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Heribert Niederschlag, Ingo Proft (Hrsg.): Würde bis zuletzt

Cover Heribert Niederschlag, Ingo Proft (Hrsg.): Würde bis zuletzt. Medizinische, pflegerische und ethische Herausforderungen am Lebensende. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2014. 152 Seiten. ISBN 978-3-7867-3026-2. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Menschliche Würde ist antastbar! Gerade am Lebensende ist die Gefahr, dass ein Mensch als Objekt und nicht mehr als Person behandelt wird, besonders groß. Grundlegende Orientierung und konkrete Hilfestellungen für Praktiker sind in diesem Bereich besonders dringend. Groß ist ansonsten die Gefahr von den technischen Möglichkeiten gebannt zu sein und die Fragen humaner Selbstbestimmung auszublenden.

Der von Niederschlag und Proft herausgegebene Tagungsband greift das Thema Würde facettenreich auf und möchte Grundorientierungen und konkrete Handlungsempfehlungen geben.

Herausgeber

Heribert Niederschlag ist emeritierter Professor für Moraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Seit 2006 leitet er das dortige Ethik-Institut an der Hochschule.

Ingo Proft ist Dozent für Moraltheologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter u.a. des Ethik-Instituts an der Hochschule Vallendar.

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf eine interdisziplinäre Tagung des Ethikinstituts Vallendar und der katholischen Ärztearbeit Deutschlands zurück.

Aufbau

In dem Band werden allgemeinere und konkretere Themen behandelt. Zu ersteren gehören u.a. theologisch-ethische Anfragen an den Diskurs zu Sterben und Tod, das Spannungsverhältnis zwischen Fürsorge und Autonomie, das Verständnis des Selbst in der letzen Lebensphase, die Kunst des Sterbens sowie die Würde Sterbender. Konkretere Themen sind die Ernährung am Lebensende, die Palliativversorgung sowie die würdevolle Pflege am Lebensende.

Inhalt

Rudolf Giertler beginnt einleitend mit der provozierenden Frage/Feststellung „Würde bis zuletzt?!“

Der Band umfasst hieran anschließend die folgenden Beiträge:

  1. Sonia Sailer-Pfister stellt theologisch-ethische Anfragen zum aktuellen Diskurs. Dabei leitet Sie die Frage: Selbstbestimmt und ohne Schmerzen? Wir gehen häufig vom autonomen Menschen aus, der bis zum Ende alles im Griff haben soll. Diese Sicht geht an der Realität vorbei, ignoriert sie doch, dass der Mensch ein abhängiges Wesen ist. Das totale Autonomiestreben – das in der aktiven Sterbehilfe gipfelt – ist eine Fehlentwicklung. Der Mensch muss im positiven Sinne anerkennen, dass Sterben sich ereignet und er letztendlich in Gottes Hand ist. Dieses tiefe Wissen nimmt auch die Angst; der Mensch weiß sich getragen!
  2. Savio Vaz lotet das Spannungsfeld von Fürsorge und Autonomie aus. Fürsorge stellt das Wohl des Anderen in den Mittelpunkt. Autonomie kann dazu führen, dass der Einzelne auch gegen sein Wohl entscheidet. Die autonome Entscheidung zu rauchen konterkariert z.B. das Wohl bzw. die Gesundheit. Eine aktive Herbeiführung des Lebensendes verabsolutiert die Autonomie und negiert die Fürsorge. Fürsorge wiederum hieße Bedingungen zu schaffen, die den Sterbeprozess so begleiten, dass der Einzelne nicht in Schmerz und Einsamkeit resigniert auf sein Ende zugehen muss. Insgesamt sieht Vaz Autonomie und Fürsorge in einem dialektischen Verhältnis, so dass das Eine nicht ohne das Andere möglich ist.
  3. Josef Schuster lotet die Problematik der künstlichen Ernährung aus. Auch hier geht es wiederum um die Antinomie von Fürsorge und Autonomie. Dies tritt am deutlichsten zutage bei Patienten mit einer Prognose, die eine Heilung noch in Aussicht stellt, wo aber der Patient die Nahrungsaufnahme verweigert. Da Ärzte und Pflegende persönliche Gewissensüberzeugungen haben, lässt sich ein Verzicht auf künstliche Ernährung mit Sicherheit nicht per se als Autonomierecht einfordern.
  4. Auch Klaus Ruberg befasst sich mit der klinischen Ernährung am Lebesende. Der Beitrag geht detailliert auf die Materie ein. Insgesamt hält Ruberg die Kommunikation, Anamnese, realistische Therapieziele, den Patientenwillen und die Patientenwürde für die relvanten Parameter einer angemessenen Entscheidung. Die Formel ersetzt nicht die persönliche Gewissensentscheidung, sondern liefert nur die Präliminarien zu berücksichtigender Entscheidungsgrundsätze.
  5. Harald-Robert Bruch vertieft die Thematik der parenteralen Ernährung. Grundsätzlich ist diese angebracht. Nur im Fall einer ungünstigen Prognose bei Beginn der Terminalphase ist die Sinnhaftigkeit einer parenteralen Ernährung nicht gegeben.
  6. Karola Selge thematisiert das Verständnis von Selbst und Würde in der letzten Lebensphase. Selge sieht als entscheidend an, dass der gesunde und der kranke Mensch sich als ihresgleichen erkennen sollen. Diese Sicht überwindet eine formalistische Normorientierung wie auch eine neoliberale Autonomieideologie. Letztlich geht es um Empathie zweier menschlicher Wesen, die in zentralen Grundaspekten ihres Seins sich in einem geteilten Bezugsrahmen befinden. Aus dieser inneren Verbundenheit mit dem anderen erfahren die Entscheidungen eine Evidenz, die ihnen weder aus neoliberaler Ideologie noch aus einer Fixierung auf geltendes Recht zukommt.
  7. Renate Adam-Pfaffrath stellt die Frage nach der Möglichkeit einer würdevollen Pflege. Dabei berücksichtigt Adam-Pfaffrath insbesondere die Person des Pflegenden. Um eine würdevolle Pflege zu realisieren, darf der Pflegende nicht gedemütigt werden. Demütigend ist es, den Pflegenden im Rahmen von Rationalisierung und Funktionalisierung zum reinen Sachfaktor in der Institution zu degradieren. Würdevoll mit Anderen umgehen kann nur der, dem selbst Würde entgegengebracht wird. Hier steht unser Gesundheitssystem auf dem Prüfstand, da in der „Schönen neuen Welt“ Würde obsolet ist, werden sowohl der Pflegende als auch der Pflegebedürftige zu Objekten einer rein szientistischen Manipulation.
  8. Hermann Brandenburg betrachtet die Herausforderungen der Palliativversorgung im Heim. Dabei geht er verschiedene Ebenen durch, die erfüllt sein müssen, um eine Palliativkultur realisieren zu können.
  9. Ingo Profit thematisiert Impulse eines guten Lebens vor dem Tod. Vielfach beobachten wir heute die massive Angst vor dem Tod. Gutes Leben hieße auch, den Tod zu integrieren, so zu leben, dass der Tod als zugehörig empfunden wird. Dies setzt eine bestimmte Praxis, aber auch ein Haltung voraus, die den Tod emotional und intellektuell integrieren kann. Unsere antike und christliche Tradition liefern hierfür Modelle, deren Einübung uns vor der resignativen Schrumpfung auf ein um jeden Preis zu erhaltendes Leistungssubjekt bewahren kann. Letztendlich setzt Profit in seinem Beitrag darauf, dass wir durch Christus in unseren Schwächen, in unserem Elend und der Vergeblichkeit all unseren Tuns angenommen sind.
  10. Der Band endet mit Heribert Niederschlags Beitrag zur Würde der Sterbenden. Hier wird nochmals die Würde der Sterbenden facettenreich dargelegt. Insbesondere die Scham kommt als neuer, bisher im Band nicht angesprochener Aspekt, hinzu. Gerade bei schweren Krankheiten, deren Anblick für die Mitmenschen fast unerträglich ist, stellt sich Scham ein. Auch in dieser Grenzsituation muss die Würde greifen. Sie bildet sozusagen einen Schutzmantel, der nicht empirisch verifizierbar ist, der aber auch mehr ist als ein subjektives Konstrukt. Die Würde der Sterbenden ist das experimentium crucis des Würdebegriffes. Dann, wenn kein Leistungsaspekt mehr einem Menschen als positives Können attribuiert werden kann, wird die Frage nach der Würde in extremer Weise dringlich. Hier ist die Bewährungsprobe der Würde.

Diskussion und Fazit

Das Buch behandelt das Thema facettenreich, wobei die Frage der künstlichen Ernährung etwas in den Vordergrund tritt. Zentral sind der Begriff der Autonomie, der Fürsorge und der Würde. Im medizinethischen Kontext wäre es sicher auch wünschenswert gewesen, wenn das Thema Gerechtigkeit aufgegriffen worden wäre. Insbesondere fehlen auch konkrete Analysen zum QM. Die Realität im Pflegebereich ist davon geprägt und fordert den Praktiker heraus. Die allgemeine Entgegensetzung von Würde und Funktionalisierung ist sicher als Grundorientierung unerlässlich. Jedoch ist der Praktiker damit vielfach auch allein gelassen und es entsteht eine Kluft zwischen dem ethischen Anspruch einer Kultur der Würde und der durch ökonomische Kategorien geprägten Realität. Dies kann bei Praktikern auch zur Theorieabstinenz führen, in dem Sinne, dass die hehren Ansprüche als praktisch nicht machbar und lebensfremd ferngehalten werden.

Letztendlich bietet das Buch Grundorientierungen, nimmt den Praktikern Entscheidungen aber nicht ab. Es führt an die Entscheidungssituation heran, indem die relevanten Faktoren aufgezeigt werden, der Praktiker muss jedoch vor Ort selbst entscheiden, auf letztendlich theoretisch nicht zu sichernder Grundlage. Hier liegen im Sinne des Existenzialismus Grenzen einer jeden allgemeinen Vorgabe. Im Buch werden diese Themen aber nicht explizit zum Gegenstand gemacht.

Als Leser hätte man sich eine Einleitung gewünscht, die einen kurzen Überblick zu den einzelnen Beiträgen gibt. Gleichzeitig vermisst man ein Resümee, das die Beiträge nochmals zusammenfasst und in ihrem Stellenwert würdigt.

Das Buch enthält zahlreiche Impulse zum Thema. Einzelne Bereiche – z.B. künstliche Ernährung – werden vertieft. Insgesamt vermisst man die Klammer, die das Buch als einen in sich schlüssigen Zusammenhang ausweist.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 19.11.2015 zu: Heribert Niederschlag, Ingo Proft (Hrsg.): Würde bis zuletzt. Medizinische, pflegerische und ethische Herausforderungen am Lebensende. Matthias-Grünewald-Verlag (Mainz) 2014. ISBN 978-3-7867-3026-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18692.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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