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Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten

Cover Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. 300 Seiten. ISBN 978-3-658-00130-8. D: 29,95 EUR, A: 30,79 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Nach „Autonome Nationalisten“ und „Die Rechtsextremismus-Debatte“ setzt der vorliegende Band die von Fabian Virchow und Alexander Häusler am Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus der Fachhochschule Düsseldorf verantwortete Reihe „Edition Rechtsextremismus“ fort. Zu den selbstgesteckten Zielen der Edition gehören die „Konsolidierung und Weiterentwicklung sozial- und politikwissenschaftlicher Forschungsansätze, die die extreme Rechte in historischen und aktuellen Erscheinungsformen sowie deren gesellschaftlichen Kontext zum Gegenstand haben.“ (2)

Martin Langebach und Michael Sturm, die beiden Herausgeber des Bandes, sind durch frühere Veröffentlichungen ausgewiesene Kenner rechtsextremer Szenen und Kulturen.

Autoren und Herausgeber des Bandes gehören den Geburtsjahrgängen 1965 bis 1981 und haben Geschichts- oder Sozialwissenschaften studiert. Bemerkenswert ist der Umstand, dass sie heute nicht an Hochschulen oder anderen Forschungseinrichtungen, sondern in der Praxis der Bildungsarbeit an Museen oder in der Jugendarbeit tätig sind.

Aufbau

Der Einleitung der beiden Herausgeber folgt ein gut 40-seitiger Grundlagenaufsatz von Michael Sturm.

Zwölf Darstellungen zu einzelnen Fällen stellen im Hauptteil des Bandes aktuelle Facetten rechtsextremer Erinnerungspolitik dar.

Die Einzelbeiträge (in der Regel jeweils zwischen 15 und 20 Seiten lang) behandeln die folgenden Themen.

Vermeintlich germanische Erinnerungsorte:

  • die Wewelsburg (bei Paderborn) mit dem Mythos der sog. „Schwarzen Sonne“, die ideologiegeschichtlich wirkmächtige „Konservative Revolution“, den 1. Mai als sog. „Tag der nationalen Arbeit“,
  • das heute in Polen gelegene schlesische Annaberg und die aktuellen Deutungen der dortigen Kämpfe zwischen Deutschen und Polen im Mai 1921, die Waffen-SS und die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) ehemaliger SS-Angehöriger,
  • das nationalistische „Heldengedenken“, das an die Schlacht bei Halbe und Märkisch-Buchholz (im heutigen Land Brandenburg) am Ende des Zweiten Weltkriegs anschließt.

Die weiteren Beiträge befassen sich mit

  • der Erinnerung an den Luftkrieg in der deutschen Öffentlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg,
  • den symbolisch hoch aufgeladenen Bedeutungsbeimessungen des 8. Mai 1945,
  • den alliierten Kriegsgefangenen- und Internierungslagern nach 1945 in Bad Nenndorf und Remagen sowie
  • dem Kult um Rudolf Heß.

Der letzte Beitrag des Bandes fragt danach, inwieweit die Gedenkstätte Sachsenhausen aufgrund der Besuchspraxis von Rechtsextremen als ein einschlägiger Erinnerungsort verstanden werden kann.

Inhalt

Der konzeptionelle Hintergrund des Bandes hat zwei Wurzeln. Das Konzept des Erinnerungsortes geht auf den französischen Historiker Pierre Nora und dessen in den frühen 1990er Jahre abgeschlossenes Werk zu den Erinnerungsorten Frankreichs zurück. Erinnerungsorte sind für Nora sowohl topographische Lokalitäten wie auch Narrationen, mittels derer sich eine Nation ihrer Geschichte und ihrer Identität vergewissert. Das Konzept ist seitdem breit rezipiert worden und hat sich in vielen Sammelbänden zu einzelnen Nationen und Staaten, aber auch zu Vergegenwärtigungen der Beziehungen zwischen Völkern und Staaten niedergeschlagen.

Nach dem sog. „Historikerstreit“ (1986) in Westdeutschland wurden die Termini „Geschichtspolitik“ und „Erinnerungspolitik“ in der Geschichts- und der Politikwissenschaft von Kampfbegriffen zu analytischen Konzepten weiterentwickelt. Die Verwendung von Deutungen vergangener Ereignisse zu heutigen politischen Zwecken wird seitdem als Geschichtspolitik bezeichnet. Der Band verbindet die beiden Denktraditionen, indem er Erinnerungsorte als Elemente von Geschichtspolitik versteht. Erinnerungsorte sind die konkreten anschaulichen Produkte und Erinnerungspolitik ist der Prozess ihrer Etablierung (19).

Erinnerungsorte haben für das historisch begründete Selbstverständnis von Nationen sowie für kleiner dimensionierte soziale Gruppen und Gemeinschaften eine hohe Bedeutung. In ihnen manifestiert sich der ansonsten abstrakte Zusammenhang zwischen den Heutigen und ihren Vorfahren, ihren historischen Ahnherren oder Ideengebern. Erinnerungspolitik verfolgt das Ziel, die eigene Gemeinschaft oder die eigenen Ziele als historisch gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Dass damit immer eine starke konstruktivistische Komponente verbunden sein muss, liegt auf der Hand: Vieles, was als geschichtliches Faktum von den untersuchten Rechtsextremen behauptet wird, hat vor dem Urteil der fachwissenschaftlichen Geschichtsforschung keinen Bestand.

Soweit sich historische Mythen mit konkreten Datierungen oder bestimmten topographischen Orten verbinden lassen, eröffnen sie mit Jahrestagen und mit öffentlich aufsuchbaren Zielen die Möglichkeit für Versammlungen, Kundgebungen, Feste und dergleichen mehr. Unter diesem Gesichtspunkt wurden die Themen der Fallstudien ausgewählt. Es handelt sich um Lokalitäten und Mythen, die als Anlässe für rechtsextreme Demonstrationen genutzt worden sind (13).

Die Herausgeber rechnen drei Gruppen zur extremen Rechten:

  1. Das neonazistische Spektrum,
  2. die intellektuell und publizistisch aktiven Gruppen, die oft als „Neue Rechte“ bezeichnet werden und sich um die Zeitung „Junge Freiheit“ und verwandte Unternehmungen sammeln
  3. und schließlich auch die sog. Rechtspopulisten, also die als islamfeindlich bezeichneten Strömungen, wie sie in den verschiedenen PRO-Gruppierungen ausgemacht werden (20).

Der Grundlagenaufsatz von Michael Sturm arbeitet für diese drei Strömungen vier Kernnarrative heraus.

  1. Zu Recht macht er darauf aufmerksam, dass sich die untersuchten Geschichtsbilder zwar auf vergangene Geschichte beziehen, letztlich aber gerade nicht historisch angelegt sind; das rechtsextreme Geschichtsbild beschwört statuarische Vergangenheitszustände, es ist kein Denkmodell, in dessen Koordinaten tiefgreifende Prozesse und Entwicklungen Platz haben.
  2. Die rechtsextreme Konstruktion von Erinnerungsorten folgt einem engen nationalistischen Konzept, wonach die relevanten Kräfte in Geschichte und Gegenwart ethnisch und kulturell homogene Völker und nicht individuelle Personen sind.
  3. Die tragende Zeitvorstellung geht von der dauerhaften Gegenwart der völkischen Vergangenheit aus und ist insofern kreisförmig, nicht linear und zukunftsoffen.
  4. Die Geschichte des deutschen Volkes wird als Verlust- und Leidensgeschichte betrachtet; dem korrespondiert die Hinwendung zum Heroischen: Als Helden werden diejenigen gefeiert, die die vermeintlichen Angriffe von äußeren und inneren Volksfeinden abwenden.

Ergänzt wird diese systematische Analyse durch einen gehaltvollen historischen Abriss von Phasen rechtsextremer Geschichtspolitik in Deutschland seit 1945.

Die zwölf Fallstudien zeigen im Detail, inwieweit sich die identifizierten Kernelemente in der Praxis rechtsextremer Erinnerungspolitik beobachten lassen.

Besonders interessant ist der Aufsatz von Dagmar Lieske zur Gedenkstätte Sachsenhausens. Sie geht von der Beobachtung aus, dass Neonazis die Gedenkstätte besuchen, um sich dort, wie sie sagen, ihr eigenes Bild von den historischen Zeugnissen zu machen (295). Häufig berichten sie anschließend über ihre Erfahrungen auf eigenen web sites. Bemerkenswert ist dabei, dass sie sich in ihren Kommentierungen nicht auf die historischen Fakten beziehen, sondern auf die Kultur der Erinnerung, wie sie heute gepflegt wird. Nicht der Versuch des Bestreitens oder Kleinredens der historischen Ereignisse steht bei Rechtsextremen im Vordergrund, sondern das polemische Thematisieren der Thematisierung der Vergangenheit in der Gedenkstätte oder in aktuellen Medienberichten. Attackiert wird besonders der in ihren Augen dominante „Schuldkult“ (291f.). Die Gedenkstätte Sachsenhausen ist für diese Variante rechtsextremer Erinnerungspolitik ein lohnendes Objekt, da sie eine zweifache Lagergeschichte dokumentiert. Zwischen 1945 und 1950 hatte der sowjetische Geheimdienst auf einem Teil des früheren NS-Konzentrationslagers das „Speziallager Nr. 7“ eingerichtet. Neonazis versuchen nun, die in ihrer Perspektive zu schwache Erinnerungen an das Speziallager gegen die Erinnerung an das Nazi-KZ auszuspielen. Im Endeffekt versuchen sie auf diese Weise, die Erinnerung an das Nazi-Lager zu delegitimieren. Von einem rechtsextremen Erinnerungsort im affirmativen Sinn kann man, so die Autorin, nicht sprechen; ihre Diagnose zeigt vielmehr, wie die modernisierte, indirekte Strategie rechtsextremer NS-Relativierung angelegt ist.

Diskussion

Das spezifische Plus des Bandes besteht im Überblick über die wichtigsten rechtsextremen Erinnerungsorte. Überblick bedeutet nicht unbedingt Innovation: Die meisten Themen sind in früheren Veröffentlichungen, oft auch von den im besprochenen Band vertretenen Autoren, hinreichend behandelt; nicht immer geht das aus dem jeweiligen Literaturverzeichnis hervor. Es bleibt der Vorzug komprimierter Darstellungen an einem Ort. Seinen Übersichtscharakter büßt der Band allerdings etwas dadurch ein, dass er weder ein Personen-, noch ein Organisations- oder ein Ortsregister enthält. Eine stärkere Berücksichtigung der Standards fachwissenschaftlichen Arbeitens wünscht man sich auch dort, wo die vorhandene Forschungsliteratur nur unvollständig zur Kenntnis genommen wurde (etwa im Beitrag zum Heß-Mythos) oder wo die Berichte von Antifa-Gruppen nicht den „Quellen“, sondern zusammen mit wissenschaftlichen Arbeiten der „Literatur“ zugerechnet werden.

Der Band dokumentiert mit der Auswahl der Beiträger und seinen Themen, dass in den vergangenen 15 bis 20 Jahren Forschung und Analyse der extremen Rechten in hohem Maße durch Personen erfolgte, die bei freien Trägern oder bei staatlichen Bildungseinrichtungen beschäftigt sind. Die Förderprogramme des Bundes gegen Rechtsextremismus haben auf ihre Weise mit dazu beigetragen, dass sich mit dieser zivilgesellschaftlichen Praxisforschung – sieht man vom Wissen bei den Behörden der Inneren Sicherheit ab – neben genuin journalistischen Recherchen und der Hochschulforschung eine dritte Säule der Rechtsextremismus-Beobachtung etabliert hat. Die Einheit von Monitoring und kritischer Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus produziert sowohl ein praxisnahes Wissen wie den Bedarf nach diesem Wissenstyp.

Der Sammelband lässt sich auch in einer anderen Hinsicht als ein aufschlussreiches zeitgeschichtliches Dokument lesen: Die in den letzten Jahren erhöhte Aufmerksamkeit für die Erinnerungspolitik der extremen Rechten, wie sie sich in wissenschaftlichen Publikationen dokumentiert, nicht zuletzt aber auch in einer großen Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung im Mai 2015 anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes, ist in gewissem Sinn auch eine Ersatzhandlung. Man umgeht die Befassung mit der schwierigen normativen Frage, wie eine angemessene Erinnerung an das NS-Regime und seine Verbrechen 70 Jahre nach den Ereignissen im multiethnisch, multikulturell und multinational zusammengesetzten Deutschland gestaltet sein kann und gestaltet sein soll, indem die Varianten Erinnerungspolitik untersucht werden, in deren Ablehnung man sich zu Recht schnell einig ist. Dass die rechtsextreme Erinnerungspolitik darüber hinaus auch auf keine relevante gesellschaftliche Resonanz stößt, wird zu Recht mehrfach betont (20, 40, 53 u.ö).

Fazit

Vor dem Hintergrund der Praxis historisch-politischer Bildungsarbeit oder der Beratung im kritischen Umgang mit rechtsextremen Phänomenen stellt der Band ein nützliches Kompendium dar; er bietet gerade auch für Praktiker einen guten Überblick über die wichtigsten Kristallisationspunkte rechtsextremer Erinnerungspolitik. Die Informationen über die historischen Referenzereignisse und die kritische Analyse aktueller geschichtspolitischer Strategien im Rechtsextremismus stellen eine gute Einführung in die Thematik dar.


Rezension von
Dr. Michael Kohlstruck
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin/zentrum_fuer_antisemitismusforschung/menue/ueber_uns/arbeitsstelle_jugendgewalt_und_rechtsextremismus/
Homepage www.tu-berlin.de/fakultaet_i/zentrum_fuer_antisemit ...
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Zitiervorschlag
Michael Kohlstruck. Rezension vom 02.09.2015 zu: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-00130-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18759.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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