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Harro Jenss, Peter Reinicke (Hrsg.): Der Arzt Hermann Strauß 1868 - 1944

Cover Harro Jenss, Peter Reinicke (Hrsg.): Der Arzt Hermann Strauß 1868 - 1944. Autobiographische Notizen und Aufzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2014. 168 Seiten. ISBN 978-3-95565-048-3. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 39,00 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der Hentrich &Hentrich Verlag Berlin engagiert sich mit dem Schwerpunkt seines Verlagsprogramms für Themen aus der jüdischen Kultur und Zeitgeschichte. Mit verschiedenen Schriftreihen und den Portraits jüdischer Persönlichkeiten soll durch Dokumentation und Aufklärung ein Zeichen gesetzt werden gegen das Vergessen und Verdrängen des während der Naziherrschaft begangenen Unrechts an Juden. Zu den porträtierten Persönlichkeiten gehört zum Beispiel auch der als Jude in Düsseldorf geborene Heinrich Heine. Über Hermann Strauß erschien im gleichen Verlag von Harro Jenss ein ausführliches Porträt: „Hermann Strauß. Internist und Wissenschaftler in der Charité und im jüdischen Krankenhaus in Berlin“, mit einem Beitrag von Peter Reinicke über Elsa Strauß (Reihe: Jüdische Miniaturen, Band 95).

Herausgeber

Der heute im Ruhestand lebende Chefarzt Dr. Harro Jenss war bis 2011 als Ärztlicher Direktor am Krankenhaus in Waldshut tätig. Er schrieb bereits einige Biographien über bedeutende Ärzte. Prof. Dr. Peter Reinicke lehrte bis 2011 an der Evangelischen Hochschule in Berlin (Professur für Sozialarbeit). Sein besonderes wissenschaftliches Engagement galt und gilt Fragestellungen zur Entstehungs- und Ideengeschichte staatlicher und privater Gesundheitsfürsorge sowie den Persönlichkeiten, die diese Entwicklungen und Ideen prägten.

Leser wird zum Zeitzeugen

Das äußerlich attraktiv ausgestattete kleine Buch ist kein Nachschlagewerk und auch keine Biographie über das Schicksal des jüdischen Arztes und Wissenschaftlers Hermann Strauß in der NS-Zeit. Es geht auch nicht um die genauere Beschreibung der bekannten „Strauß-Kanüle“ zur venösen Punktion, die Leistungen von Strauß zur Einführung der kochsalzarmen Diät oder die Erläuterungen anderer wichtiger wissenschaftlicher Projekte. Vielmehr werden einige von Hermann Strauß selbst verfassten Schriftstücke zu seinem beruflichen Werdegang, seiner Rolle als Arzt und Wissenschaftler, zu seinen Erlebnissen im Ghetto Theresienstadt und andere Dokumente in Originalform dem Leser in gewisser Weise als ein Vermächtnis zur Einsicht vorgelegt, um ihn auf diese Weise quasi selbst zum Zeitzeugen zu machen. Es geht um das Leben und Wirken eines in jeder Hinsicht erstaunlichen und überaus bewundernswerten jüdischen Arztes, der in einem verbrecherischen, menschenunwürdigen System, das ihn demütigte und physisch bedrohte, dazu bereit war, auch dann noch Verantwortung zu tragen. Verantwortung für das gesundheitliche Gemeinwohl von Menschen die dazu verdammt waren, in einem NS- Zwangskollektiv (Ghetto Theresienstadt) zu leben.

Autobiographische Notizen. Das erste Dokument ist eine sehr detailgenaue und ausführliche autobiographische Schilderung des beruflichen Werdegang als Arzt und Wissenschaftler. Grundlage sind handschriftliche Notizen, die Hermann Strauß Ende 1941 in drei Schulheften niedergeschrieben hatte und seinen Enkeln widmete. Die Enkel und andere Verwandte waren gut beraten, diese ihnen gewidmeten „Schulhefte“ und andere Dokumente jetzt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Enkelin Irene Hallmann-Strauß schreibt im Vorwort zum vorliegenden Buch: „Es war uns ein Anliegen, alle diese Schriften der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hermann Strauß sollte gerade unserer Jugend in seiner unbeugsamen Haltung ein Leitbild und eine Hilfe auf ihrem Lebensweg sein“

Aufzeichnungen aus dem Ghetto. In einem weiteren Dokument schildert Strauß in einem 20-seitigen Maschinen geschriebenen Script, ergänzt durch einige handschriftlichen Bemerkungen, seine Erlebnisse seit der Vertreibung aus seiner Berliner Wohnung Ende Juli 1942 und die Zeit der Internierung bzw. Inhaftierung des bereits 74-jährigen Hermann Strauß und seiner 68-jährigen Frau Elsa Strauß in das jüdische Ghetto Theresienstadt.

Vortrag in Theresienstadt. Das dritte Dokument ist das Manuskript des letzten Vortrages von Hermann Strauß, den er mit Datum vom 13. Juli 1944, in Theresienstadt verfasste und dort am 5. August 1944 vorgetragen hat. Der Vortrag hatte den Titel: „Schicksale des Berliner jüdischen Krankenhauses in den vergangenen 30 Jahren“. Wenig später, am 17. Oktober 1944 verstarb Hermann Strauß in Theresienstadt an den Folgen eines Herzinfarktes.

Deportation – Ghetto Theresienstadt(Harro Jens). Um die Einordnung der Geschehnisse im Zusammenhang mit der Deportation der Familie Strauß ins Ghetto Theresienstadt für den Leser begreifbar zu machen, schildert Harro Jenss (Mit-Herausgeber) in seinem Buchbeitrag die schrecklichen Details im Zusammenhang mit der Enteignung des gesamten Besitzes der Familie Strauß. Einige weitere ergänzenden Beschreibungen erklären die Funktionen der „Jüdischen Selbstverwaltung“ sowie die offizielle Rolle von Strauß als Leiter des wissenschaftlichen Ausschusses des Ghetto-Gesundheitswesens.

In einem Nachwort würdigt Harro Jenss die besonderen und einzigartigen Verdienste dieses Mannes, der trotz größter Belastungen auch in einem menschenverachtenden und verbrecherischen Umfeld Verpflichtungen als Arzt, Wissenschaftler und Berater wahrnehmen wollte die es, aus seinem Verständnis, bis zuletzt zu erfüllen galt. Wahrscheinlich war diese Einstellung auch sein innerer Halt, um diese grausamen Szenarien ertragen und bewältigen zu können.

Fazit

Es ist ein eindrucksvolles Buch, dessen Inhalte den Leser innerlich berühren und wohl länger im Gedächtnis haftet bleiben, als die Inhalte „normaler“ Fachliteratur. Man liest viele Dokumente einerseits mit Anteilnahme und andererseits aber auch als einen nüchternen, distanzierten Tatsachenbericht eines Mannes, der einfach nicht aufgeben will und bis zuletzt berufliche und menschliche Tugenden und die Achtung vor sich selbst als Überlebensstrategie entdeckte um über die Auswirkungen dieser grausamen Geschehnissen um ihn herum nicht selbst verzweifeln zu müssen.

An manchen Stellen seiner Schilderungen kann man fast nicht begreifen, wie ein zur Berliner Elite gehörender Wissenschaftler, der auf die brutalste Art und Weise von ideologisierten Verbrechern entrechtet, erniedrigt und physisch bedroht wurde, trotzdem für sich und seine Familie keine sicher mögliche Flucht ins Ausland organisierte und statt dessen unter schwierigsten Bedingungen eine Krankenversorgung in Theresienstadt aufzubauen bereit ist. Es gibt die These vom „Selbstverständnis der hoch assimilierten Juden in Deutschland“ (W. Benz), das gegen die Auswanderung sprach, weil man immer glauben wollte, dass die jüdischen Deutschen mit ihrem Einsatz für Volk und Vaterland und ihrer Liebe zu Deutschland sie letztlich vor Schlimmsten bewahren würde – bis die Ereignisse eines Schlimmeren belehrten. Letztlich wird man hier nur mutmaßen können. Es sind sicher eine Vielzahl von Einflüssen die Hermann Strauß bewogen in Deutschland zu bleiben.

Kein Zweifel: Das Buch ist ein bedeutsames Dokument der Zeitgeschichte. Eine Eingrenzung auf eine Zielgruppe der das Buch besonders zu empfehlen ist, erübrigt sich deshalb. Die autobiographischen Notizen und Aufzeichnungen des Arztes Hermann Strauß werden Menschen besonders schätzen, die vor allem authentisch über den nationalsozialistischen Irrsinn und dessen Wirkungen am Beispiel der Lebens- und Berufssituation eines jüdischen Wissenschaftlers und Mediziners und über den organisierten Alltag in einem „besonderen“ Ghetto informiert werden wollen. Leser, die mit medizinischen Fachbegriffen nicht sehr vertraut sind, sollten sich beim Lesen der autobiographischen Notizen im 1.Teil des Buches durch ein Fremdwörterbuch helfen lassen.


Rezension von
Dr. Peter Michael Hoffmann
freier Autor, Lehrbeauftragter Hochschule Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Peter Michael Hoffmann. Rezension vom 24.03.2015 zu: Harro Jenss, Peter Reinicke (Hrsg.): Der Arzt Hermann Strauß 1868 - 1944. Autobiographische Notizen und Aufzeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-95565-048-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18647.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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