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Jacqueline Grigo: Religiöse Kleidung

Cover Jacqueline Grigo: Religiöse Kleidung. Vestimentäre Praxis zwischen Identität und Differenz. transcript (Bielefeld) 2015. 285 Seiten. ISBN 978-3-8376-2839-5. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Kleider machen Leute – machen sie auch Überzeugungen sichtbar?

Die Diskussion um das Tragen von Kopftüchern und Burkas, mit denen Muslime ihre Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft des Islam öffentlich zeigen wollen, wird in Mehrheitsgesellschaften mit anderen Weltanschauungen entweder tolerant oder konfliktträchtig geführt. Während im ersteren Fall damit argumentiert wird, dass „Jedermann ( ) das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit (hat)“, wie dies als Grundfreiheit in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert wird, stützen sich die Vertreter der eher konfrontativen Argumentation darauf, das es für eine kulturelle Identität und Integration notwendig ist, sich an die in einer Mehrheitsgesellschaft praktizierten Werte- und Normenvorstellungen anzupassen, und jedes Abweichen davon, vor allem wenn es (scheinbar) provokativ und kämpferisch erfolgt, zur Störung eines einheitlichen gesellschaftlichen Bewusstseins führen müsse.

In den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt haben sich die Vorstellungen von kultureller Identität verändert. Bei der von der UNESCO 1982 in Mexico City durchgeführten „Weltkonferenz über Kulturpolitik“, wurde deshalb ein erweiterter und veränderten Kulturbegriff eingeführt, der die Gesamtheit von typischen Lebensformen, Denkweisen und Werten einer Bevölkerungsgruppe umfasst. Die ebenfalls von der Wissenschafts-, Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen initiierte und in der Zeit von 1993 – 1995 tätige Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat ideologischen Ballast dadurch abgeworfen, dass „kulturelle Identität“ nicht Mauer sondern Brücke für eine „globale Ethik“ sein müsse, wie sie sich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte darstellt. Es ist die kulturelle Vielfalt, die universale, allgemeingültige und nicht relativierbare Werte und Normen schafft (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 2. erweit. Ausgabe, Bonn 1997, 76 S.). Mit der „Magna Charta der Internationalen Kulturpolitik“, die von der UNESCO 2005 als „Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ erlassen wurde, kommt zum Ausdruck, dass „die kulturelle Vielfalt ein bestimmendes Merkmal … (und) ein gemeinsames Erbe der Menschheit ist“, was bedeutet, die Vielfalt von kulturellen Ausdrucksformen zu schützen und zu fördern, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kulturen sich entfalten und frei interagieren können und die besondere Natur von kulturellen Aktivitäten, Gütern und Dienstleistungen als Träger von Identität, Werten und Sinn anzuerkennen (Deutsche UNESCO-Kommission, Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, Bonn 2006, 111 S.).

Entstehungshintergrund und Autorin

Die vielfältigen Auseinandersetzungen, die sich subsumieren in der Auffassung: „Religionskritik ist Kirchenkritik ist Glaubenskritik ist Ideologiekritik ist Institutionenkritik ist Systemkritik“ (Tilman Jens, Der Sündenfall des Rechtsstaats. Eine Streitschrift zum neuen Religionskampf, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15401.php), verdeutlichen sich insbesondere in der traditionellen bis konfrontativen Sichtbarmachung von Religion in öffentlichen Räumen. Sie treffen dabei auf Vorbehalte, Ängste, Aggressionen und selbstverständlich empfundene Einstellungen, je nach Standort und Standpunkt. Ob eine Lehrerin bei der Ausübung ihres Berufs ein Kopftuch tragen darf oder nicht, wird meist nicht einvernehmlich und situationsbedingt geregelt, sondern richterlich entschieden. Vorausgeht dabei nicht selten ein langer, öffentlicher, emotionaler Streit mit Schuldzuweisungen und Verteidigungsreden. Diese Phänomene und Verunsicherungen haben eine Wurzel in dem schwierigen Verhältnis bei den Vorstellungen von einer „Pluralität national oder nationalstaatlich verfasster Gesellschaften“, bzw. von Vorstellungen einer „Weltgesellschaft“ (Philip Thelen, Vergleich in der Weltgesellschaft. Zur Funktion nationaler Grenzen für die Globalisierung von Wissenschaft und Politik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12557.php).

Selbstverständlichkeiten wie Konflikte beim Tragen von religiös motivierter Kleidung in öffentlichen Räumen sind Merkmale eines Diskurses in Mehrheitsgesellschaften beim Umgang mit den Minderheiten, wie auch dem Verständnis von religiös gebundenem oder laizistischem Zusammenleben. Wie sich die kulturellen und interkulturellen Auseinandersetzungen darüber vollziehen, verweist auf den jeweiligen Integrationsgrad und Bewusstseinsstand einer eher autochthonen- oder Einwanderungsgesellschaft. Politische Beobachter und Soziologen sprechen von einer „Lebenslüge“, wenn z. B. qua politischer Sprache Länder wie die Schweiz oder Deutschland sich als Einwanderungsgesellschaften outen, erstere im 19. und 20. Jahrhundert gewissermaßen als Vorzeigeschild für freiheitliches und liberales Denken, und Deutschland nachhinkend nach Jahrzehnten der (partei-) politischen Auseinandersetzungen erst vor wenigen Jahren sich dazu bekannt hat und mit dem Zuwanderungsgesetz die Konsequenzen aus den Einwanderungsbewegungen in das Land gezogen hat. Beiden Ländern ist eigen, dass die gesellschaftlichen Wirklichkeiten einerseits zwischen der symbolischen Politik und andererseits den Mentalitäten und Einstellungen der Menschen auseinander klaffen. Während die Schweizer im Februar 2014 in einer Volksabstimmung entschieden haben, die Zuwanderung in das Land zu begrenzen, prognostizieren Beobachter eine noch deutlichere Mehrheit, würde ein solches Votum in Deutschland durchgeführt werden. Der migrationspolitische Diskurs in den europäischen Ländern gleicht einer wilden Baustelle ohne Planung und Bauaufsicht!

In dieser verfahrenen, aus Angst vor fremdenfeindlichen Auswüchsen bestimmten, zögerlichen Einwanderungspolitik lohnt es, anhand von sichtbaren, alltäglichen Zeichen auf die Wirklichkeiten von Einwanderungsgesellschaften zu schauen. Die Ethnologin und Religionswissenschaftlerin an der Universität Zürich, Jacqueline Grigo, hat im Herbstsemester 2013 an der Theologischen und Philosophischen Fakultät ihrer Universität die Dissertation „Religiöse Kleidung“ vorgelegt. Die Arbeit ist nun im Transcript-Verlag erschienen. Sie fragt „nach der Bedeutung der religiösen Kleidung und der damit verbundenen Sichtbarkeit religiöser Identität für diejenigen, die sie tragen“. Ihr Blick richtet sich dabei nicht in erster Linie auf die Trägerinnen und Träger von offiziellen Gewandungen, die im Rahmen von religiösen und rituellen Tätigkeiten, sondern im Alltag getragen werden. Bei ihrer Analyse wählt sie sechs Fallbeispiele aus, mit denen sie sowohl eine Rekonstruktion der subjektiven Sichtweisen und Motive für das Tragen von religiöser Kleidung vornimmt, als auch das Zusammenspiel der vielfältigen Wechselwirkungen im jeweiligen sozialen Feld beschreibt. Ihre Beobachtungen konzentrieren sich auf Personen, die im geographischen Raum Zürich leben: Eine muslimische Frau, einen Sikh, einen tibetisch-buddhistischen Mönch, eine katholische Nonne, ein orthodoxer Juden und ein Mitglied der Gothik/Metal-Szene.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Forschungsarbeit neben der Einleitung, in der sie grundlegende Fragen zur Diversität und den Spielräumen von religiöser Visibilität diskutiert, das erkenntnisleitende Interesse thematisiert und den Aufbau der Arbeit erläutert, in weitere fünf Kapitel, in denen sie den bisherigen Forschungsstand zu den Aspekten „religiöse Kleidung“ aufweist, die Traditionen, Motive, Zwänge und Formen der sozialen Kontrolle beim Tragen von religiöser Kleidung erläutert, sowie die Innen- und Außenansichten im jeweiligen sozialen und religiösen Raum darstellt. Für die Analyse bedeutsam sind dabei Begriffsklärungen: „Was ist eine religiöse Kleidung?“ – und nicht zuletzt: „Was ist Religion und Religiosität?“. Die Markierung, dass bei der Betrachtung der Bedeutung und individuellen und gesellschaftlichen Wirkung des Tragens von religiöser Kleidung die „Sichtbarkeit von Differenz“ deutlich wird, verweist bereits auf die Zugänge und Fallstricke beim Analyseverfahren. Denn das Tragen von religiös motivierter und stilisierter Kleidung kann sowohl von individuellen, als auch von kollektiven, bewussten und unbewussten Prozessen bestimmt sein.

Eine wissenschaftliche Analyse dieses äußerst sensiblen, individuellen und gesellschaftlichen Feldes steht und fällt mit der Verifizierung und Variabilität der Forschungsmethoden. Die Autorin benutzt dazu die Instrumente der qualitativen Sozialforschung, wie Interviews, (audio-)visuelle Verfahren, Kodierung. Die sechs Einzelfallanalysen fördern eine Reihe von Ergebnissen zutage, die vielfach als meist flüchtige Alltagswahrnehmung von Außenstehenden registriert, jedoch selten auf Entstehungsgründe und individuelle und kulturell-religiöse Ursachen hinterfragt werden. Deshalb bietet gerade die ausführliche Darstellung dieser Einzelfallanalysen eine Reihe von interessanten, den Blick weitenden Erkenntnissen an; die nicht zuletzt dazu beitragen können, einen eigenen Perspektivenwechsel vornehmen zu können. In allen Fällen werden dabei Motive deutlich, die als Identifizierung mit der gewählten Religiosität, der Identitätsbildung, der Zugehörigkeit, aber auch der Ab- (nicht Aus-)grenzung von anderen Weltanschauungen bezeichnet werden können.

Fazit

Die überwiegend toleranz-orientierten Darstellungen der positiven Selbstthematisierungen und Selbstverortungen bei den sechs Fallbeispielen malen allerdings meines Erachtens allzu anpassungsbereite Einstellungen an die gesellschaftliche (heile) Wand. Die ohne Zweifel in diesen Prozessen von Anpassung, Widerstand und Selbstbehauptung auftretenden Spannungsfelder der Minderheiten gegenüber den gesellschaftlichen Mehrheiten treten dabei nur andeutungsweise in Erscheinung. Lässt sich die Idealvorstellung, dass die spezifische Kleidungspraxis der Akteur/innen nicht nur ihre religiöse Identität markiert, sondern auch hervor bringt, tatsächlich als gesellschaftlicher, einvernehmlicher Fakt beschreiben? Was ist mit den provokanten, bewusst aufreizenden, fundamentalistischen Einstellungen und Programmen, bei denen religiöse Kennzeichen viel deutlicher Abgrenzung und Kampf, denn Toleranz ausdrücken?

Was bleibt? Sicherlich der verdienstvolle Versuch, am Beispiel von sechs Fallbeispielen aus der Zürcher Region und schweizerischen, gesellschaftlichen Situation, Licht in das Geschummere der individuellen und kollektiven Wahrnehmungen über die Bedeutung und Signalwirkung beim Tragen von religiöser Kleidung zu bringen; und zwar mit Ergebnissen, die übertragbar sind auf Migrations- und Integrationsbedingungen in anderen Ländern, auch in Deutschland. Die Forschungsarbeit sollte anregen, die angedeuteten offenen Fragen aufzunehmen und zur Klärung der Zusammenhänge von Kleidung – Religion – Identität beizutragen.

Alternativen zum traditionalistischen und fundamentalistischen Islam werden mittlerweile bereits engagiert diskutiert (vgl. dazu z. B.: Katajun Amirpur, Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15400.php; sowie: Kai Hafez, Freiheit, Gleichheit und Intoleranz. Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14792.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.06.2015 zu: Jacqueline Grigo: Religiöse Kleidung. Vestimentäre Praxis zwischen Identität und Differenz. transcript (Bielefeld) 2015. ISBN 978-3-8376-2839-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18703.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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