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Marco Schröder: Studienwahl unter den Folgen einer radikalen Differenzierung

Cover Marco Schröder: Studienwahl unter den Folgen einer radikalen Differenzierung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. 224 Seiten. ISBN 978-3-7815-2015-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Untersuchung geht von der These aus, dass die Studienwahl durch die Bolognareform und die von ihr angestoßene Dynamik der Ausdifferenzierung zur Herausforderung geworden ist. Die im Auswahlprozess angestrebte Passung von Neigung und Interesse hier und profiliertem Studienangebot dort erscheint unerreichbar, wenn der Primat der Multioptionalität sowohl die Entscheidungsperspektive als auch die Angebotsstruktur in die Mehrdeutigkeit führt. Die These wird nach beiden Seiten hin überprüft: Ein Ansatzpunkt ist, theoretisch und empirisch zu bestätigen, dass sich im Zuge der Bolognareform die Studienangebote an den Hochschulen – der Blick geht auf Deutschland – tatsächlich maßgeblich verändert und ausdifferenziert haben. Der andere Ansatzpunkt ist, die daraus resultierende Entscheidungslage für die Studienwahl zu analysieren und zu bewerten. Dem Autor geht es hier um ein Verständnis der Entscheidungsmechanismen, wenn klar ist, dass die Studienwahl weniger durch klare Profile und Perspektiven als durch die Erwartung – und das Versprechen – von komplexer Verwertbarkeit bestimmt wird.

Aufbau

In der Einleitung (= Kap. 1, S. 9-12) problematisiert der Autor den Prozess der Ausdifferenzierung der Studienangebote seit der Bolognareform. Die resultierende Unübersichtlichkeit erstrecke sich nicht nur auf weiterführende Studienangebote, sondern „unerwarteterweise auch auf das grundständige Studienangebot“. Die Schwierigkeit für die Studienwahl sieht der Autor darin, dass in der komplexen Angebotsstruktur nur in geringem Maß Alternativen zur Kenntnis genommen werden können. Entsprechend konstatiert wird eine „Studienwahl unter Unkenntnis“. Ziel der Untersuchung ist, diesen Grundaspekt der aktuellen Studienwahlsituation offenzulegen.

Dazu gibt es im Hauptteil zwei große Bearbeitungsschritte:

  1. Der erste ist den theoretischen Grundlagen gewidmet, die im Kontext von Studienwahl und Studienfachdifferenzierung deutlich werden.
  2. Im zweiten wird eine empirische Erhebung vorgelegt und ausgewertet, die Details im Prozess der Studienwahl untersucht.

Zum Hauptteil – erster Bearbeitungsschritt

Kapitel 2 (S. 13-91) analysiert die theoretischen Grundlagen der Studienfachdifferenzierung und der Studienwahl. Aufgezeigt werden Berufs- und Studienwahltheorien, gesellschaftsdiagnostische Modelle und sozial- und humanwissenschaftliche Entscheidungstheorien.

Abschnitt 1 ist der makrotheoretischen Perspektive gewidmet. Darin wird die Studienwahl in der Multioptionsgesellschaft nach der Bolognareform beleuchtet (S. 13-22). Der Autor geht in zwei Schritten vor.

  • Zunächst betrachtet er die Entstehungsgeschichte der Fächerdiversität an deutschen Universitäten und Hochschulen (S.13-20). Diese Geschichte wird in vier Fokusse untergliedert: in einen Blick auf die universitäre Lehre vom 15. bis ins 18. Jahrhundert; dann einen auf die Zeit vom 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts; drittens einen Blick auf die Zeit nach dem Krieg bis hin zur Bolognareform; und schließlich den Fokus, der die Wirkungen der Bolognareform selbst aufnimmt. Für die erste Phase, an deren Anfang die Struktur der vier Fakultäten der mittelalterlichen Universität steht, wird festgehalten, „dass das Lehrangebot sich nur sehr langsam ausdifferenziert hatte“. Das zentrale Lehrangebot habe sich an den jeweiligen Fakultäten über mehrere Jahrhunderte als relativ stabil erwiesen. In der zweiten Phase beobachtet der Autor eine Dynamisierung. Es kommt zu zahlreichen Neugründungen von Universitäten und die Fakultäten differenzieren sich nach innen aus. Das ist einem neuen Bedarf an Fachkräften nicht zuletzt in technischen Bereichen geschuldet. Zu beobachten ist in dieser Zeit auch die Sorge um eine „Herabstufung der Universitäten auf schulisches Niveau“. Nach dem Krieg gab es einen Ansatz zur Korrektur (Festhalten am Humboldtschen Bildungsideal), aber zu beobachten ist hier ein vermehrtes Interesse von Studierenden an einer Qualifizierung für den Arbeitsmarkt. In diese Zeit fällt die Gründung der Fachhochschulen. Die Bolognareform schließlich bringt eine Zuspitzung. Das Studium selbst wird verdichtet und in eine Wettbewerbssituation geführt. Folgen seien eine „Abgrenzung der Produkte“ und eine „lokal angepasste Marktausrichtung“.
  • Hier schließt sich, als zweiter Schritt, ein analytischer Blick auf die Entscheidungs- und Multioptionsgesellschaft, wie sie als Merkmal postmoderner Entwicklung zu verstehen ist, an (S. 20-22). Eine neue „Vielzahl an Entscheidungsoptionen“ habe Strategien subjektiver Legitimierung hervorgebracht, die in einer „Fiktion der Rationalität“ auf vorgefertigte Lösungen zugreifen lassen. Auch mangels Überblick verzichte der „homo optionis“ darauf, in komplizierte Entscheidungen viel Zeit zu investieren.

Abschnitt 2 geht auf die mikrotheoretische Perspektive ein und betrachtet die Studienwahl als Gegenstand der Berufswahl- und Entscheidungstheorie (S. 22-77). Auch hier gibt es zwei Betrachtungsschritte.

  • Im ersten Schritt wird die Berufs- und Studienwahl analysiert (S. 23-52). Der Fokus liegt auf den Modellen zur Erklärung der Berufswahl und, damit verbunden, der Studienwahl. Gesehen werden sowohl die individuelle als auch die gesellschaftliche Dimension. Es werden einschlägige Modelle vorgestellt, die auch ein Spektrum der Forschung für die letzten 100 Jahre abbilden. Das Spektrum reicht vom Ansatz einer Passung von Angebot und Nachfrage (Matchingtheorien) bis hin zu informationsorientierten Ansätzen, nach denen die Entscheidung über subjektive („interne“) und mitwirkende äußere („externe“) Faktoren getroffen wird. Eine Pointe im Feld der gesehenen Entscheidungsfaktoren, zwischen objektiver und subjektiver Passung, liefert dann das „Individualisierungsmodell“, das für die Berufs- und Studienwahl eine Perspektive der Selbstverantwortlichkeit konstatiert und deren emotional-intuitive Dimensionierung herausstellt. In solchem Kontext spielen auch die Faktoren eine Rolle, die für einen Studienabbruch verantwortlich sind. Benannt werden die finanzielle Lage, die Lebensbedingungen, beratende Instanzen und die eigenen Zukunftspläne. In umgekehrter Sicht treten abschließend Modelle in den Blick, die spezifischen Motivationstheorien gewidmet sind. Für die Berufs- und Studienwahl werden unterschiedliche Kraftfelder benannt, die individuelle Befindlichkeiten, situative Pragmatik und die Attraktivität von Studienangeboten akzentuieren.
  • Der zweite Betrachtungsschritt knüpft hier an und präsentiert Theorien und Modelle zur Erklärung von Entscheidungsmechanismen (S. 52-77). Dabei wird im Kern die Rational Choice-Perspektive analysiert. Es werden Modelle skizziert, die diese stützen, und solche, die deren Grenzen aufzeigen. Der Annahme, dass Menschen rational und in Abwägung der verfügbaren Information auf ihre Ziele bezogen entscheiden, stehen Hinweise auf den Einfluss von individuell-subjektiven Bewertungsmechanismen sowie von Verunsicherung, Nichtwissen und intuitiv-emotionalen Dynamiken gegenüber („erfahrungsorientiertes Entscheiden“).

In Abschnitt 3 soll der Stand der Forschung erfasst werden (S. 77-89). Drei Themenakzente werden herausgestellt:

  • Für den Kontext Studienwahl und Forschung zur Multioptionalität (S. 77-80) werden Ergebnisse deutlich, die auf eine gesuchte Passung gegebenen Berufs- und Verdienstmöglichkeiten und persönlichen Neigungen und Talenten hindeuten.
  • Im Blick auf die Studienfachwahl im Zusammenhang mit soziodemografischen und persönlichen Merkmalen (S. 80-81) werden in der Forschung die unterschiedlichen soziodemografischen Ausgangslagen (Klassen- und Gendermerkmale) als kaum verändert wahrgenommen. Hinzu kommt allerdings der Einfluss des persönlichen Interesses, das als „zentrale Determinante der Studienwahl“ gesehen wird.
  • Dorthin stößt die psychologisch-diagnostische Forschung zur Studienwahl (S. 81-89) weiter vor. Der Autor stellt eine Reihe unterschiedlicher Verfahren vor, die auf das Erfassen der Wirkung von Interessens- und Persönlichkeitsstrukturen ausgerichtet sind.

In Abschnitt 4 werden ein Zwischenfazit und Hypothesen formuliert (S. 89-91). Festgehalten wird:

  • Die Bolognareform hat nicht intendiert zu einer radikalen Ausdifferenzierung des grundständigen Studienangebots geführt.
  • Die daraus resultierende markante Multioptionalität führt zu Einschränkungen, weil Studienwählenden alle Möglichkeiten nur ausschnitthaft bekannt sind.
  • „Die Studienwahl erfolgt nach einem interessenskongruenten Passungsmechanismus“.

Zum Hauptteil – zweiter Bearbeitungsschritt

Kapitel 3 (S. 92-174) ist von den zuvor festgehaltenen Hypothesen geleitet und widmet sich der empirisch angelegten Erforschung der Studienwahl im Kontext eines multioptionalen Studienangebots.

Das Kapitel beginnt (Abschnitt 1) mit der Darstellung des gestuften Untersuchungsdesigns (S. 92-93), das auf die Überprüfung der drei Hypothesen zielt:

  • Stufe 1: Inhaltsanalyse des Studienangebots zur Frage der radikalen Differenzierung
  • Stufe 2: Befragung zu Kenntnis und Unkenntnis des multioptionalen Angebots
  • Stufe 3: Analysen zu den Mechanismen der Studienwahl

Die drei weiteren Abschnitte des Kapitels bilden nacheinander diese Stufen ab.

In Abschnitt 2 ist eine Makroanalyse des Studienfachangebots angelegt (S. 93-100). Auf eine Skizze zu Untersuchungsdesign, Grundgesamtheit und Feldzugang (S. 93-95) folgen Hinweise zur Erhebung (S. 95) sowie deren Auswertung und Ergebnisse (S. 95-99). Beispielhaft wird für die Informatik als Studienfach deren kaum überschaubare Ausdifferenzierung demonstriert. Das daran anschließende Zwischenfazit zur Makroanalyse des Studienfachangebots (S. 99-100) konstatiert für die vergangenen 10-12 Jahre einen Anstieg der Studienangebote um das 14-fache, während der Anstieg über 30 Jahre zuvor nur das 0,5-fache betrug. So wird „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ davon ausgegangen, dass mit der Bolognareform eine radikale Ausdifferenzierung des Studienangebots „als weitestgehend nicht bedachte Nebenfolge“ eingeleitet wurde.

In Abschnitt 3 wird in einer Mikroanalyse per Fragebogen das Phänomen der Unkenntnis als Grenze einer rationalen Studienwahl untersucht (S. 100-149). Dem Überblick über die Fragebogenkonstruktion (S. 101-105) folgen Hinweise zu Feldzugang und Gütekriterien (S. 106-108). Bei der Online-Umsetzung wurde das gesamte Hochschulspektrum in Deutschland berücksichtigt. Die Stichprobenbeschreibung (S. 108-110) gibt Aufschluss über die Beteiligung. Berücksichtigt wurden nur die Antworten von Studierenden der ersten drei Semester, weil für höhere Semester zu erwarten war, dass sich Interessen im Zuge der Hochschulkarriere verändern.

Erhoben wurden als Voraussetzungen der Studienwahl mit Bezug auf den höchsten Bildungsabschluss der Eltern die Zusammenhänge von Hochschulwahl und Bildungsmilieu (S. 110-111). Weitere Erhebungspunkte waren die Interessen im Kontext des Matchingmodells (S. 111-117), Kenntnisse und Unkenntnisse über das Studienangebot (S. 117-141) sowie Zusammenhänge zwischen Kenntnis und Unkenntnis im Kontext der Studienwahl (S. 141-147).

Ein Zwischenfazit (S. 148-149) hält als Ergebnis die Beobachtung fest, dass Studienwählende die allgemeinen Studiengangsbezeichnungen als bekannt, die jeweiligen spezialisierten Studiengänge aber als Unbekannt einstuften. Das wiederum befördert eine nicht rational reflektierte Studienwahl, die Unsicherheit im Bezug auf die Studienwahl selbst wie auch im Bezug auf die Berufsorientierung hervorruft. Als Ursache wird „die radikale Differenzierung des Studienangebots“ identifiziert.

Abschnitt 4 geht im Zuge einer fallrekonstruktiven Untersuchung (S. 149-174) der dritten Hypothese und damit der Frage nach, „wie gewählt wird“. Zunächst werden methodischer Zugang und Fallauswahl dargelegt (S. 149-152). Der Zugang geschieht über eine Kombination aus leitfadengestütztem Fokusinterview und problemzentriertem Interview. Zusätzlich wurde angestrebt, anhand einzelner Fallbeispiele „bisher unbekannte Entscheidungsmechanismen in der Studienwahl aufzudecken“. Fallspezifische Strukturen und Regelhaftigkeiten sollten über die Auswertungsmethode des sequenzanalytisch-fallrekonstruktiven Untersuchungsdesigns aufgedeckt werden (S. 152-153). In der Sequenzanalyse konnten so auch Fälle in Bezug gesetzt werden, die in Kontrast zueinander standen. Es folgen die Fallbeispiele mit Fallrekonstruktion und Interpretation (S. 153-170). In der abschließenden Zusammenhang der Ergebnisse der Fallbeispielanalysen (S. 170-175) werden die gefundenen Entscheidungsprinzipien beschrieben und charakterisiert. Demnach wird deutlich, dass sich Studienwählende „sehr bewusst mit der Problematik der Multioptionalität auseinandersetzen“ und dass Bewältigungsstrategien „sehr individuell“ und „sehr strategisch“ gewählt werden.

Zu Fazit, Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick

Kapitel 4 (S. 175-194) führt die Überlegungen und die eigenen empirischen Ergebnisse zu einem Fazit zusammen. Darin werden eine Zusammenfassung und ein Ausblick gegeben.

In seiner Zusammenfassung (S. 175-188) hebt der Autor hervor, dass zwar kein abschließendes deduktiv-theoretisches, aber immerhin ein heuristisch-deskriptives Modell erreicht werden konnte, um die veränderte Hochschullandschaft und die Folgen daraus für die Studienwahl signifikant zu erfassen. Gezeigt habe sich dabei, dass das Faktum Multioptionalität für Studienwählende „nicht mehr zu bewältigen“ sei. Die Studienwahl erfolge „unter Unkenntnis der Möglichkeiten“. Sie werde von Uneindeutigkeiten begleitet, stoße an Grenzen ihrer Begründbarkeit und sei schließlich auch keine abgeschlossene Entscheidung mehr. Die Entscheidung selber folge weniger den klassischen Rationalitätsmustern, sondern „individuellen Selektionsheuristiken“.

Im abschließenden Punkt Diskussion und Ausblick (S. 188-194) wird dann nochmals deutlich, dass die Bolognareform eine Ökonomisierung der Hochschulen, eine verstärkte Arbeitsmarktorientierung und zuletzt einen Wettbewerb zwischen Hochschulen um Studieninteressierte vorangetrieben hat. Bei gleichzeitig per Hochschulrahmengesetz gewährten neuen Freiheiten der Hochschulen ergibt sich daraus eine „absurde Eigenlogik“, die in die radikale Differenzierung der grundständigen Studienangebote führt. Die damit einhergehende „Verunmöglichung einer rationalen Wahl aufgrund der Unkenntnis des passenden Studienangebots“ zeigt eine problematische Zuspitzung. Eine Lösung der Problematik sieht der Autor in einer „Reform der Reform“. Das hieße vor allem, sich unter Beibehalt der Bologna-Hochschulstrukturen mit dem Phänomen der Multioptionalität zu befassen mit dem Ziel, Differenzierung zwar zu ermöglichen, aber den Grad der jetzigen Radikalität zu verlassen. Der Autor sieht hier die Hochschul- und Bildungspolitiker in der Pflicht. Hier kommen auch die Schulen in den Blick, deren Oberstufenangebote auf die Situation der Studienwahl besser ausgerichtet werden könnten. Als konkrete Maßnahme käme weiterhin ein studium generale in Betracht, das als Orientierungsphase dem eigentlichen Studium vorgeschaltet ist und die Studienwahl so erleichtert.

Dem Buch ist ausführliches Literaturverzeichnis (S. 195-206) sowie ein Abbildungs-, Abkürzungs- und Tabellenverzeichnis (S. 222-224) beigegeben. Im Anhang (S. 207-221) finden sich der entwickelte Online-Fragebogen und der zugrunde gelegte Interviewleitfaden

Diskussion

Die vorliegende Untersuchung geht von der These aus, dass die Studienwahl durch die Bolognareform und die von ihr angestoßene Dynamik der Ausdifferenzierung zur Herausforderung geworden ist. Die im Auswahlprozess angestrebte Passung von Neigung und Interesse hier und profiliertem Studienangebot dort erscheint unerreichbar, wenn der Primat der Multioptionalität sowohl die Entscheidungsperspektive als auch die Angebotsstruktur in die Mehrdeutigkeit führt. Die These wird nach beiden Seiten hin überprüft: Ein Ansatzpunkt ist, theoretisch und empirisch zu bestätigen, dass sich im Zuge der Bolognareform die Studienangebote an den Hochschulen – der Blick geht auf Deutschland – tatsächlich maßgeblich verändert und ausdifferenziert haben. Der andere Ansatzpunkt ist, die daraus resultierende Entscheidungslage für die Studienwahl zu analysieren und zu bewerten. Dem Autor geht es hier um ein Verständnis der Entscheidungsmechanismen, wenn klar ist, dass die Studienwahl weniger durch klare Profile und Perspektiven als durch die Erwartung – und das Versprechen – von komplexer Verwertbarkeit bestimmt wird.

Fazit

Die Untersuchung von Marco Schröder stellt sich einem „gefühlten“ Phänomen: dass es im Zuge der Veränderungen, die die Bolognareform für die deutsche Hochschullandschaft gebracht hat, für Studieninteressierte und künftige Studierende zunehmend schwierig geworden ist, sich in bizarrer Angebotslandschaft zurecht zu finden und das für sich passende und richtige Studienfach zu wählen. Schröder stellt sich der Herausforderung, diesem Eindruck auf den Grund zu gehen. Er findet einen überzeugenden Weg der Bestätigung. Seine Analyse stützt sich auf bereits vorliegende Studien und Modelle. Zusätzlich führt er eine eigene Befragung durch, die mittels Fragebogen ein Bild von der neuen Unübersichtlichkeit erbringt und mittels gezielter Interviews markante Impulse im Wahlverhalten von Studienwählenden freilegt. Über die Bestätigung der neuen Komplexitätsproblematik hinaus gewähren die Ergebnisse, die Schröder präsentiert, so auch Einblick in die Kriterien und Mechanismen einer eher individualistisch und subjektiv angelegten Studienwahl. Schröder findet Anlass, diese Mechanismen zu kritisieren, weil sie mit signifikanten Unsicherheiten nicht zuletzt im Blick auf die Berufswahl einhergehen. Das System Bologna führt hier im Hochschulbereich zu einer Spitze, die nie intendiert war: Öffnung und Ausdifferenzierung der Planungs- und Konzeptarbeit der Hochschulen haben in die Multioptionalität geführt. Die darin liegende, neue Herausforderung bleibt aber so lange eine nicht hinnehmbare Absurdität, wie flankierende Maßnahmen der Bildungspolitik, der Schulen und der Hochschulen ausbleiben. Schröders Verdienst ist es, die Problematik nicht nur offengelegt, sondern auch die Ansatzpunkte herausgearbeitet zu haben, wie Korrekturen am System sinnvoll vorgenommen werden könnten.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Schumacher
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Thomas Schumacher. Rezension vom 16.10.2015 zu: Marco Schröder: Studienwahl unter den Folgen einer radikalen Differenzierung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2015. ISBN 978-3-7815-2015-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18711.php, Datum des Zugriffs 16.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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