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Rita Carter: Das Gehirn

Cover Rita Carter: Das Gehirn. Dorling Kindersley Verlag (München) 2014. 264 Seiten. ISBN 978-3-8310-2658-6. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Die Erkenntnisse, die die Hirnforschung im „Jahrhundert des Gehirns“ gemacht hat und macht zu überblicken, zu sortieren und brauchbar zu integrieren ist Aufgabe nicht nur für die interessierten Laien – im vorliegenden Buch wird der beachtenswerter Versuch einer verständlichen Bestandsaufnahme der Forschungsergebnisse und -erkenntnisse gemacht.

Autorin

Rita Carter ist als wissenschaftliche Fachbuchautorin in den Schwerpunkten Medizin und Bewusstseinsforschung in den USA bekannt und anerkannt. Im vorliegenden Buch hat sie mit Susan Aldirdge, Martyn Page und Steve Parker zusammengearbeitet und als Fachberater das Ehepaar Uta und Chris Frith gewonnen.

Entstehungshintergrund

Entsprechend dem eigenen Interessen- und Arbeitsgebiet erscheint es der Autorin notwendig und an der Zeit, ein Zwischenresümee von Erkenntnissen der Hirnforschung einem breiten Leserkreis vorzustellen. Dabei ist es erklärtes Ziel, verständlich und gleichwohl sachlich nicht vereinfachend die wesentlichen Ergebnisse der Forschung unter dem Gesichtspunkt vorzustellen, den Beitrag zu würdigen, den diese Ergebnisse für das Verständnis menschlichen Handelns und Erlebens leisten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus drei Schwerpunkten:

  1. Struktur und Untersuchungsmethoden des Gehirns;
  2. markante Erkenntnisse der Hirnforschung;
  3. Funktionen und deren Störungen in Form von Abweichungen/ Erkrankungen.

Merkmal insgesamt ist die didaktische Aufbereitung der Erkenntnisse: Graphische Darstellungen, Inserts und insbesondere das reichhaltige und hervorragende Bildmaterial sollen auch dem eher wenig vorinformierten Leser, die Komplexität der Erkenntnisse ordnen helfen- so viel sei schon gesagt: den Autoren gelingt dies auf vorbildliche Weise!

Das erste Kapitel wird „Eine Reise durch das Gehirn“ genannt und besteht aus 20 Darstellungen des Gehirns mittels bildgebender Verfahren, die das Gehirn in Schnitten von „vorn nach hinten“ darstellen, wobei die bekannt farblichen Darstellungen durch eine Legende auf zentrale Bestandteile der jeweiligen Ansicht hinweisen. Eingefügt ist jeweils eine kleine Darstellung des gesamten Gehirns in seitlicher Ansicht, aus der die jeweilige Schnitt- bzw. Betrachtungsebene erkenntlich ist.

Das zweite Kapitel („Gehirn und Körper“) widmet sich der Aufgabe des Gehirns, Informationszufluss zu organisieren und hieraus adäquate Anpassungsreaktionen im Körper zu generieren und zu steuern, die letztlich zielgerichtetes (und auch gesundes) Verhalten ermöglichen. Auch hierbei gibt es keine geschlossenen Texte, sondern Darstellungen, Fotos, Tabellen und kurze, fast glossarische Hinweise auf zentrale Funktionen des Gehirns und seiner Teile. Eine Darstellung des Nervensystems (großformatig!), der Hirnnerven und schließlich auch der notwendigen „Energieversorgung“ des Gehirns (insb. Glucose und Sauerstoff) folgt, hervorragend bebildert.

Das dritte Kapitel widmet sich der Darstellung der Anatomie des Gehirns, den Hirnstrukturen von außen nach innen und schließlich in die Tiefe betrachtet. Dargestellt werden die Nuclei, Thalamus, Hypothalamus, das Limbische System- um nur einige herauszugreifen. Die Autoren machen deutlich, wie sinnvoll organisiert das Gehirn aufgebaut ist, wie Arbeitsteilung und Zusammenarbeit funktionieren und welche Spezialisierungen die einzelnen Bereich nach derzeitigem Kenntnisstand haben. Dazu gehören auch die Kartographie des Gehirns und die primären Zuständigkeiten bestimmter Teile der Gehirnrinde. Grundlage für diese Vielfalt ist natürlich die Zelle mit ihrem Bestandteilen und Funktionen in der Reizleitung einschließlich der wichtigsten dabei notwendigen Neurotransmitter.

Anschließend beschäftigen sich die Autoren mit den „Informations-Zugängen“ zum Gehirn: den Sinnesorganen in Bootom-up und Top-down Verarbeitung von Input-Informationen und Phänomenen des Sehens und die Erklärung mancher sogenannter „Falsch-Nehmung“ z.B. im Form von Optischen Täuschungen werden in bis hierher schon bekannter didaktischer Aufbereitung vorgestellt. Gleichfalls werden vorgestellt: Das Sinnesorgan Ohr, der Geruch, Geschmack, der haptische Sinn und schließlich auch der „Sechste Sinn“( Propriozeption ) und Schmerz -all dies in einer gelungenen Kombination von relevanter Information und unter Weglassung eher nebensächlicher oder zu differenzierter ( und damit den Leser möglichweise verwirrender) Daten.

„Kontrolle und Bewegung“ heißt der nächste Abschnitt- hier geht es zunächst um die fortlaufende Kontrolle der körperlichen Grundfunktionen (z.B. Temperaturregulation), die Bedeutung des neuroendokrinen Systems (z.B. ACTH und Oxytocin) und schließlich um die Komplexität der Bewegungsplanung und -durchführung einschließlich sog. unbewusster Bewegungen. Hierbei widmen sich die Autoren in einer Doppelseite auch den Spiegelneuronen, die letztlich für empathisches Verhalten wesentlich sind.

In einem weiteren Anschnitt („Emotion und Gefühle“) geht es um bewusste und eher implizite Emotionen, um Verlangen und suchtähnliches Verhalten und folgerichtig dann im anschließenden Teil mehr um die Bedeutung des Gehirns im Zusammenleben der Menschen – die Autoren nennen diese Kapitel „das soziale Gehirn“ und gehen hier auf bio-soziale Bedingungen des Zusammenlebens ein (Sex, Liebe und Überleben), auch auf andere Aspekte des Zwischenmenschlichen und auf moralisches Verhalten.

Sprache und Kommunikation wird gesondert und in Nähe zum sozialen Gehirn abgehandelt- die Besonderheiten von sprachlicher und nichtsprachlicher Kommunikation herausgestellt und andere Kanäle der Informationsweitergabe (besonders Schreiben) mit ihren Störmöglichkeiten dargestellt.

Dem Gedächtnis ist ein extra Kapitel gewidmet, wobei die unterschiedlichen Arten des Gedächtnisses, Modelle zur Verarbeitung von Informationen vorgestellt werden und auf Störungsmöglichkeiten eingegangen wird. Logisch folgt in der Darstellung die Funktion des Denkens- hier thematisieren die Autoren Intelligenz, Kreativität und Humor, Glaube und Aberglaube- schließlich auch (vertieft ggü. vorher) Sinnestäuschungen.

Aus Sicht der Forschung das schwierigste Kapitel der Neurowissenschaft (und auch der Psychologie und Philosophie) ist das „Bewusstsein“, dem sich die Autoren historisch und analytisch nähern, indem sie Phänomene des Bewusstseins darstellen (Verändertes Bewusstsein, Müßiggang, Aufmerksamkeit, Bewusstseinsstufen, Schlaf und Träume, Zeitempfinden).

Die Frage von Individualität wird im Teil „Das individuelle Gehirn“ aufgegriffen, denn kein Gehirn ist strukturell und funktionell identisch mit einem anderen- dies auch nicht bei eineiigen Zwillingen. Und hierin spiegelt sich die Einmaligkeit der Persönlichkeit als Produkt der lebenslangen Interaktion zwischen Genetik und Umwelt/ Erfahrung. Wie sich das Gehirn insbesondere im Lebenslauf verändern kann ist den Autoren ein weiteres Kapitel wert. Von der Zeugung bis in den Tod ist es bei weitgehend gegebener Plastizität Veränderungen unterworfen - notwendigerweise, um die ständig veränderten Anpassungsanforderungen erfüllen zu können.

Letztlich wagen die Autoren auch einen Blick in die Zukunft, indem sie knapp auf Mensch-Maschine Interaktionen eingehen.

Unter dem Titel „Störungen und Erkrankungen“ stellen die Autoren im letzten Kapitel die Abweichungen im Verhalten und Erleben vor, wie sie durch Veränderungen und Besonderheiten im ZNS bedingt sind. Nur einige Stichworte hierzu: Das Kranke Gehirn, Migräne, Erschöpfungssyndrom, Meningitis, Schlaganfall, Demenz, Multiple Sklerose, Narkolepsie, Depression…u.a.m. werden knapp angesprochen, dazu gibt es zum besseren Verständnis Schaubilder und erläuternde Tabellen.

Ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis schließen das Buch ab.

Diskussion

Es kann im Rahmen der Buchbesprechung nicht hinreichend die Fülle des Dargestellten nachgezeichnet werden – imponierend ist die Systematik, die Themenauswahl und die durchwegs kennzeichnende Fähigkeit, auch komplexe und schwierige Erkenntnisse zu vermitteln, ohne dabei simplifizierend zu sein. Die hervorragende Umsetzung in Wort und (hervorzuheben!) Bild macht das Unterfangen, sich mit dem komplexesten Organ des Menschen und seiner Bedeutung für das Menschsein auseinanderzusetzen, zum Vergnügen.

Für den darüber hinaus interessierten Leser wären Hinweise zu vertiefender Literatur wünschenswert- ggf. bei Neuauflage realisierbar.

Fazit

Eine hervorragend gestaltete Ein- und Hinführung zu Aufbau, Funktion und Bedeutung des menschlichen Gehirns für unser Handeln und Erleben. Das reichhaltige Bildmaterial, die Umsetzung in knappe Texte, Veranschaulichung durch Graphiken und Bilder, der Zugang zu Untersuchungsmethoden bis hin zum Verständnis von Leistungen und Störungen des Gehirns in Wechselwirkung zwischen Reizaufnahme und – verarbeitung im Lebenslauf – dies alles macht Lektürefreude und weckt Interesse und demütigen Respekt für und vor dem höchstentwickelten Organ des Menschen als Grundlage unseres Menschsein.

Das Buch sei ohne Einschränkung einem weiten Leserkreis empfohlen – es kann wissenschaftlichen Neugier bei Kindern wecken, schulisches Lernen in diesem Bereich vertiefen, Wissensanregung für Erwachsene sein und in vielfältiger Form Verständnis und Erklärungen für Leistungen und Störungen im menschlichen Handeln bieten, wie sie eben aus der Interaktion zwischen biologischen Bedingungen und Erfahrungen in und mit einer gegebene Umwelt entstehen,bzw. entstehen können.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 10.06.2015 zu: Rita Carter: Das Gehirn. Dorling Kindersley Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-8310-2658-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18688.php, Datum des Zugriffs 25.09.2017.


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