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Institut für soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): ISA-Jahrbuch zur Sozialen Arbeit 2014

Cover Institut für soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): ISA-Jahrbuch zur Sozialen Arbeit 2014. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. 192 Seiten. ISBN 978-3-8309-3227-7. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Thema

Das Institut für Soziale Arbeit e. V. mit Sitz in Münster (www.isa-muenster.de) begreift sich als „das Fachinstitut für Kinder- und Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen“ und steht für Praxisforschung (im eigenen Selbstverständnis „empirisch fundiert“, zunehmend auch im Bildungs- und Gesundheitswesen), Beratung und Konzeptentwicklung („anwendungsorientiert und fachlich plausibel“) sowie Qualifizierungs- und Fortbildungsangebote („praxisnah und innovativ“); es arbeitet auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene. Jährlich einmal zieht das Institut in Form eines Jahrbuches Bilanz zu den aktuellen Fragen der Kinder- und Jugendhilfe.

2013 hat das ISA-Jahrbuch die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen als Adressat/inn/en in den Blick genommen; hieran knüpft der fachliche Schwerpunkt des vorliegenden Jahrbuches an: Im 14. Kinder- und Jugendhilfebericht (2013, S. 416) wird das gelingende Aufwachsen junger Menschen als eine „Gestaltungsaufgabe in Verschränkung von öffentlicher und privater Verantwortung“ dargestellt; diese „neuen Verantwortung“ gilt es, durch förderliche Rahmenbedingungen für Familien mitzugestalten und dabei mit allen anderen beteiligten Akteuren zu kooperieren. Im Blick auf die Biografien junger Menschen gilt es, an den Schnittstellen zwischen den Systemen der Jugendhilfe, Schule und Gesundheitshilfe, die Zusammenarbeit förderlich zu gestalten, herkunftsbedingte soziale Ungleichheit abzubauen und die Start- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.

Diese Verbesserung der Start- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen begreift das Redaktionsteam als eine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe, die in Kooperation mit Partnern aus anderen Systemen zu bewältigen sein wird; damit, so das Redaktionskollektiv in seinem Vorwort, „stehen in diesem Jahr die Aktivitäten und Entwicklungen der Kinder- und Jugendhilfe im Vordergrund, die gemeinsam mit weiteren Partnern zur Verbesserung der Start- und Teilhabechancen beitragen wollen und sollen“ (S. 7).

Herausgeberin und Redaktion

Das Jahrbuch wird herausgebracht vom Institut für Soziale Arbeit; redaktionell verantwortlich waren für den Jahresband 2014 Kirsten Althoff, Maren Hilke, Julia Pudelko sowie Dr. Johannes D. Schütte (sie sind wissenschaftliche Mitarbeiter/innen am Institut), Prof. Dr. Hans-Jürgen Schimke (1. Vorsitzender des Institutsvereins), Birgit Schröder und Herbert Boßhammer (beide stellvertretende Leitung des Arbeitsbereiches Jugendhilfe und Schule).

Aufbau und Inhalt

Vier Beiträge greifen zunächst – nach einer Einführung des Redaktionsteams und einigen Darlegungen zur Arbeit des Instituts 2013/14 – den fachlichen Schwerpunkt des Jahrbuches auf:

  • Johannes D. Schütte diskutiert Bildung als zentrale Ressource für den Abbau sozialer Ungleichheit und als Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe (S. 24 – 35); sein Beitrag zeigt – einmal mehr – vor dem Hintergrund der Befundlage zum Ausmaß der sozialen Ungleichheit in Deutschland, dass Kinder aus Familien mit einem niedrigen gesellschaftlichen Status schlechtere Bildungschancen haben. Im Rückgriff auf empirisches Material verdeutlicht Schütte die Bedeutung von Bildung und Bildungsprozessen für den Abbau sozialer Ungleichheit. Der Autor stellt klar, dass Bildung nicht nur eindimensional als Qualifikation (und daomit als Beitreag zur Herstellung von Beschäftigungsfähigkeit) begriffen werden kann, sondern Bildungsförderung zum Abbau sozialer Ungleichheit viel mehr als Begleitung des individuellen Aneignungsprozesses kulturellen Kapitals gedacht werden muss.
  • Alexander Mavroudis ist mit einem Beitrag „Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen mitgestalten“ vertreten (S. 36 – 52) und spürt dabei Herausforderungen und Chancen für Kommunen in integrierten Präventionslandschaften nach, während
  • Kirsten Fuchs-Rechlin der Frage nachgeht, wie Bildungsungleichheit in Kindertageseinrichtungen entsteht, welche Formen sie annimmt und welche Handlungsstrategien sich ergeben (S. 53 – 71).
  • Britta Discher und Hans-Jürgen Schimke setzen sich abschießend mit der Problematik auseinander, wie junge Menschen zwischen den sozialen Hilfesystemen (z. B. Kinder- und Jugendhilfe und Grundsicherung nach SGB II) verloren gehen können (S. 72 – 86).

Aktuelle Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe stehen im Zentrum des zweiten Beitragsblock des Jahrbuches:

  • Karina Schlingensiepen und Sarah van Dawen-Agreiter reflektieren zunächst „Bildungslandschaften als jugendpolitische Räume – zum Potential der Gestaltung von Bildungslandschaften durch einmischende Jugendpolitik“ (S. 87- 103)
  • Jürgen Schattmann und Jan Lamontain setzen sich mit einer wachsenden Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe auseinander; „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen“ (S. 104 - 118), und
  • Dirk Themann steuert einen Beitrag zur „Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe als Heilsbringer zur Kostendämpfung im Bereich der Hilfen zur Erziehung“ (S. 119 - 135) bei.

Abschließend berichten aus den Arbeitsfeldern des Instituts für Soziale Arbeit

  • Lisa Kasper („Sozialräumliche Planung und Gestaltung – ein Bericht aus dem Themencluster ‚Sozialraummanagement‘ im Projekt ‚Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor‘“, S. 136 – 146),
  • Julia Pudelko und Wolfgang Rüting („BEN [Bildungs- und Erziehungsnetzwerk Milte, Einen, Müssingen] – ein Projekt zum Aufbau nachhaltiger Kooperationsstrukturen zwischen Kindertageseinrichtungen und Grundschule im ländlichen Raum“, S. 147 – 166) sowie
  • Monika Althoff und Maren Hilke („Der Schutz von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien – erste Befunde einer qualitativen Befragung von Fachkräften der Pflegekinderdienste“, S. 167 - 189).

Zielgruppen

Das Jahrbuch ist hilfreich für alle in der Kinder- und Jugendhilfe Tätigen oder an deren Entwicklung interessierten Akteure.

Diskussion

Jahrbücher sind stets auch der Gefahr ausgesetzt, zur Nabelschau zu werden, insbesondere dann, wenn vor allem oder ausschließlich Berichterstattung zu eigenen Projekten (oder solchen, die begleitet wurden oder noch begleitet werden) erfolgt. Das mag auch für das vorliegende Jahrbuch so gelten, es kann aber an drei Beiträgen gezeigt werden, wie wertvoll ein Jahrbuch auch sein kann:

  • Anhand von drei Fallbeispielen (S. 75ff) dokumentieren Britta Discher und Hans-Jürgen Schimke in ihrem Beitrag, wie junge Menschen zwischen den sozialen Hilfesystemen verloren gehen können und wie misslingende biografische Prozesse junger Menschen auch Gründe in dysfunktional organisierten und orientierten Hilfesystemen (mit ausgeprägter Symptomorientierung, mangelnder Kooperationsbereitschaft bzw. -fähigkeit und Ausgrenzungsmechanismen) haben. Discher und Schimke verdeutlichen, dass es dabei weniger um die individuellen Lebenslagen der Jugendlichen geht, sondern dass die unterschiedlichen Hilfesysteme ihrer eigenen Logik folgen und nur unzureichend miteinander kooperiere; mehr noch:; „Die Schnittstellen werden in vielen Fällen deshalb zum Problem, weil sie Institutionen und Fachkräften die Möglichkeit geben, sich von Jugendlichen abzuwenden, mit deren Artikulation und Lebensweise sie nicht einverstanden sind“ – ihr unangepasstes Verhalten löse, anders als bei Kindern, keine „Schutzimpulse“ aus, sondern fordere Sanktionen heraus (S. 81). In diesem Beitrag wird damit einmal mehr die herausgehobene Bedeutung von Vernetzung und Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen für ein gelingendes Aufwachsen der jungen Menschen ersichtlich; hierin liegt zwar nicht der Schlüssel zur Lösung systemeigener Ausgrenzungsprozesse etwa bei ungepasstem Verhalten, der interdisziplinäre Blick und die unterschiedlich gegebenen Möglichkeiten der Unterstützung und der Arbeitsteilung eröffnet aber neue Chancen.
  • Eine besondere Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe stellen so genannte „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ dar, d. h. ausländische Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung ihrer Eltern oder Personensorgeberechtigten nach Deutschland einreisen und sich damit automatisch und systematisch im Spannungsfeld zwischen dem Kinder- und Jugendhilferecht und dem Aufenthalts- und Asylrecht bewegen. Die wachsende Zahl dieser jungen Flüchtlinge stellt die Kinder- und Jugendhilfe für neue Fragen: Zwischen 2010 und 2013 ist die Zahl der in Obhut genommenen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge von 2.822 auf 6.584 Fälle angewachsen – mit steigender Tendenz. Sie sind auf den Schutz und die Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe angewiesen. Statt langwieriger Aufenthalte in überfüllten Erstaufnahmeeinrichtungen soll ein schneller Zugang zu allen Möglichkeiten der Unterstützung und Förderung ermöglicht werden – konkret anhand der Vorgaben der EU-Aufnahmerichtlinie und der UN-Kinderrechtskonvention (vgl. dazu auch die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums zur „Gesellschaftliche(n) Verantwortung für junge Flüchtlinge“ vom April 2015: www.bundesjugendkuratorium.de). Die uneinheitlichen gesetzlichen Grundlagen, die widersprüchlichen Zielsetzungen von Kinder- und Jugendhilfe einerseits und Asyl- bzw. Ausländerrecht andererseits und die differenzierten wie konfligierenden Positionen und Funktionen staatlicher Stellen und NGOs drohen die betroffenen Kinder und Jugendlichen „untergehen“ zu lassen. Der Beitrag von Jürgen Schattmann und Jan Lamontain greift die Thematik aus nordrhein-westfälischer Perspektive auf und illustriert die Abstimmungsprozesse und Verfahren, die zu einer Handreichung zum Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen geführt haben.
  • Das Projekt „Kinderschutz in dem Pflegekinderhilfe“ ist Ausgangspunkt des Beitrags von Monika Althoff und Maren Hilke. Seit Juni 2013 wurde das Projekt im Institut für Soziale Arbeit begleitet: Die Autorinnen schildern, wie ein Expertenworkshop und qualitative Interviews mit Fachkräften und Pflegeeltern der Klärung der Frage dienten, welche besonderen Aspekte des Kinderschutzes in Pflegeverhältnissen zu beachten sind und welche Rahmenbedingungen hier für einen gelingenden Kinderschutz nötig sind: Im Lichte der sehr materialnah dargestellten qualitativen Daten (S. 170ff) wird einmal mehr deutlich, dass die Auswahl und Vorbereitung der Pflegeeltern, die Begleitung und Beratung der Pflegeeltern und die Begleitung der Pflegekinder wichtige Faktoren sind, die zum Gelingen von Pflegeverhältnisse beitragen, kinderschutzrelevante Krisensituationen bewältigen und den Kinderschutz generell in Pflegefamilien unterstützen können.

Jeder der drei Beiträge zeigt auf unterschiedliche Weise, dass es sich bei dem vorliegenden Jahrbuch nicht um eine bloße Sammlung mehr oder weniger interessanter Äußerungen handelt (die auch in diesem Jahrbuch zu finden sind), sondern um Darlegungen, die die drängenden Fragestellungen der Kinder- und Jugendhilfe – im Übrigen nicht nur im Blick auf Nordrhein-Westfalen! – thematisieren und insoweit Impulse für eine Weiterentwicklung fachlicher Perspektiven und Praxen enthalten.

Fazit

Auch das Jahrbuch 2014 des Instituts für Soziale Arbeit ist den an der Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe interessierten Fachkräften zur Lektüre zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 11.08.2015 zu: Institut für soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): ISA-Jahrbuch zur Sozialen Arbeit 2014. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. ISBN 978-3-8309-3227-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18625.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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