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Peter Cloos, Katja Koch u.a. (Hrsg.): Entwicklung und Förderung in der frühen Kindheit

Cover Peter Cloos, Katja Koch, Claudia Mähler (Hrsg.): Entwicklung und Förderung in der frühen Kindheit. Interdisziplinäre Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 210 Seiten. ISBN 978-3-7799-2989-5. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Herausgeberinnen und Herausgeber

Das Buch „Entwicklung und Förderung in der frühen Kindheit. Interdisziplinäre Perspektiven“ wurde von Peter Cloos, der „Pädagogik der frühen Kindheit“ in Hildesheim lehrt, Katja Koch, die als Professorin für „Schulpädagogik“ in Braunschweig tätig ist, sowie von Claudia Mähler, die eine Professur für „Pädagogische Psychologie“ an der Universität Hildesheim inne hat, herausgegeben.

Entstehungshintergrund

Der Forschungsband präsentiert Ergebnisse des frühpädagogischen Forschungsverbundes in Niedersachsen, der sich 2008 auf Initiative landespolitischer Strategien gebildet hatte. Seit 2008 entwickelten sich hier drei Forschungsschwerpunkte:

  1. „(vor)- schulischer Kompetenzerwerb“,
  2. „Professionalisierung in Kindertageseinrichtungen“ und
  3. „Heterogenität kindlicher Individualität“.

Der Forschungsverbund ermöglicht seitdem einen wissenschaftlichen Austausch und kommt der Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses zugute (S. 11). Das vorliegende Buch „ist ein facettenreiches, interdisziplinäres Produkt (…), das nur in der Kooperation über fachliche Grenzen hinweg möglich war“ (ebd.).

Aufbau

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Nach einer Einführung folgt

  1. „Entwicklung und Förderung in der frühen Kindheit“,
  2. „(vor)-schulische Kompetenzen“,
  3. „Heterogenität“ und
  4. „Profession und Professionalisierung“.

Diese Einteilung repräsentiert, wie erwähnt, die Forschungscluster des Verbundsystems.

Inhalt

Teil 1 rahmt die Zielsetzung des Forschungsverbundes.

Die in Teil 2 vorgestellten empirischen Studien wollen die Forschungserkenntnisse für die Förderung von Kindern in Kindertageseinrichtungen nutzbar machen. Alle Forschungsberichte beschreiben das jeweilige Projekt, nennen die Fragestellung und die Methode, bevor die Ergebnisse zusammengefasst, und in Bezug auf eine Förderung im Elementarbereich diskutiert werden. Professorin Sabine Weinert aus Bamberg stellt die einzelnen Fragestellungen der Studien unter der Thematik „Alte Fragen und neue Perspektiven der Entwicklungspsychologie im Kindesalter“ vor. Professor Michael Sebastian Honig rahmt sie im Kontext von „Vorüberlegungen zu einer Theorie institutioneller Kleinkindererziehung“. Die in Teil 2 zusammengefassten Studien beschäftigen sich mit Überlegungen zur Verbesserung von Startchancen für den Schulbesuch aller Kinder (S. 20).

Teil 3 greift das Thema Heterogenität auf, und untersucht die Perspektive im Kontext von Wirkmechanismen, die durch Sprachförderprogramme erzeugt werden. Außerdem, so ein vorläufiges Fazit, werde sprachliche Entwicklung nicht allein durch Förderprogramme erreicht, sondern auch wirksam durch Alltagssituationen unterstützt, z.B. bei Mahlzeiten (S. 21). Eine weitere Studie untersuchte die Einstellungen von Eltern, Erzieherinnen und Lehrkräften in Hinblick auf die Übergangsgestaltung von der Kita zur Schule. Die hier vorgelegte Studie empfiehlt eine strukturelle Verankerung der Kooperation, um Selektionsprozessen, die durch die Haltung von Fachkräften wirksam werden, entgegenzuwirken. Auch die geschlechtsbezogenen Konstruktionsprozesse kommen in den Blick. Eine sportpädagogische Studie erforschte Bewegungsmuster von Kindern und identifizierte typisch weibliche und männliche Bewegungsweisen, die über Bewegungsangebote und die sprachliche Begleitung von Eltern und Fachkräften tradiert werden.

Teil 4 „Profession und Professionalsierung“ richtet die Aufmerksamkeit auf die berufliche Kompetenz des Beobachtens und Dokumentierens. Bei der Begleitung von Bildungs- und Lernprozessen finden ebenfalls Selektionen statt, die durch die Verfahrensweise entstehen. Damit wird fraglich, worüber die Beobachtungen Auskunft geben. Eine weitere Studie erforschte Elterngespräche, die, so die Forscherinnen, eher als „machtvolle Monologe“ stattfinden, denn als Gespräche „auf Augenhöhe“. Ein weiteres Forscherteam analysierte die Deutungskompetenz pädagogischer Fachkräfte in Bezug auf die Selbstbildungsprozesse von Kindern. Alle Studien erkennen einen Professionalisierungsbedarf, der sich auf das Beobachten und Dokumentieren, sowie die Erziehungspartnerschaft bezieht, und unter dem Gesichtspunkt der fachlichen Interpretation noch unzureichend ausgebildet sei (S. 22).

Diskussion

Sabine Weinert zeigt die Schwierigkeit auf, Entwicklungsverläufe von Kindern zu beschreiben und Verhaltensänderungen im Kontext von Entwicklungen wissenschaftlich zu dokumentieren. Bereits Piaget hatte das erkenntnistheoretische Problem vor Augen. Die „Alten“ definierten Entwicklung als einen „bereichsspezifischen Fortschritt“ der die sprachliche, emotionale und sinnliche, als auch kognitive Entwicklung bzw. Reifung eines Kindes betrifft. Die Entwicklungsdomänen stellen, so Piaget, unterschiedliche Anforderungen an Kinder. Heute geht man davon aus, dass Kleinstkinder intuitiv Bedeutungen verstehen und diese als „Theory of Mind“ verinnerlichen. Wir begreifen Entwicklung im Sinne eines Prozesses und wissen, dass das intuitive Gedächtnis wie ein Container funktioniert, der z.B. naturwissenschaftliche Vorkenntnisse, soziale und sprachliche Bedeutungen (Semiotik und Semantik) sowie mathematische Erfahrungen speichert. Erlebnisse und die von dort kommenden Reize, bzw. Erfahrungen setzen einen Informationsverarbeitungsprozess in Gang, den das menschliche Gehirn von Geburt an leistet. Beziehungen zwischen den Entwicklungsdomänen lassen sich nicht direkt beobachten. Mit Hilfe komplexer Forschungsdesigns, die auch Langzeitwirkungen reflektieren und unterschiedliche Forschungsmethoden nutzen, können Aussagen gemacht werden. Die Entwicklung des Spracherwerbs wurde bisher am intensivsten erforscht. Entwicklungspsychologische Studien unterscheiden sich, so Weinert, hinsichtlich ihrer Konzeptualisierung und Fragestellung.

Michael Sebastian Honig greift das Problem von Selektionsmechanismen der Forschung auf. Aus seiner Sicht findet eine Engführung des Forschungsgegenstandes statt. Das Handlungsfeld Kindertagesbetreuung leiste nicht nur Bildung, sondern auch Betreuung und Sozialisation. Das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei genauso relevant, wie Fragestellungen nach der frühkindlichen Bildung. Honig fragt, ob die „Einigung auf die Rhetorik der Praxisrelevanz“ der wissenschaftlichen Forschung gut tue oder eben nur ein Thema fokussiere und damit verengt: „Das Verstehen frühkindlichen Lernens mit dem Ziel seiner bestmöglichen Förderung – gleich, ob es unter dem Interesse an kindlichen Bildungsprozessen oder unter dem Interesse an Anschlussfähigkeit und Schulerfolg steht“ (S. 44). Die Disziplin brauche eine theoretische Konsolidierung (S. 44). Die Pädagogik der frühen Kindheit sei seit ihren Anfängen eine praxisreflexive Wissenschaft, deren Nähe zu sozialpädagogischen Aufgaben ebenso bestehe wie zu schulpädagogischen Fragestellungen. Honig erinnert an historische Untersuchungen. Auch heute wird der Elementarbereich politisch instrumentalisiert. Wissenschaftliche Forschung solle, so der Autor, auch das Beziehungsgeschehen zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, Fachkräften, Kindern und Eltern erhellen, um aktuelle Funktionalisierungen des Handlungsfeldes zu erkennen. Den Trend zu Großstudien hält Honig für bedenklich. Die Bamberger BiKs-Studie „Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vorschulalltag“, die NUBBEK Studie, ein Akronym für „Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit“, sowie die NEPS- Studie, die Bildungsprozesse und Kompetenzentwicklung im Sinne des lebenslangen Lernens in Deutschland folgen den politisch, wirtschaftlich und wissenschaftswirtschaftlich motivierten Fragen. Fachzeitschriften geben Sonderhefte heraus, um die Perspektive der Bildungsförderung mit Professionalität und Schulerfolg zu koppeln. Die Pädagogik der frühen Kindheit müsse durch ihre Theorie geleitet kritische Wissenschaft werden oder bleiben. Der Strukturwandel der Gesellschaft habe Auswirkungen auf die familiale Erziehung und Bildung und informelles Lernen, das z.Zt. völlig aus dem Blick gerate (S. 47). Honig erinnert daran, dass die institutionelle Kleinkindererziehung im Kontext gesellschaftlicher Modernisierung entstand. Er schlägt vor, zwischen dem Gestaltungsinteresse des pädagogischen Handelns und einem analytischen Erkenntnisinteresse zu unterscheiden, um die Grenzen der Erziehung als eine Bedingung für ihre Wirkung in der pädagogischer Praxis zuordnen zu können (S. 53). Eine Theorie der Pädagogik der frühen Kindheit dürfe ihren Gegenstand und die Bedingungen der Möglichkeit von Betreuung, Bildung, Erziehung nicht allein als Frage nach der praktischen Hervorbringung von Bildung stellen (S. 55).

Die schulpädagogischen Forschungsstudien unterstreichen die Bedeutung der Kindertageseinrichtungen für frühkindliche Bildungsprozesse (S. 75). Als Vorläuferfertigkeiten für Schulreife und Prädikatoren für Schulfähigkeit gelten die Intelligenz- und Sprachentwicklung, die Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses als Informationsverarbeitungsmedium und die phonologische und numerische Kompetenz. Der Umgang mit Mengen und Zahlen bildet die Grundlage für mathematische Fähigkeiten. „Förderung im Vorschulalter kann aufgrund der größeren zeitlichen Möglichkeiten als vorteilhaft angesehen werden, weil hier über längere Zeit und ohne Druck in einem spielerischen Kontext der Umgang mit Mengen und Zahlen gepflegt werden kann“ (S. 98). Auch das naturwissenschaftliche Grundverständnis kann bereits in der frühen Kindheit gefördert werden. Wie bereits Piaget entdeckte, gleicht der kindliche Forschergeist dem von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Naturwissenschaftliches Denken basiere auf der Generierung von Hypothesen, die wiederum vom Vorwissen geprägt, durch das Experiment und die Evaluation von Evidenzen bestätigt werden. Ein Forscherteam fand heraus, das vier jährige Kinder kognitiv in der Lage sind, aus Experimenten eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen (S. 101). Die Theory of mind-Forschung widmet sich der Frage nach der Genese von Erkenntnis. Dass ein Mensch weiß, woher er etwas weiß und weiß, wie Wissen zustande kommt, ist heuristische gesehen der Ausgangspunkt für die erste Phase der Theory of mind Bildung. Kindergartenkinder haben die Überzeugung, etwas genau zu wissen. Ab dem Grundschulalter können Kinder ihre Hypothesen verändern und wahrnehmen, dass es weitere gibt. Die Menschliche Erkenntnis wächst prozesshaft an und hängt mit der Hypothese-Evidenz-Relation zusammen. Eine naturwissenschaftliche Förderung im Alltag einer Kita muss nicht an ein Programm gebunden sein (S. 113).

Die emotionale Entwicklung, die für das prosoziale Verhalten und für späteren Schulerfolg von großer Bedeutung ist, wird durch Gefühle, die Kinder ausdrücken, gefördert. „Den Anfang macht das Erkennen von emotionalen Ausdrucksformen auf dem Gesicht und das Verständnis von typischen emotionsauslösenden Situationen“ (S. 116). Freude, Ärger, Angst und Trauer, die Basisemotionen werden modelliert und in einer Studie heißt es: „Je fortgeschrittener des Emotionswissen der Kinder war, desto besser waren ihr Sprachverständnis (…)“ (S. 124). Darüber hinaus wirkt sich die emotionale Sicherheit auch auf die Aufmerksamkeitskompentenz aus.

Die Studie „RaumUndZahl“ fokussierte das Problem der Unterstützung rechenschwacher Kinder. Hier wurde der Zusammenhang motorischer Fähigkeiten, z.B. der Handkoordination und der numerischen Kompetenz (multiplizieren, dividieren, addieren, subtrahieren) deutlich. „Die motorische Förderung allein wird das Risiko einer Rechenschwäche vermutlich nicht kompensieren. (…) Sie kann aber möglicherweise ein motivational wertvoller Baustein sein auf dem Weg zu mehr Spaß und mehr Erfolg beim Rechnen“ (S. 144).

Teil 3 „Heterogenität“ greift das Problem benachteiligter Kinder und ihre Schwierigkeiten auf, die sie beim Übergang vom Kindergarten zur Schule haben. Durch eine Untersuchung der Einstellungen von Fachkräften wurde deutlich, dass Kinder aus sozioökonomisch niedrigem Status häufig zurückgestellt oder auf die Förderschule verwiesen werden. Fachkräfte meinen, dass ein wesentliches Merkmal für Schulerfolg darin liege, ob Eltern kooperieren, d.h. ob die Kinder zu Hause unterstützt werden, zu lernen. Eltern aus bildungsfernen Milieus wird diese Kompetenz nicht zugetraut. Ein inklusives Bildungssystem, so die Hoffnung, könnte die Effekte der Selektion ausgleichen (S. 156). Das vorgestellte Evanik-Projekt, das die Wirksamkeit von Strukturen in Bezug auf zweitsprachliche Förderung untersuchte, basiert auf der Erkenntnis, dass Interaktionen zwischen Kindern und Bezugspersonen das Fundament für sprachliche Förderung im Elementarbereich bilden (S. 164). „Das sprachförderliche Potenzial des gemeinsamen Austausches erwies sich dabei als in spezifischer Weise von Merkmalen der unmittelbaren sprachlichen Umwelt und des Sprachhintergrundes der Kinder abhängig“ (167). Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl Strukturen als auch dialogische Prozesse die Qualität des Sprachangebotes verbessern. Die Erzieherin-Kind-Kommunikation, ihre Fragetechnik, ihr Feedback, ihre Gesprächstechniken spielen eine wichtige Rolle in Bezug auf die erfolgreiche Förderung des Kindes. Diese Strategien seien aber nicht nur auf den Programmrahmen begrenzt (S. 175).

Eine sportpädagogische Studie beschäftigte sich mit der Frage des Zusammenhangs von Bewegung und Sprachförderung. Dabei stellte sich heraus, dass Kinder sich auf „weibliche“ und „männliche“ Weise bewegen. Aufgrund der qualitativ angelegten Studie und der Grounded Theory Methode, wurde die Perspektive von Eltern und elementarpädagogischen Fachkräften mit Hilfe eines Leitfadengestützten Interviews untersucht. Die geschlechtsbezogene Bewegungssozialisation rückte in den Fokus der Aufmerksamkeit. Erwachsene glauben, dass Kinder einen Bewegungsdrang haben und sie unterstützen diesen durch entsprechende Angebote. Die Forschergruppe fand heraus, dass die zweigeschlechtliche Polarisierung an der sportlichen Kleidung, den Getränkeflaschen und Brotdosen, Turnschuhen, Kindergartentaschen und Bewegungsabläufen sichtbar werde. Jungen werde ein bewegungsintensives Spielen und Turnen ermöglicht und mit entsprechenden Kommentaren, z.B. „jetzt trau Dich“, „werd stärker“ begleitet. Mädchen erleben Eltern und Fachkräfte, die auf sie eingehen und ein ruhigeres Tempo begrüßen und die Entlastung von Ansporn und Leistungsbereitschaft verbalisieren (S. 184). So bilden sich Bewegungsmuster von Dominanz und Vergleichsstreben gleichsam als natürlich männliches Verhalten ab. Im kollektiven Gedächtnis wird die Sexualisierung eines Jungen- oder Mädchenkörpers über den Bewegungsablauf tradiert. Jungen hören früh, dass sie nicht schwul werden sollen. Eine unsichere und zurückhaltende Bewegung wird damit verbunden. Ein draufgängerisches Bewegungsverhalten werde positiv konnotiert und mit den Hormonen, Trieben oder männlichen Anlagen in Verbindung gebracht. Wenn Eltern die Bewegung von Mädchen beschreiben, so die Studie, bleibt eine Leerstelle in Bezug auf die Verbindung der Bewegung zum Persönlichkeitstyp. Das lasse eine größere Offenheit zu (S. 186). Sozialisatorisch bedingte Ungleichheiten finden sich gerade im Bereich von Bewegung und jenseits der bewussten Einstellung von Erwachsenen, die durchaus glauben, Kinder gleich zu behandeln (S. 188).

Ausgehend davon, dass die Professionalisierung im Elementarbereich mit Hilfe von Beobachtungsverfahren eingeführt wurde zeigt Peter Closs u.a. überzeugend, dass die Beobachtungskonzepte nach infans, EEC, Bildungs- und Lerngeschichten aufgrund von Selektionen das lernende Kind erzeugen bzw. konstruieren. Man sollte nicht davon ausgehen, dass die Beobachtung die Realität abbildet. Kinder lernen „was die Institution von ihnen – als ‚lernende Kindergartenkinder‘ – erwarten“ (S. 201). „Das lernende Kind kann nicht vorausgesetzt werden, es wird in Beobachtungssituationen als solches hergestellt“ (S. 203). Die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft erzeugt Elterngespräche, so eine weitere Studie, die das Buch vorstellt, die als „machtvolle Monologe“ gekennzeichnet seien. Infans, EEC, Bildungs- und Lerngeschichten stärken den Dialog mit Eltern. Gleichzeitig haben Fachkräfte den Auftrag, Eltern im Sinne kompensatorischer Maßnahmen zu unterstützen und zu beraten und sie zu Experten zu befähigen. Aktuell geraten Fachkräfte in das Spannungsverhältnis von Bildungsbedürftigkeit und Expertentum. Aus einer machttheoretischen Perspektive heraus stellt sich gerade die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft als ein Setting heraus, das ambivalent und paradox erscheint (S. 220). Eine weitere Studie untersuchte die professionelle Deutungskompetenz und stellte fest, dass Routinen und Kenntnisse fehlen, die Deutung von Situationen fachlich zu reflektieren. „Ziel muss es sein, eine fachwissenschaftlich fundierte, reflexive Deutungskompetenz zu entfalten“ (S. 235). Beobachtungen und Dokumentationen bleiben unzureichend, wenn es nicht möglich ist, die Beobachtung mit Kindheitsphänomenen und Aneignungsweisen von Kindern in Verbindung zu bringen (S. 235).

Fazit

Das Buch stellt aktuelle Studien vor und regt an, die Effekte von wirkungs- und evidenzbasierten Forschungen auch kritisch zu diskutieren. Es eignet sich für alle, die Frühpädagogik lehren oder an Fachschulen ausbilden. Dass die Metaebene der Forschung konkrete Auswirkungen auf die Praxis hat, machen die Aufsätze, bzw. Forschungsberichte dieses Bandes deutlich. Besonders Honig und Closs als auch Neuß weisen daraufhin, dass die Disziplin Pädagogik der frühen Kindheit als eine neue Wissenschaft ihr Verhältnis zur Erziehungswissenschaft und zur Sozialpädagogik klären muss, nicht nur zur Schulpädagogik. Aus meiner Sicht ist es unerlässlich, an einer Theorie der Pädagogik der frühen Kindheit weiterzuarbeiten, und das Feld nicht ausschließlich empirischen Forschungsaufträgen zu überlassen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 02.04.2015 zu: Peter Cloos, Katja Koch, Claudia Mähler (Hrsg.): Entwicklung und Förderung in der frühen Kindheit. Interdisziplinäre Perspektiven. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2989-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18665.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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