socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claudia Mahs, Barbara Rendtorff u.a. (Hrsg.): Betonen - Ignorieren - Gegensteuern?

Cover Claudia Mahs, Barbara Rendtorff, Anne-Dorothee Warmuth (Hrsg.): Betonen - Ignorieren - Gegensteuern? Zum pädagogischen Umgang mit Geschlechtstypiken. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-3259-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Der vorliegende Band bietet eine differenzierte Auseinandersetzung mit Einschließungs- und Ausschließungsthematiken in Bezug auf die Verschränkung von Schule und Geschlecht.

Aufbau

Der Sammelband ist in drei Teile und insgesamt zwölf Kapitel aufgezweigt.

Nach einem Vorwort zu aktuellen Ungleichzeitigkeiten von Geschlechterkonzepten im Bildungsbereich (S. 8-10) verweist Barbara Rendtorff im Teil der Einführung in einem eigenen Beitrag auf den pädagogischen Umgang mit Geschlechtstypiken (S.11-24).

Teil 1 mit dem Titel „Widersprüche in gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen“ beinhaltet die folgenden Beiträge:

  • Cornelia Koppetsch: Wandel des Geschlechterverhältnisses. Eine Fortschrittsgeschichte und ihre Widersprüche (S. 25-44).
  • Friederike Kuster: Von der Moderne zur Spätmoderne: die bürgerliche Familie im Wandel (S. 45-60).
  • Birgit Riegraf: Neue Unübersichtlichkeiten in den Geschlechterarrangements. Über das Verhältnis von Wandel, Beharrung und (Re-)Traditionalisierung (S. 61-74).
  • Erich Lehner: Männlichkeit und Sorge – spannungsreich und widersprüchlich (S. 75-89).

Teil 2 versammelt unter dem Titel „Wandel der Geschlechterkonzepte“ vier Beiträge der folgenden AutorInnen:

  • Michael Meuser: Hegemoniale Männlichkeit im Niedergang? Anmerkungen zum Diskurs der Krise des Mannes (S. 93-105)
  • Jürgen Martschukat: Männlichkeiten, Krisen und Machtverhältnisse (S. 106-118)
  • Cornelia Helfferich: Und nun: Mitleid mit den Männern? Gewaltdiskurse und Geschlechterdifferenz (S. 119-134)
  • Sabine Hark: Das Geschlecht, das nicht zwei ist. Geschlecht, Differenz und queere Einsprüche (S. 135-150).

In Teil 3 werden unter dem Titel „Widersprüche in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen“ drei Beiträge zusammengefasst:

  • Christine Thon: Neue Weiblichkeitskonstruktionen im Kinderzimmer? Geschlechterordnungen im Spiegel von Mädchenspielzeug (S. 153-167)
  • Gisela Steins: zum Status Quo der Geschlechterordnung. Arrangements und ihre Folgen – Ein Deutungsversuch (S. 168-181)
  • Ilke Glockentöger: Wer spielt mit? Überlegungen zur Exklusion bei Monoedukation am Beispiel des Sportunterrichts (S. 182-199).

Wie bei Sammelbänden üblich wird eine zufällig vorgenommene Auswahl der Beiträge näher vorgestellt.

Ausgewählte Inhalte

Rendtorff nimmt in ihrem Beitrag eine Bestandsaufnahme vor, in dem sie Widersprüche konstatiert, die sich zum einen auf der politischen (genauer: gleichstellungspolitischen) Ebene und zum anderen auf einer handlungsleitenden Ebene auffinden lassen. Sie bemüht dazu Befunde aus mehreren Bezugsdisziplinen und kommt insgesamt zu einem eher selten thematisierten Widerspruch: so wird öffentlich in vielen Diskursen Frauen ein Modell von Agency attestiert, das sich beispielsweise in Spielzeugangeboten für Jungen und Mädchen nicht auffinden lässt. Rendtorff verallgemeinert diesen Widerspruch auf eine Haltung von „Bewahren und Verändern“: „Deshalb ist es merkwürdig, dass in den Spielzeugwerbungen letztlich genau das (wieder? immer noch?) zu sehen ist, wenn die weiblichen Lego-Figuren sich nahe bei den Häusern aufhalten, sich miteinander und mit den täglichen Belangen wie Essen und Trinken beschäftigen, während das Angebot für die Jungen als dynamische Aneignung und Aktivität in Form von Abenteuern aus dem Haus hinaus ins Außerhalb führt. Die Pointe aber ist dabei, dass eine menschliche Gesellschaft, jeder einzelne Mensch und vor allem die Kinder ja beides brauchen: die Sicherheit der Regeneration eines Hauses, zum Ausruhen, als Schutz vor Überforderung, und die Veränderung as Voraussetzung für Entwicklung, das Hinausgehen aus dem Haus als Voraussetzung Autonomie Selbstständigkeit und eigene Lebensentwürfe“ (S. 17).

Erich Lehner beschreibt die Verschränkung zweier gegensätzlich scheinender Tendenzen in seinem gleichnamigen Beitrag „Männlichkeit und Sorge“ – spannungsreich und widersprüchlich. Begonnen wird diese Verschränkung in der Darstellung des Gegensatzpaares von Agency und Communion, wobei Männern eher Macht- und Dominanzstreben attribuiert wird und Frauen eher eine Orientierung an Wärme. Soweit die Geschlechterstereotypforschung. Lehner fokussiert in seinem Beitrag auf Veränderungen innerhalb dieser Attribuierungen, die Bewegungen innerhalb der den Frauen zugeschriebenen Eigenschaften aufweisen. Sorge (Als Sorge um sich und andere, als Fürsorge) wird als Attribuierung demgegenüber eher weniger Männern zugeschrieben. „Herkömmliche Männlichkeitsbilder bieten demnach weniger wenig Raum für Fürsorge und sorgende Tätigkeiten“ (S. 76). Dem scheinen dennoch größere Bereitschaften entgegenzustehen, sich stärker zu engagieren im Bereich der Fürsorge und Pflege. Lehner nimmt Sorge in 2 Bereichen genauer in den Blick: zum einen die sorgende Tätigkeit von Männern als Väter in der Familien und zum anderen die pflegerische Sorge um alte / kranke Familienangehörige. Mehrere Studien zitierend, schlussfolgert der Autor, dass Sorge in männlicher Ausprägung vorrangig (Berufs-/Erwerbs)Arbeit ist. Insgesamt aber, so das Ergebnis, ist nicht nur individuelle Ausprägung, sondern sind Rahmenbedingungen entscheidend.

Cornelia Helfferich zeichnet in ihrem Beitrag ein kritisches Bild. Ausgehend von der Politisierung der Gewalt gegen Frauen ab Ende der 1960er Jahre (allerdings eher international), für die Bundesrepublik eher Ende der 1970er Jahre und einhergehend mit strukturellen Rechtsreformen konzediert Helfferich, dass dennoch Gewalt gegen Frauen eher als privates Problem gesehen wurde, das mitunter zu einem faktischen Frauenproblem wurde: „… weil die Betreuung der Opfer von Frauen für Frauen geleistet wurde – über viele Jahre hinweg eher gegen gesellschaftliche Institutionen … als mit deren Unterstützung“ (S. 122-123). Im Diskurs zu Männlichkeit und Gewalt (gegen Frauen) zeichnet Helfferich den Diskurs nach, der Gewalt gegen Frauen eher als Angelegenheit marginalisierter Männer betrachtet. Männern als Opfer von Gewalt (insbesondere von Frauen, Jüngeren oder Schwächeren) wird zugleich Männlichkeit in doppelter Logik abgesprochen. Helfferich erörtert den Paradigmenwechsel häuslicher Gewalt als geschlechtsneutral und mit öffentlicher Ächtung verbunden, der sich mit dem Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes durchsetzte. Mechanismen der Herabsetzung (und gleichzeitig dem Inkrafttreten spezifischer Genderrollenstereotype) werden von Helfferich sowohl den Diskursen zu Männern als Opfer wie auch Diskursen zu gewaltbereiten Mädchen (bzw. jungen Frauen) aufgezeigt, bevor sie als Fazit auf Ergebnisse eigener Studien verweist: „Beide Geschlechter trafen sich nicht in einem Gleichheits-, sondern einem Gerechtigkeitsdiskurs. Beide wollten Anerkennung: Jungen für den Status, Mädchen für ihre Rechte – und das impliziert das Zugleich von Gleichheit und Ungleichheit“ (S. 132).

Christine Thon analysiert in ihrem gleichnamigen Beitrag neue Weiblichkeitskonstruktionen im Kinderzimmer. Nach einer kurzen einleitenden Betrachtung zur Pinkifizierung von Mädchenwelten folgt eine Abhandlung zu Pädagogik, Spielzeug und Geschlecht, in der die Differenzziehungen (z.B. Alter, Exklusion) erörtert werden als auch diskutiert wird, inwieweit eine geschlechtstypisierende Auswahl bei Spielzeugen möglicherweise Folgen bei der Berufswahl zeitigt. Thon diskutiert anhand von Mädchenspielzeug traditionelle und neue Weiblichkeitskonstruktionen, zum einen bei Puppen (insbesondere Baby Born und Barbie), zum anderen bei LEGO-Spielzeug. Thon analysiert die von ihr aufgefundenen Unterscheide entlang der Argumentation des Sameness-Tabus und kommt im kurzen Abriss des Diskurses zur Verwendung des Spielzeugs zu dem Schluss, dass Mädchen damit in bestimmte Diskurse zu Geschlecht eintreten, so dass zum einen zu vermuten bleibt, dass ein Teil der Diskurse auch im Spiel reproduziert wird, so dass die dem Spielzeug eingeschriebenen Weiblichkeitsdiskurse nicht mehr als beliebig erscheinen (können).

Diskussion

Rendtorff verweist in ihrem Beitrag auf kritische Tendenzen der Beharrung und Bewahrung von Geschlechterstereotypen. Allerdings wird dabei das Bild vom Mann erzeugt, das sich als Gegenentwurf zu Agency (Wärme) so nicht einstellt. Dieses Urteil ist so nicht haltbar, in vielen Alltagssituationen sind durchaus neue Modelle von Man und Männlichkeit zu finden, die der Idee des „nurturing father“ folgen, ebenso übrigens wie in empirischen Studien zum Thema (s. Montoya 2014, 2015 und weitere).

Lehner beschreibt Diskurse der Sorge im Zusammenhang mit Männlichkeitskonstruktionen, insbesondere im familiären Kontext, zum einen als Sorge für Kinder / Haushalt, zum anderen als Sorge um alte / Kranke Familienangehörige, also Pflegekontexte. Er kommt dezidiert zu dem Schluss, dass Sorge (im engeren Sinne: Fürsorge) zu einem wichtigen Bereich männlicher Lebensführung wurde. In der Untersuchung der Aneignungsprozesse von Sorge stellen dennoch Erwerbstätigkeit und Existenzsicherung zentrale Punkte männlicher Identität dar, so dass Lehner eher einen Strukturwandel hegemonialer Männlichkeit attestiert. Kritisch (und weitgehend unberücksichtigt) blieben Aspekte sozialpolitischer Dimensionen: erinnert sei nur an gender pay gap, so dass bei aller Bereitschaft zur Übernahme familiärer Sorge (und Verzicht auf männliches Einkommen) diese Bereitschaft auf beiden Seiten des Elternpaares erst einmal finanzierbar bleiben muss. Zudem fällt auf, dass alleinerziehende Väter in des Autors Beitrag unberücksichtigt bleiben – eine Erklärung, gar eine Begründung wird indes nicht gegeben.

Cornelia Helfferich öffnet in und mit ihrem Beitrag zu Gewalt und Geschlechterdiskursen den Blick auf Verdeckungsmechanismen patriarchaler Unterdrückung feministischer Positionen im Hinblick auf Verschränkungen von Täter-Opfer-Konstruktionen und Geschlecht. Ihr ist zuzustimmen bei allen Befunden, jedoch bleibt einschränkend festzuhalten, dass sozialpolitische Maßnahmen mitunter tatsächlich Männer (als Opfer erlebter Gewalt und nicht nur von Frauen ausgeübt) benachteiligen – zu denken wäre etwas an die marginale Zahl von Männerhäusern.

Christine Thon eröffnet ihren Beitrag mit einer kurzen Betrachtung zu Geschlechterordnungen im Spiegel von Mädchenspielzeug rahmend durch die titelgebende Frage neuer Weiblichkeitskonstruktionen im Kinderzimmer. Sie nimmt dazu einige grundlegende Aspekte der Bedeutung von Spielzeug genauer in den Blick: „Einerseits sind Spielzeugen bestimmte Identitäten und ihre Platzierung in entsprechenden Differenzordnungen eingeschrieben“ (S. 156). Schärfend in ihrer Analyse von Spielzeug werden dazu typische Mädchenspielzeuge verglichen: Äußerst kritisch muss hier aber die unhinterfragte Zuordnung von Geschlecht und Spielzeug dekonstruierend aufgedeckt werden – zwar werden Puppen oft im Alltagsverständnis als typische Mädchenspielzeuge gehandelt, dies aber als pars pro toto auf Wirklichkeit für alle zu übertragen – gerade auch für Kinder in Zeiten sich mitunter rasant ändernder Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit – wird dem Anliegen des Bandes (und damit auch dem Anliegen des Beitrags) nur unzureichend gerecht. Immer wieder werden in der Praxis aus Familien und Institutionen wie Kindergarten von Kindern aller Geschlechterordnungen berichtet, die mit alltagsverständlich untypischen Spielzeugen spielen. Zuzustimmen ist der Autorin hingegen in ihrer Analyse der Pinkifizierung von Spielzeug.

Fazit

Ein aktuelles, informatives und aufschlussreiches Buch – wenn auch mit der Einschränkung, dass Männlichkeit eher im Zeichen der Krise diskutiert wurde und mit der Hintergrundfolie von krisenhafter Weiblichkeit vielleicht unzureichend kontrastiert wurde.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
E-Mail Mailformular


Alle 48 Rezensionen von Miriam Damrow anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 19.11.2015 zu: Claudia Mahs, Barbara Rendtorff, Anne-Dorothee Warmuth (Hrsg.): Betonen - Ignorieren - Gegensteuern? Zum pädagogischen Umgang mit Geschlechtstypiken. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3259-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18635.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht