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Regine Hartung, Katty Nöllenburg u.a. (Hrsg.): Interkulturelles Lernen

Cover Regine Hartung, Katty Nöllenburg, Özlem Deveci (Hrsg.): Interkulturelles Lernen. Ein Praxisbuch. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. 206 Seiten. ISBN 978-3-95414-004-6. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR.
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Thema

Die Vielfalt der Lebensweisen und Kommunikationsformen, die in der Schule zusammenkommen, ist eine Herausforderung für alle Beteiligte, aber auch eine besondere Lerngelegenheit. Es kommt sehr darauf an, wie die interkulturelle Öffnung der Schule in die Praxis umgesetzt wird.

Herausgeberinnen

  • Regine Hartung ist Referentin für interkulturelle Erziehung der Senatsbehörde für Schule und Berufsbildung in Hamburg.
  • Katty Nöllenburg leitet das dortige Institut für konstruktive Konfliktaustragung.
  • Öslem Deveci vertritt das Hamburger Netzwerk „Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte”.

Entstehungshintergrund

Die drei Herausgeberinnen haben vorwiegend Lehrkräfte, aber auch andere pädagogische Mitarbeiter und Experten der außerschulischen Bildungsarbeit, allesamt aus Hamburg, dafür gewonnen, in kurzen Beiträgen ihre interkulturelle Praxis vorzustellen.

Aufbau

Der Band vereint 29 kurze Beiträge, die in sechs Kapitel sortiert sind. Nach der Einführung geht es zunächst um das Interkulturelle im Fachunterricht (II.), dann in III. um interkulturelle Projekte, in IV. um die Zusammenarbeit mit den Eltern. Das V. Kapitel ordnet die interkulturelle Öffnung in die Schulentwicklung ein. Abschließend werden Quellennachweise und Links aufgeführt.

Inhalt

Das „Praxisbuch” will von einem erweiterten Kulturbegriff ausgehen und auch die Vielfalt der sozialen Milieus, Unterschiede der Geschlechter und Generationen, der sexuellen Orientierungen und Religionszugehörigkeit berücksichtigen, bezieht sich indes fast ausschließlich auf die ethnische Herkunft, sprich Migrationshintergrund.

Interkulturelle Kompetenz wird als ein Bündel von Fähigkeiten definiert, die im Umgang mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden erworben und praktiziert werden sollen. Jeder Mensch ist ein Individuum, aber auch kollektiv geprägt; man sollte sich seiner Werte, aber auch Bewertungen anderer, seiner Vorurteile bewusst werden. Tatsächlich gibt es viele Momente im Klassenzimmer und außerhalb, in denen Unterschiede der Herkunft überhaupt keine Rolle spielen, die Gemeinsamkeiten überwiegen.

Interkultureller Fachunterricht wird z.B. praktiziert, wenn Schüler einen Raum der Religionen gestalten oder auf Musikinstrumenten aus den verschiedensten Ländern spielen. Unter dem Titel „Haymatloz” haben Schüler die Migrationsbiografien Prominenter wie auch ihrer eigenen Familien nachgezeichnet. In Tandems können sich Schüler wechselseitig mit ihren unterschiedlicher Herkunfts- bzw. Muttersprachen vertraut machen.

Im Projekt „Junge Vorbilder” geben Mentoren und Mentorinnen aus Einwandererfamilien, die studieren oder beruflich etabliert sind, Schülern der 8.-10. Klassen mit Migrationshintergrund nicht nur Nachhilfeunterricht, sondern die Motivation, es auch schaffen zu wollen.

Schulen in Stadtteilen mit hohem Einwandereranteil haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Eltern in den hauptsächlich vertretenen Muttersprachen (Farsi, Türkisch, Kurdisch, Russisch, Albanisch) per Printmedien oder DVD über das Schulsystem und die Förderungsmöglichkeiten zu informieren. In manchen Schulen sind Elterncafés eingerichtet, Mütter werden zum Deutschkurs am Vormittag eingeladen, türkischsprachige Väter machen zusammen mit ihren Kindern eine Stadtrundfahrt.

Lehrkräfte mit Migrationshintergrund sind Schlüsselfiguren des interkulturellen Lernens an den Schulen, Vermittler, Vorbilder – aber keineswegs jeder eigenen Reflexion und Selbstkritik damit enthoben.

Abschließend empfiehlt Regina Hartung den Lesern, auch an der eigenen Schule mit der interkulturellen Öffnung zu beginnen.

Diskussion

Es ist sicher schon ein Erfolg, so viele Akteure der interkulturellen Szene Hamburgs für eine gemeinsame Publikation zu gewinnen. Die Beiträge fallen, wie immer in solchen Fällen, recht unterschiedlich aus, auch in Hinsicht auf Praxisnähe, aber auch Stilsicherheit (inklusive Interpunktion) und Anschaulichkeit.

Trotz des transkulturellen Ansatzes dominiert der ethnisch-nationale Kulturbegriff. Nur ein Beitrag deutet die Inklusion behinderter Menschen an. Ein Projekt mit türkischstämmigen Jungen kann nicht überzeugen, da die handwerklich-technischen Aktivitäten dann doch sehr dem herkömmlichen Rollenbild entsprechen. Ob es sinnig ist, erst Stereotype über Deutsche oder Amerikaner abzurufen, d.h. ja auch aufzubauen, um sie dann zu „erschüttern”, ist zu bezweifeln.

Immer wieder gelingt es einem Beitrag, dem Leser die „Kulturbrille” bewusst zu machen, etwa wenn eine bekannte Übung, oft auf ein angelsächsisches Mädchen namens „Abigail” fixiert, für „Ayse” zu ganz anderen Ergebnissen (der moralischen ) Bewertung führt.

Entgegen der Ankündigung, dass auch das Lernpotential in und mit Konflikten deutlich werden soll, bleiben alle Beiträge der Multikulti-Harmonie verpflichtet.

Mancher Beitrag kommt über eine institutionelle Selbstdarstellung (UNESCO-„Projekte”?) nicht hinaus

Fazit

Anregend!


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 13.04.2015 zu: Regine Hartung, Katty Nöllenburg, Özlem Deveci (Hrsg.): Interkulturelles Lernen. Ein Praxisbuch. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. ISBN 978-3-95414-004-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18730.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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