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Siegfried Seyler: Europaschule in Hessen

Cover Siegfried Seyler: Europaschule in Hessen. Zwanzig Jahre Schulentwicklung und Bildung für Europa. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. 444 Seiten. ISBN 978-3-95414-024-4. D: 49,80 EUR, A: 51,20 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

1992 haben die ersten Hessischen Schulen als sog. Europaschulen eine Entwicklung begonnen, die durch interkulturelles Lernen und europapolitische Bildung gekennzeichnet sein sollte.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor war als Schulleiter einige Jahre an diesem Reformmodell unmittelbar beteiligt. Im Anschluss daran hat er die vorliegende Studie erarbeitet, mit der ihn der Fachbereich Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg 2012 promoviert hat.

Aufbau

Die umfangreiche Veröffentlichung beginnt mit kurzen Informationen zum Forschungsvorhaben, zur Forschungsmethodik und zur europäischen Dimension in der Schule (I-III).

Der erste große Hauptteil IV (S. 29 bis 143) ist dem Reformprogramm „Europaschulen“ 1992-2000 gewidmet, der nächste (V, 144-224) dem weiteren Fortgang nach 2000.

Das V. Kapitel präsentiert die Befragung der Schüler (S. 225-326). Folgerungen daraus und die Zusammenfassung finden sich in den Kapiteln VI und VII.

Nach den üblichen Quellen- und Literaturnachweisen werden die Experteninterviews und die Gruppeninterviews mit Schülern sowie der Fragebogen der Online-Befragung dokumentiert (S. 352-444).

Inhalt

Während die Kultusministerkonferenz mit ihren Beschlüssen „Europa im Unterricht“ (1978) und „Die Europäische Dimension in den Lehrplänen“ (1990) die Unterrichtsinhalte neu akzentuieren wollte, war das Programm „Europaschule“ ohne grundlegende Änderung der gesamten Schulkultur nicht denkbar. Dies begann schon damit, dass sich Schulen dafür bewerben mussten und das Vorhaben freiwillig und verantwortlich betreiben sollten, in Hessen auch konnten, da etliche Zuständigkeiten vom Ministerium auf die Schulen übertragen wurden. Allerdings musste die Dezentralisierung nach den Landtagswahlen 2001 wieder einer ministerialen Steuerung weichen.

Siegfried Seyler dokumentiert akribisch, wie sich die zunächst fünf, dann acht und mehr Schulen, darunter auch Gesamtschulen, auf den Weg machten, wobei die externe Beratung/Evaluation, vor allem jedoch die Vernetzung untereinander und mit den Partnerschulen im Ausland für Dynamik und Reflexion sorgten.

Er stützt sich hierbei auf alle möglichen Akten, Protokolle von Arbeitsgruppen oder Tagungsberichte, ferner auf Interviews mit Experten, d.h. Schulleiter aus dieser Zeit. Der Anspruch war letztlich der, dass engagierte Lehrkräfte und aktivierte Schüler, unter höchst erwünschter Beteiligung der Eltern, eine lernende Schule gestalten, die sich für die Belange der Gemeinde, das europäische Umfeld, aber auch globale und ökologische Fragen öffnet.

Wie kann nachgewiesen werden, dass sich die Schulen tatsächlich in diese Richtung verändern? Seyler löst das methodische Problem, ohne Vergleichsgruppe bei konstanter Umgebung oder im Zeitverlauf auskommen zu müssen, damit, dass er (im Sommer 2011) Schüler befragt, inwieweit sie glauben, diese oder jene Kompetenz in ihrer Schule erworben zu haben. Die Antworten von insgesamt 853 Schülern der 9. Jahrgangsstufe sowie einige der Gymnasialen Oberstufe ergeben zum Teil ernüchternde Tatsachen. So haben weniger als 40 % der Befragten an einem Austausch teilgenommen, Hauptschüler und Migrantenkinder deutlich weniger, Mädchen deutlich mehr.

Erfreulich erscheint die große Zahl von Schülerinnen, die (gerne) Fremdsprachen lernen, bedenklich freilich, dass die Herkunftssprachen der Kinder mit Migrationshintergrund nicht gewürdigt werden. Deutlich wird, dass ein Lernziel wie Empathie jederzeit im Schulalltag, aber eben auch bei der Gelegenheit des Auslandsaufenthalts erreicht werden kann. Für den Autor ist erwiesen, dass Europaschulen einen „starken Beitrag zu interkultureller Kompetenz“ leisten.

In Hinsicht auf politische Bildung urteilt er weit zurückhaltender, da kaum mehr als die Hälfte der befragten Schüler bestätigt, gelernt zu haben, welche Rolle die EU im normalen Leben spielt. Der Politikunterricht (häufig nur Institutionenkunde) und besonders die Austauschpraxis schöpfen ihre Möglichkeiten offensichtlich noch nicht aus. Große Erwartungen sind an curriculare Veränderungen geknüpft, herkömmlichen „Stoff“ in der europäischen oder globalen Dimension aufzubereiten oder europaweit drängende Jahresthemen („Aufstand der Jungen“) gemeinsam zu bearbeiten.

Für viele Eltern und Schüler ist „Europaschule“ eine Marke, eine markante Profilierung. Tatsächlich aber sind an vielen Stellen, etwa auch bei der Partizipation der Schüler, noch Spielräume ungenutzt bzw. offen.

Diskussion

Der Autor schaut mit Sympathie, aber auch reichlich Kritik und Selbstkritik auf diese Schulreform.

Offensichtlich haben die internationalen Begegnungen noch keineswegs die Breite und Tiefe, die nachhaltige Lernprozesse nun mal brauchen. Noch zu wenig Schüler sind beteiligt, die multilaterale Arbeit an ernsthaften Projekten ist noch in den Anfängen, es müssten auch mal Konflikte ausagiert werden.

Hier macht sich doch bemerkbar, dass ein wirklich operativer Begriff des interkulturellen Lernens nicht herausgearbeitet wurde: Der Autor folgt, trotz eigener Einwände, letztlich doch Autoren, die sich vom Containerbegriff von Kultur nicht lösen.

Einzelheiten der schulischen Praxis könnte der Leser allerdings nur beurteilen, wenn die Konzepte einzelner Veranstaltungen erklärt und die Projektarbeit anschaulich dargestellt wären. Dies wäre m.E. weit interessanter als die Rekonstruktion bürokratisch-politischer Vorgänge der Anfangszeit bzw. die wiederholte Klage darüber, dass die personellen und finanziellen Ressourcen dann doch wieder gekürzt wurden.

Fazit

Insgesamt eine konstruktive, empirisch begründete, selbstkritische Studie, die dafür wirbt, die interkulturell-europäische/globale Dimension für die Schulreform nutzbar zu machen:

Wenn Schüler Handlungskompetenzen erwerben sollen, brauchen sie dazu Handlungsmöglichkeiten. Klassenzimmer reicht nicht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 10.04.2015 zu: Siegfried Seyler: Europaschule in Hessen. Zwanzig Jahre Schulentwicklung und Bildung für Europa. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. ISBN 978-3-95414-024-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18732.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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