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Christel Manske: Inklusion - alle erfolgreich unterrichten

Cover Christel Manske: Inklusion - alle erfolgreich unterrichten. Auch Kinder mit Down-Syndrom brauchen einen Schulabschluss. Westermann Schulbuchverlag (Braunschweig) 2014. 119 Seiten. ISBN 978-3-14-162159-4. 24,95 EUR.
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„Die Kultur der Ahnenden ist die Kultur des Möglichen.“ (Manske im vorliegenden Buch, S. 16)

Thema

Eine zentrale Frage inklusiver Bemühungen (nicht nur) im Felde der Bildung ist es, die (begriffliche) Trennung, Spaltung, ja Unterscheidung von Normalität und Abweichung, von behindert und nicht- behindert, guten und schlechte Schülern aufzuheben, d.h., eine Lebens- und Lernkultur zu stiften, die Schluss macht mit dem dualistischen Denken, dem Denken in unversöhnlichen Gegensätzen. Doch wie könnte diese Trennung pädagogisch überwunden werden? Das vorliegende Buch handelt davon, wie das theoretisch begründet, praktisch gelingen könnte. Die Autorin, Dr. Christel Manske, Leiterin des gleichnamigen „Instituts für die Entwicklung funktioneller Hirnsysteme“ in Hamburg, spricht und schreibt als Pädagogin zu Pädagogen und lädt diese ein, ermutigt und inspiriert sie, zur Potenzialentfaltung von Kindern mit Down- Syndrom beizutragen. Im Ergebnis sollten alle Schüler, auch die mit Down Syndrom einen Schulabschluss machen können; schließlich wollen alle Kinder ihre Fähigkeiten zeigen und damit demonstrieren, was in ihnen steckt. Begonnen werden müsste allerdings mit einer „Ummünzung von Schulversagen, Behinderung und Auffälligkeit in ein soziales Geschehen“ (vgl. S.15f.). Es gehe darum, gemeinsam geteilt Verantwortung für das Scheitern pädagogischer Bemühungen zu übernehmen und eine „Praxis der Freude“, eine inklusive Lernkultur zu begründen, in der alle Kinder über sich hinaus wachsen können.

Aufbau und Inhalt

Das Buch behandelt im Hauptkapitel (Kapitel 2) das „Inklusive Lernen im handelnden Unterricht“ (S. 52 f.). Der „handelnde Unterricht“ basiert auf und orientiert sich an entwicklungspsychologischen Erkenntnissen und Wegweisungen, von der Autorin „psychologische Entwicklungsstufen“ genannt, die auf einen Klassiker der Psychologie, L.S. Vygotskij (1896- 1934), zurückgehen. In jeder Unterrichtsstunde sollen allen Kindern pädagogische Angebote gemeinsam geteilt unterbreitet werden, die den wesentlichen Stufen der (kindlichen) Ontogenese: Empfinden, Wahrnehmen, Symbolisieren, Denken und schließlich Selbst reflektieren entsprechen. Alle Unterrichtbeispiele und Lernmaterialen folgen dem didaktischen Grundprinzip der Einheit von Handlung- Symbol und Zeichen. Diesem Grundprinzip folgend erlernen auch Kinder mit Down- Syndrom das Lesen und Schreiben und verfügen damit über eine Kompetenz, die ihnen bei der Erlangung eines Schulabschlusses helfen könnte.

Die umfängliche und differenzierte Einleitung (Kapitel 1) macht jedoch auch deutlich, warum dieses Ziel im herkömmlichen integrativen Unterrichtsgeschehen noch nicht erreicht werden konnte (vgl. etwa 1.9: Befinden sich Kinder mit Down- Syndrom im Krieg? (vgl. S. 31f.). Die Einleitung ermutigt den Leser aber auch, eine Denkweise zu entwickeln, die die in der Ein- oder Hinführung bereits genannten dualistisch einteilenden und damit auch selektierenden Denkweisen auflöst. Der zentrale Umkehrpunkt dabei ist wohl die auf den ungarischen Medizinhistoriker und Sinologen Stephan Palos (geb. 1922) zurückgehende Hervorhebung von „Anwesenheit“. Anwesenheit öffne, so die Erfahrung und Überzeugung der Autorin, dem Pädagogen „…die verschlossene Tür zur unzugänglichen geheimen Biografie des Kindes“ (S. 13): „Anwesenheit ist wertfrei, denkt nicht an Vergangenes und Zukünftiges. Anwesenheit verzichtet auf Bewertung, beurteilt nicht und benotet nicht. Anwesenheit kennt weder gut noch schlecht. Anwesenheit hebt den Dualismus auf. … Der Plan im Kopf ist auf das Zukünftige gerichtet. Er vernichtet das Gegenwartbewusstsein. Anwesenheit schafft Informationen für das, was gegenwärtig zu tun ist. Die unendlichen Handlungsmöglichkeiten offenbaren sich nur dem Handelnden. Sie entziehen sich dem Planenden. Der Handelnde ist offen für alle Informationen, die ihm aus der sich ständig verändernden Situation zuwachsen. Er ist sich bewusst, dass er nie wissen kann, was im nächsten Augenblick geschieht. Er hat bestenfalls eine Ahnung (S.13)“

Diskussion

Wenn auch diese und einige andere Passagen (vgl. etwa 1.7: Löst das polare Denken innere und äußere Konflikte der Lehrer und Schüler? (S. 23f.) sich eher poetisch denn wissenschaftlich zu lesen scheinen, so wäre dem zu entgegnen, dass die narrative Darstellungsweise immense Möglichkeiten des Bewusstmachens und der Umkehr in Bezug auf (heil-) pädagogische Haltungen birgt. Wer sich für die systemischen und erklärend konstruktiven Grundlagen etwa einer nichtlinearen Entwicklungsdidaktik interessiert, der sei auf weitere, im Quellen- und Literaturverzeichnis aufgeführte, Veröffentlichungen der Autorin verwiesen.

Zielgruppen

Praktikerinnen und Interessierte aus Regel- und sonderpädagogischen Fachrichtungen, bzw. Handlungsfeldern, Eltern und Expertinnen in eigener Sache

Fazit

Den Leser und die Leserin erwartet ein dialektischer Mutmacher oder besser: ein Mutmacher in Sachen dialektisch verstandener Pädagogik, die einer inklusiven Pädagogik wirklich auf die Sprünge zu helfen vermag; eben weil sie erkennt, dass die Kraft letztlich von den Kindern ausgeht.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 01.06.2015 zu: Christel Manske: Inklusion - alle erfolgreich unterrichten. Auch Kinder mit Down-Syndrom brauchen einen Schulabschluss. Westermann Schulbuchverlag (Braunschweig) 2014. ISBN 978-3-14-162159-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18631.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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