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Andreas Bürgi, Herbert Eberhart: Beratung als strukturierter und kreativer Prozess

Rezensiert von Peter Schröder, 18.01.2005

Cover Andreas Bürgi, Herbert Eberhart: Beratung als strukturierter und kreativer Prozess ISBN 978-3-525-46208-9

Andreas Bürgi, Herbert Eberhart: Beratung als strukturierter und kreativer Prozess. Ein Lehrbuch für die ressourcenorientierte Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2004. 274 Seiten. ISBN 978-3-525-46208-9. D: 24,90 EUR, A: 41,10 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-525-46247-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Einführung in das Thema, Hintergrund und Autoren

Ein wesentlicher Teil der Professionalisierung supervisorischer Arbeit ist die Professionalisierung der entsprechenden Ausbildungsgänge. Dem dienen einerseits die von den Berufsverbänden erstellten Standards, andererseits aber auch die von erfahrenen AutorInnen, die in der Lage sind, ihre umfangreiche Praxiserfahrung theoretisch fundiert und systematisiert darzustellen, vorgelegten Lehrbücher. Supervisionsbücher, die ausdrücklich mit dem Anspruch auf den Markt gebracht werden, Lehrbücher zu sein, gibt es nicht allzu viele. Bürgi und Eberhart legen hier ein weiteres vor. Beide Autoren sind seit langem in der Ausbildung von BeraterInnen tätig. Bürgi ist als beratender Psychologe und Psychodiagnostiker in eigener Praxis tätig, Eberhart als Supervisor, Berater und Fortbildner von Fachleuten aus psychosozialen Berufen.

Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt mit einem durchaus reizvollen (virtuellen) Round-table-talk, in dem die "Theorielieferanten", die Autoren und, drastisch, auch das Publikum zu Wort kommt. Diese Gesprächsrunde dient dem Offenlegen des theoretischen Hintergrundes sowie der Absicht des Buches. Der "Geist Sigmund Freuds" sitzt ebenso am Tisch wie Insoo Kim Berg als Vertreterin der "lösungsorientierten Kurzzeittherapie", der "Geist Carl Rogers" ebenso wie John Grinder als Begründer des "Neurolinguistischen Programmierens". Die Autoren entscheiden sich für einen lösungsorientierten Ansatz, integrieren aber Elemente und Haltungen aus der klientenzentrierten Gesprächsführung Rogers' und Methoden und Einsichten des NLP. Der Focus soll vom Problemverstehen (analytische Therapie, Systemtheorie) auf die Realisierung einer Lösung verlegt werden.

Eberhardt stellt dann "'Basics' - Grundlagen" vor. Er beginnt mit den Vorerfahrungen, die jeder mit Beratung hat: als Ratsuchender, als beratender Freund etc. Mit diesen Vorerfahrungen als Berater weiterzuarbeiten, ohne sie kritisch zu hinterfragen, wäre fatal und stünde einem professionellen Beraten geradezu im Weg. Gut und wichtig finde ich, dass Eberhardt seine "Basics" mit dem Abschnitt "Im Zentrum steht die Beziehung" beginnt. Denn die Gestaltung einer guten Arbeitsbeziehung ist eine conditio sine qua non jeglicher Beratung. Es folgt dann eine Reflexion auf die innere Logik des Beratungsprozesses, die sich in der Abfolge immer wiederkehrender Phasen zeigt. Auch hier ist es bemerkenswert, dass Eberhart (anders als viele andere AutorInnen!) mit dem Stichwort "Sich vorbereiten" beginnt und damit deutlich macht, dass die Beratung schon beginnt, bevor der Supervisand da ist! Abschließend werden Haltungen und Einsichten benannt und bedacht, die im Beratungsprozess unentbehrlich sind:

  • "Neugier und die Bereitschaft zu Überraschungen",
  • "Go slow",
  • "Den Überblick wahren",
  • "Bereitstellen eines geschützten Raumes",
  • "Es sind mehr als nur zwei anwesend" etc.

Für das folgende Kapitel möchte man seinem Autor Andreas Bürgi besonders danken. Es ist überschrieben mit "Beratung geschieht in der Begegnung" und reflektiert auf der Basis der Philosophie Martin Bubers die Supervisionssituation als "Begegnung", d.h. als eine Beziehung besonderer Qualität, die durch Offenheit und Gegenseitigkeit bestimmt ist. Dankenswert ist dieses Kapitel vor allem deshalb, weil hier mit hoher ethischer Relevanz und vorgängig zu aller "Beratungstechnik" die Voraussetzungen gelingender Beratung bedacht werden.

Den Weg zwischen methodischer Starrheit und unstrukturiertem Chaos im Verlauf von Beratungsgesprächen versucht Bürgi in dem Abschnitt "Beratungen folgen einer inneren Gesetzmäßigkeit". Man mag von Prozessdiagrammen halten, was man will - diese hier finde ich hilfreich. Nicht im Sinne eines Fahrplans, den man abarbeiten könnte, aber im Sinne einer "inneren Landkarte", die im Kopf zu haben, den Beratungsprozess hilfreich strukturiert.

Das folgende Kapitel widmet Eberhart dem Thema: "Veränderung durch Beratung". Dass Beratung eine Veränderung bewirken soll, wird kaum jemand in Frage stellen. Aber wie diese Veränderung zustande kommen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Eberhart setzt - wie es dem lösungsorientierten Ansatz entspricht - auf das gespeicherte, aber "verschüttete" Wissen des Klienten, das im Beratungsprozess wieder verfügbar gemacht werden soll.

Dass Sprache nicht nur das Medium ist, Erfahrungen zu thematisieren, sondern auch das Medium, mit dem Wirklichkeit verändert werden kann, ist Gegenstand des Kapitels "Beratung und Sprache" (Eberhart) - ebenfalls ein wichtiges und in der Literatur häufig vernachlässigtes Faktum.

Es folgen Abschnitte, die Beratung als "methodisch geleitetes Tun" bedenken. Den Anfang macht Bürgi mit dem Beitrag "Definieren des Problems": Werden bestimmte Lebensumstände als "Schwierigkeit" definiert (d.h. als etwas, mit dem man zurechtkommt) oder als "Problem" (d.h. als etwas, wobei man Hilfe braucht)? Das, womit es BeraterInnen zuerst zu tun bekommen, ist die Problemdefinition des Klienten. Damit gilt es, methodisch umzugehen.

Bürgi schließt an mit dem Abschnitt "Ressourcen, Lösungen und Ziele". Experte für Lösungen ist nicht der Berater, sondern der Klient. Der Berater nimmt lediglich Stellung dazu und strukturiert den Weg zur Zielerreichung mit den Ressourcen, die dem Klienten zur Verfügung stehen.

Auch beim Stichwort "Intervenieren" (Bürgi) geht es um die Kompetenz des Klienten: "Grundanliegen der Phase des Intervenierens ist die konstruktive Beeinflussung des Klienten, damit er befähigt wird, selbst Schritte in eine für ihn positive Richtung zu machen." (S. 203) Unter Beachtung der Tatsache, dass schon die Person des Beraters selbst eine Intervention ist, stellt Bürgi in diesem Kapitel verschiedene Interventions"techniken" dar.

Rein "taktische Instrumente" kommen schließlich in dem Kapitel "Arbeitstechniken" (Bürgi) zum Tragen. Ganz trennscharf scheint mir die Abgrenzung zum Kapitel "Intervenieren" nicht zu sein, dennoch schätze ich auch die feine Differenzierung sehr: es gibt Interventionen, bei denen man "Technik" in Anführungsstriche setzt, und andere, bei denen man das nicht unbedingt tut. Das hat, glaube ich, etwas damit zu tun, wie weit die jeweiligen Interventionen von der Beratungsbeziehung abstrahieren.

Zielgruppen

Bürgi und Eberhart definieren ihre Zielgruppe selbst durch die Auswahl der Gäste, die sie ins Publikum ihres kleinen Round-table-Gespräches eingeladen haben: "Fachleute, die Menschen in persönlichen Angelegenheiten beraten, wie Berufsberaterinnen, Laufbahnberater, Lebensberaterinnen, Krisenberater, schulpsychologische Beraterinnen und Sozialarbeiter in beratender Funktion. Weiter sind Fachleute hier, die episodisch Beratungsaufgaben übernehmen und sich darin professionalisieren möchten - Krankenpflegerinnen, Seelsorger, Sozialadministratorinnen, landwirtschaftliche Berater, Ernährungsberaterinnen, Ärzte, Lehrerinnen und Sonderpädagogen." Supervisoren und Coaches sind nicht aufgezählt, sollten aber teilnehmen!

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Dieses Lehrbuch gehört zu den wirklich wichtigen Publikationen im Bereich Beratung! Dies aus verschiedenen Gründen: zum ersten ist deutlich zu spüren, dass beide Autoren über ein umfangreiches, aus der Praxis gewonnenes Know how und über eine, ebenfalls aus langjähriger (reflektierter!) Praxis gewonnene Sensibilität für die Qualität von Beratungsbeziehungen verfügen. Jedes (!) Kapitel ist gespeist von Praxiserfahrungen und wird die Praxis der LeserInnen ebenso speisen. Zum anderen: der Band vermeidet wohltuend die gelegentlich im Fach anzutreffende Eindimensionalität, also sei erfolgreiche Beratung vor allem eine Frage eines möglichst simplen Theorierahmens und eines möglichst vollen Methodenkoffers. Zwar heißt es in "Zum Geleit" von Jürgen Kriz: "So werden theoretische Diskurse - die erfahrungsgemäß von Praktikern sowieso überlesen und gemieden werden - nur sehr knapp aufgeführt", aber dennoch wird Theorie im besten Sinne präsentiert: nämlich als ein System, nach dem die relevanten Frage strukturiert und reflektiert werden können. Und an keiner Stelle des Buches hat man den Eindruck, Theorie werde vermieden oder gar missachtet. Und zum dritten: das Buch ist sehr gut und klar gegliedert. Die Kapitelanschlüsse sind, auch wenn die Autoren wechseln, klar und sinnvoll. Eins baut auf das andere auf, wie es in einem guten Lehrbuch sein sollte. Alles in allem: ein sehr zu empfehlendes Buch!

Fazit

Unbedingt aufnehmen in den Kanon der Lehrbücher in Ausbildungsgängen, die mit Beratung zu tun haben - und in den Lektüreplan aller BeraterInnen!

Rezension von
Peter Schröder
Pfarrer i.R.
(Lehr-)Supervisor, Coach (DGSv) Seniorcoach (DGfC) Systemischer Berater (SySt®)
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Es gibt 131 Rezensionen von Peter Schröder.

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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 18.01.2005 zu: Andreas Bürgi, Herbert Eberhart: Beratung als strukturierter und kreativer Prozess. Ein Lehrbuch für die ressourcenorientierte Praxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2004. ISBN 978-3-525-46208-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1871.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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