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Franz X. Kaufmann: Sozialstaat als Kultur

Cover Franz X. Kaufmann: Sozialstaat als Kultur. Soziologische Analysen II. Springer VS (Wiesbaden) 2015. 475 Seiten. ISBN 978-3-531-17301-6. 34,99 EUR.
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Thema

Der Band analyisert Zusammenhänge zwischen einer staatlichen Sozialpolitik und ihrer gesellschaftlichen Kultur. Er beschäftigt sich mit den Ursprüngen einer Kultur des Sozialen, ihren Wirkungen auf die durchgeführte Sozialpolitik und mit den Rückwirkungen der Politik auf praktizierte, solidarische Lebensweisen und ideell begründete Einstellungen.

Autor

Dr. oec. Dr. h.c. mult. Franz-Xaver Kaufmann ist emeritierter Professor für Sozialpolitik und Soziologie an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.

Er ist durch zahlreiche Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Soziologie, der Sozialpolitik, u.a. ihrer Geschichte und der Wohlfahrtsstaatenforschung, sowie der Religionssoziologie national und international ausgewiesen.

Entstehungshintergrund

In dem Band sind Aufsätze zusammengetragen, die in verschiedenen Zusammenhängen entstanden und an unterschiedlichen Orten erschienen sind.

Der vorliegende Band ist mit „Soziologische Analysen II“ untertitelt. Als den Band „Soziologische Analysen I“ muss man „Sozialpolitik und Sozialstaat: Soziologische Analysen“ vom selben Autor ansehen, der seit 2002 dreimal aufgelegt und jeweils erweitert worden ist. Der Schwerpunkt der dort gesammelten Aufsätze liegt auf einer engeren und operativeren Analyse der Sozialpolitik, den Auswirkungen des demographischen Wandels und des Sozialstaates. Im Vergleich dazu stehen hier ideelle Grundlagen unterschiedlicher Art, die gesellschaftlich wirkungsvoll wurden, im Fokus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält 17 Beiträge, die den folgenden Kategorien zugeordnet sind:

  1. Kultur und Sozialstaat
  2. Quellen wohlfahrtsstaatlichen Denkens
  3. Normative Grundbegriffe
  4. Normative Spannungen.

Die einzelnen Aufsätze sind im Schnitt in den letzten 10 bis 15 Jahren veröffentlicht und jetzt noch einmal aktualisiert worden, lediglich einer weicht davon ab, der das Schlusswort der Habilitationsschrift des Autors vom Beginn der 70er Jahre darstellt.

Alle Beiträge sind vom Autor mit Zusammenfassungen versehen. Weiterhin benennt er selbst die Ergänzungen und Kürzungen gegenüber den Erstveröffentlichungen, so dass der/die Leser/in schnell über mögliche Weiterführungen informiert wird.

Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis für alle Beiträge. Es folgen ein ausführliches Personenregister sowie eine Gliederung, die etwas informativer als die zu Beginn stehende Übersicht ist. Beide erleichtern es, Querverbindungen zwischen einzelnen Beiträgen und Unterkapiteln zu finden.

Anhand der Hauptteile A – D soll im Folgenden der Inhalt dargestellt werden. An ihnen ist der programmatische Aufbau der Veröffentlichung erkennbar.

In Teil A („Kultur und Sozialstaat“) umreißen die ersten drei Beiträge die Grundlegung der gewählten Perspektive: Was bedeutet eine Analyse des Sozialstaates aus kultureller Perspektive? Hier werden die theoretische, kultursoziologische Verankerung und der analytische Rahmen grundsätzlich verdeutlicht.

In den folgenden Teilen B – D finden sich dann drei Themenbereiche, mit denen der Autor an ethische Ideen, rechtliche Grundlagen, geschichtliche Entwicklungen und gegenwärtige Auseinandersetzungen anknüpft:

Mit den „Quellen wohlfahrtsstaatlichen Denkens“ (Teil B) geht es sowohl um Ursprünge als auch um ideelle Grundlegungen und damit um die Motivationen und die Antriebe, die zur Entwicklung des Sozialstaates beitrugen. Hier finden sich Analysen zu ökonomischen Ideen des 18. Jahrhunderts, zur Gegenüberstellung von Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert, zu den Veränderungen durch die Europäische Union und zur Bedeutung christlicher Einstellungen.

Darauf folgen „normative Grundbegriffe“ (Teil C), die in politischen, rechtlichen, sozialphilosophischen oder soziologischen Diskussionen und als Zielvorgaben für politische Maßnahmen eine zentrale Stellung einnehmen: Menschenrechte, Inklusion statt Exklusion, Gerechtigkeit, Sicherheit, Gemeinwohl und Solidarität.

Geht es im Teil C um das Eruieren von Grundlagen des sozialen Handelns im Sozialstaat, so widmet sich der nächste Teil „Normative Spannungen“ (Teil D) ausgewählten gegenwärtigen Auseinandersetzungen. Hier werden Rückwirkungen von politischen Vorhaben auf die sozialstaatliche Kultur analysiert, z.B. bei Fragen der monetären Bewertung, der Zumessung von Eigenverantwortung oder der sozialen Sicherheit. Hier wird auch die Besonderheit von Konflikten normativer Art angeschnitten.

Das zentrale Anliegen des Autors liegt darin, jene sozialen, kulturellen Elemente zu identifizieren und zu analysieren, die den Sozialstaat bewegen, antreiben und verändern. Damit rücken einzelne konkrete Entscheidungen, ökonomische Bewertungen, ethisch begründete Ideen oder individuelle Handlungsstrategien in den Hintergrund. Mit seiner kulturellen Analyse grenzt sich der Autor gegen historische, ökonomische und juristische Analysen, aber auch gegen klassen- und interessengeleiteten, institutionalistischen oder differenzierungstheoretischen Analysearten des Sozialstaates ab (vgl. S. 57). Dabei vertritt er den Anspruch, die anderen Ansätze nicht zu widerlegen, sondern sie mit der kulturellen Analyse zu ergänzen: Er möchte den gemeinten Sinn, den die Akteure und die Rezipienten mit ihrem sozialen Handeln verbanden, erfassen.

Diese kulturelle Frage ist für Wohlfahrtsstaaten bedeutsam, weil in ihrer Bevölkerung eine Einstellung entstanden sein muss, dass es sinnvoll ist, innerhalb eines Staates nicht nur individuelle oder Gruppenegoismen zu verfolgen, sondern die Rechte und Anliegen anderer anzuerkennen und zu respektieren. Diese Einstellung muss sich außerdem real auswirken und sich z.B. in Konfliktfällen bewähren, in denen man nicht nur den individuellen Nutzen verfolgt, sondern sich loyal gegenüber allgemeinen Regeln und rücksichtsvoll gegenüber anderen Gruppen verhält (vgl. z.B. S. 32, 54). Geschieht dies nicht, wird die Einstellung nicht zu einer sozialen Tatsache, sondern bleibt eine bloße Idee.

Der kulturelle Ansatz zeigt sich neben dieser Fragestellung in der inhaltlichen Auswahl, dem methodischen Zugang und der reflektierten Distanz zur eigenen kulturellen Prägung, also in der gesamten Anlage des wissens- und kultursoziologischen Zugangs (vgl. z.B. S. 19 – 24).

Diskussion

Mit diesem Band wird die kulturelle Dimension des Sozialstaates hervorgehoben. Natürlich gibt es auch rechtliche und finanzielle Hürden, ethische oder rechtliche Konflikte, politische Kämpfe und Kräfte – aber dies ist nicht alles.

Für den/die Leser/in ergibt sich der Vorteil, dass jemand, der lange auf diesem Gebiet gearbeitet hat, Einsichten und aktuelle Weiterführungen vorlegt. Dies geschieht äußerst verständlich, präzise und in der Vorgehensweise exemplarisch.

Allerdings nimmt der Autor nicht alle möglichen Themen in den Blick; man könnte sich fragen, warum neuere „Subkulturen des Sozialen“, Frauenfragen oder die Sozialdemokratie fehlen. Vor diesem Hintergrund wird jedoch gleichzeitig die spezifische Leistung des vorliegenden Bandes deutlich: Die ausgewählten Themen zählen zweifellos zum Zentrum der sozialpolitischen Diskussionen und Traditionen. Sie werden – und darin liegt ein weiteres Verdienst dieser Arbeiten – von überkommenen, schablonenhaften Vorstellungen befreit. Gegen Deutungen, die in der bisherigen Rezeption überwiegen und dadurch folgenreich sind, verdeutlicht Kaufmann die sozialen Bedingungen, die Missverständnisse im heutigen oder damaligen Verständnis und die Bedeutungen für das Handeln.

Mit den zentralen Fragestellungen der sozialpolitischen Diskussion bieten die Themen zudem wichtige Anknüpfungspunkte zu anderen Disziplinen, zu historischen, juristischen, ökonomischen, sozialethischen und sozialarbeiterischen Fachgebieten, und verdeutlichen interdisziplinär die Bedeutung kulturwissenschaftlicher Zugänge.

Die Kultur als das, wie Menschen in Gruppen bis hin zu Staatsbevölkerungen ihre Umwelt deuten, ist nichts Technisches oder etwas, das sich einfach einstellt – es gibt vielfältige Faktoren, die sie beeinflussen. Erst recht ist nicht gewährleistet, dass die Kulturen und die Faktoren so bleiben, wie sie sind. Die neutralste Formulierung dazu wäre, dass sich die kulturellen Voraussetzungen des Sozialstaates verändern; eine spektakulärere Formulierung wäre, dass man sie zerstören kann. Kaufmann selbst sagt, dass es sein Anliegen ist, die Fragilität und Prozessualität (vgl. S. 34, 32) der Sozialpolitik, ihre Veränderungsmöglichkeit und -fähigkeit, darzustellen und dadurch zu ihrem Verständnis beizutragen. Die Frage, welche sozialen Impulse und Triebkräfte die weitere Entwicklung bestimmen werden, ist eine Herausforderung der praktizierten und zukünftigen Sozialpolitik.

Noch eine letzte Anmerkung: Ohne auf aktuelle politische Auseinandersetzungen explizit einzugehen und ohne z.B. den Begriff „neoliberal“ zu benutzen, finden sich dazu in den Aufsätzen differenzierte und fundierte Beiträge. Gerade weil der politische Schlagabtausch z.Tl. verfestigt ist, zeigen die Beiträge mit ihrer methodischen Vorgehensweise und ihren inhaltlichen Aussagen Wege aus der Verengung auf.

Fazit

Eine sehr instruktive Veröffentlichung, die die sozialen Voraussetzungen für die bisherigen Wirkungen und die Weiterentwicklung von sozialpolitischen Regelungen differenziert thematisiert.


Rezension von
Prof. Dr. Johanna Bödege-Wolf
Administrative und politische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Fakultät I Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Johanna Bödege-Wolf. Rezension vom 09.07.2015 zu: Franz X. Kaufmann: Sozialstaat als Kultur. Soziologische Analysen II. Springer VS (Wiesbaden) 2015. ISBN 978-3-531-17301-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18717.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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