Christoph Wewetzer (Hrsg.): Zwänge bei Kindern und Jugendlichen
Rezensiert von Dr. Christian Brandt, 05.10.2004
Christoph Wewetzer (Hrsg.): Zwänge bei Kindern und Jugendlichen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2004. 144 Seiten. ISBN 978-3-8017-1739-1. 24,95 EUR. CH: 43,90 sFr.
Einführung in die Themenstellung
Als vorübergehende Erscheinung tauchen zwanghafte Verhaltensweisen in den meisten Entwicklungsverläufen auf, störungswertige Zwänge sind dagegen eine ernst zu nehmende und behandlungsbedürftige seelische Beeinträchtigung. Der natürliche Verlauf von Zwangsstörungen zeigt ein hohes Chronifizierungsrisiko. Etwa die Hälfte aller Zwangserkrankungen setzt bereits in der späten Kindheit ein, wird aber meist über längere Zeit von den Betroffenen verborgen. Behandler werden daher für gewöhnlich mit bereits stark chronifizierten Störungen konfrontiert, bei denen mit hartnäckigen Behandlungsverläufen gerechnet werden muss. Im Falle bereits eingetretener Chronifizierung werden neben konflikt-, beziehungs- und kompetenzbezogenen Behandlungselementen in der Regel symptomspezifische Behandlungsmaßnahmen erforderlich sein, um eine ausreichende Besserung zu ermöglichen. Hierzu sollte auf Seiten des Behandlers neben der Kenntnis geeigneter Interventionsansätze ein möglichst fundiertes störungsbezogenes Wissen vorliegen, nicht zuletzt um die Betroffenen und ihre Familien über die typische Struktur und Dynamik der Zwangsstörung informieren zu können.
Entstehungshintergrund des Buches
Der besprochene Band stellt entsprechendes Störungswissen in knapper und übersichtlicher, gründlich durchgearbeiteter Form zur Verfügung. Der Herausgeber, Professor Dr. med. Christoph Wewetzer und alle Autorinnen und Autoren des Bandes sind der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Würzburger Julius-Maximilians Universität zugehörig. Christoph Wewetzer hat sich in Würzburg über eine Familienuntersuchung zur Zwangsstörung habilitiert. Aus der Würzburger Klinik wurden bereits einige Arbeiten zur Erforschung des Störungsbildes veröffentlicht.
Aufbau und Inhalte
- Die Einleitung durch die beiden Professoren Christoph Wewetzer und Andreas Warnke bietet einem kurzen historischen Überblick, sowie Ausführungen zur Klassifikation und differentialdiagnostischen Abgrenzung der Störung.
- In seinem Beitrag zur Epidemiologie der juvenilen Zwangsstörung gibt Wewetzer eine knappe Übersicht über relevante Daten zur Auftrittshäufigkeit, zum typischen Erkrankungsalter und der Geschlechterverteilung.
- Im Kapitel zur Phänomenologie der juvenilen Zwangsstörung werden Untersuchungen zum symptomatischen Erscheinungsbild, sowie Studien zu relevanten komorbiden Störungen diskutiert. Wewetzer und Karin Klampf setzen sich dabei detailliert mit den vorliegenden, teilweise inkonsistenten Befunden auseinander.
- Im Abschnitt zur Ätiologie und Genese diskutieren Claudia Mehler-Wex, Susanne Walitza und Wewetzer neurophysiologische und genetische Befunde zur Erklärung der Zwangsstörung. Die Darstellung bleibt dabei trotz des hohen Spezialisierungsgrades insgesamt recht gut verständlich.
- Zwangsstörungen erzeugen im familiären Kontext in der Regel erhebliche Interaktionsprobleme. Norbert Beck setzt sich mit den familiären Aspekten der juvenilen Zwangsstörung auseinander und gelangt zu Aussagen über familiäre Risikofaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung.
- Der Beitrag von Uwe Hemminger und Wewetzer zu verhaltenstherapeutischen Interventionen gibt klare und prinzipiell gut nachvollziehbare Behandlungsempfehlungen. Allerdings sind die Darlegungen weitgehend auf die klassische lerntheoretische Rekonstruktion der Zwangsstörung ausgerichtet. Empirische Abweichungen von dieser idealtypischen Struktur, mögliche Komplikationsfaktoren und gegebenenfalls erforderliche Behandlungsmodifikationen werden nicht diskutiert.
- Die Ausführungen von Christoph Wewetzer zur Pharmakotherapie der Zwangsstörung bei Kindern und Jugendlichen gehen besonders auf die Bedeutung der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ein.
- Abschließend konzentrieren Thomas Jans und Wewetzer sich auf den Verlauf von Zwangsstörungen mit Beginn im Kindes-und Jugendalter. Das Wissen über störungstypische Verläufe stammt vorwiegend aus Nachuntersuchungen von Patienten-Stichproben. Die oft schwer vergleichbaren Daten werden von den Autoren gründlich diskutiert. Der Artikel geht auf Verlaufsprädiktoren und hinzutretende komorbide Störungen ein.
Zielgruppe und Fazit
Das Buch ist Psychotherapeuten, die mit Kindern- und Jugendlichen arbeiten, sowie kinder- und jugendpsychiatrisch tätigen Ärzten uneingeschränkt zu empfehlen. Die Autoren diskutieren die vorliegenden empirischen Befunde zur juvenilen Zwangsstörung auf hohem wissenschaftlichem Niveau, bleiben dabei in aller Regel gut verständlich und tragen behandlungsrelevantes Wissen zusammen. Allein im Abschnitt zur Intervention wäre für spätere Auflagen eine Auseinandersetzung mit häufig anzutreffenden Komplikationsfaktoren noch wünschenswert. Für "Einsteiger" in die Thematik könnte eine kleine Auswahl weiterführender Literaturhinweise zusätzlich hilfreich sein.
Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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