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Albert Scherr (Hrsg.): Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung

Cover Albert Scherr (Hrsg.): Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung. Stand der Forschung, Kontroversen, Forschungsbedarf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 284 Seiten. ISBN 978-3-7799-3246-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Seitdem Deutschland auch von der Politik offiziell als Einwanderungsland anerkannt ist, werden vermehrt in allen Politikfeldern Fragen gesellschaftlicher Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte diskutiert. Besonders prominent ist das Thema in der Bildungspolitik vertreten. Denn vor allem Bildung gilt als bedeutsame Voraussetzung für soziale Teilhabe in allen Lebensbereichen. In den letzten rund 15 Jahren sind in allgemeinbildenden Schulen zahlreiche Studien entstanden, die darauf verweisen, dass die schlechteren Schulleistungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht nur auf deren unterschiedliche Ausstattung mit sozialen, ökonomischen und kulturellen Ressourcen, sondern auch auf Einflüsse institutioneller Diskriminierung im Schulsystem zurückführbar sind. Entsprechende Forschungsarbeiten stehen für die berufliche Bildung, insbesondere für die betriebliche Diskriminierung Jugendlicher mit Migrationshintergrund noch aus. Dieses Forschungsdesiderat überrascht vor dem Hintergrund, dass trotz steigender Studierendenquoten immer noch rund 60 Prozent eines Altersjahrgangs ihren Berufsabschluss im Rahmen einer dualen Berufsausbildung und damit eine entscheidende Voraussetzung für Erwerbsarbeit und ihren Berufsweg erwerben. Auch dort haben migrantische Jugendliche deutlich schlechtere Chancen als ihre Altersgenossen ohne Zuwanderungsgeschichte. Sie haben größere Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb zu finden und ihre Berufsausbildung abzuschließen. Albert Scherr möchte mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband diese Forschungslücke zumindest etwas schließen. Dort hat er Forschungsergebnisse von 17 AutorInnen aus insgesamt zehn empirischen Studien zusammengestellt, die Hinweise auf die betriebliche Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung liefern. Dabei hat er auch Untersuchungen einbezogen, die sich zwar nur am Rande mit dieser Frage beschäftigten, aber dennoch weiterführende Forschungsergebnisse dazu beitragen können. Insgesamt finden sich in den Beiträgen „unterschiedliche Einschätzungen zum Ausmaß betrieblicher Diskriminierung und zu den davon mehr oder weniger stark betroffenen Teilgruppen“ (S. 8) Jugendlicher, die sich nicht in Gänze auflösen lassen. Eine abschließende Antwort auf die Frage, ob die Betriebe bei der Auswahl ihrer Auszubildenden nicht nur nach leistungsorientierten Gesichtspunkten, sondern auch „zwischen Einheimischen und Migrant/innen sowie zwischen ethno-national, religiös oder rassistisch gefassten Gruppen unterscheiden“ (S. 12, i. O. kursiv), was als „betriebliche Diskriminierung“ zu verstehen wäre, gibt auch der Sammelband nicht.

Herausgeber

Albert Scherr ist Professor am Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg im Breisgau. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Diskriminierungsforschung, Migrationssoziologie, Soziologie der Sozialen Arbeit und Bildungsforschung. In den letzten Jahren hat Albert Scherr diverse qualitative und quantitative Forschungsarbeiten zur betrieblichen Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der Berufsausbildung vorgelegt.

Entstehungshintergrund

Der Herausgeberband ist im Anschluss an eine Tagung entstanden, die im Rahmen des Programms „Netzwerk Bildungsforschung“ in Baden-Württemberg durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung gliedert sich der Sammelband in drei Teile, denen insgesamt zehn Beiträge zugeordnet sind.

Einleitung …“. Albert Scherr, Caroline Janz und Stefan Müller skizzieren einführend bereits vorliegende Forschungsergebnisse und davon ausgehend bestimmbare Forschungsdefizite und Kontroversen zu „Ausmaß, Formen und Ursachen der Diskriminierung migrantischer Berwerber/innen um Ausbildungsplätze“ (S. 9). Dabei erläutern sie auch ihr „Verständnis betrieblicher Diskriminierung“ (S. 12), das den im Sammelband zusammengestellten Beiträgen zugrunde liegt. Zudem führen sie aus, dass sich das Thema betrieblicher Diskriminierung Jugendlicher mit Zuwanderungsgeschichte gegenwärtig auch deshalb so hoher Akzeptanz erfreue und damit auch erst ansprechbar und diskutierbar geworden sei, weil im Rahmen des demografischen Wandels zunehmend mehr Wirtschaftsbereiche über schon vorhandenen oder zukünftig absehbaren Fachkräftemangel klagten. In migrantischen Jugendlichen werde mithin Humankapital gesehen, das bisher zu wenig genutzt werde. Es sind also vor allem bildungsökonomische Erwägungen und weniger gerechtigkeitstheoretisch orientierte Begründungsmuster oder Konsequenzen aus den Anti-Diskriminierungs-Richtlinien der EU und dem daraufhin in Deutschland verabschiedeten Allgemeinen Gleichstellungsgesetz (AGG) dafür ausschlaggebend, dass die betriebliche Diskriminierung Jugendlicher mit Migrationshintergrund zunehmend im Fokus bildungspolitischer Interessen und daran anschließender Forschungsprojekte steht.

1. „Theoretische Zugänge“. In diesem ersten Teil finden sich zwei Beiträge: Christian Imdorf stellt sein konventionensoziologisches Erklärungsmodell vor, das aus Frankreich stammt und auf der Rechtfertigungstheorie von Boltanski und Thévenot beruht. Auf Fragen betrieblicher Diskriminierung migrantischer Jugendlicher gewendet hat Christian Imdorf mit seinen KollegInnen in der Schweiz im Rahmen von 80 halb-standardisierten Interviews mit Ausbildungsverantwortlichen in Betrieben die Rechtfertigungsmuster herausgearbeitet, die sie ihrer Auswahl von „akzeptablen und akzeptierten Auszubildenden“ (S. 38) zugrunde legen und die für die Selektion von Auszubildenden als legitim erachtet werden. Auf der Basis seines sogenannten „Drei-Welten-Modells“ konnten mehrere Begründungsmuster rekonstruiert werden, die eine betriebliche Diskriminierung jugendlicher MigrantInnen rechtfertigen.

Joachim Gerd Ulrich blickt aus einer neo-institutionalistischen Perspektive auf das System der dualen Berufsausbildung. Auch anhand vorliegender Ausbildungsmarktstatistiken und deren unterschiedliche Berechnungsweisen zeigt er auf, inwieweit migrantische Jugendliche aufgrund der institutionellen Zugangsordnung der dualen Berufsausbildung von Betrieben diskriminiert werden können.

2. „Ergebnisse empirischer Forschung über Ausmaß und Ursachen betrieblicher Diskriminierung“. Der zweite und umfangreichste Teil des Sammelbandes enthält insgesamt fünf Beiträge: Auf Spurensuche nach betrieblicher Diskriminierung setzt sich Ursula Beicht im ersten Beitrag mit den zentralen Befunden „der bedeutendsten quantitativen Untersuchungen der vergangenen zehn Jahre zu den Übergangschancen junger Migranten in Berufsausbildung“ (S. 83) auseinander. Im Ergebnis kommt sie zu dem Fazit, dass die untersuchten Studien zwar Hinweise dafür lieferten, aber keineswegs belegten, dass nicht nur die unterschiedliche Ressourcenausstattung, sondern auch eine mögliche betriebliche Diskriminierung von Jugendlichen mit im Gegensatz zu jenen ohne Migrationshintergrund für die Chancennachteile der ersten Gruppe bedeutsam seien. Für differenziertere Einschätzungen seien jedoch weitere Untersuchungen wie jene von Jan Schneider und Martin Weinmann, notwendig.

Jan Schneider und Martin Weinmann haben innerhalb einer Korrespondenztest-Studie insgesamt 1 794 Unternehmen mit jeweils zwei und damit insgesamt 3 588 fiktiven Bewerbungen für den Ausbildungsberuf MechatronikerIn oder Bürokaufmann bzw. -frau angeschrieben. Die somit als „‚gepaarte‘ Tests“ (S. 138) an die Ausbildungsbetriebe versandten Bewerbungen verfügten über gleiche Profile, sie unterschieden sich lediglich im Namen der Bewerber, der entweder türkischer oder deutscher Herkunft war. Bei den Reaktionen auf die Bewerbung, also gar keine Antwort oder Ablehnung oder Einladung zum Vorstellungsgespräch, zeigten sich klare Zusammenhänge zum Namen und damit deutliche Hinweise auf betriebliche Diskriminierung von migrantischen Jugendlichen.

Auch die von Holger Seibert vorgestellte Sequenzmusteranalyse der Beschäftigungshistorik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hat ergeben, dass zumindest ein Teil der Betriebe im untersuchten Zeitraum zwischen 1999 und 2011 keine und nur wenige Auszubildende mit Migrationshintergrund beschäftigt hat, was auf Diskriminierungsprozesse schließen lässt. Im Gegensatz dazu finden sich jedoch auch Betriebe, die mal mehr und mal weniger oder auch durchgängig Jugendliche mit Migrationshintergrund ausgebildet haben. Letztere sind allerdings vor allem größere Betriebe in städtischen Regionen, für deren Ausbildungsberufe nur selten das Abitur vorausgesetzt wird und deren Ausbildungsvergütung eher gering ist.

Obwohl in der qualitativen Studie von Anke Bahl und Margit Ebbinghaus zu Rekrutierungsstrategien von Betrieben im Bäckerhandwerk und Versicherungswesen generell Fragen der Auswahl der Auszubildenden im Mittelpunkt standen, finden sich auch in den dort in vier Regionen Deutschlands geführten und ausgewerteten 24 qualitativen Interviews mit für die Ausbildung Verantwortlichen Hinweise auf negative, aber auch positive Diskriminierung migrantischer Jugendlicher.

Gegenteilige Forschungsergebnisse hat Christian Hunkler in Südwestdeutschland erzielt. Dort lagen ihm detaillierte „Bewerberpooldaten“ (S. 201) zu ca. 10 000 Bewerbungen pro Jahr für etwa 800 zu vergebende Ausbildungsplätze in über 40 Ausbildungsberufen in Großbetrieben mit standardisierten Auswahlverfahren vor. Mit diesen Bewerberpooldaten konnte er differenziert den Bearbeitungsprozess der Bewerbungen von der Auswertung der schriftlichen Unterlagen, über die Einladung zu sowie Durchführung und Auswertung von Einstellungstests und Bewerbungsgesprächen bis hin zu den Einstellungsentscheidungen auswerten. Dabei zeigte sich, dass migrantische Jugendliche aufgrund schlechterer Schulabschlüsse und -zeugnisse und vor allem wegen ihrer schlechteren Ergebnisse in den standardisierten Einstellungstests deutlich seltener als Auszubildende eingestellt werden als BewerberInnen ohne Migrationshintergrund: „Relevant sind insbesondere die über Eignungstests gemessenen fehlenden Humankapital-Ressourcen“ (S. 203). Allerdings schließt auch Christian Hunkler nicht gänzlich Einflüsse betrieblicher Diskriminierung aus, die er jedoch in seiner Untersuchung nicht nachweisen kann.

3. „Diskriminierungswahrnehmungen und Bewältigungsformen in der Ausbildung und in Betrieben“. In diesem dritten und abschließenden Teil des Sammelbandes finden sich drei Beiträge, in denen der Fokus nicht mehr auf den Einstellungsentscheidungen der Ausbildungsbetriebe, sondern auf den Jugendlichen als BewerberInnen, Auszubildende und spätere ArbeitnehmerInnen liegt.

Julia Gei und Mona Granato haben die Daten eines Forschungsprojektes des Bundesinstituts für Berufsbildung analysiert, wo 2008/2009 insgesamt 5 900 Auszubildende im 2. Lehrjahr in fünf Bundesländern zur Qualität ihrer Berufsausbildung befragt wurden: „In die Erhebung einbezogen wurden Wünsche und Erwartungen an die berufliche Ausbildung sowie die Realität in der beruflichen Ausbildung“ (S. 218). Im Ergebnis haben sich weitgehende Übereinstimmungen und nur sehr geringe Abweichungen zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bezogen auf ihre Wünsche und Erwartungen an eine gute Berufsausbildung und ihrem mit zahlreichen Erwartungsenttäuschungen verbundenen Realitätserleben ihrer Ausbildungspraxis ergeben. Die von den beiden Autorinnen aus bildungssoziologischer Perspektive aufgestellten Hypothesen konnten damit weder bestätigt noch widerlegt werden: Während bei der „Kompensationsthese“ (S. 233) davon ausgegangen wird, dass die zu Beginn der Berufsausbildung für migrantische Jugendliche nachweisbaren Chancennachteile im Ausbildungsverlauf ausgeglichen werden, verweist die „Kumulationsthese“ (S. 233) auf die Fortschreibung dieser Benachteiligungen und sozialen Ungleichheit.

Franciska Dahl und Kirsten Bruhns referieren Ergebnisse einer qualitativen Längsschnittstudie. In einer westdeutschen Großstadt wurden 38 Haupt- und RealschulabsolventInnen mit Migrationshintergrund, die sich innerhalb ihres Übergangsprozesses aus der Schule in eine Berufsausbildung befanden, im Rahmen von Leitfaden-Interviews zu ihren Deutungsmustern befragt, die sie bezogen auf ihre Misserfolge bei der Suche eines betrieblichen Ausbildungsplatzes hatten. Die Forschungsergebnisse zeigen, wie stark die Jugendlichen zunächst an der hegemonialen Deutung der leistungsbezogenen Vergabe von Ausbildungsplätzen festhalten, bevor sie schließlich aufgrund eigener Erfahrungen oder jener von FreundInnen und Verwandten auf ethnisierende bzw. kulturalisierende Zuschreibungen zurückgreifen. Während sich einige Jugendliche von diesen Zuschreibungen entmutigen lassen und einen alternativen Bildungsweg wie einer weiterführenden Schulbesuch mit anschließendem Studium als Ausweg wählen, bleiben andere ‚hartnäckig‘ und versuchen sich trotz Umwegen ihren Ausbildungswunsch doch noch zu erfüllen.

Im letzten Beitrag des Sammelbandes stellt Werner Schmidt die aus 2006 stammenden Ergebnisse eines Forschungsprojektes vor, das sich nicht auf die Berufsausbildung, sondern auf Diskriminierung und Kollegialität unter Beschäftigten in zwei großen Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie und einem Großunternehmen der chemischen Industrie bezog. Dort wurde sowohl mit Dokumentenanalysen bezogen auf betriebliche Sozialstrukturen als auch mit qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden zu betrieblichen Sozial- und Arbeitsbeziehungen von Beschäftigen mit und ohne Migrationshintergrund gearbeitet. Obwohl die Forschungsergebnisse ein differenziertes Bild für den Arbeitsalltag zeigen, in dem „sich die Probleme der betrieblichen Sozialintegration durchaus in Grenzen“ (S. 275) halten, so verweist die Gesamtschau doch auf Folgendes: „Der Betrieb bleibt ein Ort, an dem herkunftsbezogene Ungleichheit zwar nicht hervorgebracht, doch auch nicht reduziert wird“ (ebd.).

Diskussion

Albert Scherr, dem Herausgeber, ist es meines Erachtens gelungen, alle gegenwärtig relevanten Forschungsarbeiten im deutschen Sprachraum zur betrieblichen Diskriminierung Jugendlicher und Erwachsener mit Migrationshintergrund mit einem besonderen Fokus auf die duale Berufsausbildung in dem Sammelband zusammen zu stellen. Die elf Artikel (inklusive Einleitung) zeichnen sich durch vielfältige theoretische und forschungsmethodische Zugänge aus, so dass die alle Beiträge durchziehende Frage, inwieweit betriebliche Diskriminierung von Jugendlichen und Erwachsenen mit Zuwanderungshintergrund zu finden ist, aus unterschiedlichen Perspektiven und auf vielseitige Weise beleuchtet wird. Besonders ertragreich ist meines Erachtens auch, dass nicht nur qualitative und quantitative Studien zu den Betrieben und ihren Personalrekrutierungsstrategien und den dazu rekonstruierbaren Rechtfertigungs- und Deutungsmustern aufgenommen wurden, sondern dass auch den (jungen) Menschen mit Migrationshintergrund eine Stimme gegeben wurde und ihre Sichtweisen aufgenommen wurden.

Gewünscht hätte ich mir allenfalls eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Diskriminierungsbegriff im Kontext von Personalauswahl bzw. Einstellungsentscheidungen bezogen auf Auszubildende. Denn in diesem Zusammenhang steht die Diskriminierungsforschung vor einem Dilemma, worauf Holger Seibert in seinem Beitrag ausdrücklich hinweist (S. 144): Einerseits ist ‚Diskriminierung‘ im weiten Sinne als Ausschluss von bestimmten Personen aus einzelnen oder mehreren Bereichen sozialer Teilhabe zu verstehen. Andererseits ist Personalauswahl immer mit Ausschlüssen verbunden, die jedoch im gesellschaftlichen Diskurs mit der meritokratischen Leitfigur von Leistungsgerechtigkeit legitimiert werden und damit auch als gerechtfertigt gelten. Diese Leitidee wird in der Bildungssoziologie allerdings sehr kritisch diskutiert, weil damit verschleiert wird, dass Schul- und Berufsabschlüsse bzw. generell Bildungszertifikate in erheblichem Maße von Strukturen sozialer Ungleichheit und nicht nur von den Leistungen der einzelnen Menschen abhängen. Obwohl sie selbst in ihrer Definition nur auf die „Unterscheidung“ „zwischen Einheimischen und Migrant/innen“ bzw. „zwischen ethno-national, religiös oder rassistisch gefassten Gruppen“ abstellen (S. 12, i. O. kursiv), kommen auch Albert Scherr und seine KollegInnen Caroline Janz und Stefan Müller nicht umhin, implizit immer wieder auf die meritokratische Leitfigur Bezug zu nehmen (z. B. S. 7, 22). Da dieses Dilemma der Diskriminierungsforschung nahezu alle Artikel des Sammelbandes durchzieht, hätte ich mir dazu einen eigenen Beitrag gewünscht.

Fazit

Trotz meiner letzten kritischen Anmerkung empfehle ich diesen aus meiner Sicht sehr weiterführenden Sammelband uneingeschränkt allen AkteurInnen, die in der Bildungspolitik und -praxis sowie Lehre und Forschung zur beruflichen Bildung tätig sind. Vor allem die dort zusammengestellten vielfältigen theoretischen Zugänge und empirischen Befunde zur betrieblichen Diskriminierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Berufsausbildung sollten meines Erachtens in allen diesen Bereichen aufgenommen und in entsprechenden pädagogischen und organisationskulturellen und -strukturellen Konzepten berücksichtigt werden, um zukünftig die Diskriminierung von jungen Menschen mit Zuwanderungshintergrund zu verhindern. Ob dazu die marktgesteuerte Zugangsordnung der dualen Berufsausbildung, nach der alleine die Betriebe über die Anzahl der von ihnen angebotenen Ausbildungsplätze und die Auswahl ihrer Auszubildenden entscheiden können, mit Heike Solga durch eine „gleichberechtigte Pluralisierung der Lernorte“ Betrieb, Schule und außerbetriebliche Bildungseinrichtungen mit einem regelförmigen Zugangsmechanismus zu ersetzen ist (siehe auch Joachim Gerd Ulrich in seinem Beitrag, S. 73 f.), kann hier nicht beantwortet werden und ist weiteren Studien bzw. einem anderem Sammelband zu überlassen. Allerdings plädiere ich dafür, im Vorfeld jedweder Veränderungen kritisch die normative Begründungsbasis unter den beteiligten AkteurInnen zu klären. Momentan werden die Debatte stark durch bildungsökonomische Begründungen bestimmt, in denen aufgrund des drohenden Fachkräftemangels (junge) Menschen mit Migrationshintergrund als aussichtsreiches Humankapital gesehen werden. Fragen sozialer Gerechtigkeit werden dabei seltener thematisiert. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten, in denen zahlreiche geflüchtete Menschen nach Deutschland zuwandern, sollten nicht nur bildungsökonomische Erwägungen, sondern vor allem auch gerechtigkeitsrelevante Gründe dafür ausschlaggebend sein, die betriebliche Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund zu verhindern.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 10.08.2015 zu: Albert Scherr (Hrsg.): Diskriminierung migrantischer Jugendlicher in der beruflichen Bildung. Stand der Forschung, Kontroversen, Forschungsbedarf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3246-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18747.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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