socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Susann Gessner: Politikunterricht als Möglichkeitsraum

Cover Susann Gessner: Politikunterricht als Möglichkeitsraum. Perspektiven auf schulische politische Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. 342 Seiten. ISBN 978-3-7344-0006-3. D: 36,80 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 48,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Wer überlegt, wie sich der Politikunterricht auf Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund einstellen könnte, sollte erst einmal darauf schauen, wie diese tatsächlich schon damit umgehen, wie und wozu sie ihn nutzen. Damit ist auch die Frage verbunden, in welcher Weise Migration im Allgemeinen und die Betroffenheit dieser Jugendlichen im Besonderen im Klassenzimmer thematisiert werden sollte.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin ist Studienrätin im Hochschuldienst am Institut für Schulpädagogik und Didaktik der Sozialwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen und wurde am dortigen Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in April 2013 mit der vorliegenden Dissertation promoviert.

Aufbau

Die vorliegende Studie besteht aus sieben Teilen. Zunächst referiert die Autorin auf knapp 70 Seiten die theoretische Debatte um Interkulturelle Pädagogik, geht dann auf die Forschungslage zum Thema „Politische Bildung und Migration“ ein.

Im dritten Kapitel entwickelt sie die Methodik des „Kodierens“ nach der sog. Grounded Theory (S. 77-107). Anschließend skizziert sie das Konzept „Politikunterricht als Möglichkeitsraum“.

Das Hauptgewicht der Veröffentlichung liegt auf neun Fallanalysen, also der Dokumentation von Interviews wohl aus dem Jahr 2009, deren Verdichtung und Interpretation auf etwas über 150 Seiten, knapp zusammengefasst im 6. und 7. Abschnitt.

Inhalt

Die Autorin setzt sich mit allen Aspekten der Interkulturellen Pädagogik, insbesondere auch dem Kulturbegriff kritisch auseinander. Sie warnt davor, Individuen als Vertreter einer Kultur zu sehen oder auf einen „Migrationshintergrund“ zu reduzieren. Auch Hinweise auf aktuelle Diversity-Konzepte und antirassistische Bildungspraxis fehlen nicht.

Wenn sich politische Bildung an Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund wenden will, muss sie erst einmal wissen, wie diese in der Praxis bei dem Jugendlichen ankommt. Was haben die Schüler und Schülerinnen bislang eigentlich gelernt?

Susann Gessner setzt sich von den herkömmlichen Politik-Didaktiken (Was muss ich vermitteln?) ab und fragt danach, was die Jugendlichen damit anfangen können. Wozu nutzen die Jugendlichen den Politikunterricht, was machen sie (sich) daraus? Wie könnte generell Politische Bildung praktiziert werden als eine Lerngelegenheit, mit der die Schüler-und Schülerinnen biografisch unterschiedlich, individuell, aber auch im Kontext ihrer Familie gewinnen?

Antworten sucht Gessner in einer Form der qualitativen Sozialforschung, die auch als „Grounded Theory“ bekannt ist: Die Empirie, hier durch Interviews mit hessischen Schülerinnen und Schülern im Alter von 14-17 Jahren begründet, wird – ohne kategoriale Festlegungen oder Hypothesen vorweg – verdichtet und zusammengefasst. Der Terminus dafür soll als „Kodieren“ bezeichnet werden. Wie ein Jugendlicher oder eine Jugendliche ins Interview reingeht, wie er/sie sich selbst, die Lehrkräfte und Mitschüler/innen sieht, wo er /sie sich selbst verortet, bringt die Autorin immer mehr auf einen Nenner, auch im Kontrast zu anderen.

Sie geht dabei strikt von der Annahme aus, dass die Jugendlichen selbst handeln, weder (nur) Produkte ihrer Herkunft noch des Unterrichts sind. Insofern also bauen sie selbst einen Raum auf, der sich generell ihnen und vielen anderen Jugendlichen eröffnen würde.

Grundsätzlich soll der Migrationshintergrund vorweg, durch die Interviewerin etwa, nicht ins Spiel gebracht werden, es sei denn durch die Protagonisten selbst oder aus inhaltlichen Gründen im Verlauf des Gesprächs.

Tatsächlich porträtiert sie Jugendliche, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Da ist z.B. ein schulpolitisch ohnehin schon höchst aktiver Junge, der den Politikunterricht braucht, um sein Handlungswissen zu komplettieren, während ein anderer sich und indirekt auch seine Familie auf den Einbürgerungstest vorbereiten will. Ein Schüler, der mit seinen Eltern aus Russland einwanderte, nimmt den Stoff, einschließlich der Institutionenkunde, und viele inhaltliche Diskussionen, aufmerksam auf, weil er sich dazu verpflichtet fühlt, mehr über die Gesellschaft erfahren will, in der er lebt. Eine Vierzehnährige nutzt die offenen Diskussionen im Politikunterricht, um ihre sozialen Interessen zu vertiefen; ein Jugendlicher sieht darin die Chance, sich auch innerhalb der Einwanderer zu verständigen, Rivalitäten und auch Gewalt, Kriminalität zu vermeiden.

Während mancher Schüler Politik lernt und dem Lehrer folgt, wie in andern Fächern auch, möchte eine Schülerin durch Wissen Sicherheit und Zugang zur „Welt“ (die sie sonst außerhalb ihrer Familie nicht kennt) gewinnen. Wieder eine andere Schülerin genießt die offene, auch kontroverse Diskussion. Bei drei Jugendlichen befördert der Politikunterricht ganz offensichtlich die Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Mehrere Schüler beginnen, die Autorität des Lehrers in Frage zu stellen, selbständige Positionen zu entwickeln.

Weil das so ist, kann Politikunterricht als ein Unternehmen gelten, das solche Prozesse ermöglicht, also Möglichkeitsraum wird. Gessner spezifiziert diesen für die vorgestellten Schülerinnen und Schüler dementsprechend dann u.a. auch als „Aushandlungs-“, „Selbstermächtigungs-“; „Entlastungs-“ oder „Übergangsraum“.

Diskussion

Der Grundgedanke ist faszinierend; Schülerinnen und Schüler machen aus dem Politikunterricht, was sie brauchen. Lehrkräfte sollten in der Tat bedenken, was sie im Klassenzimmer ermöglichen oder bewirken, welche Räume sie schaffen.Es hat schon für sich eine besondere Bedeutung, dass die Jugendlichen über eine Stunde lang ihre Beobachtungen und Gedanken ausdrücken können, jemand so aufmerksam zuhört.

Die Typologien, die Gessner hieraus gewinnt, sind nicht immer durch die Interviews begründet. In das Kodieren fließen oft genug Vermutungen und Deutungen ein.

Die 30 Seiten, die Gessner dem („offenen“ oder „axialen“) Kodieren widmet, sind tendenziell ungenießbar, unverständlich. Sie können auch nicht verbergen oder verhindern, dass es – wie bei der vorliegenden Rezension auch – die Autorin oder der Autor ist, die/der deutet und bedeutet. Die hier angesprochenen Räume (besonders der „Hohlweg“) sind nett; von den Aussagen der Jugendlichen, ihrer Lebenswirklichkeit sowieso, sind sie weit entfernt.

In eigen Fällen ist es (den Jugendlichen) wichtig, den Migrationshintergrund anzusprechen; die Typen bzw. Räume gelten indessen sicher auch für viele Jugendliche ohne einen solchen.Tatsächlich unterscheiden sich die befragten Jugendlichen nur wenig, einige im Grunde gar nicht (mehr) von ihren Peers. Damit entfällt natürlich auch die Begründung für das gewählte Sample.

Einige Informationen, die über den Politikunterricht berichtet werden, erstaunen denn doch. So zum Beispiel die unverblümte Parteilichkeit („Militarismus“ nennt das ein engagierter Schüler) eines Lehrers, der lange Zeit bei der Bundeswehr war. Ernüchternd auch, wie wenig Konkretes manche Schüler noch von früheren Unterrichtsinhalten wussten – mitunter aber auch Kurioses (z.B. Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme) behalten.

Fazit

Jede/r, die oder der in der politischen Bildung, schulisch oder außerschulisch, tätig ist, sollte sich ein solches Interview zu Gemüte führen, besser noch: solche Gespräche mit Jugendlichen führen – um sich in ihre Lage hineinzuversetzen. Jede/r in der politischen Bildung Tätige sollte sich bewusst machen, welche Möglichkeiten er/sie den Jugendlichen eröffnen kann. Kodieren muss aber nicht sein.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 20.04.2015 zu: Susann Gessner: Politikunterricht als Möglichkeitsraum. Perspektiven auf schulische politische Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-7344-0006-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18745.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Mitglied der Geschäftsführung (w/m/d), Tübingen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung