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Henning Pätzold, Nicole Hoffmann u.a. (Hrsg.): Organisation bildet

Cover Henning Pätzold, Nicole Hoffmann, Christian Schrapper (Hrsg.): Organisation bildet. Organisationsforschung in pädagogischen Kontexten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 205 Seiten. ISBN 978-3-7799-2285-8. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Thema

Fragen nach dem Einfluss institutioneller Strukturen rücken beispielsweise im Kontext schulischer Inklusion verstärkt in das öffentliche Interesse. Institutionelle Strukturen fördern oder behindern Teilhabe und soziale Entwicklung in vielfältiger Weise. Die Reflexion über gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen bildet ein Fundament der Inklusionsdebatte. Institutionswissen ist auch eine Voraussetzung zum kompetenten professionellen Handeln von Pädagogen_innen.

In diesem Sinne stellt sich heute nicht mehr die Frage, ob eine Institution systemstabilisierend und möglicherweise fortschrittsfeindlich ist. Es gilt vielmehr das Gestaltungspotential und die Einflussfaktoren institutioneller Realität auf pädagogische Prozesse zu analysieren und daraus Gestaltungs- und Handlungswissen abzuleiten. Die Erziehungswissenschaft entdeckte das Themenfeld Organisation in den letzten Jahren für sich neu. In diesem Zusammenhang stellen sich neue Fragen in diesem Forschungsfeld. Auch gilt es die traditionell auf die Schule verengte Thematisierung von organisationalen Prozessen auf andere Erziehungs- und Bildungseinrichtungen auszuweiten.

Die Etablierung einer Kommission „Organisationspädagogik“ in der Deutschen Gesellschaft für Pädagogik und der Master-Studiengang „Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Forschung und Entwicklung in Organisationen“ an der Universität Koblenz-Landau sind Ergebnisse dieses neu entstandenen Forschungsinteresses.

Entstehungshintergrund

Die Publikation erscheint in der Reihe „Koblenzer Schriften zur Pädagogik“ und wird von Erziehungswissenschaftler_innen des Instituts für Pädagogik der Universität Koblenz-Landau unter Einbeziehung weiterer Kolleg_innen der Hochschule, ehemaliger Studierender des oben genannten Master-Studiengangs und zweier freiberuflicher Trainer_in verfasst. Das Buch will den organisationspädagogischen Diskurs stärken und konturieren, eine Plattform für Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in diesem Themenfeld bieten und weitergehende empirische und konzeptionelle Arbeiten anregen.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber_innen gliedern das Buch in zwei Teile. Nach einleitenden Ausführungen ist der erste Teil Fragen der Organisationsdiagnose und der Auseinandersetzung mit organisationalen Steuerungsprozessen gewidmet. Der zweite Teil befasst sich mit den Beziehungen zwischen Individuum, Profession und Organisation und wendet sich organisationspädagogischen Fragen im Kontext von Normen und Werten zu.

Informativ ist der einleitende Beitrag von Nicole Hoffmann, der die Aktualität des Themas entfaltet und auf neue Themenfelder und Akzenturierungen bei der Frage nach der Bedeutung von Organisation für die Ausgestaltung pädagogischer Prozesse eingeht. So zeichnet sich ein verstärktes Interesse für die Betrachtung des Interaktionsgeschehens und der Einflussfaktoren im Kontext institutioneller Innovationen ab. Auch verweist die Autorin darauf, dass eine differenziertere Auseinandersetzung mit Fragen des Einflusses von Normativität in Organisationen den fachlichen Diskurs bereichert.

Den ersten Teil eröffnet ein Beitrag von Henning Pätzold. Der Autor nähert sich dem Organisationsverständnis über Bildmetaphern. Er diskutiert die Perspektive auf Organisationen anhand dreier Metaphern: Maschine, Gehirn und Kultur. Dabei setzt sich der Autor insbesondere mit Gareth Morgans „Images of Organisation“ (1986) auseinander. Mit Fragen der Organisationsentwicklung in Grundschulen beschäftigt sich im Folgenden Heike de Boer und stellt Ergebnisse einer empirischen Studie vor, in der Schulleitungen und Lehrer_innen zu eigenen Schulentwicklungsprozessen befragt wurden. Jessica Bresser, Mario Dieninghoff, Georg Geber, Nina Röhrkasten, Frauke Schneider und Henning Pätzold thematisieren die Wechselwirkung zwischen den je individuellen Mitarbeiterperspektiven und den Organisationszielen in organisationalen Entwicklungsprozessen. Dies suchen die Autor_innen auf der Basis qualitativer Interviews mit Führungspersonen pädagogischer Einrichtungen zu ergründen. Christian Schrapper und Carl Otto Velmerig wenden sich dem Thema Organisationsdiagnose zu und leiten ihren Ansatz einer pädagogischen Organisationsforschung aus einem konstruktivistischen Organisationsverständnis ab. Sie entwerfen Grundsätze einer pädagogisch fundierten Organisationsdiagnostik. Ein anderes Spannungsfeld umreisst Hendrik Bruns, indem er fragt, welchen Beitrag das traditionelle Qualitätsmanagement „…zur Beförderung einer inklusiven erwachsenenpädagogischen Bildungspraxis…“ (S. 97) leisten kann. Die Dimensionen des Index für Inklusion (Kultur, Struktur und Praktiken) dienen hier als Referenz zur Analyse von Prozessen des Qualitätsmanagements.

Im zweiten Teil behandeln die Autor_innen verschiedene Akteursperspektiven in Organisationen und deren Zusammenhang mit Normen und Werten. So geht Wiebke Lohfeld auf die Bedeutung von Anerkennung in pädagogischen Prozessen ein, verknüpft verschiedene Begründungszusammenhänge und beschreibt ihre Pilotstudie zum Verhältnis von schulischer Anerkennungskultur und biographischen Erfahrungen von Anerkennung bei Lehrer_innen. Kristin Westphal und Susanne Schittler stellen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung eines Pilotprojekts zur Implementierung zeitgenössischer Tanzpädagogik in der Weiterbildung von Erzieher_innen in Kindertagesstätten dar und leiten Thesen für die Bedeutung tanzpädagogischer und allgemeiner ästhetischer Praxis für Vermittlungsprozesse, das professionelle Selbstverständnis und die Kultur in pädagogischen Einrichtungen ab. Mit dem Beitrag von Silke Allmann wird ein historischer Bezug zu Janusz Korczak hergestellt und nach dem Zusammenhang zwischen seinem pädagogischen Handeln, seinem Bildungsverständnis im Waisenhaus und dem Potential für demokratische Organisationsgrundsätze, die aus institutionellen Regeln und der Anwendung pädagogischer Instrumente (z.B. der Wetten, dem Kameradschaftsgericht) ableitet sind, gefragt. Die Autorin geht kurz auch auf organisationspädagogische Konsequenzen ein. Mit Fragen nach Einflussfaktoren auf eine demokratische Schulkultur beschäftigt sich der abschließende Beitrag von Ulrike Stadler-Altmann und Bettina-Maria Gördel. Die Autorinnen untersuchen den Zusammenhang von Entwicklungsprozessen der Schulkultur hin zu demokratischen Organisationsgrundsätzen und Aspekten des Professionsverständnisses der Lehrer_innen. Es werden Daten aus der Evaluation des Modellprojekts KOMPASS herangezogen, in dem 12 bayrische Realschulen über 3 Jahre in ihrem Schulentwicklungsprozess begleitet wurden. Insbesondere geht es den Autorinnen um die Vermittlungsprozesse zwischen strukturellen Bedingungen einer demokratischen Schulkultur in ihrer Wechselwirkung mit Unterrichtstheorien der Lehrer_innen.

Angaben zu den Autor_innen beschließen das Buch.

Zielgruppen

Die Publikation wendet sich an Erziehungswissenschaftler_innen und Fachkolleg_innen angrenzender Disziplinen, die sich mit organisationswissenschaftlichen Themen auseinandersetzen. Das Buch soll neuere Entwicklungen und Diskussionen in der Erziehungswissenschaft aufzeigen und die Weiterführung der Debatte um organisationspädagogische Themen anregen. Auch richtet es sich an Studierende in Master-Studiengängen, die sich mit empirischen Projekten im Kontext der Organisationspädagogik beschäftigen.

Diskussion

Die Publikation verbindet verschiedene Stränge organisationspädagogischer Themenfelder mit empirischen Projekten. Den Leser_innen liefert es damit einen interessanten Einblick in die neu belebte Diskussion organisationspädagogischer Fragen. Auch veranschaulicht das Buch die im einleitenden Beitrag aufgezeigten beiden thematischen Stränge durch empirische und einzelne konzeptuelle Beiträge. Insbesondere von Letzterem würde ich mir mehr wünschen. Hier könnte m.E. ein Beitrag zum Ausblick auf neue noch ausstehende wissenschaftliche Kontroversen und sich daraus ergebende empirische Forschungsfragen hilfreich sein.

Die Autor_innen sind wissenschaftlich ausgewiesene Kolleg_innen der Universität Koblenz-Landau, die wesentlich den organisationspädagogischen Diskurs in Deutschland mitgestalten. Insbesondere würde ich mir eine noch stärkere Einbeziehung der aus dem Master-Studiengang „Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Forschung und Entwicklung in Organisationen“ an der Universität Koblenz-Landau abzuleitenden Erkenntnisse und fachlich-inhaltlichen Gestaltungserfahrungen wünschen.

Fazit

Das vorgelegte Buch stellt eine innovativ ausgerichtete Forschungspublikation dar. Es bündelt in den beiden Themenfeldern empirische Studien, zeigt den Leser_innen auf, worin organisationspädagogische Forschungsprojekte bestehen und liefert zahlreiche Hinweise für die organisationspädagogische Diskussion. Mit der Einbeziehung weiterer Kolleg_innen über den universitären Rahmen hinaus ließe sich m.E. ein Lehrbuch realisieren, um einen erweiterten Leser_innenkreis anzusprechen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 18.12.2015 zu: Henning Pätzold, Nicole Hoffmann, Christian Schrapper (Hrsg.): Organisation bildet. Organisationsforschung in pädagogischen Kontexten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-2285-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18637.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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