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Kristina Kontzi: Postkoloniale Perspektiven auf "weltwärts"

Cover Kristina Kontzi: Postkoloniale Perspektiven auf "weltwärts". Ein Freiwilligendienst in weltbürgerlicher Absicht. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 256 Seiten. ISBN 978-3-8487-1711-8. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 69,90 sFr.

Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik, Bd. 15.
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AutorIn oder HerausgeberIn

Kristina Kontzi ist Dipl. Umweltwissenschaftlerin und arbeitet als freiberufliche Anti-Bias Trainerin und systemische (Organisations-) Beraterin. Sie ist Mitglied bei glokal e.V., einem Berliner Verein für machtkritische, postkoloniale Bildungs- und Beratungsarbeit (Info aus dem Klappentext).

Entstehungshintergrund

Die Entstehung der Arbeit geht auf eigene Erfahrungen der Autorin in der ‚entwicklungspolitischen‘ Bildungsarbeit und Arbeit als Praktikantin/Freiwillige in Argentinien zurück, Erfahrungen, die den Anlass für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ im Rahmen ihrer Dissertation gaben. Vor allem eigene Erfahrungen von Privilegien und positiven Zuschreibungen im Gegensatz zu denen indigen gelesener Menschen, von anderer sozialer Verortung aufgrund von Hautfarbe, zugeschriebenem Expertentum aufgrund von geopolitisch ‚nördlicher‘ Verortung anstelle wirklicher Expertise etc. gaben den Ausschlag für eine tiefergehende Auseinandersetzung aus postkolonial feministischer Perspektive mit dem Programm „weltwärts“. Aus den selbst erlebten und als problematisch empfundenen Zuschreibungen und Machtungleichheiten im entwicklungspolitischen Feld resultierte das Interesse für eine kritische Analyse der im „weltwärts“-Programm angelegten Rahmungen und Rahmenbedingungen hinsichtlich entwicklungspolitischer Freiwilligenarbeit.

Aufbau und Inhalt

Im einleitenden Kapitel (S. 23-38) wird die gewählte postkolonial feministische analytische Perspektive auf Subjektivationen im Programm „weltwärts“ und der bisherige Forschungsstand zum Thema erläutert. Mit einer postkolonial feministischen ‚Erkenntnisbrille‘, argumentiert sie, rücken Fragen nach Kontinuitäten der Kolonialzeit und „die damit zusammenhängende ungleiche Verteilung von Ressourcen“, nach „Repräsentationsverhältnisse[n]“ und „Handlungsmacht“ (S. 24) in den Blick, Fragen, die den häufig eher unreflektierten Blick auf Nutzen des Freiwilligendienstes „weltwärts“ für die „Anderen“ fragwürdig erscheinen lassen. So sind die Freiwilligen des „weltwärts“ Programms als „Lernende und Helfende“, als Entwicklungshelfer_innen, Lernende, Lehrende, Botschafter_innen zwischen den Welten und/oder Völkerverständiger, positioniert. Diese Positionierung hat nach Kristina Kontzi nun konkrete, teils diskriminierende und bestimmte Hierarchien fördernde Auswirkungen auf die Akteur_innen im Programm. Die Autorin setzt sich deshalb zum Ziel, das „weltwärts“-Programms hinsichtlich seiner Rahmungen und entsprechenden „Subjektbildungsangebote“ (S. 25) diskursanalytisch zu untersuchen. Besondere Beachtung schenkt sie dabei den „Herrschaftsverhältnisse[n] Rassismus, Sexismus und Klassismus“ (S. 26, Kursiv im Original). Kristina Kontzi kann dabei – mit wenigen Ausnahmen – vor allem an Arbeiten aus dem englischsprachigen Raum anschließen, da die Auseinandersetzung mit „Verbindungslinien zwischen der Kolonialzeit und der heutigen bundesdeutschen Entwicklungspolitik“ (S. 28) eher als eine Leerstelle der Forschung erscheint. Dieser Bestand erscheint der Autorin auch vor dem Hintergrund, dass Deutschland sowohl eines der wichtigsten Geberländer von „Entwicklungshilfe“ (ebd.) als auch ehemalige Kolonialmacht ist, besonders problematisch und macht auch in meinen Augen die angestrebte Analyse umso lohnenswerter.

Im zweiten Kapitel (S. 39-100) erarbeitet die Autorin die theoretischen Grundlagen zu Begriffen und Zusammenhängen von „Subjektivationen“ und „Entwicklungszusammenarbeit“ aus postkolonial feministischer Perspektive.

In ihrem Verständnis von Diskurs schließt sie dabei zunächst an Michel Foucaults Diskursbegriff an und versteht Subjektivationen als „Prozesse der Subjektformierung“ (S. 49), die die Rahmen für mögliche Identitäten und Handlungen/ Verhaltensweisen setzen. Im Fokus ihrer Analyse steht dann das diskursive „Wissen darüber, wie „weltwärts“-Freiwillige im Verhältnis zu anderen sein sollen“ (S. 50) und wie sie „durch den und im Diskurs konstruiert und positioniert“ (S. 52) werden. Damit geht es ihr also nicht um die konkreten Praktiken, Perspektiven und Umgangsweisen mit diesen Rahmungen durch die Individuen und Akteure des „weltwärts“-Programms selbst. Diese können sich durchaus abweichend von diesen Rahmungen verhalten.

In der Folge rekurriert Kristina Kontzi auf bekannte Vertreter_innen postkolonialer und postkolonial feministischer Theorie (u.a. Said, Bhaba, Hall, Spivak) und findet dort wichtige Beispiele für historische und aktuelle globale Repräsentations-, Wissens- und Machtverhältnisse, die ihr als Hinweise im Kontext der eigenen empirische Auseinandersetzung mit den Subjektivationen im „weltwärts“-Programm dienen. In Rekurs auf Edward Said und Stuart Hall zeigt sich die Bedeutung der Produktion eines höherwertigen „Europa, der Westen, ‚wir‘“ im Gegensatz zu „‚der Orient‘, ‚die Anderen‘“ (S. 54) für die Beherrschung der Kolonialgebiete. Kolonialismus wird somit als „epistemisches Gewaltsystem“ (S. 53) erkennbar, dem die Produktion von minderwertigen Anderen korrespondierte. Diese machtvoll differenzierenden „Otheringprozesse“ (S. 54) sind nach Kristina Kontzi bis heute wirksam und zeigen sich heute als „diskursive(…) Strategie der Homogenisierung, Verallgemeinerung und Defizitorientierung“ (S. 57, Kursiv im Original). In Rekurs auf Homi K. Bhaba und die „Critical Whiteness Studies“ (S. 58ff.) zeigt sich die Bedeutung essentialisierender, rassistischer und/oder kulturalistischer Stereotype für die Naturalisierung von Differenzen. Für die Autorin folgt daraus die Notwendigkeit, in ihrer eigenen Studie die diskursive Produktion von Kulturkonzepten bei „weltwärts“ in den Blick zu nehmen, sind doch gerade auch interkulturelles Lernens und interkulturelle Kompetenz Ziele des Programms. Interkulturelles Lernen und Interkulturelle Kompetenz werden mit Bhabha nun aber potentiell der Essentialisierung verdächtig. Es geht dann um ein Aufbrechen von essentialisierenden Differenzen und zwar nicht nur solcher, die auf Kultur bezogen sind, sondern auch um andere soziale Zugehörigkeiten, wie etwa Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Alter. Mit Gayatri Chakravorty Spivak bringt die Autorin dazu noch eine „stärker materialistische und feministische“ (62ff.) Perspektive ins Spiel. Ungleiche internationale Arbeitsteilung, Fragen der Repräsentation – wer spricht für wen mit welchen Konsequenzen – und der Privilegierung bestimmten Wissens rücken mit Spivak in den Fokus der Forschung.

Vor diesem Hintergrund nimmt Kristina Kontzi wichtige Begrifflichkeiten des entwicklungspolitischen Diskurses genauer unter die Lupe. Dabei macht sie zunächst zwei vorherrschende Verständnisse von Entwicklung aus: ein transitives Verständnis (jemanden entwickeln) und ein intransitives Verständnis (sich selbst entwickeln) (vgl. S. 66). Beide stehen jeweils in unterschiedlicher Bedeutung für Fortschritt und Veränderung und finden sich in den Konzepten der persönlichen Entwicklung und der Entwicklungszusammenarbeit im „weltwärts“-Diskurs wieder. Im zugrundeliegenden Konzept der ‚Entwicklung‘ finden sich koloniale Kontinuitäten bspw. in der Differenzierung zwischen entwickelt und unterentwickelt. Nicht zuletzt schlagen sich Spuren eines solchen Entwicklungsverständnisses in „einer selbstüberhöhten Haltung von Entwicklungsexpert_innen“ (S. 79) nieder. Eine Analyse verschiedener älterer und neuerer Entwicklungsbegriffe (bspw. der nachhaltigen Entwicklung) bestätigt diesen Befund, insofern eine Loslösung von ‚westlichen‘ Vorstellungen von Entwicklung und Unterentwicklung sogar in solchen Konzepten nicht zu finden ist, die sich als Gegenentwürfe verstanden wissen woll(t)en (vgl. 84). Materielle Ungleichheiten, Ungleiche Rollenverteilungen – keineswegs Zusammenarbeit auf „Augenhöhe“ (S. 86) –, dichotome Repräsentationsmuster von entwickelt und unterentwickelt und homogenisierende Darstellungen der Frau in der Dritten Welt stellen sich in der Literatur als vorherrschende Problematiken im entwicklungspolitischen Diskurs dar. Präsent sind allerdings auch kritisch-reflexive Stimmen unter Entwicklungshelfer_innen, d.h. auf Akteursebene, die „Fragen nach Macht, kolonialem Erbe, Diskriminierung und der eigenen Verstrickung hierin (…) teilweise offen thematisieren und reflektieren“ (S. 89).

Im dritten Kapitel (S. 101-108) wird die Methode zur Analyse von Subjektivationen erläutert und insbesondere an die Methodologisierung der Foucaultschen Diskursanalyse durch Rainer Diaz-Bone angeschlossen. Kristina Kontzi begrenzt die Untersuchung auf die „programmatische Ausgestaltung sowie die durch das BMZ gewählte und eingegrenzte mediale Darstellung des Programms“ (S. 102) „weltwärts“. Dies beinhaltet schriftliche Materialien der „weltwärts“-Website, „weltwärts“-Flyer, Veröffentlichungen des BMZ mit Bezug zu „weltwärts“, sowie Verweise der Website auf Presseartikel, Präsentationen von Entsendeorganisationen und Erfahrungsberichte von „weltwärts“-Freiwilligen. Wie bereits gesagt, stehen im Sinne einer Diskursanalyse allerdings die Regelmäßigkeiten des „weltwärts“-Diskurses und nicht die Meinungen, Erfahrungen, Haltungen, Praktiken etc. einzelner Akteure, die aus Erfahrungsberichten ebenfalls rekonstruierbar wären, im Zentrum der Analyse.

Im vierten Kapitel (S. 109-222) widmet sich Kristina Kontzi ausführlich der diskursanalytischen Analyse der Subjektivationen im „weltwärts“-Diskurs aus postkolonial feministischer Perspektive.

Es zeigt sich, dass der Topos ‚Entwicklung‘ in einer Art und Weise leitend für „weltwärts“ ist, die die zuvor geleistete theoretische Arbeit bestätigt. Entwicklung soll „dort“ erreicht werden, etwa durch „Hilfe zur Selbsthilfe“ (S. 114), eine Hilfe und eine Entwicklung, die von Deutschland aus als möglich angenommen wird. Gleichzeitig werden in der Beschreibung der jeweiligen Kontexte, in denen der Freiwilligendienst stattfinden soll, nur die „Mängel der jeweiligen Länder benannt und ihre Bedürftigkeit“ (S. 117) betont. Diese Defizitorientierung scheint dabei fast tautologischen, sich selbst bestätigenden Charakters zu sein und findet sich in die Organisations- bzw. Machtstrukturen des „weltwärts“-Programms eingeschrieben. Der durch diese Ausgangslage generierte „Hilfediskurs“ spiegelt sich dann auch in den Selbstwahrnehmungen der Freiwilligen wider, die sich in der Folge als helfende Expert_innen imaginieren. Dem korrespondierend stellt Kristina Kontzi die Existenz einer imaginären Geographie fest, die eine Einteilung in „Globalen Norden“ (entwickelt, ohne Probleme) und „Globalen Süden“ (unterentwickelt, defizitär) vornimmt und an der sich Programmgestaltung und Freiwillige orientieren (vgl. S. 125). Themen, die den „weltwärts“-Diskurs und den Diskurs der Freiwilligen strukturieren, sind dementsprechend „Modernität bringen“, „Förderung von Umwelt- und Ressourcenschutz“, „Ordnung und Bildung bringen“, „Sich einsetzen für Frauenrechte“ etc. Mit diesen Diskursen/Themen werden die Freiwilligen als Expert_innen im Gegensatz zu den Menschen des Partnerlandes positioniert und positionieren sich auch selbst so, was zu einer ganzen Reihe von paternalistischen Bewertungen und Eingriffen in die Lebens- und Handlungsweise der Menschen und in die Projekte ‚dort‘ führt. Als besonders problematisch stellt sich die Defizitorientierung in Bezug auf die einzelnen Länder Afrikas und den gesamten Kontinent Afrika dar. So steht Afrika im Mittelpunkt der medialen Repräsentation des „weltwärts“-Programms und wird noch stärker als andere Kontinente, bspw. Asien und Lateinamerika, als defizitär, problembehaftet und der Hilfe bedürftig beschrieben.

Eine Analyse des Topos ‚Lernen‘ zeigt, dass intransitive Entwicklung vornehmlich auf die „weltwärts“-Freiwilligen bezogen ist und, im Gegensatz zum Topos des Helfens und ‚Andere‘ -Entwickelns, im Programm mit Vorteilen, „Benefit[s]“ (S. 155), verbunden wird. Diese Benefits bestehen darin, sich in eine „Lebensschule für Erfahrungs- und Alltagswissen“ (S. 156) zu begeben und ein anderes Lernen als in den bekannten Institutionen des Lernens zu vollziehen, d.h. sogenannte „soft-skills“ (S. 161) zu erwerben. In den Diskursen der Freiwilligen stellen sich Themen der Lebensschule bspw. als „Verzicht, Kontakt zu ‚echter Armut‘ und ‚Wärme‘“(156), „Discovering Whiteness: Lernen, weiß zu sein“ (S. 159) dar. Kristina Kontzi zeigt allerdings, dass diese Lernmöglichkeiten vornehmlich ‚dort‘ verortet und in Kontrast zum Kontext Deutschland gesetzt werden. Und dies, obwohl durchaus die Reflexion auf die Bedeutung für Erfahrungen von ‚Weiß-Sein‘ bspw. für Erfahrungen von ‚Schwarz-Sein‘ in Deutschland möglich wären. Gründe für diese fehlende Reflexivität findet die Autorin im Verständnis von Kultur im „weltwärts“-Programm. Kultur erscheint in essentialisierender und homogenisierender Form, so dass „die ‚Kultur‘ von „weltwärts“-Freiwilligen (…) in jedem Fall anders [ist], als die Kultur der Menschen, die sie besuchen“ (S. 165). In der Folge macht es natürlich in gewisser Weise auch Sinn, dass ‚dort‘ bleibt, was ‚dort‘ erfahren wurde. Darin zeigt sich nach Kristina Kontzi eine starke Kulturalisierung der ‚Anderen‘ im Kontext von „weltwärts“, eine Kulturalisierung, die weniger nach Gemeinsamkeiten sucht, sondern ein Lernen über „kulturelle Differenz“ (S. 166) und Umgang mit Fremdheit betont. Sie sieht in einem solchen Verständnis potentiell einen kulturalisierender Rassismus angelegt, wenn Unterschiede durch die Referenz auf Kultur ‚naturalisiert‘ und hierarchisiert werden (vgl. S. 171). Wie die Analyse zeigt(e) finden solche Naturalisierungen im Kontext von „weltwärts“ vielerorts statt, die Autorin weist in diesem Zusammenhang noch einmal besonders auf häufig anzutreffende Zuschreibungen von Ursprünglichkeit und Exotik hin, die koloniale Kontinuitäten erkennen lassen (vgl. S. 182).

Einen weiteren Schwerpunkt der Untersuchung bildet die Frage der Repräsentation, also wer eigentlich wie über und für wen sprechen kann und darf. Dabei zeigt sich, in Analogie mit den vorherigen Ergebnissen, dass die Menschen der ‚Partnerländer‘ im Programm nicht für sich selbst sprechen können, sondern dass vornehmlich „über oder für sie“ (S. 195) gesprochen wird. Dieser Tatbestand fügt sich nach Kristina Kontzi ebenfalls ein ins Bild der Kontinuität kolonialer Tradition, in welcher Verdinglichung der ‚Anderen‘ zentraler Bestandteil von Herrschaft war (vgl. S. 198). Es sind dann vor allem die Freiwilligen, die als Expert_innen über die Situation(en) ‚dort‘ berichten. Während die Freiwillen also als erkennbare Individuen auftreten, werden die „Menschen in den ‚Partnerländern‘“ (S. 195) in verallgemeinernder Art und Weise als Gruppe dargestellt und ihre verschiedensten Lebensrealitäten unter eine Gruppe subsumiert. Legitimierung erfährt diese Art der Wissensproduktion auf medialer, programmatischer und pädagogischer Ebene. So finden die Mobilitäten im „weltwärts“-Programm vor dem Hintergrund bereits existierender (und) medial vermittelter Bilder über die Partnerländer und -regionen statt. Dieses Wissen bspw. über „indigenes Leben“, „Afrika“, „Lateinamerika“, muss gewissermaßen nur noch abgerufen werden und bedient leicht Stereotype und Rassismen (vgl. S. 201). Auf programmatischer Ebene sind bisher keine Partner_innen in die Gremien der Durchführung und Weiterentwicklung von „weltwärts“ integriert. Auf pädagogischer Ebene kommt vor allem den zurückgekehrten Freiwilligen die Rolle zu, als „authentische“ Expert_innen andere Freiwillige vorzubereiten und/oder auf anderen Veranstaltungen von ihren Erfahrungen zu berichten, sozusagen das ‚dort‘ ins ‚hier‘ zu tragen.

Als sehr aufschlussreich hinsichtlich der Validität von Kristina Kontzis Kritik an den Subjektivationen „weltwärts“-Freiwilliger erscheint mir ihr Blick auf die „Subjektivation als Rückkehrer_innen“ (S. 216). Rückkehrer_innen sollen sich engagieren – und tun dies meistens auch –, jedoch besitzen sie interessanterweise ‚hier‘ nun viel weniger Expertise und gelten viel weniger als Expert_innen als es zuvor ‚dort‘ der Fall war. Bspw. bedarf ihr Einsatz in Schulen nun auf einmal besonderer Qualifikationen. Ihre (häufig nicht vorhandenen) Qualifikationen sind also ‚dort‘ unwichtig und ‚hier‘ nicht zu vergessen, ein starker Beleg für die vorherrschende Existenz eines an ‚unseren‘ Maßstäben ausgerichteten Entwicklungsbegriffs im „weltwärts“-Programm.

Auch wenn Kristina Kontzi die Subjektivationen des „weltwärts“-Programms als weitestgehend unangefochten wahrnimmt, findet sie dennoch auch „Brüche im Diskurs“ (S. 206). So ist es durchaus auch möglich, dass gegenseitige Erwartungen und Bilder nicht erfüllt werden und sie dadurch „gebrochen“ (S. 209) werden, so dass machtkritische Lernerfahrungen möglich werden. Zunehmend finden auch den Freiwilligendienst begleitende Seminare statt, die Stereotype, Vorurteile, Rassismen und Kolonialismus zum Thema machen. Auch gibt es von Seiten der Entsendeorgansiationen in Deutschland zunehmend Forderungen nach einer stärkeren Ausrichtung an den Bedürfnissen der ‚Partnerorganisationen‘, welche vor allem das transitive Entwicklungsverständnis in Frage stellen und damit das Fremd- und Selbstverständnis der Freiwilligen und ihres Expert_innentums herausfordern. Hierin, als auch in einer neueren Initiative zur „Partizipativen und transkulturellen Qualitätsentwicklung“ (S. 213), sieht Kristina Kontzi eine große Chance zu Veränderung und auch zur Infragestellung bisheriger, stark essentialisierender Kultur- und Entwicklungskonzepte.

Im fünften Kapitel (S. 223-231) zieht die Autorin Schlussfolgerungen aus der vorangehenden Analyse. Sie stellt vor dem Hintergrund ihrer Studie fest, dass „global-gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse“ (S. 224) auf diskursiver Ebene im „weltwärts“-Programm wohl eher fortgeschrieben statt verändert/verbessert werden. Zentraler Kritikpunkt ist für die Autorin die „Verortung innerhalb des entwicklungspolitischen Diskurses/Dispositivs“ (S. 227), indem bisher keine grundlegende Befragung des Konzeptes von Entwicklung und seiner Verbindungen zum Erbe des Kolonialismus stattfindet. Stattdessen bleiben koloniale Kontinuitäten vorherrschend und lernen die Freiwilligen vornehmlich auf „Kosten der ‚Anderen‘ “ (S. 228). Auch steht für sie aufgrund diskriminierender Darstellungsformen von „Menschen des globalen Südens als passive Objekte“ (S. 226) die Frage nach der Achtung der Menschenwürde im Raum.

Das sechste Kapitel (231-240) gibt einen abschließenden Ausblick auf mögliche positive Zukünfte des „weltwärts“ Programms. Zentrales Element ist für Kristina Kontzi die Abkehr vom vorherrschenden transitiven Entwicklungsbegriff, ohne welche ihr wirkliche Veränderung nur schwer möglich scheint. Das gilt auch für die relativ neue Einführung einer Süd-Nord Komponente (in 2014), durch die nun auch „weltwärts“-Freiwillige aus dem ‚globalen Süden‘ in den ‚globalen Norden‘, das heißt nach Deutschland kommen. Ohne eine Umorientierung auf programmatischer Ebene, sieht die Autorin auch diese Initiative eher vorherrschende Konzepte von Entwicklung und korrespondierende Stereotype bestätigen, als eine wirkliche Änderung im Programm bewirken. Die Autorin schlägt deshalb vor, sich programmatisch an einem kritischen Verständnis des/der Weltbürger_in auszurichten. Dem würde korrespondieren, die Möglichkeiten zu hinterfragen, den ‚Anderen‘ helfen zu können, den „eigenen soziokulturellen Kontext“ (S. 231) kritisch in den Blick zu nehmen, sich „andere mögliche Zukünfte“ (ebd.) vorstellen zu können und stärker Verantwortung für eigene Entscheidungen und eigenes Handeln zu tragen.

Diskussion

Kristina Kontzi legt mit ihrem Buch eine deutliche Kritik an der Rahmung des „weltwärts“-Programms vor. Diese Kritik sollte nicht als pauschalisierte Kritik an Entsendeorganisationen und einzelnen Akteuren im Programm verstanden werden. Vielmehr zeigt die Autorin auf wissenschaftlich belastbare und nachvollziehbare Weise, wie wenig postkolonial feministische Kritik bisher ihren Weg in die Programmgestaltung von „weltwärts“ gefunden hat und wie wenig weit fortgeschritten die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Kolonialismus und seinen Implikationen in vielen (in-) offiziellen Diskursen in Deutschland noch ist. Gründe dafür sind sicherlich auch in der immer noch fehlenden Aufarbeitung (nicht nur) der deutschen Kolonialgeschichte und ihrer heutigen Implikationen zu finden. Hier besteht weiterhin dringender Forschungs- und Aufarbeitungsbedarf.

In der Art der Analyse und Kritik steht die Arbeit von Kristina Kontzi daher im Kontext neuerer kritischer Forschungen zu Migration, Rassismus und Kolonialismus im deutschen Wissenschaftskontext, die meines Erachtens leider immer noch zu wenig gehört werden. Dabei geht es auch darum, offen zu legen, dass nationale, ethnische, kulturelle usw. Zugehörigkeiten alles andere als natürlich sind, sondern dass sie diskursiv verhandelt werden und sich dennoch in vermeintlich natürlichen Zugehörigkeitskonzepten und Zugehörigkeitsräumen niederschlagen (vgl. Mecheril 2003: 127ff.). Das Ausgehen von einem Naturgegebenen ‚hier‘ und einem Naturgegebenen ‚dort‘, so wie es sich in den Subjektivationen des „weltwärts“-Programms zeigt, ist ein gutes Beispiel für die Problematik einer unkritischen Übernahme von Zugehörigkeitskonzepten. Im von Kristina Kontzi analysierten Diskurs zeigt sich darin die Reproduktion global gesellschaftlicher Ungleichheit an. Eine wirkliche ‚Entwicklungszusammenarbeit‘ müsste von daher viel kritischer und vorsichtiger mit den eigenen Konzeptionen von ‚Entwicklung‘ umgehen.

So zeigt Kristina Kontzi wie wichtig die Auseinandersetzung mit den Verknüpfungen von Macht und Wissen im Kontext von sozialer und global-gesellschaftlicher Ungleichheit ist. Nicht nur am Beispiel des „weltwärts“-Programms schreiben sich historische und aktuelle soziale Ungleichheiten in scheinbar natürlichen ‚Bildern von Uns und Anderen‘ fest. Die damit einhergehende ‚Besserwisserei‘ hat ernst zu nehmende Konsequenzen für die Möglichkeiten einer gerechten nachhaltigen ‚Entwicklung‘ nicht nur ‚dort‘. Auch in der Migrationsgesellschaft ‚hier‘ finden sich ‚andere Kulturen‘ in ähnlicher Art und Weise hierarchisierend beurteilt und sehen ‚sie‘ sich mit der Notwendigkeit der Integration in das ‚entwickelte(re)‘ ‚hier‘ konfrontiert. Kristina Kontzis leistet in diesem Sinne einen wichtigen Beitrag zur kritischen Migrations- und Mobilitäts- und Rassismusforschung.

Fazit

Kristina Kontzi gelingt eine ausgesprochen gute Verknüpfung von postkolonial feministischer Theorie und entwicklungspolitischen Diskursen, die in dieser Art und Weise in Deutschland noch nicht vorliegt. Es handelt sich um eine hervorragende wissenschaftliche Arbeit, die gut und nachvollziehbar geschrieben ist. Aufgrund der großen empirischen Anteile, der kritischen Diskussion aktueller und historischer Debatten um (nachhaltige) Entwicklung und der konzisen Darstellung postkolonial feministischer Theorie ist die Arbeit sowohl für Wissenschaftler_innen als auch für Leser_innen aus der Praxis und/oder mit Interesse an Herausforderungen und Problematiken des Entwicklungs-(politischen) Diskurses lesens- und empfehlenswert.

Im Text genannte Literatur:

  • Mecheril, Paul (2003): Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-) Zugehörigkeit. Univ., Habil.-Schr.--Bielefeld, 2002. Münster: Waxmann (Interkulturelle Bildungsforschung, 13).

Rezensent
Manuel Peters
Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl Interkulturalität / UNESCO Chair in Heritage Studies BTU Cottbus-Senftenberg
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Zitiervorschlag
Manuel Peters. Rezension vom 05.06.2015 zu: Kristina Kontzi: Postkoloniale Perspektiven auf "weltwärts". Ein Freiwilligendienst in weltbürgerlicher Absicht. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1711-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18748.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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