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Alfred Czech, Josef Kirmeier u.a. (Hrsg.): Museumspädagogik. Ein Handbuch

Cover Alfred Czech, Josef Kirmeier, Brigitte Sgoff (Hrsg.): Museumspädagogik. Ein Handbuch. Grundlagen und Hilfen für die Praxis. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 348 Seiten. ISBN 978-3-89974-886-4. D: 49,80 EUR, A: 51,20 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Museen sammeln, pflegen und erforschen Gegenstände aller Art – und präsentieren sie, um ein unbestimmtes Publikum damit bekannt zu machen. Zugleich ist ein Museum aber auch Lernort, den sich andere Bildungseinrichtungen, insbesondere die Schulen, zu Nutze machen können. Diese Vermittlungsprozesse werden auch Museumspädagogik genannt.

Herausgeber und Autoren

Das Handbuch ist im Umfeld des Museumspädagogischen Zentrums München entstanden. Die Beiträge stammen von Lehrkräften und Wissenschaftlern, die allesamt museumspädagogische Praxis haben.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber haben einen speziellen Bedarf darin gesehen, ein Standardwerk zu schaffen, das sowohl einen systematischen Überblick über die Museumspädagogik gibt als auch angehenden Fachkräften als praktische Handreichung dienen kann. Das Schwergewicht soll dabei auf der methodischen Vermittlung an Schülergruppen liegen.

Aufbau

Das Handbuch ist in vier große Bereiche gegliedert, denen jeweils eine inhaltliche Einführung von Alfred Czech vorangestellt ist.

  1. Im ersten Bereich sind es sechs „Einführungen“, die den Leser u.a. mit der historischen Entwicklung der Museumspädagogik, deren Bildungsauftrag und das Verhältnis zum Geschichtsunterricht bekannt machen.
  2. Im zweiten Bereich gehen elf Aufsätze auf die Zielgruppen und entsprechende Kooperationspartner ein, nämlich auf Kinder und Jugendliche in allen Altersgruppen, von der Kita bis zum Gymnasium, Schüler mit Migrationshintergrund, in der beruflichen Bildung und behinderte Menschen.
  3. Der dritte Bereich betrifft die Strategien und Methoden, mit denen Pädagogen Kinder und Jugendliche für das Museum gewinnen und im Museum aktivieren wollen. Beispielsweise dienen dazu Arbeitsblätter oder die eigene künstlerische Gestaltung in Museumswerkstätten vor oder nach der herkömmlichen „Führung“.
  4. Im vierten Bereich schließlich findet der Leser zahlreiche Hinweise, wie Schülergruppen auf einen Museumsbesuch vorbereitet werden sollen, oder Checklisten mit den Anforderungen an eine gute Museumswerkstatt, schließlich einen Musterbogen für das Feedback der Besucher nach einem Museumstag.

Inhalt

Der Überblick zeigt die Entwicklung des Museums vom Kuriositätenkabinett zum Lernort. Dabei wird deutlich, dass die „klassische“ Form der Vermittlung, die Führung, auch mit Gesprächsanteilen, lange Zeit dominierte, erst in den letzten zwei, drei Jahrzehnten deutlich durch andere, aktivierende Methoden ergänzt und modifiziert, aber beileibe noch nicht ersetzt worden ist.

Die Herausforderung der Museumspädagogik besteht darin, wissenschaftliche oder künstlerische Sammlungen so zu gestalten, dass sie Besucher anspricht und fesselt, ohne gleich zum Event werden zu müssen. „Museum für alle“ ist der Anspruch, Museen in jeder Hinsicht barrierefrei zu machen.

Die „Begegnung mit dem Original“ ist meist nur visuell möglich. Da die Exponate zu bewahren und zu beschützen sind, können Besucher nur mit Abbildungen hantieren, also Objekte zeichnen, mit Fotos Memories anfertigen. Die Alternative sind nicht-museale Gegenstände, also eigens angefertigte Kopien, oder Übungen zur Verbesserung der Sinneswahrnehmung, z.B. ein Test mit Geruchsproben oder der sog. Chinesischer Korb mit assoziationsfördernden Alltagsgegenständen. Es ist möglich, aber auch aufwändiger, Besuchern das Lebensgefühl einer Epoche oder eines Standes zu vermitteln, wenn sie deren Kleider (Rüstungen, Uniformen!) anprobieren oder die Figuren eines Gemäldes nachstellen können.

Museumspädagogen haben, bei aller wissenschaftlichen Expertise, keine Fachvorträge zu halten, sondern tun gut daran, sich auf die Interessen und das Niveau der Besucher einzustellen. Mit Vorsicht sind etwa bei der Zielgruppe der Grundschulkinder Detektivaufgaben und Suchspiele anzuwenden, die zwar die Kinder mit dem Museum vertraut machen und die Wahrnehmung üben, aber oft auch dazu führen, dass die Kinder die Objekte nur abhaken. Selbstverständlich gehört zum Besuch im Kunstmuseum, dass die Kinder oder Jugendlichen selbst mit Farbe und Pinsel loslegen.

Ausführlich reflektieren die Autoren das Verhältnis des Museums zur Schule. Sie empfehlen eindringlich, Unterrichtsinhalte in das Museum zu verlagern, z.B. bestimmte Arbeitstechniken oder Materialien, die Schüler Berufsbildender Schulen interessieren, dort zu präsentieren.

Diskussion

Das Handbuch ist sehr gefällig gestaltet. Das beginnt beim Seitenlayout und endet bei den zahlreichen Fotos (wenn sich auch manche in verschiedenen Ausschnitten wiederholen).

Es finden sich darin auch anspruchsvolle theoretische Überlegungen, etwa dazu, dass Museumspädagogen die Besucher dahin bringen müssen, die ausgewählten Exponate zu „rekontextualisieren“, also in den einstigen Funktionszusammenhang zu versetzen und das Interesse an der Vergegenwärtigung zu erkennen.

In der Hauptsache aber ist es ein Handbuch, das die Praxis im Museum darstellen möchte. Dabei bleiben einige Arbeitsansätze überaus blass, etwa wenn es um den Stellenwert, die Grenzen und Potentiale des Museums in der Einwanderungsgesellschaft, für interkulturelles Lernen und die globale Solidarität geht. Was ist ein Heimat-Museum?

Ein Problem und, wie ich meine, Nachteil des Handbuchs besteht darin, alle möglichen Museen zu betreffen; der Standardsatz ist denn auch, dass es viele Möglichkeiten gebe, je nachdem, ob es um einen Botanischen Garten, eine Gemäldegalerie, das Technikmuseum eines Autoherstellers, die ethnografische Sammlung oder das Heimatmuseum gehe. Da kann es ja nur bei Andeutungen bleiben.

Viel interessanter wäre m.E., das gesamte Vermittlungskonzepts eines Museums, vielleicht auch am Beispiel einer Sonderausstellung, kennenzulernen. Aus Sicht der Schule würde sich anbieten, ein bestimmtes Unterrichtsthema auszuwählen und dann von Anfang bis Ende durchzuspielen, wie Exponate des betreffenden Museums aktivierend genutzt werden können; damit wären auch die Vorteile gegenüber anderen außerunterrichtlichen Formaten oder in Verbindung mit diesen, z.B. mit dem Besuch bei einem Künstler im Atelier (wie das Handbuch selbst empfiehlt) oder auch dem Schulgarten,dem Theaterspiel, der Spurensuche oder dem Befragen von Zeitzeugen abzuschätzen.

Insgesamt, besonders aber im vierten Bereich der Handreichung, finden sich reichlich Belehrungen zur Organisation eines Museumsbesuch, die kaum eine Banalität auslassen (etwa in der Art „Man beachte, dass alle Schüler freie Sicht auf das Gemälde haben…“).

Fazit

Das Handbuch ist ein fein gestalteter Überblick über einige Möglichkeiten der Museumspädagogik. Was diese wirklich leisten kann und attraktiv macht, kann m.E. aber nur am Beispiel, für ein bestimmtes Thema mit einer bestimmten Zielgruppe, überzeugend gezeigt werden.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 13.04.2015 zu: Alfred Czech, Josef Kirmeier, Brigitte Sgoff (Hrsg.): Museumspädagogik. Ein Handbuch. Grundlagen und Hilfen für die Praxis. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-886-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18731.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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