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Beate Kuhnt, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Zukunftswerkstätten

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 07.12.2004

Cover Beate Kuhnt, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Zukunftswerkstätten ISBN 978-3-930830-45-9

Beate Kuhnt, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Zukunftswerkstätten. Verstehen - Anleiten - Einsetzen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2004. 230 Seiten. ISBN 978-3-930830-45-9. 21,00 EUR.
Das Buch ist eine Neuauflage des vergriffenen, vormals im Ökotopia Verlag erschienenen Titels.

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Einführung

Zukunftswerkstätten (ZW) sind ein innovatives Problemlösungskonzept für die Arbeit mit Gruppen und seit ihrer Entwicklung und Einführung durch den Zukunfts- und Konfliktforscher Robert Jungk und den Co-Autor des rezensierten Bandes, dem Sozialwissenschaftler Norbert R. Müllert (Mitte der Siebziger Jahre bis 1981) das Mittel der Wahl zur Erfindung und Erprobung basisdemokratischer Möglichkeiten und Verfahren bei der Generierung selbstverantworteter Zukunftsentwürfe ('Die Zukunft ist machbar, Frau Nachbar'). Die ZW ist konzipiert als besondere Workshopform der Erwachsenenbildung. In der Regel arbeiten zwei Moderatoren im Team mit einer überschaubaren Gruppe 'Betroffener' (Zum Beispiel: Anwohner zur Planung einer Verkehrsberuhigung oder die Vollversammlung eines Jugendzentrums zur Kundenorientierung oder eine Friedensinitiative zur Strategieentwicklung einer neuen Kampagne ...) . Die Moderationsaufgabe besteht in der Aktivierung der Teilnehmenden um Ressourcen zu entdecken und zu bündeln und Synergien zu ermöglichen. Zentrales Moment ist der kreative Prozess aller Beteiligter, die in ein straffes Regelwerk eingebunden sind. Diese Rahmung zentriert das Augenmerk auf Inhalte.

Vorgeschichte des Buches

Die Grundlegung der Zukunftswerkstatt in Buchform stammt von Jungk und Müllert (Zukunftswerkstätten, Hamburg 1981). Parallel dazu und im Anschluss daran praktizierten die Beiden zahllose ZWs und führten Gruppen unterschiedlichster Zusammensetzung in die Methode ein. Vor allem Müllert profilierte sich seitdem als Ausbilder von Moderatoren der ZW und arbeitet dabei seit etwa Mitte der Achtziger mit der Schweizerin Beate Kuhnt zusammen. Mit Unterstützung des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes entwickelten Kuhnt und Müllert ein Ausbildungsprogramm einer zweijährigen Langzeitschulung von Erwachsenenbildnern ZW und fassten das Curriculum der Ausbildungsinhalte in Buchform zusammen (Moderationsfibel Zukunftswerkstätten, Münster 1994). Der Titel erlebte drei Auflagen mit insgesamt etwa 9000 Exemplaren und wurde dann vom Münsteraner Verlag aus dem Programm genommen. Weil das Buch aber weiterhin nachgefragt wird, organisierten Kuhnt und Müllert darauf hin eine unveränderte Neuausgabe (Neu-Ulm 2004). Auf diese Neuausgabe bezieht sich die Rezension.

Aufbau Inhalt Gliederung

Das Ganze ist hoch systematisch, überlegt und bewährt, weil es doch durch die Evaluation zahlreicher Ausbildungsprogramme gelaufen ist. In sechs Abschnitten wird alles Wissenswerte zur Methode präsentiert (ZW - verstehen, - vorbereiten, - anleiten, - abrunden, -nachbereiten, - einsetzen). Davor steht eine Einleitung, die den Verwendungssinn des Buches klärt - eine Praxishilfe; abgeschlossen wird es von einer Kopiervorlage mit über 60 Anleitungskarten zur Selbstkonzipierung von Anleitungsszenarien. Jedes Einzelkapitel gibt Hinweise zum weiter führenden Selbststudium.

  1. Der erste inhaltliche Abschnitt (ZW verstehen) liefert eine knappe Einführung in die Struktur und den Aufbau einer ZW (Drei-Phasen-Modell: Kritik - Utopie - Praxis), beschreibt Werkstatttypen und liefert einen Abriss der geschichtlichen Entwicklung, der auf den Bedeutungszuwachs von ZW genau so abhebt wie auf den geringer werdenden politischen Anspruch. Natürlich endet der Abriss mit den Neunzigern des letzten Jahrhunderts und ebenso natürlich gibt es keine Beschreibungen neuerer Workshopformen (Open Space, Bildungswalz) in ihrem Verhältnis zur ZW.
  2. Der Folgeabschnitt (ZW vorbereiten) liefert die nötigen Hinweise zur Planung von ZWs in unterschiedlichen Kontexten und gibt dabei sowohl Hinweise zur Grobstruktur als auch zahlreiche praktische Tipps.
  3. Kapitel drei (ZW anleiten) ist der erste der beiden zentralen Abschnittes des Buches. In aller Ausführlichkeit und mit zahlreichen anschaulichen (Bild-) Beispielen illustriert werden die Phasen der ZW beschrieben und erläutert. Anfänger erhalten einen ersten bildhaften Eindruck, was sich z.B. hinter dem Begriff 'Phantasiephase' verbirgt, Erfahrene bekommen weitere Hinweise für ihr Methodenrepertoire. Hier geht es ums 'Was'. Layout und graphische Gestaltung sind etwas angestaubt; wir lesen in einem 'älteren' Buch und üben Nachsicht.
  4. In Kapitel vier (ZW abrunden) geht es ums 'Wie'. Das ist das zweite Hauptelement und liefert eine Fülle sinnvoller 'soft skill'- Hinweisen von Moderationskompetenzen über Bedeutung des Gruppenprozesses bis hin zur Pausengestaltung und zum Kaffeetrinken.
  5. Der fünfte Abschnitt (ZW nachbereiten) liefert vor allem Hinweise zur Dokumentation und Auswertung. Weil sich im Selbstverständnis der Autoren am politischen Anspruch der ZW nichts geändert hat, gerät die ZW zum Projekt einer kreativen Gesellschaft.
  6. Das letzte Kapitel (ZW einsetzen) kann auch als Einstieg für Zweifler und Skeptiker benutzt werden. Hier öffnen die Autoren ihren Erfahrungsschatz und berichten über ihre ZW-Praxis: Der Charme der ZW wird unmittelbar deutlich.

Zielgruppen

Erwachsenenbildner, Jugendbildner und Lehrer genau so wie Coaches und Friedensforscher (so es denn noch welche gibt): Alle Leute, die mit Gruppen arbeiten und Anregungen zur Intentionalität oder Methodik von Moderation und Seminargestaltung suchen; Hochschullehrende der Erwachsenenbildung; Studierende der Pädagogik und Sozialpädagogik. Aber eigentlich wendet sich das Buch an die gleichen Zielgruppen, an die sich auch eine ZW richtet: An Betroffene.

Nutzen

Nach Jungk/Müllerts 'Zukunftswerkstätten' ist das hier vorliegende Buch der Klassiker zur Moderation dieses Workshoptyps. Und: Klassiker sind heilig, wie Peter Hacks lehrt. In so weit greift die Frage nach dem Nutzen etwas kurz: Jede/r Moderator/in muss es gelesen haben.

Aber darüber hinaus ist das Buch von erheblichen Wert für unterschiedliche Adressatengruppen:

  • Erfahrene Zukunftswerkstättler lesen selektiv und picken sich Hinweise zu einzelnen Schritten und Methoden heraus (die über 60 Anleitungskarten im Anhang ermöglichen eine situations- und teilnehmerorientierte Planung, die man im Portmonee mitnehmen kann) ;
  • Neulinge lesen das Ganze von vorn bis hinten und lassen sich von der Kreativität und von der Botschaft der Autoren anstecken. Es gibt viel zu lesen.

Diskussion

Das Buch hat als Gesamtdarstellung zum Arbeiten mit der ZW Maßstäbe gesetzt. Es ist gut, dass es dieses notwendige und überaus nützliche Buch jetzt endlich wieder gibt. Es ist aber auch gut, dass wir mit dieser doch wirklich unaktuellen Fassung (kann ein Klassiker unaktuell sein?) nur für ein oder zwei Jahre weiter arbeiten müssen, bis die von den Autoren (Auskunft von Müllert im November 2004 anlässlich der Recherche zu dieser Rezension) intendierte Überarbeitung auf dem Markt ist. Wir können 2004 nicht mit den Möglichkeiten graphischer Gestaltung und den Layoutstandards von vor 10 Jahren zufrieden sein und natürlich wünschen wir uns eine CD-Rom mit Materialien zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung. In den letzten zehn Jahren ist ein gut Teil von ZWs zu Themen wie 'Partizipation' und 'sustainabiltiy' gelaufen. Immer neue Formen der Aktivierung von Teilnehmenden in Weiterbildungen sind gefunden worden. Das alles hat die ZW verändert - zum Beispiel sind die Jugendlichen stärker in den Blick gekommen. Darüber kann naturgemäß in einem (nur) wieder aufgelegtem Buch nichts stehen. Auch die Wirkung der Veränderungen der ZW - Charakteristika auf den Nestor der ZW und seine Co-Autorin fehlt notwendigerweise. Wir müssen sie uns vorstellen.

Fazit

Für unsere Arbeit heißt das: Wir arbeiten mit dem hier vorliegenden Buch, weil es nichts Besseres zum Thema gibt und warten darauf mit seinem Nachfolger arbeiten zu können, auf der Höhe der Zeit.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 07.12.2004 zu: Beate Kuhnt, Norbert R. Müllert: Moderationsfibel Zukunftswerkstätten. Verstehen - Anleiten - Einsetzen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2004. ISBN 978-3-930830-45-9. Das Buch ist eine Neuauflage des vergriffenen, vormals im Ökotopia Verlag erschienenen Titels. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1867.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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