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Andreas Eis, David Salomon (Hrsg.): Gesellschaftliche Umbrüche gestalten

Cover Andreas Eis, David Salomon (Hrsg.): Gesellschaftliche Umbrüche gestalten. Transformationen in der politischen Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 270 Seiten. ISBN 978-3-89974-911-3. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Gesellschaftlicher Wandel, wie er sich in politischen Umwälzungen, wirtschaftlichen Krisen und sozialen Bewegungen ausdrückt, verändert auch die Subjektivität der Individuen. Eine Herausforderung auch für die politische Bildung.

Herausgeber und Autorinnen/Autoren

Dr. Andreas Eis ist Juniorprofessor für Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Oldenburg, Dr. David Salomon Vertretungsprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Siegen. Autoren und Autorinnen haben in der Regel gerade das Staatsexamen oder die Promotion abgeschlossen, sind wissenschaftliche Mitarbeiter oder Lehrkräfte im Hochschuldienst.

Beteiligt sind auch Prof. Dr. Klee (Politikwissenschaft Bremen) und Prof. em. Dr. Steffens (Politische Bildung, Kassel).

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung geht im Wesentlichen auf die Heppenheimer Tagung „Gesellschaftliche Transformationen und Transformationen des Selbst“ im April 2012 zurück.

Aufbau

Der Band vereint insgesamt 18 Beiträge, die sich – inklusive der Einführungen – auf drei Bereiche verteilen, nämlich

  1. „gesellschaftliche Transformationen als politische Lerngelegenheiten“,
  2. „Transformationen des Selbst als Lernproblematik“ und
  3. „Transformationen als Bedingungen partizipatorischer Demokratiebildung“.

Inhalt

Aus Sicht der politischen Bildung sei gesellschaftlicher Wandel, wie Eis/Salomon im Anschluss an Steffens eingangs festhalten, eine Lerngelegenheit und eine besondere Herausforderung für die Didaktik der Sozialwissenschaften dazu. Die Formen politischer Steuerung verändern sich, informelle Expertengruppen entscheiden abgehoben und ohne demokratische Legitimation. Partizipationsmöglichkeiten werden verringert. Unter diesen Voraussetzungen wollen die Autoren den emanzipatorischen Ansatz der politischen Bildung weiterentwickeln.

Die liberale Demokratie sei selbst Gegenstand politischer Auseinandersetzungen geworden. Einerseits forderten „Occupy“oder die „Indignados“ eine „wirkliche Demokratie“, andererseits resultierten aus den kapitalistischen Verhältnissen immer wieder neu Ungleichheit und Ausbeutung, jede Menge „Exklusionsmechanismen“, auch nationalistischer Art gegenüber Migrantinnen und Migranten. Der „Demos“ verweigere die Gefolgschaft, die „subversive Kraft der Demokratie“ entwickelt sich (Bettina Lösch/ Margit Rodrian-Pfennig). Politische Bildung setzt sich kritisch mit diesen Verhältnissen auseinander und (so auch Solomon) hat eine „emanzipatorische Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse “ zum Ziel.

Andreas Klee/Luisa Lemme/Julia Neuhof gehen davon aus, dass sich Erwartungen und Ansprüche von Jugendlichen an den „patriarchalisch und territorial gedachten Nationalstaat“ richten, den es so nicht (mehr) gibt. Indem die Funktionen des Staates thematisiert werden, kann auch nach Legitimation gefragt werden, etwa der von Rating-Agenturen, die Staaten bewerten.

Britta Lammers/Andreas Eis sehen eine „Krise der Subjekte“, mit der sich die politische Bildung auseinandersetzen muss. Die Individuen leisten Identitätsarbeit, haben kreativ, jugendlich, fit, unternehmerisch zu sein – sodass sich „Herrschaft …in Alltagspraxen und die Subjekte selbst einschreibt“. Soziale Sicherung werde immer mehr in die Eigenverantwortung des Subjekte zurückverlagert. Peggy Wolf sieht, mit Rückgriff auf Foucault, den wichtigsten Schritt zur Subjektwerdung darin, kritische Haltung und Widerstand gegenüber dem Regiertwerden zu üben.

Im dritten Teil des Bandes empfiehlt Christoph Bauer, in Anlehnung an Holtkamp, in der politischen Bildung damit anzufangen, dass die Lehrenden und Lernenden ihr Interesse am Gegenstand, ihre Motivation reflektieren. Dabei könne, so Sylvia Heitz, schon an den Hochschulen, nämlich im klassischen Seminar, das selbstorganisierte oder selbstgesteuerte Lernen vorangebracht werden, wobei das Lernverhältnis selbst zu reflektieren sei – einschließlich der Machtstrukturen, die ja auch bei gewolltem Machtverzicht bestehen bleiben. Partizipation bedeutet, gerade auch die kritischen und reflexiven Fähigkeiten der Studierenden zu fördern (etwa durch Portfolios).

Alexander Wohnig erinnert an Schiederer, der schon 1971 Engagement als Ziel der politischen Bildung benannt hat. Wenn sich, nach dem Vorbild der Civic Education in angelsächsischen Länder, Schülerinnen und Schüler im Umfeld ihrer Schule engagierten, könnten sie daraus reflektiertes Bürgerbewusstsein gewinnen. Oft genug kommt jedoch soziales Engagement als Entlastung des Staates besser an als konfliktorientierte Analyse.

Abschließend schätzt Andreas Eis einige aktuelle Formen der Bürgerbeteiligung ein, so z.B. das „deliberative Polling“ oder die „Bürgerkonferenz“: repräsentativ oder zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger beraten einen aktuellen Konflikt, eine Sachfrage. Eis neigt dabei Kersting zu, der diese, wie auch Kinder- und Jugendparlamente, als „Sandkastenspiele“, ja als „besonders perfide Form der Herrschaftsausübung“ abtut. Kritik und Widerständigkeit hingegen entwickeln Jugendliche seiner Ansicht nach nicht in institutionalisierten, strukturierten Räumen, sondern in realen Handlungssituationen, in Form von Bürgerinitiativen und in sozialen Bewegungen.

Diskussion

Die vorliegende Veröffentlichung ist in einem renommierten Verlag erschienen, mit anspruchsvollem Titel, von der Vereinigung für Politische Bildung für preiswürdig befunden.Vielversprechend. Die Enttäuschung ist groß.

Durchgehend werden Krisen, Umbrüche, Transformationen beschworen – doch es bleibt beim Schlagwort, es fehlen Belege, Daten, Anschauung. Was ist Neoliberalismus, Washingtoner Konsens? Worin bestehen diese Krisen denn? Wie kommen sie in der politischen Bildung an, was lernen wir daraus?

Andreas Eis geht in seinem abschließenden Beitrag auf Lernprozesse (nach Hall) ein, die in einem bestimmten Politikfeld traditionelle Regelungen verändern, etwa mit dem sich abzeichnenden Vorrang der öffentlichen Kinderbetreuung gegenüber Geldleistungen an Familien. Eine normale Policy-Frage eigentlich, doch für den Autor muss dies gleich eine „Transformation politischer Leitbilder“ sein. Viel Jargon.

An vielen Stellen ist den Autorinnen und Autoren sofort zuzustimmen, etwa wenn sie auf die Rolle der Interessengruppen und Lobbies hinweisen, Partizipation allein als Lernziel für unzureichend halten (schließlich fördert auch Pegida irgendwie Beteiligung), den Bürger und die Bürgerin als Subjekte erkennen, die nicht einfach so lernen und handeln, sondern eine politische Sozialisation mitbringen. Die Zustimmung ergibt sich einfach daraus, dass diese und andere ihrer Erkenntnisse schon anderswo zu lesen waren.

Wer will wie welche „gesellschaftlichen Umbrüche gestalten“? Die (durchaus ambitionierte) Titelfrage wird nicht beantwortet. Und wenn der Untertitel Veränderungen für die politische Bildung ankündigt, dann sollte es schon mehr sein als die Aufforderung, „wirkungsvolle Verfahren der Machtkontrolle und politischen Teilhabe bislang unter- oder nicht-repräsentativer Gruppen zu entwickeln und zu erproben“ - das haben wir eigentlich schon vorher gewusst.

Fazit

Junge Vertreterinnen und Vertreter der Politischen Wissenschaft und ihrer Didaktik bieten in ihren Beiträgen einen Überblick darüber, welche Aufgaben auf die politische Bildung zukommen, wenn sie sich auf die globalen Entwicklungen, aber auch die demokratischen Bewegungen weltweit einstellen will. Jetzt ist man gespannt, wie sie ihre Erkenntnisse veranschaulichen und in die Praxis umsetzen würden.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 13.08.2015 zu: Andreas Eis, David Salomon (Hrsg.): Gesellschaftliche Umbrüche gestalten. Transformationen in der politischen Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-911-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18744.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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