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Jörg Rössel, Jochen Roose (Hrsg.): Empirische Kultursoziologie

Cover Jörg Rössel, Jochen Roose (Hrsg.): Empirische Kultursoziologie. Festschrift für Jürgen Gerhards zum 60. Geburtstag. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. 485 Seiten. ISBN 978-3-658-08732-6. 44,99 EUR.
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Der Geehrte

Mit vorliegender Festschrift wird ein deutscher Soziologe geehrt, der (noch?) nicht zu den „Groß-Soziolog(inn)en“ wie etwa Niklas Luhmann oder Pierre Bourdieu gehört, die (auch) der deutsch(sprachig)en Sozialen Arbeit als bevorzugte Referenz dienen. Die Soziologie gehört für die Soziale Arbeit nach wie vor zu deren „Bezugswissenschaften“, auch wenn eine solche Bezeichnung als offizielle abgeschafft ist. Im kleinteiligen Alltagsgeschäft erscheinen andere als jene o.g. „Groß-Soziolog(inn)en“ oft relevanter, hilfreicher und informativer. Jürgen Gerhards dürfte (sollte?) zu den bald durch die Soziale Arbeit zu Entdeckenden gehören.

Jürgen Gerhards, Jg. 1955, Studium der Sozialwissenschaften und Germanistik an der Universität Köln, dort Promotion 1986, Habilitation 1992 an der Freien Universität Berlin, Schüler Friedhelm Neidhardts („Strukturbedingungen und Probleme familialer Sozialisation“, 1970; „Die Familie in Deutschland“, 1975), seit 2004 Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin; seit 2007 ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und seit 2011 Fellow des Wissenschaftszentrums Berlin. Nimmt man die Angaben von Google Scholars als Maßstab (es gibt auf die Schnelle keinen besseren), so sind seine drei meistzitierten Arbeiten als Einzelautor, allesamt Zeitschriftenbeiträge nicht aus dem Bereich der Kultursoziologie: „Westeuropäische Integration und...“ (1993), Politische Öffentlichkeit (1994) und Europäisierung von Ökonomie und Politik.... (2000).

Mit einer Arbeit, die zwar eine fachsoziologische ist, aber weit über das Fach Soziologie Aufmerksamkeit erregt hat und noch erregt, dürfte sich Jürgen Gerhards viele Gegner, wenn nicht sogar Feinde geschaffen haben und noch schaffen. Als Heft 7/2013 von „Wissenschaftspolitik im Dialog“, einer Schriftenreihe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, veröffentlichte er unter dem harmlos klingenden Titel „Der deutsche Sonderweg in der Messung von Forschungsleistungen“ (http://edoc.bbaw.de) eine scharfe Abrechnung mit dem an deutschen Hochschulen grassierenden Drittmittelwahn (mein, nicht Jürgen Gerhards Begriff). Wenn man in einigen Jahren bilanzieren wird, welche Auswirkungen dieser für Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit hat(te), wird man diese Schrift als grundlegende heranziehen.

Thema

Die „Gegenstände“, die in vorliegendem Buch be- und verhandelt werden, sind von „der Sache“ her, sofern man nach konventioneller Methodik ordnet, recht heterogen:

  • Kunst, Freizeit, Lebensstile,
  • Werte, Politische Kultur und Protest,
  • Öffentlichkeit sowie
  • Europäisierung und Transnationalisierung.

Was sie eint: Sie werden unter der Perspektive einer empirischen Kultursoziologie i. S. Jürgen Gebhards betrachtet.

Herausgeber und Autor(inn)en

Beide Herausgeber sind zwar Deutsche, arbeiten derzeit aber nicht (mehr) in Deutschland: Jörg Rössel ist Professor für Soziologie an der Universität Zürich und Jochen Roose ist Professor für Sozialwissenschaften am Willy Brandt Zentrum der Universität Wroc?aw (deutsch: Breslau). Die beiden sind auch 2 der insgesamt 21 Autor(inn)en (davon nur 4 Frauen!) des Buches. Deren relative und absolute Mehrheit ist dem Fachgebiet der Soziologie zuzurechnen. Die Qualifikationsstruktur weist eine erhebliche Streuung auf.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird eröffnet mit einem als Hinführung und Horizonteröffnung zu lesenden Beitrag der Herausgeber Jochen Roose und Jörg Rössel mit dem Titel Jürgen Gerhards: Kultursoziologie als Programm.

Danach folgen 16 Beiträge, die vier Buchteilen zugeordnet sind.

Unter KUNST, FREIZEIT, LEBENSSTILE sind zu finden die Beiträge

  • Die Publikumsstrukturierung eines Open-Air-Festivals für elektronische Musik: Sozialstruktur, Musikkapital und Besuchsmotive von Gunnar Otte. Der Beitrag zeigt, dass die in der Soziologie üblichen Sozialstrukturvariablen wenig Erklärungskraft für Besuchsmotive haben. „Deutlich wurde aber auch, dass mit einfachen Mitteln – einem aus acht Indikatoren zusammengesetzten Index des Musikkapitals und einer Frage nach der subjektiven Szenebindung – eine beträchtliche Steigerung der erklärten Varianz in den Besuchsmotiven erzielt werden kann.“ (S. 60 – 61)
  • Un-Kultur: Doping im (Hochleistungs)Sport von Gert G. Wagner. Der als Wirtschaftswissenschaftler ausgewiesene Autor legt unter einer kultursoziologischen Perspektive von Doping argumentierend dar, weshalb es nicht zu einem effektiven Doping-Kontrollsystem kommt.
  • Die Nutzung des Kulturangebots in Deutschland – unter besonderer Berücksichtigung von Berlin von Jürgen Schupp. Die Analyse zeigt, dass es mit Blick auf die Nutzung hochkultureller Angebote keinen spezifischen „Berlin-Effekt“ gibt; es herrschen in Berlin vergleichbare Verhältnisse wie in anderen deutschen Städten – nur die Größe ist anders.
  • Fack ju Mozart, fack ju Göhte? Hochkulturelle Lebensstile bei Jugendlichen und die Bedeutung des Migrationshintergrunds von Silke Hans. Auch dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Nutzung hochkultureller Angebote und zeigt erwartungsgemäß, dass Migrationshintergrund die Nutzung hochkultureller Angebote mindert, ein Effekt, der aber von Generation zu Generation an Einfluss verliert.

Der Buchteil WERTE, POLITISCHE KULTUR UND PROTEST vereint fünf Einzelbeiträge:

  • Individualismus und Kollektivismus. Ein empirischer Kulturvergleich zwischen den USA und China von Dieter Fuchs und Edeltraud Roller. In dieser Studie wird erwartungsgemäß gefunden dass sich die beiden Länder hinsichtlich der Individualismus-Kollektivismus-Dimension unterscheiden, macht allerdings auch eine große interne oder Binnen-Heterogenität sichtbar.
  • Vergleiche vergleichen.Die Analyse politischer Kulturenin Europa mit Hilfe verschiedener Techniken von Michael Hoelscher. Der Autor vergleicht verschiedene methodische Ansätze zur Analyse politischer Kulturen in Europa und diskutiert deren Vor- und Nachteile hinsichtlich von Gesichtspunkten wie Einsatzmöglichkeit und Güte der Resultate.
  • Kritisches Vertrauen: Soziale Bewegungen und Demokratie in Krisenzeiten von Donatella della Porta. Die Autorin nimmt die Krise in Europa und die Proteste in Reaktion darauf zum Anlass, über das Verhältnis von Vertrauen und Demokratie zu reflektieren.
  • Spaß macht mobil. Positive Emotionen bei rezenten Protestereignissen von Gregor Betz und Ronald Hitzler. An einem Fallbeispiel aus Duisburg wird die Bedeutung von Emotionen für Protest herausgearbeitet.
  • Zum Wandel von Protestkulturen: Inklusion, Differenzierung, Professionalisierung von Dieter Rucht. Der Artikel arbeitet ein doppeltes Gesicht heraus: Einerseits sind die Grundformen von Protest langlebig, andererseits werden immer wieder neue Formen der Protestdarstellung entwickelt.

Unter ÖFFENTLICHKEIT sind drei Beiträge versammelt:

  • Nachrichtenfunktionen der Social Media – „Bürgerjournalismus“? von Friedhelm Neidhardt. Der Autor diskutiert die Veränderungen des Öffentlichkeitssystems durch Social Media und die damit einher gehende soziale Ausweitung von Nachrichtenproduzent(inn)en.
  • Neue Öffentlichkeiten in autoritären Gesellschaften? Entwicklung einer Typologie am Beispiel chinesischer Social Media von Mike S. Schäfer und Adrian Rauchfleisch. Der Artikel legt dar, dass die Social Media erheblich dazu beitragen, dass trotz scharfer Zensur immer wieder Kritik am System öffentlich geäußert werden kann.
  • Feldspezifische Öffentlichkeiten. Die Transformation der Weinberichterstattung in Deutschland 1947 – 2007 von Jörg Rössel, Patrick Schenk und Dorothea Eppler. Die Analyse von 60 Jahren Weinberichterstattung in Deutschland zeigt Dreierlei: Sie wurde fortlaufend intensiviert, immer mehr diversifiziert (nach Ländern und Regionen) und orientierte sich zunehmend am Wert der „Authentizität“.

Das Buch wird beschlossen mit dem Teil EUROPÄISIERUNG UND TRANSNATIONALISIERUNG, in dem sich vier Beiträge finden:

  • Die Kosten der Hilfe. Europäische Fiskalkrise und die Bereitschaft zur Zahlung einer europäischen Solidaritätssteuer von Holger Lengfeld. Der Autor präsentiert Ergebnisse einer Studie zur Solidaritätsbereitschaft in Deutschland 2012, deren zentrales Resultat lautet: Die Solidaritätsbereitschaft ist weiterhin stabil.
  • Die soziale Konstruktion der europäischen Gesellschaft von Georg Vobruba. Gesellschaft „gibt“ es nicht, Gesellschaft wird je und je sozial konstruiert. Von dieser Prämisse ausgehend diskutiert der Autor, was denn die Rede von einer „europäischen Gesellschaft“ zu einer sinnvollen macht.
  • Politisiert die Krise? Veränderungen bei der Diskussion EU-politischer Fragen in der Bevölkerung von Jochen Roose. Ob die Krise in Europa einen nachhaltigen Politisierungseffekt in der Bevölkerung hat, ist die hier behandelte Frage. Offensichtlich ist das nur in Griechenland der Fall.
  • Religiöser Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit. Muslime und Christen im europäischen Vergleich von Ruud Koopmans. Der zentrale (Doppel-)Befund der Studie ist in den Worten des Autors folgender: „Bei beiden religiösen Gruppen ist religiöser Fundamentalismus mit Abstand das stärkste Anzeichen für Feindlichkeit gegen Schwule, Juden und Muslime (bei Christen) beziehungsweise den Westen (bei Muslimen). Starke Religiosität als solche wird in beiden Gruppen nicht (bei Christen) oder nur wenig (bei Muslimen) von Fremdenfeindlichkeit begleitet, aber wenn sie mit fundamentalistischen religiösen Glaubensüberzeugungen verbunden ist, entsteht Feindlichkeit gegen alle Gruppen.“ (S. 485)

Am Abschluss finden sich knapp gehaltene Angaben zu den Autor(inn)en.

Diskussion

Der vorliegende Sammelband umreißt mit seinen Beiträgen das weite Feld der empirisch verfahrenden Kultursoziologie und lotet seine analytische Potenz aus. Auf deutsch(sprachig)en Gebiet ist die Kultursoziologie aus der Tradition heraus stark durch geisteswissenschaftliche Perspektiven geprägt. Jürgen Gerhards hat wesentlich dazu beigetragen, die in der internationalen Sozialwissenschaft etablierte empirisch ausgerichtete Analyse von kulturellen Phänomenen voranzutreiben und ihr auch in der deutsch(sprachig)en Soziologie einen anerkannten Stellenwert zu verschaffen.

Das hier zu rezensierende Buch versammelt Beiträge, die an Jürgen Gerhardts theoretischen, konzeptuellen und methodischen Arbeiten anknüpfen und auf unterschiedlichen Feldern der Kultursoziologie weiterführen. Quantitative und qualitative Studien zeigen das Potenzial empirischer kultursoziologischer Forschung in so unterschiedlichen Bereichen wie Kulturkonsum, politischer Kultur, Öffentlichkeit oder Europäisierung auf. Als eine solche Sammlung ist das vorliegende Werk einzigartig.

Fazit

Das vorliegende Buch ist eines, das für Kultur-, Medien-, Politik- und Sozialwissenschaftler(innen) viel Interessantes und Neues bietet; einzelne Beiträge könnten und sollten auch das Interesse von Praktiker(inne)n dieses oder jenes Fachgebietes erregen. In einer gut sortierten Bibliothek einer jeden hochschulischen Ausbildungsstätte für Soziale Arbeit sollte es in mindestens zwei Exemplaren, davon eines reserviert für die freie Ausleihe an Studierende, vorhanden sein.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 22.05.2015 zu: Jörg Rössel, Jochen Roose (Hrsg.): Empirische Kultursoziologie. Festschrift für Jürgen Gerhards zum 60. Geburtstag. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-658-08732-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18675.php, Datum des Zugriffs 05.12.2019.


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