socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Roland Anhorn, Frank Bettinger (Hrsg.): Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit

Cover Roland Anhorn, Frank Bettinger (Hrsg.): Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit. Positionsbestimmungen einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 395 Seiten. ISBN 978-3-8100-4072-5. 29,90 EUR, CH: 40,10 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-15181-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund und Thema

Anlass zu diesem Band ist eine Tagung am 10. und 11. Januar 2003 der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt und dem Deutschen Gewerkschaftbund Hessen-Thüringen zum Thema "Das Ende der Sicherheit?- Sozialer Auschluss im "neuen" Kapitalismus".

Gemäß den Verfassern des Vorwortes (Anhorn/Bettinger) lagen der Tagung ein politisch-praktisches und ein wissenschaftlich-theoretisches Motiv zugrunde. Den Autoren erscheint als dringend geboten, "dass Ausbildung, Wissenschaft und Forschung Sozialer Arbeit aus der Beschränkung des akademischen Betriebs (wieder) heraustreten und sich im Kampf gegen zunehmende soziale Ungleichheiten und Ausschließungen auf der Grundlage gemeinsamer Interessenlagen mit außerakademischen gesellschaftlichen Kräften verbinden"(S.7).

Ihrer Auffassung nach "verfehlen" die "gegenwärtig die Diskussion bestimmenden Theorien Sozialer Arbeit... in ihrer gesellschaftstheoretischen Fundierung und ihrem kategorialen Zuschnitt eine adäquate Analyse der tiefgreifend sich verändernden gesamtgesellschaftlichen, sozialpolitischen und sozialpädagogisch/sozialarbeiterischen Wirklichkeit, die durch fortschreitende (und bei weitem noch nicht an ihre Ende gekommene) Prozesse vertiefter sozialer Spaltungen und Polarisierung, Ungleichheiten und Ausschliessungen gekennzeichnet ist"(ebd.). Es geht also darum, soziale Ausschließung (bisweilen hier auch Ausschliessung geschrieben) in ihren unterschiedlichen Dimensionen, wechselseitigen Überlagerungen, Verschränkungen und kumulativen Verstärkungen zu analysieren. Soweit der emphatische Ausgangspunkt.

Erkenntnisziele

Im Gegensatz zum auch vorhandenen Exklusions- bzw. Ausgrenzungsdiskurs, der derzeit dominiere (S.23), und im wesentlichen von einer horizontalen Spaltung der Gesellschaft ausgehe und dadurch die vertikalen Dimensionen der Ausbreitung und Unterdrückung negiere, gehe das gleichfalls variantenreiche Erklärungsmodell des Ausschlusses auf zentrale Ursachen ein, wenn er um den Begriff der Partizipation erweitert. Im Orginal : "Unter Zugrundelegung des Partizipationsbegriffs definiert sich soziale Ausschließung als systematische Beschränkung bzw. Vorenthaltung von Teilhabemöglichkeiten "an mehr oder weniger zentralen Bereichen und Ressourcen der Gesellschaft(É)" (S.32). Mit dem Partizipationsbegriff wird soziale Ausschließung zu einem graduellen Konzept, "das die unterschiedlichen Grade der Ausschließung erfasst" (É) und zu einem relationalen Konzept, der Erfassung von" Interaktionsprozessen zwischen Betroffenen und Repräsentanten und Verwaltern materieller und immaterieller Ressouren"(É) (S.32). Last but not least beinhalte in dieser Form der Ausschlussdiskurs auch einen dynamischen Aspekt, den der "Auschließungsprozesse", aber auch der Subjektperspektive (S.33). Andererseits wird aber bereits im Vorwort hervorgehoben: "Für den Leser mag die Vielfalt der verwendeten Begriffe bei der Analyse und Beschreibung des Phänomens sozialer Ausschließung etwas verwirrend sein. Mal wird von Exklusion, mal von Ausgrenzung und Marginalisierung, mal von Ausschluss/Ausschließung, dann wieder in Kombination verschiedener Begriffe gesprochen(S.9).Dennoch gehe es darum, auf "eine begrifflich-theoretische Präzisierung hinzuarbeiten, damit soziale Ausschließung nicht zu einer völlig diffusen und nichtssagenden, und somit letztlich für Soziale Arbeit unbrauchbaren "Allerweltskategorie" wird" (S.9).

Theoretische und empirische Grundlagen sozialer Ausschließung

Im ersten Hauptteil werden "Theoretische und empirische Grundlagen sozialer Ausschließung abgehandelt.

  • F. Deppe setzt sich mit dem Aspekt Globalisierung und Ausgrenzung auseinander. S.Herkommer beschreibt den neuen Charakter unserer Klassengesellschaft.
  • A.Scherr diskutiert unterschiedliche Zugänge zum Exklusionsproblem für Sozialpolitik und Soziale Arbeit.
  • M.Winkler skizziert Formationen der Ausgrenzung.
  • H.-U. Otto und H.Ziegler setzen sich mit dem Sozialraum und dem sozialen Ausschluss auseinander und umgrenzen eine Kritik der neo-sozialen Interventionsstrategie und fordern eine "reflexive" Sozialraumorientierung. Ihr Pladoyer geht dahin, eine sozialraumsensible Aktivierungsstrategie zu entwickeln, die explizit Zugänge über den unmittelbaren Lebensraum hinaus schafft und Anschluss findet an gesellschaftliche Ressourcen und Machtpotentiale (S.136). Es geht darum, die Menschen nicht zu "`empowern`- nicht mit Verweis auf ihre eigenen Handlungsressourcen in ihren Arealen «einzuschließen« und sie damit erst recht zu `entkoppeln`"(S.138).
  • H.Cremer-Schäfer setzt sich informativ und kritisch zugleich mit der Karriere des Begriffs Soziale Ausschließung auseinander und verdeutlicht an drei Fallgeschichten subjektive Bewältigungsstrategien. Ein lesenswerter Artikel, der durch die Falldarstellungen Mechanismen der Ausschließung plastisch und differenziert zugleich verdeutlicht.

Dimensionen sozialer Ausschließung

Im zweiten Hauptteil werden Dimensionen sozialer Ausschließung aufgezeigt.

  • M.Kronauer stellt die Verbindung von Ausgrenzung und sozialen Raum her und  zeigt Quartierseffekte auf, die sowohl Benachteiligung verstärken können, aber auch "soziale und materielle Ressourcen bereitstellen", die nicht nur das Leben in Armut erträglicher machen", sondern auch "Brücken" schlagen können. Dies hänge jedoch explizit davon ob, " im Quartier und für die einzelnen Personen Mindeststandards wohlfahrtsstaatlicher Leistungen aufrechterhalten werden (É) und "gewisse Wahlmöglichkeiten bleiben"(S.183f.).
  • P. Buhr wirft einen Blick auf die Armutsforschung Armutspolitik. Differenziert wird von ihr unterschieden: "Armut kann (..) nicht mit Ausgrenzung gleichgesetzt werden", da "lediglich bei einer kl. Gruppe von multipel deprivierten Personen von "Verfestigungs- und Ausgrenzungstendenzen auszugehen" ist. Gleichzeitig jedoch erkennt sie neue Ungleichheiten und Unsicherheiten, ""prekäre" Übergänge zwischen Armut und Nicht-Armut" (S.198f.). Zugleich erkennt sie den Sozialstaat nicht nur als "Armutsbekämpfer", sondern auch als "Armutsverstärker".
  • W.Ludwig-Mayerhofer setzt sich mit dem Kontext von Arbeitslosigkeit und sozialem Ausschluss auseinander. Auch er erkennt, dass "Arbeitslosigkeit (É) nicht unter allen Umständen gleichbedeutend mit sozialem Ausschluss" sei (S.205). Gleichzeitig zeigt er Grenzen der derzeitigen Arbeitsmarktpolitik auf und setzt sich mit der Rolle von Sozialarbeit auseinander.
  • E.Fröschl und Ch. Gruber verdeutlichen, "Sozialer Ausschluss hat ein Geschlecht." Ihre Kernthese: "Frauen sind "in der Gesellschaft durch sozialen Ausschluss benachteiligt"(S.233). Dies bezieht sich auf Arbeit und Verdienst, auf ein höheres Armutsrisiko und spezifische soziale Probleme (männliche Gewalt gegen Frauen, sexuelle Gewalt gegen Kinder, psychische Probleme von Frauen).
  • R. Lautmann wirft in einem reflexiven Beitrag die Frage auf: "Gibt es nichts Wichtigeres?" Sexualität, Ausschluss und Sozialarbeit. Er verweist darauf, dass Sexualität ein "Querschnittsthema" sei und in der Klientensituation "Situationswahrnehmung" färbt und zugleich moralische Distanz schaffen kann (S.248).
  • E.vn Kardoff setzt sich mit Psychisch-Beeinträchtigten unter dem provokanten Titel: "Kein Ende der Ausgrenzung : Ver-rückter in Sicht?" auseinander. Dieser Hauptteil wird abgerundet durch einen Beitrag von J. Stehr zu Mechanismen von Kriminalisierung: " Soziale Ausschließung durch Kriminalisierung: Anforderungen an eine kritische Soziale Arbeit." Unter Kriminalisierung versteht er einen "komplexen Prozess (..), mittels dessen die Kategorie Kriminalität als Deutungsschablone auf soziale Konflikte und problematische Situationen angelegt wird (S.275). Gerade hier habe eine kritische Sozialarbeit anzusetzen und sich der (eigenen) Ausschließungspraktiken bewusst zu werden.

Praxisfelder Sozialer Arbeit und soziale Ausschließung

Im abschließenden dritten Hauptteil werden Praxisfelder Sozialer Arbeit und soziale Ausschließung erörtert:

  • H.Stöver setzt sich mit der "Drogenpolitik und Drogenarbeit" auseinander und erörtert "akzeptanz- und integrationsorientierte Strategien."
  • A.-D. Stein diskutiert den Kontext von "Be-Hinderung" und sozialem Ausschluss.
  • K.Rathgeb thematisiert den Sozialen Raum und fragt nach dem "Nutzen der Gemeindestudien für die Soziale Arbeit." Ein informativer Artikel.
  • St.Gillich stellt die "Ausgrenzung Wohnungsloser" dar und E.Matt skizziert Aspekte der Ausgrenzung im Zusammenhang von Ausbildung und Berufsqualifikation.
  • Last but no least zeigt F. Bettinger "Konturen einer subjekt- und lebensweltorientierten Kinder- und Jugendarbeit als Teil einer "kritisch-reflexiven Sozialpädagogik" auf.
  • Dieser Praxisteil ist informativ und gut lesbar. Allerdings hätte eine stärkere Rückbindung an den Theorieteil erfolgen können. So wäre am Ende ein Theorie-Praxis verbindender, zusammenfassender Artikel sicherlich sinnvoll gewesen.

Fazit

Der Sammelband thematisiert wichtige Aspekte der  Rahmenbedingungen Sozialen Arbeit und trägt damit zur Beschreibung der Lebenslage und den Perspektiven der Adressaten der Sozialen Arbeit bei. Der Anspruch der theoretischen (Re)Formulierung der Sozialen Arbeit wird damit nicht eingelöst. Jedoch werden wichtige Reflexionsansätze gegeben. Der Begriff Ausschluss oder Ausschließung ist eine Beschreibungskategorie neben andern und nicht der zentrale Leitbegriff (Paradigma) der Sozialen Arbeit. Die abwägende Argumentation einiger Beiträge ist jedoch hervorzuheben. Sie hebt die bisweilen schablonenhafte Argumentationsweise etwas auf. Zum Zwecke der besseren Lesbarkeit wäre ein etwas weniger prätentiöser Schreibstil einiger Autoren wünschenswert gewesen.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
E-Mail Mailformular


Alle 56 Rezensionen von Friedhelm Vahsen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 10.01.2006 zu: Roland Anhorn, Frank Bettinger (Hrsg.): Sozialer Ausschluss und Soziale Arbeit. Positionsbestimmungen einer kritischen Theorie und Praxis Sozialer Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-8100-4072-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1862.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Vorstand (w/m/d), Aschaffenburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung