verlassen. „Die zeitlebens bestehende Umbaufähigkeit einmal entstandener neuronaler Verschaltungsmuster durch neue Erfahrungen“ (2.4, S. 134) kann laut Hüther im Idealfall in einer Gemeinschaft münden, in der sich Individuen paradoxerweise sowohl mit anderen verbunden fühlen als auch freier und autonomer sind. Auf diese Weise entfalte sich das persönliche Potential so intensiv wie nie zuvor.

Inwieweit das Ideal der „Potentialentfaltung in menschlichen Gemeinschaften“ realisierbar ist, darum geht es im letzten Teil. Vom anfänglichen Lob des „Vernetzungspotentials“, der dafür notwendigen „Entdeckerfreude und Gestaltungslust“ gelangt Hüther zu der Frage, was „unser gegenwärtiges Zusammenleben“ kennzeichnet (3.1). Ausgehend von der These der Ähnlichkeit zwischen Gemeinschaften und Gehirnen – für beide sei ein Übermaß an Inkohärenz schädlich, ein gewisses Maß davon jedoch unabdingbar für Änderungen – konstatiert er, dass Menschen in modernen Gesellschaften dazu tendieren einander als Objekte zu benutzen. Lebendige und sinnvolle Weiterentwicklung könne jedoch nur dann beginnen, wenn sich Menschen in „Ich-Du-Beziehungen“ begegneten. Diese stärkten die „Selbstwirksamkeit“ und festigten gleichzeitig die Verbundenheit zu anderen. Dass solche Beziehungen nicht nur Zukunftsmusik sind, sondern Änderungen bereits initiiert worden sind, unterstreicht Hüther mit dem Verweis auf Manager, die für flache Hierarchien optieren und die gegenteiligen alten Organisationsstrukturen über Bord werfen. Am Ende des Buches stehen die Fragen „Wofür wollen wir zusammen leben?“ (3.4, S. 168) und „Wann fangen wir an, uns gemeinsam auf den Weg zu machen?“ (3.5, S. 173). Erneut betont Hüther, dass weder ein genetisches Programm die menschlichen Gehirne zusammenbaue noch irgendjemand oder irgendetwas sonst für die Potentialentfaltung der Einzelnen verantwortlich sei. So wie jedes Gehirn über Regulationssysteme verfüge, die nach Störungen den reibungslosen Ablauf der Informationsverarbeitung gewährleisteten, so sei auch in jeder Gemeinschaft ein „sich selbst organisierender Entwicklungsprozess“ (S. 174) unter der Voraussetzung in die Wege zu leiten, dass eine „Wende im Kopf“ stattfinde, die bedinge, dass sich die Mitglieder der Gemeinschaft als Subjekte begegneten.

Diskussion

Die vor allem im letzten Kapitel beschworene Dialektik von Individuum und Gemeinschaft, von Autonomie des Einzelnen und seiner Verwurzelung in einem Kollektiv, von Freiheit einerseits und Bindung andererseits, bezeichnet eine der wesentlichen Problematiken neuzeitlicher Philosophie. Demnach gehört es zur ontologischen Grundausstattung jedes Individuums und gleichzeitig zu seinen existenziellen Aufgaben einen Weg zwischen der Gebundenheit an unterschiedliche öffentliche und private Kontexte und seinem Freiheitsdrang zu finden. Im Idealfall bildet sich eine stabile Balance zwischen nährender, stärkender Bindung einerseits und Autonomie andererseits. Ein solches Gleichgewicht auf eine neurobiologische Grundlage zu stellen ist das Verdienst moderner Hirnforschung seit spätestens Eric Kandel. Hüther scheint hier einen Schritt weiter zu gehen, indem er die nahezu radikale Abkehr von genetischer Determinierung zugunsten freier Potenzialentfaltung propagiert. Dafür hält er hehre Worte und ein deutliches Programm bereit, das jedoch einer weiteren Differenzierung und einer echten neurobiologischen Fundierung bedurft hätte. Dass eine solche fehlt, lässt bereits der Titel des ersten Teils, „Das Leben als erkenntnisgewinnender Prozess“, vermuten. Ohne hier beckmesserisch sein zu wollen, sei doch angemerkt, dass der Prozess selbst keine Erkenntnisse gewinnt. Darüber hinaus kann man sich des Eindrucks einer ausgeprägten Plauderei nicht erwehren, die erst – zumindest vorübergehend – abflaut, als Hüther die epistemologischen Grundlagen der Biologie des 20. Jahrhunderts zusammenfasst. Alles erscheint hier zwar extrem kondensiert, doch plausibel. Allerdings wäre es besser gewesen die einmal gesetzte Reihenfolge (S. 53/54) auch in den daran anschließenden Thesen zur Neuorientierung biologischer Forschung (S. 55-80) beizubehalten. Dass Hüther überkommenes biologisches Wissen einer Revision unterziehen (wobei es verfehlt ist von „dem“ biologischen Wissen zu reden) und ausgehend davon eine Kultur des Miteinanders etablieren möchte, bezeichnet eine der wenigen Stärken des Buches. Allerdings hätte man sich gerade hier eine Konkretisierung der neurobiologischen Bezugspunkte gewünscht, will sagen, dass Schaubilder, Bemerkungen zu biochemischen Vorgängen in den Zellen, Ausführungen zu Prozessen, die mit den lediglich erwähnten neuen bildgebenden Verfahren, etwa funktionelle MRT (Magnetresonanztomographie) oder PET (Positronenemissionstomographie) zu sehen sind, der Gesamtkonzeption sehr gut getan hätten. Die Kunst eines guten Autors besteht darin, auch im Zuge populärwissenschaftlicher Darstellung die berühmten „interessierten Laien“ zu packen und ihnen die Erkenntnisse seines Faches, in diesem Falle der Neurobiologie, so zu präsentieren, dass sie nicht nur gut nachzuvollziehen sind, sondern gleichermaßen auf einem der Sache adäquaten Niveau in ihrer Substanz erhalten bleiben. Hier werden sie zerredet bzw. zerschrieben, ohne dass die Neugier der Leser eine Befriedigung erfährt. Auch Kleinigkeiten wirken mitunter befremdlich. So etwa indizieren die Bilder zu Beginn des ersten Teils eine abgegriffene Metaphorik. Bei ihrer Nennung sei eine polemisch angehauchte Neukombination erlaubt: „Probleme wirken […] wie eine Heizplatte“ (S.20). „Wer jetzt mitbekommt, wo er gelandet ist, steigt möglichst schnell vom Ofen herab“ (ibid.), doch die „völlig erschöpften Herumtänzer wie auch die mit den verbrannten Füßen“ (ibid.) können sich ja immer noch „sternhagelvoll laufen“ (S. 21) lassen, so lange, „bis die Leber schließlich den Dienst versagt“ (ibid.). Aber, so könnte man einwenden, Dr. med. Eckart von Hirschhausen lehrt uns, dass die Leber mit ihren Aufgaben wächst…

Ironie beiseite. Hüther könnte seinen Lesern zu Beginn einen weniger stereotypisierten und populistischen Einstieg zumuten. Ähnliches gilt für Begrifflichkeiten: z. B. hätten „Angriff“, „Flucht“ und „ohnmächtige Erstarrung“ (S. 29) durchaus durch „fight“, „flight“ und „freeze“ ersetzt werden dürfen. Es handelt sich dabei nicht um wahlweise flache oder hochtrabende Anglizismen, sondern schlichtweg um allgemein übliche Fachtermini.

Bevor Hüther im 3. Teil wieder zu den vom Beginn gewohnten Ausschweifungen zurückkehrt, erreicht er im 2. Teil eine zum Anspruch der Neurobiologie passende Darstellungsform. Zwar hätte man sich auch dort, im Kontext der Embryonalentwicklung, Begriffe wie „totipotent“ oder „pluripotent“ gewünscht, im Großen und Ganzen dürfte jedoch zumindest 2.1 („Die vorgeburtliche Strukturierung neuronaler Netzwerke im sich entwickelnden Gehirn“) der Erwartungshaltung kritischer Leser entsprechen.

Die im 2. Teil anklingende und im 3. Teil erneut angeschnittene Analogie zwischen Gehirnentwicklung einerseits und der Entwicklung von Gemeinschaften andererseits, die Parallele zwischen individuell-physischer und kollektiv-sozialer Mikro- und Makroorganisation, hätte unbedingt deutlicher ausgeführt werden müssen, um bereits aus dieser Ähnlichkeit heraus das menschliche Bedürfnis nach Differenzierung, Reflexion und Reorganisation als neurobiologisch angelegten und letztlich hermeneutischen Kreislauf zu begründen.

Absichtlich habe er, so betont Hüther in einer lapidaren Anmerkung am Ende seines Buches, auf „Literaturangaben, Referenzen und auf Hinweise auf die Arbeiten, Überlegungen, Konzepte, Theorien und Vorstellungen anderer Autoren verzichtet“ (S. 187). Es seien schlichtweg „zu viele“ und „unmöglich, deren Beiträge angemessen zu würdigen, ohne all die anderen unerwähnt zu lassen, die ihrerseits erst den Weg für diese Leistungen bereitet haben […]“ (ibid.). Bei der angemessenen Würdigung hätten alle anderen wohl auch erwähnt werden müssen. Dieser kleine Lapsus ist nicht der Punkt, sondern die Tatsache, dass, wenn man so wie Hüther argumentieren wollte, jeder Wissenschaftlichkeit der Garaus gemacht werden würde. So gut wie nie lassen sich alle Vorläufer angemessen integrieren – dennoch darf ihre Positionierung im wissenschaftlichen Diskurs nicht fehlen. Da allein aus quantitativen Gründen das Ideal einer Sichtung der Totalität des zuvor Veröffentlichten kaum mehr zu erreichen ist, bleiben Selektion und zumindest die Integration aktueller Publikationen geboten. Im Gegensatz dazu endet die vorliegende Schrift leider mit einer Absenz – Anmerkungen, Stichwortregister und Literaturverzeichnis sind zu vermissen. Vier Seiten Werbung für die anderen Bücher des Autors können dies nur unzureichend kompensieren.

Fazit

  1. Bei der Entscheidung „Etwas mehr Hirn, bitte“ zu rezensieren empfand ich den Haupttitel zwar befremdlich, den Untertitel jedoch in hohem Maße ansprechend. In der Kombination von beidem erwartete ich, als „interessierte Laie“, die zuvor viel von Hüther gehört und ebenso viel über, aber noch nie von ihm gelesen hatte, die neurobiologische und damit in erster Linie naturwissenschaftliche Begründung der im Untertitel ausgesprochenen Einladung. Im Nachhinein bleibt gerade bei dem Titel ein sehr schaler Nachgeschmack. Nach der Lektüre hört er sich ein bisschen nach einem Dialogfetzen im Tante-Emma-Laden an, wo viele Produkte noch (oder vielleicht wieder) abgewogen werden.
  2. Trotz allem, obwohl Enttäuschung dominiert, ist anzuerkennen, dass Hüther sehr engagiert ist und entsprechend öffentlichkeitswirksam agiert. Seine Mission der individuellen und kollektiven Potentialentfaltung verfolgt er vorwiegend in pädagogischen Kontexten sehr beharrlich. Zwar ordnet er sich auch in eine lange Tradition ein, wenn er z.B. das freie Spiel und die nicht zuletzt damit aktivierte Entdeckerfreude in der frühkindlichen Bildung rühmt, dabei sowohl die Autonomie des Kindes als auch die Verlässlichkeit primärer und sekundärer Bindungspersonen hervorhebt. Im Gegensatz zu anderen aber punktet Hüther mit überzeugendem und sachkompetentem Fabulieren, im Zuge dessen er alte und neue Diskussionen zusammenfasst und mit einem neurobiologischen Touch versieht. Wenn damit die „Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und die Lust am gemeinsamen Gestalten“ gefördert werden, dann ist eine solche Haltung nur zu begrüßen.

Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 21.04.2015 zu: Gerald Hüther: Etwas mehr Hirn, bitte. Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-525-40464-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18619.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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