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Jörg Bürmann, Ilse Bürmann u.a. (Hrsg.): Gestaltpädagogik im transnationalen Studium

Cover Jörg Bürmann, Ilse Bürmann, Ute Kienzl (Hrsg.): Gestaltpädagogik im transnationalen Studium. Persönlichkeitsentwicklung als Aspekt pädagogischer Professionalisierung. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-89797-090-8. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 31,99 sFr.
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Thema

Darstellung von Intentionen, Verlauf und Ergebnissen eines dreijährigen Erasmus-Programms mit Lehrenden in verschiedenen Bildungseinrichtungen in europäischen Ländern mit dem Ziel, persönlichkeitsbildende Ansätze – mit dem Fokus auf Gestaltpädagogik – in die Ausbildung von Lehrenden zu integrieren. Beteiligt waren VertreterInnen aus Slowenien, Slowakei, Tschechien, Polen und Österreich.

Herausgeber und AutorInnen

Die Herausgeber Jörg und Ilse Bürmann sind seit Jahrzehnten in der Förderung persönlichkeitsbezogener Ansätze in der Pädagogik im Allgemeinen und in der Schule im Besonderen tätig, die Formulierung „persönlich bedeutsames Lernen“ von Jörg Bürmann hat inzwischen Verbreitung gefunden. Ute Kienzl ist seit vielen Jahren als gestaltpädagogische Lehrerin in Graz und als Gestalterin von einschlägigen EU-Programmen aktiv.

Die weiteren AutorInnen vertreten in Theorie und Praxis das hier vertretene Verständnis von Pädagogik auf dem bildungspolitischen Hintergrund ihrer südost- und osteuropäischen Heimatländer und dokumentieren das auf sehr persönliche Weise.

Entstehungshintergrund

Die ermutigenden Erfahrungen aus einem EU-geförderten Comenius-Projekt „Gestaltpädagogik als Brücke zum Fremden“ mit erfahrenen LehrerInnen aus vielen europäischen Ländern führte zu dem hier vorgestellten Erasmus-Intensivprogramm, dessen Schwerpunkt ein zweiwöchiges Präsenzseminar war. Neun solcher Seminare wurden durchgeführt, das vorliegende Buch stellt den Hintergrund und Erfahrungen aus diesen Seminaren vor.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert.

  1. Im ersten Teil stellen Jörg und Ilse Bürmann sowie Verantwortliche aus der Projektgruppe prinzipielle und konkrete Konzeptionen zu Theorie und Praxis von persönlichkeitsbildenden und gestaltpädagogischen Lehren und Lernen.
  2. Im zweiten Teil fassen ProjektteilnehmerInnen ihre Erfahrungen bei dem Präsenzseminar sowie ihre Schlussfolgerungen daraus zusammen.

Inhalte

Zunächst stellt Ilse Bürmann einige Grundlagen der Humanistischen Pädagogik, zu der die Gestaltpädagogik gezählt wird, vor. Dabei bringt sie viele Aspekte prägnant auf den Punkt. In den für gestaltpädagogisches Schreiben typischen Teil bringt sie auch Geschichtliches ins Spiel, sodass LeserInnen auch ein Stück Nachkriegs-Geschichtsschreibung mitvollziehen können über die Berührungspunkte von psychotherapeutischen Ansätzen mit pädagogischen Konzepten. Anders und doch ähnlich liest sich der zweite Beitrag von Jörg Bürmann über „Gestaltpädagogik als Brücke zum Fremden“. Neben den gehaltvollen Gedanken in diesen Beiträgen fällt nur irritierend auf, dass Hilarion Petzold als Mitdenker und Urheber des Begriffs Gestaltpädagogik trotz langjähriger Kooperation mit den beiden AutorInnen offenbar gezielt weggelassen wurde.

Fünf AutorInnen aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Slowenien schildern anschließend gestaltpädagogische Ansätze und Konzepte aus ihren Heimatländern in einer großen Bandbreite von Philosophie, Fremdsprachenlernen, die Reflexion der Medien, religionspädagogische Modelle u.a.

Der zweite Teil des Buches beginnt mit einer Einleitung von Ute Kienzl, in dem sie noch einmal das wesentliche Ziel gestaltpädagogischer Arbeit auf den Punkt bringt: „Besonders die gestaltpädagogische Weiterbildung erwies sich als sehr geeignet, da die LehrerInnen dort nicht nur ihr Methodenrepertoire erweiterten, sondern an ihrer eigenen Persönlichkeitsbildung arbeiteten, und damit eine Forderung erfüllten, die bereits Anna Freud ausgesprochen hatte. So waren sie in der Lage, ihr eigenes Erzogensein nicht zu kopieren und auch nicht ins Gegenteil zu verkehren, sondern sich im Hier und Jetzt der Auseinandersetzung mit den Mitbeteiligten partnerschaftlich zu stellen, und gemeinsame Wege auszuhandeln.“ (S. 103)

Im Anschluss stellen vier GruppenleiterInnen und zehn TeilnehmerInnen an diesem Erasmus-Programm ihre Erfahrungen und Sichtweisen vor. Diese sind – charakteristisch für Gestaltpädagogik – sehr persönlich, häufig tagebuchartig gestaltet und insofern beeindruckend und gut zu lesen. Einige dieser Berichte sind auf Englisch verfasst.

Diskussion

Gestaltpädagogik versteht sich als umfassendes pädagogisches Konzept, das kommt in den theoretischen Abschnitten auch zum Ausdruck. Dass es in diesem Buch aber doch nur um Lehren und Lernen in der Schule geht, wird jedoch weder im Titel noch im Klappentext gesagt. Das könnte dazu führen, dass sich LehrerInnen auf den ersten Blick nicht so direkt angesprochen fühlen. Und das wäre schade, denn LehrerInnen können durch dieses Buch zweifellos profitieren. Insbesondere solche, die schon Selbsterfahrungsprozesse erlebt haben und bereit sind, ihr eigenes LehrerIn-Sein zu reflektieren, werden durch dieses Buch wieder aufgefrischt und angeregt.

Fazit

Eine wertvolle Präsentation von Gestaltpädagogik in der Schule mit transnationalen Bezügen. LehrerInnen, die über die Bewältigung ihres Schulalltags hinaus ihre Lehrer-Identität in Theorie und Praxis reflektieren und gleichzeitig über ihren Tellerrand hinausschauen wollen, werden durch dieses Buch angeregt und teilweise berührt. In Selbsterfahrungsgruppen mit LehrerInnen sollte dieses Buch aufgelegt werden.


Rezension von
Dr. René Reichel
MSc
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Zitiervorschlag
René Reichel. Rezension vom 30.06.2016 zu: Jörg Bürmann, Ilse Bürmann, Ute Kienzl (Hrsg.): Gestaltpädagogik im transnationalen Studium. Persönlichkeitsentwicklung als Aspekt pädagogischer Professionalisierung. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2014. ISBN 978-3-89797-090-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/18764.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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